Dalai Lama . Die besten Interviews aus dem deutschen Playboy

Dalai Lama

Als weltweit beliebtester Religionsführer lässt er den Papst vor Neid erblassen. Das war schon 1998 so – damals sprach der Tibeter mit dem Playboy über Buddhismus, Hollywood, Sex und Alkohol

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Intro

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Der Dalai Lama ist gut drauf, als Playboy-Autor Jonathan Webster ihn im nordindischen Dharamsala besucht. Webster hat eine achtstündige Taxifahrt durch unwegsames Bergland hinter sich, ist blass und verschwitzt – sein Hotel hat weder fließendes Wasser noch Toilettenpapier. Der Dalai Lama findet das komisch, er lacht so lange, bis sich die gute Laune auf seine Mitarbeiter und den abgekämpften Autor überträgt. Es wird Tee gereicht, dann sagt der Dalai Lama mit ruhiger Stimme, der Reporter dürfe ihn wirklich alles fragen. Seine tibetischen Berater schauen besorgt, aber der Boss beruhigt sie: Er müsse ja nicht auf alles eine Antwort geben ... Obwohl sich seine Heimat Tibet bis heute in einer schwierigen Lage befindet, hat der 76-Jährige sein verschmitztes Lächeln nicht verloren. Von 1959 bis 2011 leitete er die Exilregierung des Mönchsstaats, den sich die Besatzungsmacht China 1950 einverleibt hat. Als es 1959 zu blutigen Aufständen im „Schneeland“ kam, schlug die kommunistische Streitmacht brutal zurück und hinterließ geschätzte 87 000 Todesopfer. Der Dalai Lama musste über die Berge nach Indien flüchten, wo er friedlich und mit viel Besonnenheit für ein freies, selbstbestimmtes Tibet eintritt. Für sein Engagement wurde er 1989 mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Auch Hollywood interessierte sich für den kleinen Mann mit dem großen Charisma. Brad Pitt spielte in „Sieben Jahre in Tibet“ den Bergsteiger Heinrich Harrer, der den jungen Dalai Lama als Lehrer prägte. Und Martin Scorsese verfilmte mit „Kundun“ die frühe Kindheit des Tibeters. Kurz vor der Kinopremiere erschien 1998 in der März-Ausgabe des Playboy dieses Interview.
 

Interview

Er ist gütig, weise, friedliebend – und erobert die Welt: Der Siegeszug des Dalai Lama lässt sogar den Papst vor Neid erblassen. In Hollywood wird der Tibet-Führer derzeit wie ein Gott verehrt. Im Playboy redet er jetzt offen wie nie. Über Buddhismus, China, Sex und Alkohol

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Zum Sex habe ich nicht viel zu sagen – außer, dass es in Ordnung ist, wenn zwei Menschen sich lieben
Der Dalai Lama ist gut drauf an diesem Nachmittag. 50 europäische Wissenschaftler sind gerade abgereist, und nach hitzigen Debatten seien sie „im Frieden mit sich selbst“ gewesen. Der 62jährige schaut zufrieden in die Sonne, die im Himalaya versinkt, und dann nimmt er uns grinsend in Augenschein. Wir haben eine achtstündige Taxifahrt durch unwegsames Bergland hinter uns, sind blass und verschwitzt – und unser Hotel hat weder fließendes Wasser noch Toilettenpapier. Der Dalai Lama findet das komisch, und er lacht solange, bis wir endlich merken, dass hier oben, im nordindischen Dharamsala, systematisch gute Laune verbreitet wird.
Es wird Tee gereicht, und dann sagt der Dalai Lama mit ruhiger Stimme, wir dürften ihn alles fragen. Seine Berater schauen etwas besorgt, aber der Boss beruhigt sie mit souverän lächelnder Miene: Er müsse ja nicht auf alles eine Antwort geben ...!
Der Dalai Lama ist der politische und religiöse Führer des Mönchsstaates Tibet, der seit 1950 von China besetzt gehalten wird und unter der kommunistischen Diktatur zu leiden hat. Als es 1959 zu blutigen Aufständen im „Schneeland“ kam, schlug das Reich der Mitte brutal zurück. 87 000 Tote soll es damals allein in Westtibet gegeben haben. Der Dalai Lama musste über die Berge nach Indien flüchten. Von dort leitet er seither die Geschicke der rund 110 000 Exil-Tibeter – und kämpft friedlich und mit viel Besonnenheit für ein freies, selbstbestimmtes Tibet.
Der höchste Lamaist genießt seit Jahren weltweit hohes Ansehen, für seine „konstruktiven und vorausschauenden Vorschläge bei der Lösung internationaler Konflikte, Menschenrechtsfragen und globaler Umweltschutzprobleme“ wurde ihm 1989 der Friedensnobelpreis verliehen.
Und auch Hollywood hat den kleinen Mann mit dem großen Charisma entdeckt. Brad Pitt gab in Sieben Jahre in Tibet den Bergsteiger Heinrich Harrer, den Lehrer und väterlichen Freund
Playboy: Eure Heiligkeit, wie entspannt sich eigentlich ein Dalai Lama?

DALAI LAMA:
Es wird Sie vielleicht überraschen, aber ich nehme mir durchaus Zeit für verschiedene Hobbies (lacht). Schon in meiner Jugend habe ich mich sehr für Elektronik und alles Technische interessiert. Ich kann mich noch erinnern, dass ich im Potala-Palast einen Filmprojektor fand, der dem 13. Dalai Lama gehört hat. Ich habe in repariert, so dass meine Brüder und ich uns Heinrich V. von und mit Laurence Olivier oder alte Chaplin-Filme ansehen konnten.

Playboy: Und Sie basteln immer noch gerne rum?

DALAI LAMA:
Ja. Etwas zu reparieren verschafft mir ein sehr befriedigendes Gefühl. Genauso wie Gartenarbeit. Aber hier in Dharamsala einen Garten zulegen, ist leider vollkommen hoffnungslos. Denn der Monsun macht alles wieder zunichte.

Playboy: Gibt es ein Laster oder einen Luxus, den Sie sich gönnen?

DALAI LAMA:
Ich strenge mich sehr an, meinen Gelübden treu zu bleiben, und wie alle Mönche halte ich mich an das Armutsgebot. Persönlichen Besitz habe ich also nicht.

Playboy: Kann man Sie mit einem guten Essen aus der Reserve locken?

DALAI LAMA:
Nein. Die Mahlzeiten, die ich zu mir nehme, setzen sich an den meisten Tagen aus den gleichen Speisen zusammen, meistens Haferschleim. Und meine Kleidung besteht, solange ich zurückdenken kann, aus geflickten Mönchsgewändern. Eine Schwäche muss ich Ihnen allerdings gestehen. Ich sehe mir im Fernsehen sehr gern Naturfilme an und höre den BBC World Service. Ich liebe diesen messerscharfen englischen Akzent (lacht).

Playboy: Die tibetische Sache hat im Westen viele Fürsprecher. Was fasziniert Hollywood-Stars wie Richard Gere an Ihrem Land?

DALAI LAMA:
Unsere Fürsprecher und Unterstützer sind in erster Linie überzeugte Humanisten. Richard Gere ist zudem ein gläubiger Buddhist, den seine eigene spirituelle Reise zu uns nach Tibet geführt hat. Wir Buddhisten versuchen nie, andere zu bekehren ...

Playboy: Aber bekehrte Promis sind gut fürs Geschäft?

DALAI LAMA:
Wenn ich abstreiten würde, dass wir diesen prominenten Unterstützern viel positive Publicity verdanken, wäre das eine Lüge. Trotzdem ist der Beistand, den wir von „normalen“ Buddhisten oder Andersgläubigen erhalten, nicht weniger wertvoll als die Unterstützung eines Hollywood-Stars.

Playboy: Dass zur Zeit so viel über Ihr Land geredet wird, verdanken Sie vor allem Hollywood: Zuerst dem Film Sieben Jahre in Tibet mit Brad Pitt, und nun zieht Martin Scorsese mit Kundun nach ...

DALAI LAMA:
Für das tibetische Volk sind Richard Gere, Hollywood und diese Filme tatsächlich ein Glücksfall, weil sie das Interesse der Weltöffentlichkeit auf unsere Situation lenken.

Playboy: Wie hat Ihnen Brad Pitt als Heinrich Harrer gefallen?

DALAI LAMA:
Ich habe den Film nicht gesehen und kann mir deshalb kein Urteil über ihn erlauben.

Playboy: Wieso war Ihre Beziehung zu Heinrich Harrer damals so intensiv und herzlich?

DALAI LAMA:
Damals gab es in Tibet sehr wenige Ausländer. Die einzigen, die ich unmittelbar nach dem Krieg kennenlernte, waren britische Regierungsvertreter, die sehr höflich, aber auch sehr steif und förmlich waren. Heinrich Harrer brachte dagegen frischen Wind in mein Leben. Er kam nicht durch den Vordereingang meines Palastes in Lhasa zu mir, sondern schlich sich durch die Hintertür herein. Das kam meinem respektlosen Humor und meiner angeborenen Abneigung gegen Förmlichkeiten sehr entgegen. Und Heinrich war nicht nur ein sehr umgänglicher Mensch, er sprach auch Tibetisch, was den Umgang natürlich erleichterte. Daher wurden wir auf der Stelle sehr gute Freunde.

Playboy: Wussten Sie von seiner Verstrickung ins Hitler-Regime, von seiner SA- und SS-Mitgliedschaft?

DALAI LAMA:
Natürlich wusste ich, dass Heinrich Harrer deutscher Abstammung war – und zwar zu einer Zeit, als die Deutschen wegen des Zweiten Weltkriegs weltweit als Buhmänner dastanden. Aber wir Tibeter haben traditionsgemäß schon immer für Underdogs Partei ergriffen und meinten deshalb auch, dass die Deutschen gegen Ende der vierziger Jahre von den Alliierten genügend bestraft und gedemütigt worden waren. Wir fanden, man sollte sie in Ruhe lassen und ihnen helfen.

Playboy: Aber die Deutschen hatten systematisch Millionen von Menschen vernichtet ...

DALAI LAMA:
Natürlich bekamen wir in der Abgeschiedenheit Tibets damals nicht das volle Ausmaß des Holocaust mit. Vielleicht hätte ich diese Sache dann auch etwas anders gesehen.

Playboy: Der nächste Film, der für Tibet-Schlagzeilen sorgen wird, heißt Kundun. Was bedeutet das Wort?

DALAI LAMA:
(lächelt leicht verlegen): „Kostbare Anwesenheit.“ Der tibetischen Überlieferung zufolge ist „Kundun“ ein Begriff, mit dem ausschließlich ich bezeichnet werde. Gemeint ist damit die höchste Stufe der spirituellen Entwicklung, die ein Lebewesen erreichen kann. Allerdings möchte ich dazu anmerken, dass ich diesen spirituellen Esprit auch bei vielen anderen, wahrhaft guten Menschen entdeckt habe.

Playboy: Zum Beispiel bei Kundun-Regisseur Martin Scorsese?

DALAI LAMA:
Ja. Er hat mich besucht. Und wie die meisten Menschen aus dem Westen, die erstmals hierher kommen, war der arme Mann von der langen Fahrt über die gefährlichen Bergstraßen etwas blass um die Nase.

Playboy: Wie haben Sie ihn ins Leben zurückgeholt?

DALAI LAMA:
Mit einem stärkenden tibetischen Tee. Martin wirkte gleich viel ruhiger. Nicht mehr wie ein hektischer New Yorker, sondern wie ein tibetischer Mönch (lacht).

Playboy: Warum haben Sie dem Scorsese-Projekt Ihren Segen erteilt?

DALAI LAMA:
Martin Scorseses Aufrichtigkeit und Integrität haben mich vom ersten Augenblick an sehr beeindruckt. Ich fand auch das – wie sagt man? – „künstlerische Konzept“ seines Projekts sehr interessant.

Playboy: Was heißt das konkret?

DALAI LAMA:
Martin erzählte mir, dass er einen Film über meine Jugend drehen wolle. Von meiner frühesten Kindheit in der tibetischen Provinz Amdo und der Inthronisation als Dalai Lama im Jahr 1940 bis hin zum erzwungenen Exil 1959.

Playboy: Klingt nicht sehr originell ...

DALAI LAMA:
Mich hat weniger die chronologische Darstellung meines Lebens interessiert, als die Tatsache, dass Martin Scorsese das Dilemma nachvollziehen konnte, mit dem ich als junger Dalai Lama konfrontiert war. Martin wollte die Geschichte eines Mannkindes erzählen, das in der rein spirituell ausgerichteten tibetischen Gesellschaft aufwächst und eines Tages plötzlich in das zwanzigste Jahrhundert katapultiert wird – sich also beinahe über Nacht mit einer Gesellschaftsform konfrontiert sieht, die so gnadenlos materialistisch und antireligiös ist wie das System des chinesischen Marxismus.

Playboy: Kundun konnte nicht in Ihrem Heimatland Tibet gedreht werden.

DALAI LAMA:
Das bedauere ich natürlich sehr. Andererseits war nicht zu erwarten, dass das chinesische Regime eine Drehgenehmigung erteilen würde. Überrascht hat mich allerdings, dass die indische Regierung, die mir und meinem vertriebenen Volk so oft geholfen hat, sich dem chinesischen Druck gebeugt und Dreharbeiten in Indien untersagt hat.

Playboy: Der Film wurde dann im marokkanischen Atlas-Gebirge gedreht ...

DALAI LAMA:
... das, ob Sie es glauben oder nicht, vom Aussehen und von der Atmosphäre her starke Ähnlichkeiten mit Tibet aufweist.

Playboy: Haben Sie als Berater am Drehbuch mitgewirkt?

DALAI LAMA:
Meine Regierung und ich haben unsere Sachkenntnis in kulturellen Fragen beigesteuert, und wir wurden selbst in kleinsten Details um Rat gefragt. Sei es nun, ob es um die richtige tibetische Aussprache ging oder um den authentischen Schnitt unserer einzigartigen Kleidung.

Playboy: Die Reaktionen auf die ersten Previews von Kundun in den USA waren sehr positiv. Richard Gere und John Kennedy Jr. sollen nach dem Kinobesuch sogar in aller Öffentlichkeit geweint haben. Andererseits drohen jetzt die Chinesen dem Disney-Konzern, der die Finanzierung und den Verleih von Kundun übernommen hat, mit einem Ausschluss vom lukrativen chinesischen Markt.

DALAI LAMA:
Diese Reaktion ist natürlich übertrieben, und Disney hat wohl sogar Ex-Außenminister Henry Kissinger damit beauftragt, die Chinesen zu beschwichtigen. Andererseits ist das Verhalten der Chinesen durchaus nachvollziehbar. Sie werden in Kundun zumeist als extrem brutale Aggressoren dargestellt, und der Film propagiert all jene Werte, an die wir Tibeter glauben – nämlich eine vollkommen gewaltlose, mitfühlende und menschliche Gesellschaftsform. Das ist eine Haltung, die den Chinesen in ihrem totalitären Einparteiensystem vollkommen fremd ist.

Playboy: Hassen Sie die Chinesen für das, was sie Ihnen und Ihrem Volk angetan haben?

DALAI LAMA:
Der Buddhismus lehrt, sich nicht um jene zu kümmern, die einen wütend machen. Wir sollten die Menschen lieben, die unseren Zorn provozieren, weil sie unsere Gurus sind. In diesem Sinne hasse ich die Chinesen nicht, ich halte sie für unsere Gurus.

Playboy: Und wie bewegen Sie die „Gurus“ zum Abzug aus Tibet?

DALAI LAMA:
An diese Aufgabe gehe ich sehr buddhistisch heran. Wir Tibeter müssen unsere Probleme in einem Geist der Gewaltlosigkeit, des Mitgefühls und der Versöhnung lösen. Und weil diese Haltung als sehr sympathisch angesehen wird, finden wir glücklicherweise weltweit enormen Zuspruch. In gewisser Hinsicht sehe ich mich in der Tradition von Gandhi oder Martin Luther King ...

Playboy: Als Mönch verstehen Sie sich aber doch nicht als Politiker ...?

DALAI LAMA:
Schauen Sie sich die unglaublichen Anstrengungen von Politikern oder Regierungen an, die die Welt mit viel Geld oder aufwändiger Wissenschaft verbessern wollen. Und dann vergleichen Sie diese Mammutprojekte mit einer kleinen Geste, die aufrichtig Mitgefühl, Güte und Verständnis zeigt. Ich frage Sie: Was bringt mehr Freude und Zufriedenheit hervor? Was macht die Menschen glücklicher?

Playboy: Die Welt wird erst gut, wenn alle Menschen mit sich selbst im Frieden leben?

DALAI LAMA:
Ja. Die Menschen brauchen den inneren Frieden, einen ausgeglichenen Gemütszustand. Im Westen scheint man allerdings zu glauben, dass man auf das mentale und emotionale Wohlbefinden keinen Einfluss nehmen kann. Dabei muss man nur die richtigen Techniken anwenden.

Playboy: Was für Techniken meinen Sie?

DALAI LAMA:
Meditation natürlich. Und der Gebrauch des „gesunden Menschenverstandes“ – auch wenn das für jemanden, der sein Leben nach spirituellen Gesichtspunkten ausrichtet, paradox erscheinen mag.

Playboy: Die Chinesen werden sich aus Ihrem Land nicht wegmeditieren lassen. Die Tibet-Frage muss also politisch gelöst werden ...

DALAI LAMA:
Es gibt mittlerweile tatsächlich politische Entwicklungen, die mich hoffnungsfroh stimmen. Zum Beispiel, dass die Regierung der USA zum ersten Mal überhaupt einen speziellen Gesandten für tibetische Angelegenheiten eingesetzt hat. Dieser Diplomat soll sich ausschließlich für eine Verbesserung des Dialogs zwischen uns und der chinesischen Regierung engagieren.

Playboy: Findet denn überhaupt ein Dialog statt?

DALAI LAMA:
Ja. Trotz aller Drohgebärden und Beleidigungen (lacht), vor allem seitens der Chinesen, gibt es tatsächlich direkte Kontakte. Den Xiaoping hat sich kurz vor seinem Tod (12. Februar 1997, Anm.d.R.) mit einem meiner Brüder getroffen, zu einer geheimen Unterredung. Demnach ist für die chinesische Führung – außer der tibetischen Unabhängigkeit – alles verhandelbar.

Playboy: Wollen Sie etwa das Ziel der nationalen Selbstbestimmung Tibets aufgeben?

DALAI LAMA:
Buddha plädierte oft für die Weisheit des Mittelwegs. Nach gründlicher Selbsterforschung bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass es auch eine Lösung für diesen scheinbar unüberwindlichen Konflikt gibt. Wir wollen uns deshalb nicht mehr um vollständige Unabhängigkeit bemühen – trotz unserer historisch begründeten Rechte –, sondern die chinesische Regierung überreden, uns ein gewisses Maß an Autonomie zuzugestehen.

Playboy: Was für ein Modell schwebt Ihnen konkret vor?

DALAI LAMA:
Es gibt für unsere Überlegungen einige sehr erfolgreiche Präzedenzfälle, zum Beispiel Katalanien oder das Baskenland. Die dortige Bevölkerung genießt das Recht, ihre eigene Kultur, Sprache und Religion zu pflegen, und sie hat gleichzeitig die Sicherheit, Teil einer größeren Nation zu sein.

Playboy: Glauben Sie wirklich, Ihr Volk will sich mit China verbrüdern?

DALAI LAMA:
Warum nicht? Wenn wir ein Teil Chinas bleiben, profitieren wir auch materiell vom enormen Aufschwung des Landes.

Playboy: Werden Sie den Frieden zwischen Tibet und China persönlich noch erleben?

DALAI LAMA:
Das hoffe ich von ganzem Herzen. Auch, weil ich dann in mein geliebtes Heimatland zurückgehen könnte. Aber darauf kommt es natürlich nicht an. Der zentrale Punkt ist die Freiheit. Ich möchte die Freiheit haben, mich für das Wohl der Tibeter und anderer Völker einzusetzen, auch für das Wohl der Chinesen. Wenn ich diese Freiheit nur außerhalb Tibets habe, muss ich mich damit abfinden, meine Heimat nicht mehr wiederzusehen.

Playboy: Als Oberhaupt der Tibeter tragen Sie seit vielen Jahren eine große Verantwortung für Ihr Volk. Halten Sie diesen enormen Druck ganz alleine aus, oder stehen Ihnen Freunde und Verwandte bei?

DALAI LAMA:
Vorab: Ich empfinde diese Verantwortung nicht als Druck oder Last, sondern als Ehre. Auch wenn es natürlich nicht immer leicht ist, diese Verantwortung zu tragen. Aber ich habe viele Freunde und Verwandte, die mich unterstützen ...

Playboy: Wie oft sehen Sie diese Menschen?

DALAI LAMA:
Wie alle Mönche treffe ich meine Verwandten nicht sehr oft. Und einige von ihnen leben leider nicht mehr. Meine Eltern sind tot, und mein Bruder Lobgesang Samden ist erst vor kurzem verstorben. Wir standen uns sehr nahe. Er hat mit mir im Potala-Palast in Lhasa gelebt und studiert, wo wir als Kinder alle möglichen Streiche ausgeheckt haben.

Playboy: Was ist mit Ihren anderen Geschwistern?

DALAI LAMA:
Pema, meine jüngste Schwester, die das tibetische Kinderdorf für Waisenkinder hier in Dharamsala leitet, kommt relativ häufig zu mir, um über alle möglichen Probleme zu diskutieren. Mein älterer Bruder Norbu arbeitet in den USA, in Bloomington, Indiana, als Professor für tibetische Studien, und ein anderer Bruder, Thondup, lebt als Geschäftsmann in Hongkong.

Playboy: Sie haben außer Lobgesang Samden und Ihren Eltern auch einige engste Berater und Freunde verloren. Wie trauert der Dalai Lama?

DALAI LAMA:
Auch wenn ich nicht leugnen kann, dass mir diese Freunde und Verwandten gelegentlich fehlen, versuche ich, den Tod eher von der philosophischen Warte aus zu betrachten. Alte Freunde scheiden dahin, neue Freunde kommen. Es ist genau wie mit den Tagen. Ein Tag vergeht, ein neuer kommt. Das Entscheidende dabei ist, ihn sinnvoll zu gestalten.

Playboy: Haben Sie Angst vor dem Tod?

DALAI LAMA:
Es wird Sie vielleicht überraschen: Aber es ist gut und wichtig, sich über den Tod schon früh Gedanken zu machen. Wenn er dann schließlich kommt, werden wir keine Angst vor ihm haben. Wir werden spüren, dass der Tod so belanglos ist wie ein Kleiderwechsel ...

Playboy: Wird es nach Ihnen einen weiteren Dalai Lama geben?

DALAI LAMA:
Für solche Spekulationen ist es noch zu früh. Sollte das tibetische Volk nach meinem Tod noch immer einen Dalai Lama wollen, dann wird auch ein neuer Dalai Lama kommen. Ich werde allerdings nicht versuchen, diese Entscheidung in irgendeiner Weise zu beeinflussen. Wenn sich mein Volk in den nächsten Jahren entscheiden wird, mit alten Traditionen Schluss zu machen, dann muss man das akzeptieren ...

Playboy: Beschäftigen Sie sich eigentlich auch mit dem Thema Sex?

DALAI LAMA:
Du meine Güte. So was fragen Sie einen 62jährigen Mönch, der sein ganzes Leben lang im Zölibat gelebt hat (lacht ausgiebig). Zum Sex habe ich nicht viel zu sagen – außer, dass es völlig in Ordnung ist, wenn zwei Menschen sich lieben. Man sollte allerdings nicht eine Ehe eingehen, solange man nicht sicher ist, den richtigen Partner gefunden zu haben ...

Playboy: Finden Sie Ehescheidungen verwerflich?

DALAI LAMA:
Wenn zwei Menschen sehr unglücklich miteinander sind, sollten sie sich lieber scheiden lassen. Ich halte eine Scheidung allerdings für inakzeptabel, wenn Kinder davon betroffen sind. Denn die emotionalen Wunden, die ein Kind davontragen kann, verheilen unter Umständen nie mehr und verursachen sehr viel Leid und Unglück. Und unglückliche Menschen bringen unglückliche Gesellschaften hervor.

Playboy: Wie denken Sie über homosexuelle Beziehungen?

DALAI LAMA:
Das ist eine komplizierte Angelegenheit, sehr kompliziert sogar. Vor einiger Zeit traf ich in San Francisco mit Aktivisten der dortigen Homosexuellen-Bewegung zusammen, und ich musste ihnen leider mitteilen, dass unsere traditionellen Lehren homosexuelle Praktiken zwischen Gläubigen als Fehlverhalten bewerten. Diese Lehren verurteilen es auch, mit der eigenen Frau oder einer Partnerin oralen oder analen Sex zu haben. Was diese Frage angeht, hat sich Buddha selbst ganz unmissverständlich ausgedrückt.

Playboy: Und was dürfen die Nicht-Buddhisten?

DALAI LAMA:
Für Nicht-Buddhisten ist der Spielraum größer. Wenn zum Beispiel ein homosexuelles Paar eine auf Zuneigung und gegenseitigem Einverständnis basierende Beziehung hat, dann sehe ich eigentlich nicht, wem das groß schaden sollte. Allerdings könnte ich eine solche Beziehung nie gutheißen, wenn sie durch Druck oder durch Vergewaltigung zustande kommt. Wenn sie dagegen echter Zuneigung oder Liebe entspringt, dann habe ich persönlich nichts daran auszusetzen.

Playboy: Was sagt der Buddhismus zu anderen Lastern, etwa zum Alkohol?

DALAI LAMA:
Der Buddhismus spricht sich gegen exzessiven Alkoholgenuss aus. Nicht, weil der Alkohol selbst schädlich ist, sondern weil Betrunkene nicht mehr klar denken oder urteilen können und sich zu Handlungen hinreißen lassen, die sie später bereuen.

Playboy: Haben Sie schon mal Drogen genommen?

DALAI LAMA:
Nein. Ich selber habe keinerlei Erfahrungen mit Alkohol oder Drogen. Aber ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese Mittel im besten Fall zu einer verzerrten Wahrnehmung der Realität führen – und im schlimmsten Fall zum Zusammenbruch des Körpers, der Familie und schließlich sogar der Gesellschaft. Ich habe neulich eine BBC-Dokumentation über einen russischen Mann gesehen, der sehr viel getrunken hat. Offensichtlich hatte er zwischendurch sogar vom Sex genug (lacht) – aber nie vom Alkohol. Wenn ich also Ihren Lesern einen Rat geben darf: Echte Befriedigung und innerer Frieden werden durch mentales Training erreicht und nicht durch äußere Stimulanzien.

Playboy: 1989 wurde Ihnen der Friedensnobelpreis verliehen. Halten Sie sich für einen Helden des 20. Jahrhunderts?

DALAI LAMA:
Du meine Güte, nein. Ich bin nur ein Spiegel für die Hoffnungen, Ängste und Ziele des tibetischen Volkes. Nicht mehr und nicht weniger. Die Verleihung des Nobelpreises an mich hat bei den Tibetern große Hoffnungen geweckt. Dieser Preis zeigt, dass man uns nicht vergessen hat, auch wenn wir ohne Gewalt auf unsere Notlage aufmerksam machen. Und er beweist, dass die Werte, die wir hochhalten, insbesondere unsere Ehrfurcht vor allen Formen des Lebens und unser Glaube an die Macht der Wahrheit, heute anerkannt und befürwortet werden.

Playboy: Möchten Sie unseren Lesern zum Ende dieses Interviews noch etwas mit auf den Weg geben?

DALAI LAMA:
Ja, gerne. Ein kurzes Gebet, das mir immer wieder Inspiration und Kraft gibt: „So lange, wie der Kosmos besteht, und so lange, wie es Lebewesen gibt, so lange werde auch ich hier gegenwärtig sein, um das Leid der Welt zu vertreiben.“
 

Film über den Dalai Lama

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Für das tibetische Volk sind Richard Gere, Hollywood und die Filme ein absoluter Glücksfall
Mit Filmen wie „Taxi Driver2, „GoodFellas“ oder „Casino“ zählt Martin Scorsese zu den Großmeistern von Hollywood, und zentrales Thema seiner Filme war zumeist die Gewalt, die sich wie ein Krebsgeschwür in der Gesellschaft ausbreitet. Mit „Kundun“ (Kinostart 19.3.1998), dem Film über die frühen Jahre des 14. Dalai Lama, schlägt Scorsese nun andere, sanftere Töne an, und er wirft zugleich die Frage auf, wie die Welt, die immer mehr aus den Fugen gerät, sich wieder in den Griff bekommt: „Die Natur des Menschen muss sich ändern“, sagt der Regisseur, „Was gepflegt werden muss, ist Liebe und Mitgefühl.“ Idealer Filmstoff für ihn: das Leben des Dalai Lama, seine Jugend und seine Flucht von Tibet nach Indien. Das Buch für die 30 Millionen Dollar teure Produktion schrieb „E.T“-Autorin Melissa Mathison. „Kundun“ ist ein politischer Film, ein Meisterstück, unaufdringlich, packend und sehr hübsch anzuschauen.
 

Was ist Buddhismus?

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In gewisser Hinsicht sehe ich mich in der Tradition von Gandhi oder Martin Luther King ...
Grundpfeiler des 2500 Jahre alten Buddhismus sind die „vier edlen Wahrheiten“: 1. Alles Dasein ist unablässigem Leid unterworfen. 2. Die Ursachen allen Leids ist der „Durst“ der Menschen nach Sinnesgenüssen. 3. Die Beseitigung dieses „Durstes“ hebt auch das Leid auf. 4. Dies erreicht man durch Beschreiten des „edlen, achtteiligen Pfades“ (= rechte Ansicht, Wachsamkeit und Sammlung, rechtes Denken, Reden, Handeln, Leben und Streben). Da sich dieses Mammut-Programm in einem Menschenleben nicht absolvieren lässt, wird der Erdling so oft wiedergeboren, bis er endlich erlöst ist und sein Ticket nach Nirwana lösen darf. Das Problem: Bis zum Endziel können 70 000 Leben und 3,5 Millionen Jahre vergehen! Da der Buddhismus die Mitgliedschaft in anderen Religionsvereinen nicht ausschließt, gibt es kaum verlässliche Angaben über die Zahl der Gläubigen, man schätzt sie zwischen 120 und 500 Millionen. Die Lamaisten in Tibet bilden mit ihrer reinen Mönchsreligion eine eigene Fraktion. Oberhaupt des Priesterstaates ist der Dalai Lama, der als irdische Erscheinung des Göttlichen gilt. Praktisch: Stirbt der Lama, reinkarniert sich das Göttliche in einem Baby. Um diesen Buben zu finden, schwärmen die Mönche mittlerweile in die ganze Welt aus, um den Göttlichen zu finden.
 

Biographie

Oberster Buddhist

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Unsere Lehren verurteilen es, mit einer Frau oralen oder analen Sex zu haben
LEBEN
Als Sohn einer Bauernfamilie wird Tenzin Gyatso 1935 in Osttibet geboren – und im Alter von zwei Jahren als der wiedergeborene Dalai Lama erkannt. Als 15-Jähriger übernimmt er die Leitung der tibetischen Regierung, zeitgleich mit dem Beginn der chinesischen Besatzung. Die Amtsgeschäfte des Exil-Regierungschefs hat er nach über sechs Jahrzehnten im April 2011 seinem Nachfolger Lobsang Sangay übertragen.

STATUS
Weltweit der einzige Religionsführer, der auch Menschen anderer Konfessionen begeistert.

SONSTIGE LEISTUNGEN
Er macht seinen Leibwächter arbeitslos. Der behauptet: „Ich habe nichts zu tun. Alle lieben ihn.“
 

Jonathan Webster