David Coulthard . Held des Asphalts

Held des Asphalts

Der Rennfahrer übers Angreifen und Aufhören, über Charisma und den Sex der Champions

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»Der Geruch von Erfolg macht viele Frauen abhängig«

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  • Lange Zeit ein Playboy der Formel 1 - 2012 will David Coulthard endlich die DTM aufmischen

    Lange Zeit ein Playboy der Formel 1 - 2012 will David Coulthard endlich die DTM aufmischen

Die Ladys sind ganz außer sich. „David sieht fantastisch aus“, sagt eine der aufgeregten Agentur-Damen beim Shooting für eine Werbekampagne in einem Düsseldorfer Industriepark. David Coulthard, 41, lässt sich vom Trubel am Set nicht beunruhigen und bestellt mit schottischem Akzent einen English Breakfast Tea. Im Fernsehen wirkt der DTM-Pilot und Formel1-Vizeweltmeister von 2001 immer so breit, was wohl an seinem ausgeprägten Unterkiefer liegt. In Wirklichkeit ist „DC“, wie ihn Freunde nennen, schmal und dünn. Seine entspannte Laune inmitten der Aufregung verleiht ihm eine charismatische Aura. Genau das, was wir jetzt brauchen: für ein Gespräch über das Altern im Cockpit, wahre Männlichkeit und den Sex der Champions

Playboy: Mister Coulthard, wenn im April die neue DTM-Saison startet, sind Sie 41 Jahre alt. Wie alt darf ein Rennfahrer sein, wenn er ganz oben mitfahren will?
Coulthard: Die Finish Line gibt es natürlich auch für mich. In der Formel 1 habe ich es gefühlt, dass ich am Ende angekommen bin. In der DTM bin ich auch nach zwei Jahren immer noch auf Entdeckungsreise, weil es ein riesengroßer Unterschied ist, ein Tourenwagenauto zu fahren oder einen Formel-1-Boliden. Laien verstehen oft nicht, dass ehemalige Formel-1-Fahrer in der DTM nicht genauso erfolgreich sind. Ich antworte dann gern mit Analogien aus anderen Sportarten: Roger Federer ist ein großartiger Tennis-Champion, aber heißt das auch, er wäre ein großartiger Squash- oder Badminton-Spieler? Im Wesentlichen dieselbe Rückschlag-Sportart, bei der man mit einem Schläger auf einen Ball eindrischt. Es ist trotzdem ein himmelweiter Unterschied.

Playboy: Ein baldiger Rücktritt kommt für Sie also nicht in Frage?
Coulthard: Ich bin ein Veteran von 21 DTM-Rennen, in den vergangenen zwei Jahren habe ich genau zwei Punkte eingefahren. Das ist zu wenig, aber ich habe immer noch das Gefühl, dass ich es besser kann. Wenn ich es 2012 nicht beweise, dann ist meine Finish Line erreicht. Dann macht es keinen Sinn mehr.

Playboy: Was halten Sie denn für die bessere Idee, eine große Karriere zu beenden: in die DTM wechseln oder in die Formel 1 zurückkehren?
Coulthard: Ich habe nie an ein Comeback in der Formel 1 gedacht. Ich weiß, meine Karriere ist komplett. Kein Bedauern, keine drückenden Gefühle nach dem Motto: Was wäre noch möglich gewesen? Ich hatte eine großartige Zeit als Grand-Prix-Fahrer, vom elfjährigen Kart-Fahrer in Schottland, der es bis in die Formel 1 schafft. Natürlich bin ich nie Weltmeister gewesen. Aber ich glaube nicht, dass Michael Schumacher ein glücklicherer Mensch ist als ich, nur weil er siebenmal Weltmeister war.

Playboy: So glücklich kann Schumi nicht sein, sonst wäre er nicht zurückgekehrt. Seit zwei Jahren fährt er hinterher, ist das nicht unwürdig für einen siebenfachen Champion?
Coulthard: Er ist der Beste aller Zeiten, er hat das Recht, sich so zu entscheiden. Ich persönlich hätte es nicht getan. Andererseits sind wir jetzt Zeuge eines „Real Life“-Experiments: Kann der größte Fahrer der Geschichte drei Jahre aufhören, zurückkehren und wieder gewinnen? Das Beste für den Sport ist, wenn er nicht gewinnt. Wenn er das nach drei Jahren Pause einfach so könnte, würde er eine ganze Fahrergeneration der Formel 1 entwerten. Der alte Champion sollte von den jungen Herausforderern besiegt werden und nicht umgekehrt. Also wenn, dann sollte Nico Rosberg das erste Rennen für Mercedes gewinnen und nicht Michael.

Playboy: Haben Sie persönlich ein gutes Verhältnis zu Schumi?
Coulthard: Michael Schumacher, das sind für mich zwei getrennte Persönlichkeiten. Einmal der Wettkämpfer, zu dem ich eigentlich nie eine engere Verbindung hatte. Auf der Strecke hatten wir oft Probleme, er war offensichtlich der bessere Rennfahrer als ich. Und andererseits der verantwortungsvolle Familienmensch. Was uns Briten angeht, war Michael für uns der stereotype Deutsche schlechthin: effizient, ehrgeizig, unterkühlt. Er war nicht der spontane „Komm setz dich, ich muss dir was erzählen, du machst dir ins Hemd“-Typ. Nach seinem Rücktritt habe ich ihn mal gefragt, warum er immer so reserviert und verschlossen ist. Er hat mir dann eine Geschichte aus seiner Jugend erzählt. Von da an konnte ich ihn besser verstehen. Inzwischen haben wir ein gutes Verhältnis. Sebastian Vettel ist ein ganz anderer Typ. Er ist auch ehrgeizig, aber viel lockerer. Er erzählt Witze auf Englisch, selbst die englischen Medien mögen ihn.

Playboy: Also lassen Sie uns über die junge Generation von Rennfahrern reden. Die Öffentlichkeit beklagt, dass es keine charismatischen Piloten mehr gibt.
Coulthard: Ich glaube, man erwartet zu viel von diesen jungen Burschen. Ob nun ein 22-jähriger Formel-1-Rennfahrer oder ein 22-jähriger Medizinstudent, wo sollen die Jungs ihr Charisma hernehmen? Die können gar nicht so interessant, so reich an Erfahrungen und charakterstark sein wie etwa ein 40-Jähriger. Wir erwarten heute nicht nur, dass sie Weltspitze sind in ihrem Sport, sondern auch noch, dass sie uns spannende Geschichten aus ihrem Leben erzählen wie weise Dozenten. Man sollte sie nicht überfordern. Sebastian Vettel ist in meinen Augen ein gutes Beispiel dafür, dass die Kritik nicht stimmt: Er zeigt in jungen Jahren eine eigene Persönlichkeit, und er hat das Selbstvertrauen, seine Standpunkte zu vertreten.

Playboy: In Deutschland gibt es eine Sehnsucht nach den alten Zeiten, nach Draufgängern wie James Hunt und Jacques Villeneuve, Ikonen wie Niki Lauda und Ayrton Senna. Können Sie das nachvollziehen?
Coulthard: Ich weiß, was Sie sagen wollen. Wo ist der Sex der 60er- und 70er-Jahre geblieben? Früher hat man gesagt: Sex ist das Frühstück der Champions. Typen wie James Hunt waren auch meine Helden. Immer eine tolle Frau im Arm, und wenn ihm einer nicht gepasst hat, hat er ihm gesagt, er soll sich verpissen. Danach stieg er ins Auto und gewann. Die Formel 1 ist schon lange nicht mehr dasselbe Geschäft.

Playboy: Unsere Rede: Die Formel 1 ist langweilig geworden!
Coulthard: Sie haben ja Recht, Charaktere, die sagen, was sie denken, wie ein Niki Lauda, das ist großes Kino. Aber stellen Sie sich mal vor, die McLaren-Piloten hätten letztes Jahr öffentlich das gesagt, was wir alle ja auch gesehen haben: dass das Auto einfach nicht gut genug ist und dass da viele ihren Job nicht gut genug gemacht haben. Die Konsequenz wäre gewesen: noch mehr Schlagzeilen, noch mehr Unruhe. Das Problem ist, je näher man die Medien an sich heranlässt, desto enger wird der Spielraum für uns Fahrer, weil alles zu einem großen Thema wird. Die Kommerzialisierung des Motorsports, gerade in der Formel 1, hat den Sex erstickt. In den 70er-Jahren hatten die Jungs sicher viel mehr Spaß als heute, das Geld war aber bei Weitem nicht das gleiche. Fragen Sie mal Hamilton & Co., ob sie trotzdem tauschen möchten? Vermutlich nicht.

Playboy: Sie selbst interpretierten als einer der Letzten den „King of Cool“ der 70er-Jahre: 2000 überlebten Sie unverletzt einen Flugzeugabsturz, bei dem beide Piloten ums Leben kamen, und fünf Tage später saßen Sie wieder im Cockpit und wurden Zweiter.
Coulthard: Es war schrecklich und ein großer Schock, das ist doch klar. Ich glaube an Schicksal. Es gibt einen Grund dafür, warum ich und Heidi, meine damalige Freundin, nicht getötet wurden. Als Rennfahrer bin ich ständig der Gefahr ausgesetzt, es war also nicht wirklich etwas Neues für mich. 1995 hatte ich meinen ersten schweren Unfall bei Testfahrten, eine Art Erweckungserlebnis für mich. Mein Wagen verlor einen Reifen, ich crashte das ganze Auto und war bewusstlos. Als ich wieder zu mir kam, habe ich sofort auf die Uhr geschaut, weil ich wusste, der Arzt wird mich drei Dinge fragen: Wie heißt du? Welcher Tag ist heute? Wie spät ist es? Ich wollte sofort wieder zurück auf die Strecke.

Playboy: Haben Sie nie Angst?
Coulthard: Natürlich habe ich Angst. Ich würde um drei Uhr morgens in der Bronx nie eine dunkle Straße entlanglaufen. Wenn man sich an seine Grenzen heranwagt, dann macht das immer Angst. So war es auch nach dem Flugzeugabsturz. Direkt danach war ich total ruhig. Wir standen im Gras, etwa 50 Meter von der brennenden Maschine entfernt. Mein Fitnesstrainer und Heidi waren total hysterisch. Ich legte meine Arme um beide und sagte nur: „Leute, heute war nicht unser Tag.“ Ich will damit nicht sagen, dass ich ein Held bin, sondern ich war selbst überrascht, wie ruhig ich war. Der Absturz war eine Tragödie und zugleich eine positive Erfahrung für mich. Er machte mir noch einmal klar: Lebe dein Leben so, wie du es möchtest. Es gibt keine zweite Gelegenheit. Er stellte meinen Fokus wieder scharf und gab mir, so kurios das klingt, neue Lebensenergie. Meine besten Auftritte in der Formel 1 hatte ich nach diesem Unfall.

Playboy: Was macht einen Mann zu einem echten Kerl?
Coulthard: Ein starker Charakter ist das Wichtigste. Er muss genau wissen, was er im Leben will und was nicht, er muss authentisch sein, eine Haltung haben und seinen Prinzipien treu bleiben. Ein richtiger Mann ist heutzutage einer, der eine selbstbewusste Frau und ihre Ambitionen zu schätzen weiß und ihr trotzdem die Tür aufhält.

Playboy: Medien und Öffentlichkeit sahen in Ihnen den Playboy mit den wechselnden Frauen und dem markanten Äußeren.
Coulthard: Ich habe mich selbst so nie gesehen. Ich weiß natürlich, dass ich ein paar Beziehungen gehabt habe. Wie jeder von uns. Wenn du Rennfahrer bist, im Fokus der Öffentlichkeit stehst, dann reicht es schon, wenn du ein paar Freundinnen hattest, die unterschiedlich aussahen, um als Playboy zu gelten. Ich habe auch gar nichts dagegen. Aber warum? Fast jeder Mann träumt seinen eigenen Rennfahrer-Traum: schnelle Autos, wunderschöne Frauen, viel Geld. Ich habe nie groß darüber nachgedacht, deshalb gab es wohl immer auch Fotos von mir auf einer Yacht, wenn ich gerade meine Freundin küsste.

Playboy: Sie haben einen dreijährigen Sohn. Hat er Ihr Bild von Männlichkeit verändert?
Coulthard: Als Jugendlicher, der in einem Dorf in Schottland aufwächst, dachte ich immer, ich werde sehr jung Kinder kriegen. Als ich meine Chance in der Formel 1 erkannte, war klar, du musst selbstsüchtig und egoistisch sein, sonst schaffst du es nicht. Aber als Dad kannst du nicht selbstsüchtig sein, du musst deine persönlichen Wünsche hintanstellen. Ich bin heute viel emotionaler als früher. Ich hatte ein paar Frauen in meinem Leben, und ich habe sie alle geliebt. Jeder kennt das Gefühl, das man hat, wenn man frisch verliebt ist. Aber als ich Papa wurde, explodierte dieses Gefühl. Dieses Gefühl von Liebe und Sehnsucht ist doppelt so stark wie alles, was ich bis dahin kannte. Ich will mich jetzt nicht selbst loben, aber ich bin sicher ein viel besserer Vater als ein Rennfahrer.

Playboy: Sie sind das Gesicht der neuen Kampagne des Herrenduftklassikers Tabac Original. Wie müssen echte Kerle riechen, wenn sie bei Frauen ankommen wollen?
Coulthard: Definitiv männlich. Aber bitte nicht zu aufdringlich, weil Sie eine Frau beeindrucken wollen. Gepflegt sein, gut riechen ist der erste Schritt. Wenn eine Frau Ihren Geruch nicht mag, haben Sie keine Chance bei ihr. Mein Lieblingsaroma ist würzig-herb, das ist genau die richtige Mischung Männlichkeit, die schöne Frauen anspricht. Aber es gilt natürlich auch umgekehrt: Der perfekte Geruch einer schönen Frau ist auch für mich essenziell. Du füllst deine Lungen mit ihrem Aroma, und es überwältigt Hirn und Seele. Ich möchte dann einfach nur hingehen, mich an sie drücken und knuddeln.

Playboy: Wie oft wurden Sie von Frauen mit dem Spruch angemacht: David, Sie riechen so gut?
Coulthard: Sagen wir so, ich kann mich nicht daran erinnern, dass je eine Frau zu mir gesagt hätte, ich würde stinken.

Playboy: Nach einem Rennen vielleicht?
Coulthard: Dann rieche ich nach Erfolg. Das ist für viele Frauen ein Geruch, der abhängig macht.

Playboy: Ihre Verlobte Karen, eine ehemalige Formel-1-Reporterin, haben Sie so kennen gelernt. Wie riecht sie?
Coulthard: Unfassbar gut (DC holt tief Luft und schließt die Augen). Ich kann es sofort hier unten spüren (DC deutet auf seine Hose). Ich meine den unteren Teil meiner Lungen, nicht das, was Sie denken . . .

Playboy: Sind Sie ein guter Liebhaber?
Coulthard: Mein Lieblingsthema. Ich bin ein grandioser Liebhaber. In meinem Kopf fühle ich mich, wenn ich Liebe mache, unbezwingbar. So wie Braveheart, der andere große Schotte (DC lacht sich kaputt). Die Realität ist leider etwas völlig anderes.

Playboy: Wie einfach ist es als berühmter Rennfahrer, die Aufmerksamkeit von hübschen Frauen zu bekommen?
Coulthard: Sehr viel einfacher natürlich. Eine Pussycat Doll wäre sicher nicht mit dem ehemaligen GP2-Piloten Lewis Hamilton ausgegangen. Mit dem Formel-1-Fahrer und Multimillionär ist das eine andere Geschichte. Wenn du berühmt wirst, erweitern sich deine Möglichkeiten im Leben. Dein Jagdinstinkt wird wieder angeregt, weil du als erfolgreicher Mann immer das schönste Obst pflücken willst. Ich habe Nicole Scherzinger mal kennen gelernt, eine sehr ehrgeizige junge Dame.

Playboy: Sie sind seit sechs Jahren verlobt, aber nicht verheiratet. Warum nicht?
Coulthard: Mir wurde gesagt, dass es Glück bringt, wenn man am 366. Tag eines Jahres heiratet. Der ist leider so selten. Wenn das passiert, werde ich Karen auf Knien anbetteln, dass sie mich nimmt.

Playboy: 2012 ist ein Schaltjahr, es hat also 366 Tage. Wussten Sie das nicht?
Coulthard: Wirklich? No way! (DC murmelt kaum verständlich:) What a shame! Was ändert es letztlich zwischen uns, wenn wir verheiratet sind? Wir beide sind happy, wie es ist. Shit! Ich lasse es Sie wissen, wann es so weit ist.
 

Thilo Komma-Pöllath