Interviews

Holger Stromberg . Der Koch der Kicker

Der Koch unserer Kicker über männliches Kochen, notwendige Beleidigungen und Essschnösel im Nationaltrikot

 

Hier würde man eigentlich eher einen albanischen Gebrauchtwagenhändler vermuten. Doch zwischen den Stahlgerüsten und Garagen in einem Hinterhof in München-Haidhausen hat Holger Stromberg sein Event-Restaurant „Kounge“. Eine Symbiose aus Kitchen und Lounge. Hier macht er seine Gäste glücklich und satt. Heute stand er mal nicht am Herd: Seine Küchenmannschaft hat leckere Käse-, Schinken- und Avocadoschnittchen präpariert, der Chef greift im Vorbeigehen zu.

[ Nachgefragt


Playboy: Ist das schon Ihr Mittagessen oder noch Ihr Frühstück?
Stromberg: Mittagessen. Ich habe sehr früh gefrühstückt, und eigentlich verzichte ich dann mittags auf Kohlehydrate. Aber da erst mal kein weiteres Essen in Sicht ist, nehme ich das, was da ist.

Playboy: Ist man als Koch nicht eh den ganzen Tag am Probieren?
Stromberg: Stimmt, ich habe keine regelmäßigen Essenszeiten. Und das ist ein Problem. Früher habe ich nie gefrühstückt, immer nur nachts gegessen. Aber der menschliche – und besonders der männliche – Körper baut ab 30 stark ab, vor allem der Stoffwechsel. Und ab 30 hat das bei mir angesetzt. Ich weiß eigentlich immer, was ich essen muss. Eigentlich sollte ich jetzt 400 Gramm von der Putenbrust essen, mit Salat – und dafür ohne das Brötchen. Das wäre das Richtige.

Playboy: Sie sind ja auch der Leibkoch unserer Nationalelf. Worauf müssen Sie da achten?
Stromberg: Ich muss natürlich an allen Gewürzen oder Zutaten sparen, die in irgendeiner Form halluzinogen wirken. Mohn etwa.

Playboy: Verboten ist alles, was Spaß macht?
Stromberg: Ein Hauch Muskat kommt schon mal ran – obwohl der Meskalin enthält. Aber eine Überdosierung, das wäre nichts. Zu viel rosa Pfeffer auch nicht, der wirkt giftig.

Playboy: Ansonsten Krankenhauskost?
Stromberg: Eben nicht! Die Spieler haben ja kein Kalorienproblem. Eher ein Energieversorgungsproblem, gerade bei einem Turnier. Da flitze ich nach Spielende durch die Kabine und sage: „Hier, magst du nicht ein Sandwich essen oder eine Nudel oder einen Keks?“ Hauptsache, Kohlehydrate, ich muss irgendwas in die Jungs reinkriegen. Die sind platt, die Muskeln sind so aufgebläht, da denkst du, da passt kein Fingerhut rein.

Playboy: Wie wichtig ist es, dass die Spieler Spaß am Essen haben?
Stromberg: Das ist das oberste Gebot! Wenn das Essen schlecht ist, geht die Stimmung nach unten. Die Jungs trainieren, schlafen, essen, zwischendurch liegen sie auf dem Zimmer, gucken Fernsehen oder lesen. Außerdem sind sie in ihrer Freizeit oft in der Players’ Lounge, wo elektronische Spiele angeboten werden. Das ist ihr Tagesablauf ...

Playboy: ... es gibt Schlimmeres im Leben.
Stromberg: Ja, aber die Abwechslung ist eben nicht groß, und alles fokussiert sich auf das sportliche Ziel. Da sollte das Essen immer was Besonderes sein. Aber nicht nur Außergewöhnliches. Bestes Beispiel: Wenn ich mal Rahmspinat mit Spiegelei mache oder eine Rindsroulade – da ist Partystimmung.

Playboy: Gibt es denn auch Spieler, die maulen?
Stromberg: Kritik ist von mir gewünscht! Für mich ist so ein Turnier auch eine lange Zeit. In den meisten Fällen bedanken sich alle sehr herzlich für das Essen. Aber es kommt auch mal Kritik.

Playboy: Zum Beispiel?
Stromberg: Da kommt mal der Poldi mit einem Lächeln in die Küche und sagt: „Hey, gib mir mal die Pfanne, jetzt zeige ich dir das mit den Hühnchenstreifen noch einmal, dann musst du’s aber können!“ Oder wenn der Kapitän den Milchreis probiert und sagt: „Mhhh, nah dran – aber aus dir wird doch kein Großer mehr ...“ Das sind die eigentlich schönen Erlebnisse am Büfett.

Playboy: Gibt es auch Gourmets in der Nationalmannschaft?
Stromberg: Es gibt natürlich einige, die viel Ahnung haben. Aber die anderen lernen auch dazu. Als ich angefangen habe, das Kochsalz gegen Fleur de Sel auszutauschen, da fing einer fast an zu weinen, weil ich ihm den Salzstreuer weggenommen hatte.

Playboy: Wer war das?
Stromberg: Kann ich nicht sagen. Aber heute, wenn normale Salzstreuer auf dem Tisch stehen, sagen sie: „Holger, wo ist denn das richtige Salz? Das hier kann man doch nicht essen.“ Oder wenn ich das gute Olivenöl noch nicht auspacken konnte, weil der Koffer zu spät ange- kommen ist ...

Playboy: Sie machen also aus unserer Nationalmannschaft einen Haufen Essschnösel?
Stromberg: Es wäre ein sehr positives Schnöseltum. Im Grunde genommen, tut man sich damit ja was Gutes. Es ist einfach meine Pflicht, die Spieler darauf anzusprechen, dass sie sich am Flughafen nicht die nächste Packung Chips holen. Die bringen sie nicht um, aber die können die Karriere um zwei Jahre verkürzen, wenn man sie zu häufig isst. Deshalb versuche ich, die Spieler an den paar Tagen, die ich mit ihnen zusammen bin, für gesundes Essen zu sensibilisieren.

Playboy: Sind Sie ein Missionar der guten Ernährung?
Stromberg: Ja, der missionarische Teil an meiner Arbeit ist mir schon sehr, sehr wichtig. Auch jedes Mal, wenn eine TV-Anfrage vom Fernsehen kommt: Das muss für mich einen Sinn haben. Ich mache kein Fernsehen, um ins Fernsehen zu kommen. Ich bin kein Gaukler, ich bin Koch.

Playboy: Wenn man sich die vielen Kochsendungen im Fernsehen anschaut, dann scheint das Gauklertum in den Küchen doch recht verbreitet ...
Stromberg: Ja, aber das kann man nicht den Köchen zur Last legen. Die Sender suchen immer einen, der aussieht wie Jamie Oliver, mit einem Kicker und Vesparoller und der am besten noch einen Sprachfehler hat.

„Männer kochen archaischer“
Holger Stromberg


Playboy: Aber Ihre Kollegen machen das doch freiwillig!
Stromberg: Ja, die sehen halt auch, dass man damit wesentlich leichter Geld verdient. Der eine oder andere hätte ja schon längst in Rente gehen können mit dem, was er da verdient hat. Vor allem für den Nachwuchs ist das schlecht.

Playboy: Warum?
Stromberg: Weil die jungen Köche jetzt alle glauben, sie müssten mit 22 ein TV-Superstar sein. Da will keiner mehr Karotten schälen – und wenn, dann nur vor laufender Kamera. Jeder glaubt, er kann nach drei Jahren Jamie Oliver II werden. Denen musst du erst klarmachen: „Bevor du da hinkommst, musst du dir zehn Jahre lang den Arsch aufreißen, und zwar 24 Stunden lang, ohne Rücksicht auf Verluste.“ Koch sein ist ein Knochenjob.

Playboy: Was hat Ihrer Meinung nach Kollege Jamie Oliver für das Kochbusiness getan?
Stromberg: Erst mal hat er dafür gesorgt, dass die Menschen – egal, ob Profifußballer, Sekretärin oder Bauarbeiter – sich mit dem Thema Essen beschäftigen. Wir sind ja sonst total picky: Das Auto muss sauber sein, die Möbel zu den Gardinen passen und der Garten gepflegt sein. Wir fragen uns: Was tanke ich in mein Auto, was kommt in meinen Rasenmähermotor? Aber was man in den eigenen Motor reinsteckt – darüber machte sich keiner wirklich Gedanken. Jamie Oliver hat die Menschen dazu gebracht, sich für Qualität zu interessieren.

Playboy: Wie geht es heutzutage eigentlich in den Küchen zu: Ist der Ton dort immer noch so rau?
Stromberg: Wir Köche von den „Jungen Wilden“ ...

Playboy: Also Sie, Stefan Marquard, Frank Buchholz ...
Stromberg: ... und noch ein paar andere sind seinerzeit angetreten, damit das alles anders wird. Heute gibt es Musik in den Küchen, heute gibt es auch Punks, die ihre Haarpracht zeigen dürfen. Natürlich braucht man einen gewissen Kommando-ton, das geht beim Fußball auch nicht anders: Wenn der Trainer in der Kabine die Türen schließt, sagt der auch nicht: „Bitte, bitte, könnt ihr mal.“ Aber der Ton macht die Musik. Es gibt leider immer noch Leute aus meiner Zunft, die begrüßen ihr Team: „Morgen, ihr Arschlöcher, heute mache ich euch richtig rund!“

Playboy: Dabei könnte man auch sagen: „Einen guten Morgen, ihr Arschlöcher!“
Stromberg: Ja, oder „Sie Arschlöcher“ (lacht). Früher musstest du auch in einer karierten Hose antreten, dazu komische Arbeitsschuhe, ein Halstuch und eine unangenehme Jacke. Dann kam noch ein Kochdeckel obendrauf – und dann sahst du aus wie ein Idiot.

Playboy: Wer aussieht wie ein Idiot, fühlt sich auch wie ein Idiot.
Stromberg: Genau. Und das stört einen kreativen Menschen, und zwar den ganzen Tag lang.

Playboy: Hat es die Generation Stromberg leichter oder schwerer als die Generation Witzigmann?
Stromberg: In der Masse haben wir es schwerer, weil es jetzt sehr viel mehr gute Köche gibt. Und kaum mehr Mitarbeiter, die für ein Zeugnis arbeiten. Als ich in Frankreich war, musste ich als Lehrjunge Geld bezahlen, 3000 Francs im Monat, dafür, dass ich da überhaupt arbeiten durfte.

Playboy: Und heute?
Stromberg: Die goldenen Zeiten, als auch Sternerestaurants von Spesenrittern besucht wurden, sind längst vorbei. Heute kommt Vati von der Arbeit, hat den Kopf noch total voll, Mutti steht seit drei Stunden vor dem Spiegel und freut sich auf den Abend – und jetzt kommen die beiden zusammen ins Restaurant. Dann sagt er was Falsches, sie ist sauer – und am Ende war das Essen schlecht, der Tisch war falsch und so weiter. Solche Leute sind doch nicht mehr über das Essen zufriedenzustellen!

Playboy: Warum sind eigentlich die Spitzenköche fast ausschließlich Männer?
Stromberg: Männer kochen archaischer, und Frauen sehen es häufig als Pflichtübung. Frauen nehmen ein Lineal, eine Waage, einen Messbecher zur Hilfe – und Männer machen einfach. Männer kochen mit einem Lebensgefühl und Frauen mit dem Messbecher.

Playboy: Woher kommt es, dass plötzlich so viele Männer das Kochen entdecken?
Stromberg: Das ist die Flucht in die Vergangenheit. Wir können uns alle an den ersten Kuss erinnern oder unseren ersten Beischlaf. Aber noch stärker ist das Essen. Diesen ersten Geschmack, diese Sehnsucht nach der Rindsroulade von Omi – das vergisst man nicht. Und weil es heute zu wenige Frauen gibt, die gut kochen können, stellt er sich halt selber in die Küche.

Playboy: Darf das auch Ihre Freundin lesen?
Stromberg: Nee, das sage ich ihr. Frauen haben andere Fähigkeiten, die sind in anderen Sachen viel besser, mit ihrer Genauigkeit.

Playboy: Worin denn?
Stromberg: Wir haben unseren Jagd- und Spieltrieb. Männer sagen: „Mein Büro braucht erst mal USM-Möbel, und wir müssen alle auf Apple arbeiten“ und so. Fraun würden den Computer bei Aldi kaufen und sagen: „Der tut’s doch eigentlich auch.“ Aber dafür haben die Frauen die Sache mit den Schuhen.

Interview mit Holger Stromberg:
Klaus Mergel und Christian Thiele
]
Interview: Holger Stromberg ↑
Holger Stromberg Holger Stromberg: Kocht für Kerle.

Holger Stromberg, 1972 in Münster geboren, wächst in einer Gastronomenfamilie im Ruhrgebiet auf. Sein Handwerk lernt er in diversen Sternerestaurants – und erkocht sich mit 23 Jahren seinen eigenen Michelin-Stern. Er will die Edel-Gastronomie von ihrem angestaubten Image befreien und gründet dafür mit Kollegen die Köchevereinigung „Junge Wilde“. Neben einer Currywurst-Kette betreibt er ein Catering-Unternehmen – und das Lokal seiner Eltern. Seit 2007 ist er Koch der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Auch in Südafrika wird Schalke-Fan Stromberg alle Spieler gleichermaßen gut bekochen – sagt er. 

 
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