„Ich habe mir selbst bewiesen, dass ich gut genug bin“
Silverstone, Fahrerlager, drei Tage vor dem Rennen. Draußen plaudert Bernie Ecclestone im Nieselregen. Drinnen, im ersten Stock des Red-Bull-Motorhome – einer Mischung aus Kreuzfahrtschiff und Vorstadt-Bistro – sitzt Sebastian Vettel und knipst das Vettel’sche Ecstasy-Strahlen an. Zack. Von einer Sekunde auf die andere. Er kann das. Man denkt sofort: PR-Profi, klar. Oder ist er doch einfach nur ein saunetter Kerl?
Interview
Ich kann viel von Michael lernen. Zum Beispiel, wie man das alles privat verarbeitet
Playboy: Hessisch ...
Vettel: ... das zählen wir jetzt mal nicht. Insgesamt sind es vielleicht knapp zehn Sprachen. Aber das heißt nicht, dass ich die auch alle spreche. Ich beherrsche nur Bruchstücke.
Playboy: Wann hatten Sie in dieser Saison, die ja bislang hervorragend läuft, zuletzt Anlass zu fluchen?
Vettel: Auf der Rennstrecke bisher kaum. Aber es ist ja nicht so, dass ich nur dort Grund habe, mich aufzuregen, sondern auch mal außerhalb der Rennstrecke. Vor allem beim Trainieren. Wenn ich gegen meinen Trainer Tennis oder Badminton spiele und es läuft nicht so richtig, dann fluche ich viel. Ich verliere sehr ungern – um es mal so zu formulieren.
Playboy: Sie sind im vergangenen Jahr nach einer spektakulären Aufholjagd zum jüngsten Formel-1-Weltmeister aller Zeiten geworden. Ist da was von Ihnen abgefallen?
Vettel: Eine gewisse Erleichterung ist schon da. Es war immer mein größter Traum, Weltmeister zu werden. In dem Moment, wo man das geschafft hat, kann man es erst gar nicht realisieren. Das dauert eine Weile. Aber wenn man dann die Zeit für sich hat, um das Ganze ein wenig zu genießen, wird einem klar, dass man etwas geschafft hat, das einem niemand mehr nehmen kann. Ich habe mir selbst bewiesen, dass ich gut genug bin und es schaffen kann. Und das ist eigentlich das, was am meisten wert ist.
Playboy: Wie hält man die Anspannung hoch, wenn man so dominant ist wie Sie in der laufenden Saison?
Vettel: Wichtig ist, dass man sich auf das konzentriert, was man beeinflussen kann. Und das ist normalerweise das, was gerade anliegt. Nicht das, was schon war, und nicht das, was vielleicht mal sein wird. Man muss die Dinge Schritt für Schritt anpacken, dann ist man auf Kurs.
Playboy: Sie sind nicht nur Fahrer, sondern auch Chef eines Teams. Was macht einen guten Chef aus?
Vettel: Chef bin ich nicht. Das ist Christian Horner (der Teamchef von Red Bull Racing; d. Red.). Aber der Einfluss, den man als Fahrer auf das Team hat – auch durch kleine Gesten –, ist sehr groß. Das sollte einem bewusst sein, aber man sollte nicht bewusst damit umgehen.
Playboy: Wie meinen Sie das?
Vettel: Ich glaube, wenn man versucht, sich zu sehr zu verstellen und die Situation durch gespieltes oder aufgesetztes Benehmen zu leiten, dann geht der Schuss, langfristig gesehen, nach hinten los. Man sollte immer zu sich stehen und immer der sein, der man ist. Und nicht versuchen, ein anderer zu sein, weil man sich davon irgendetwas verspricht.
Playboy: In der Sprache der Kollegen fluchen zu können darf man also nicht als billige Anbiederung missverstehen?
Vettel: Überhaupt nicht. Es geht einfach darum, dass man sich zumindest darum bemühen sollte, die Sprache der Kollegen ein wenig zu können. Als ich zu Beginn meiner Formel-1-Karriere beim Rennstall Torro Rosso war, habe ich versucht, mit den Mechanikern zu reden, aber viele sprachen kein Englisch. Dann habe ich eben probiert, mich mit meinen drei Brocken Italienisch, die immer besser wurden, mit ihnen auszutauschen. Das ist doch völlig normal.
Playboy: Thema Umgangsformen: Lachen die Fahrerkollegen weniger über Ihre Witze, seit Sie ihnen ständig davonfahren?
Vettel: Nein, aber natürlich ist nicht jeder Witz ein Treffer. Da bin ich Realist.
Playboy: Sie haben mal gesagt: „Nach meiner ersten Formel-1-Runde dachte ich, das ist die Welt der Männer, da gehörst du nicht hin.“ Wann wussten Sie, dass Sie ein Mann sind?
Vettel: Das Auto war für mich damals etwas völlig anderes als alles, was ich bis dahin gewohnt war. Ich habe mir, ganz ehrlich, nach den ersten Runden nicht zugetraut, das Ding beherrschen zu können. Ich dachte: Schön, dass du es probieren konntest, aber das ist eine Nummer zu groß. Ich habe mich dann Gott sei Dank daran gewöhnt, mit der Power des Autos umzugehen. Was man aber nicht verlieren darf, ist das Gefühl, dass es ein Privileg ist, so ein Auto zu fahren.
Playboy: Was ist das Besondere an der Formel 1?
Vettel: Die Geschwindigkeit und damit verbunden die Kräfte, die auf einen wirken. Auf einigen Strecken gibt es Kurven, da fällt man fast vom Glauben ab, wenn man daneben steht und sieht, wie wir da reinfahren. Manchmal ist es selbst für uns Fahrer schwer zu verstehen, wie das eigentlich möglich ist. Man denkt: Die müssen ja bekloppt sein, das geht doch gar nicht! Aber man selbst macht es dann. Bei den enormen Kräften, die auf einen wirken, wenn man auf die Bremse tritt und einlenkt, schreit das Hirn: „Stopp, das geht nicht!“ Aber das Auto zeigt einem dann, dass es doch geht. An dieses Limit zu gehen, das ist etwas ganz Besonderes.
Playboy: Was fühlt man da?
Vettel: Das lässt sich nicht beschreiben. Das wäre, als würde man versuchen, jemandem zu erklären, wie es sich anfühlt, wenn man zum ersten Mal einer Frau – sagen wir mal – näherkommt. Man kann versuchen, das zu beschreiben, aber wirklich kennen wird jemand das Gefühl nur, wenn er es selbst erlebt hat. Dieses Gefühl, das ich beim Rennfahren erlebe, macht mir so viel Spaß und gibt mir so viel Zufriedenheit wie nichts anderes im Leben.
Playboy: Ist ein Grand-Prix-Sieg besser als Sex?
Vettel: Das kommt je- weils darauf an, wie es sich anfühlt. Aber die Rennen dauern doch sehr lange, teilweise fast bis zu zwei Stunden. Und ich weiß ja nicht, ob jeder Mann so lange aushält am Stück ...
Playboy: Die A 5 von Heppenheim zum Frankfurter Flughafen ist teilweise vierspurig. Wie vie- le Punkte haben Sie in Flensburg?
Vettel: Keine. Ich wohne ja in der Schweiz, da ist bei 120 km/h Zapfenstreich.
Playboy: Mit was für einem Auto kurven Sie privat durch die Schweizer Bergwelt?
Vettel: Ich wohne in der Nähe des Bodensees, da hat es nicht so viele Berge, aber die Bergwelt ist nicht weit weg. Als Firmenwagen habe ich einen Infiniti. Außerdem habe ich für meinen Sieg in Abu Dhabi 2009 einen Mercedes SL 65 gewonnen. Der hat ein bisschen mehr Dunst. In der Schweiz nicht gerade zu empfehlen, da muss man über die Grenze fahren, wenn man aufs Gas will. Und dann habe ich noch einen VW-Bus, mit dem ich gerne unterwegs bin, weil man alles damit machen kann.
Playboy: Welche extravaganten Accessoires leisten Sie sich bei Ihren Autos?
Vettel: Hm ... der SL hat einen Heckflügel. Das ist doch schon mal was! Aber wirklich extravagant? Also ich sitze jetzt nicht im Auto, schnippe mit dem Finger, und vor mir taucht eine Tasse Kaffee auf.
Playboy: Irgendwelche Aufkleber mit lustigen Sprüchen am VW-Bus?
Vettel: Nein. Aber er ist mit einer Kühltruhe ausgestattet, die sich über den Zigarettenanzünder mit Strom aufladen lässt.
Playboy: Praktisch.
Vettel: Im Sommer sehr angenehm.
Playboy: Sie haben keine Yacht, kein Privatflugzeug. Wofür geben Sie mehr Geld aus, als nötig wäre?
Vettel: Ich kaufe gerne DVDs. Das ist jetzt nicht das teuerste Hobby, aber ich habe schon einige beisammen.
Playboy: Was war die letzte, die Sie gekauft haben?
Vettel: Eine englische Comedy-Serie: „How Not To Live Your Life“. Ansonsten habe ich nichts, wofür ich besonders viel Geld ausgebe. Was ich aber immer mehr zu schätzen lerne, ist, Zeit für mich zu haben. Und das lasse ich mich auch mal was kosten. Beispielsweise, um schneller daheim zu sein. Oder um Freunde zu treffen, mit ihnen abends einen trinken zu gehen, zu kicken. Das tut mir einfach gut. Um diese Zeit zu gewinnen, gebe ich gern mehr aus.
Playboy: Michael Schumacher stürzt sich in seiner Freizeit mit dem Fallschirm aus dem Flugzeug. Wäre das was für Sie?
Vettel: Michael hat mir schon mal angeboten, mit ihm zu gehen und auch mit ihm zu springen. Aber ich weiß nicht ...
Playboy: Warum nicht?
Vettel: Ich habe das schon einmal probiert – nicht mit Michael –, und es hat mir auch sehr viel Spaß gemacht. Aber ich müsste das nicht jede Woche machen. Viel eher könnte ich mir vorstellen, in Richtung Rallye zu gehen, ein bisschen offroad. Alles, was einen Motor hat, ist schon mal gut als Hobby. Richtige Rallye-Erfahrung habe ich noch nicht, aber ich könnte mir vorstellen, dass mir das sehr viel Spaß macht.
Playboy: Sie haben bis heute keinen Manager: Was spricht dagegen, einen einzustellen?
Vettel: Nichts. Aber ich sehe einen Manager nicht nur als jemanden, der einen gewissen Anteil des Gehalts einkassiert, sondern in erster Linie als jemanden, der für mich da ist, dem ich vertrauen kann, der mich in jeder Hinsicht unterstützt – und der mir die Entscheidung am Ende dennoch selbst überlässt. Denn das Letzte, was ich will – und da geht es mir wie jedem anderen Menschen –, ist, jemanden zu haben, der für mich entscheidet. Und einen Manager, der die beschriebene Rolle einnimmt, habe ich noch nicht getroffen.
Playboy: Wir lassen das mal als Stellenausschreibung so stehen.
Vettel: Vielleicht treffe ich den passenden Manager ja irgendwann. Aber bis jetzt komme ich auch sehr gut allein zurecht, beziehungsweise mit den Leuten, die ich um mich herum habe: Freunde, Familie, einen guten Anwalt. Wenn ein Vertrag vor der Tür steht, rede ich mit ihnen, hole mir Ideen, lasse mich inspirieren. Letzten Endes entscheide ich aber für mich selbst.
Playboy: Gehört Michael Schumacher zu diesem Kreis von Leuten, die Ihnen beratend zur Seite stehen?
Vettel: Nicht bei jeder Entscheidung, aber bei manchen Dingen schon. Michael hat sehr viel Erfahrung in dem Sport, aber genauso in dem Geschäft, das es ja zum Teil auch ist. Er gibt mir keine Tipps nach dem Motto: „Okay, Kurve 5: Hier musst du bremsen, da musst du einlenken.“ So etwas musst du für dich selbst herausfinden. Aber was Dinge außerhalb der Rennstrecke betrifft, ist es schon extrem hilfreich, Michael zu haben. Denn sagen wir mal so: Es gibt da draußen nicht nur Leute, die einem ausschließlich Gutes wollen.
Playboy: Was haben Sie vom Menschen Michael Schumacher gelernt?
Vettel: Einiges. Zum Beispiel im Umgang mit dem ganzen Formel-1-Zirkus. Aber auch darüber, wie man das Ganze privat verarbeitet. Wie man sich die Zeit einteilt – indem man Prioritäten setzt und dann auch bereit ist, dafür mehr auszugeben.
Playboy: Man sieht bei Michael Schumacher, dass es gar nicht so leicht ist, mit dem Rennsport aufzuhören. Wie sieht Ihr Rentenplan aus?
Vettel: Das ist noch ein bisschen weit weg, zumindest hoffe ich das. Mein Vertrag geht bis 2014, und viel weiter denke ich nicht. Vielleicht habe ich in vier oder fünf Jahren keine Lust mehr auf Formel 1 und möchte etwas anderes machen. Im Moment kann ich mir das zwar nicht vorstellen, aber man sollte niemals nie sagen.
Playboy: Wie gehen Sie eigentlich bei der Namensfindung Ihrer Rennwagen vor?
Vettel: Das ist ein ziemlich langer Prozess. Mit den Mechanikern erstellen wir eine Liste mit einer engeren Auswahl, und irgendwann entscheiden wir uns dann gemeinsam für einen Namen.
Playboy: Und Kinky Kylie, der Name Ihres aktuellen Autos, war eine Idee von ...?
Vettel: Die wurde gemeinsam geboren. Beim Abendessen am Mittwoch vor dem ersten Rennen.
Playboy: Welche Musik hören Sie direkt vor dem Rennstart?
Vettel: Das sind keine bekannten Titel. Es sind eher Filmmelodien.
Playboy: Die „Rocky“-Melodie?
Vettel: Zum Beispiel. Es sind mehrere.
Playboy: Gab es mal den pubertierenden Sebastian Vettel, der gesagt hat: „Ich gehe nicht auf die Rennbahn, keine Lust“?
Vettel: Mit der Rennbahn gab es dieses Problem eigentlich nie. Aber es gab andere Dinge, zu denen ich keine Lust hatte: Schule, Hausaufgaben, den Eltern helfen. Das Übliche.
Playboy: Sind Sie mal von der Polizei heimgebracht worden?
Vettel: So weit habe ich es nie gebracht. Gott sei Dank.
Playboy: Mal auf dem Pausenhof jemanden verprügelt?
Vettel: Ich würde nicht sagen verprügelt. Aber natürlich: Man war sich nicht immer ganz einig.
Playboy: Darf ein Mann weinen?
Vettel: Generell schon. Aber nicht wegen jeder Kleinigkeit.
Playboy: Wie lange darf er weinen?
Vettel: Nicht allzu lange. Aber jeder Mensch ist anders. Der eine hat näher am Wasser gebaut, der andere nicht so sehr. Das letzte Mal, dass ich geweint habe, war unterm Helm nach dem Rennen in Abu Dhabi, als ich Weltmeister wurde.
Playboy: Was war der letzte gute Ratschlag, den Ihnen Ihre Mutter gegeben hat?
Vettel: Fahr vorsichtig! Was ja nicht heißt: Fahr langsam!
Playboy: Philipp Lahm, Dirk Nowitzki, Sebastian Vettel. Fällt Ihnen außer der Tat- sache, dass Sie alle berühmt, erfolgreich und deutsch sind, eine Gemeinsamkeit auf?
Vettel: Die Größe ist es nicht: Dirk sprengt den Rahmen. Worauf wollen Sie hinaus?
Playboy: Es ist kein Arschloch darunter. Warum sind alle so nett heute?
Vettel: Philipp habe ich schon mal kennen gelernt. Sehr nett. Dirk kenne ich nicht so gut, aber ich glaube nicht, dass er ein Arschloch ist. Ich glaube, bei den beiden ist es ganz ähnlich wie bei mir: Sobald ich den Helm aufhabe, muss ich zu einem gewissen Grad sehr egoistisch sein – und vielleicht auch ein bisschen ein Drecksack. Aber es gibt keinen Grund, warum ich, wenn ich den Helm wieder abziehe, ein egoistischer Arsch sein sollte. Und in anderen Sportarten ist es genauso. Auf dem Feld wird Philipp schauen, dass er die Mannschaft vorantreibt. Und dass der Gegner, dem er gerade den Ball abnimmt, umfällt, ist ihm erst mal egal. Muss es ihm auch sein.
Playboy: Sind Sie die Generation der netten Jungs?
Vettel: Vielleicht. Aber wenn Sie den einen oder anderen Gegner von Philipp, Dirk oder mir fragen, dann kriegen Sie da möglicherweise auch was anderes zu hören.
Der Rekord-Raser
Ich traute mir nach den ersten Runden nicht zu, so ein Ding zu beherrschen
Sebastian Vettel, am 3. Juli 1987 in Heppenheim geboren, wusste schon als Dreieinhalbjähriger, wie man sich durchsetzt: Als seine zwei älteren Schwestern ein Bambini-Kart geschenkt bekommen, nimmt er es in Beschlag und gibt es nicht mehr her. 18 Jahre später gewinnt er in Monza zum ersten Mal ein Formel-1-Rennen und wird mit 21 Jahren zum jüngsten Grand-Prix-Sieger aller Zeiten. 2009 wechselt er zu Red Bull Racing und wird Vizeweltmeister. Ein Jahr später wird er mit 23 Jahren zum jüngsten Formel-1-Weltmeister der Geschichte. Vettel lebt auf einem Bauernhof im Schweizer Kemmental in der Nähe des Bodensees. Seine Beziehung zu Freundin Hanna, die er noch aus der Schulzeit am Heppenheimer Starkenburg-Gymnasium (Vettels Abi-Note: 2,8) kennt, hat er zur Tabuzone für die Öffentlichkeit erklärt.
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