Jassir Arafat

Dieser Mann hat im Nahen Osten Geschichte geschrieben. Ein Playboy-Interview von 1993 mit dem Palästinenserführer über Religion, Demokratie und wie das neue Palästina aussehen sollte

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Fällt der Name Jassir Arafat, so stellt man sich oft einen Dämon vor, ein Ungeheuer als Personifizierung des Terrorismus. Imagegerecht trägt er stets eine Waffe. Nur einmal wurde er öffentlich ohne Waffe gesehen – in Washington, als er in Gegenwart von US-Präsident Clinton am 13. September diesen Jahres den Händedruck mit Israels Premier Itzhak Rabin austauschte.
Er sagt von sich selbst, er sei von Natur aus ein Partisane, wobei er jahrzehntelang die Rolle eines Schlichters gespielt hat, meistens für seine eigenen Leute.
Vor einigen Jahren wurde er Präsident von Palästina – einem Staat, der noch nicht entstanden ist. Von Beruf ist Arafat eigentlich Ingenieur. Er arbeitete in Kuwait und hätte einer jener arabischen Multimillionäre sein können, die ihren königlichen Yachten die Namen ihrer Töchter verleihen. Politik reizte ihn mehr als die Langeweile des Reichtums.
„Vorsitzender der PLO zu sein ist so, als wäre man der einzige, der abends ein Bordell aufsucht: Da gibt es nur zwei Möglichkeiten – du schlägst zu oder du wirst erschlagen“ – so pflegte Arafat zu sprechen. Diese Metapher lässt sich auch ohne Schwierigkeiten auf die Welt der Macht übertragen: Wenn du nicht regierst, dann regiert ein anderer. Arafat wurde in einer demokratischen Wahl bestimmt, wenn das überhaupt in einem nicht existierenden Staat möglich ist. Er ließ sich nie von anderen übertrumpfen. Feinde hat er sogar im Führungskomitee der PLO, er überlebte unzählige Attentate, dabei einige äußerst ernsthafte.
Zu Beginn der siebziger Jahre gehörte Arafat zu den vergötterten Führern der palästinensischen Jugend. Dennoch musste er auch Serien erniedrigender Niederlagen erleiden. Aber am Ende einer Partisanenkarriere hat er den Gipfel erreicht. Arafat als Nobelpreisträger ‚94 – warum nicht? Arafat erhielt irgendwann das Pseudonym Abu Amar, der Baubruder. Jedoch können die von ihm in Kuwait erworbenen Erfahrungen, wo er als Ingenieur für Ölraffinerien Bauwerke erstellte, im Gazastreifen keine Verwendung finden. Es gibt dort kein Erdöl.
Arafat wurde am 24. August 1929 in Kairo geboren – so die offiziellen Dokumente -, wobei die PLO-Mythologie die Version verbreitet, dass Arafat in einem Haus neben Jerusalems Klagemauer zur Welt kam.
In seiner Kindheit trieb er sich meistens herum, hatte Probleme, wie jeder Junge, der aus einer getrennt lebenden Familie kommt. Bereits als Siebzehnjähriger war er im Kreise der Waffenhändler bekannt, und als Student an der Universität Kairo führte er im Namen seiner Kommilitonen Gespräche mit Ministern – nie mit rangniedrigeren Beamten. So erhielten dank Jassir alle in Ägypten studierenden Palästinenser innerhalb einer kurzen Zeit Stipendien, die von den arabischen Herrschern bezahlt wurden, wobei Arafat persönlich die Funktion des Vorsitzenden des Palästinensischen Studentenverbandes übernahm. Diese Organisation brachte sodann kämpfende Kader hervor, die alle Formen legalen und illegalen Kampfes anwandten. Aber heute wollen sie ihr Partisanenleben durch ein parlamentarisches ersetzen. Im August/September erschien auf den ersten Zeitungsseiten in der gesamten Welt die sensationelle Nachricht über das palästinensisch-israelische Abkommen. Die Verhandlungen wurden zweigleisig geführt: einerseits im Rampenlicht von TV-Teams in zahlreichen westlichen Hauptstädten, andererseits in der Abgeschiedenheit einer Holzhütte nahe Oslo. Während das Spektakel vor den Fernsehkameras lediglich eine Fortsetzung des Krieges war, waren die Gespräche in Norwegen konkret und frei von Polemik. Wurde es zwischen den Verhandlungsführern im Gästehaus des norwegischen Außenministers Johan Jørgen Holst allzu angespannt, dann wurde der fünfjährige Sohn des Gastgebers Friedensstifter, indem er mal auf den Schoß des einen und mal auf den Schoß des anderen Gegners kletterte. Wahrscheinlich verdankt die Welt diesem Kind mehr als einer ganzen Diplomaten-Generation.
Die politischen Journalisten Krzysztof Mroziewicz und Stanislaw Trzcinski erschienen im Playboy-Auftrag kurz vor Bekanntgabe des sensationellen Abkommens im PLO-Hauptquartier von Tunis. Das im Grunde genommen vergessene Quartier der PLO, welches Mitte der achtziger Jahre derselbe Itzhak Rabin bombardierte, der heute zu den Architekten des Abkommens zählt, hörte plötzlich auf, ein geheimer und geschützter Ort zu sein.
Die beiden Playboy-Interviewer schildern ihre Erlebnisse: „Wir kamen auf persönliche Einladung des Arafat Intimus Bassam Abu Sharif, praktisch dem PLO-Pressesprecher, nach Tunis. Noch vor 20 Jahren waren er und Habasch für mehrere Flugzeugentführungen verantwortlich. Später verließ er den radikalen Flügel und schloss sich der Mitte an. Während seiner Tätigkeit im PLO-Hauptquartier öffnete er eine an Arafat adressierte Sendung und verlor dabei sein rechtes Auge, zwei Finger der rechten Hand und die Hörkraft auf dem linken Ohr. Die PLO-Villen werden heute so geschützt, dass bei keinem der Verdacht aufkommt, dahinter könnten sich waffenbestückte Festungen verbergen.
Wir bedrängten Abu Sharif stets mit unseren Fragen, ob der Präsident kommen wird, ob er unsere Fragen bereits durchgelesen hat, wie viel Zeit er für die Beantwortung dieser Fragen zur Verfügung haben wird. Wir rechneten mit einer heimlichen Schwäche Arafats und seines Anhangs für den Playboy. Nur selten findet er Zeit für seine Frau Souha, eine libanesische Christin. Er wurde ständig von Politgrößen angerufen, aber auch von bekannten Waffenhändlern ... In unserem Interview wurden Fragen im Zusammenhang mit Terrorismus ausgelassen. Sie wurden von Abu Sharif abgelehnt. Er lehnte auch all das ab, was sich auf das humorvolle oder weniger humorvolle Wesen Arafats bezog. Er griff ständig persönlich in das Gespräch ein: deshalb haben wir seine Interventionen besonders gekennzeichnet. Die Mitarbeiter des PLO-Quartiers haben uns in freundschaftlicher Absicht viel über die dort herrschende Atmosphäre berichtet, und obwohl jeder von ihnen mindestens eine „Skorpion“-Waffe (wenn nicht Magnums) bei sich hat, werden wir in Sorge um deren und unsere Sicherheit vorerst diskret schweigen.“


Playboy: Herr Präsident, wie sehen Sie heute, nachdem die Aufteilung der Welt zwischen Moskau und Washington nicht mehr existiert, die globale Ordnung?
Arafat: Geht es um das Auseinanderbrechen der Sowjetunion, so bildet sich eine neue Weltordnung, wobei für deren Herausbildung viele Jahre notwendig werden. Die Welt kann in der Zwischenzeit „auf einem Bein stehen“; das Netz internationaler Verbindungen hängt gegenwärtig von dem wirtschaftlichen Wettstreit ab; so wird die Welt nach zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahren eine neue Ordnung schaffen, gegründet auf stabilen Beziehungen zwischen großen Wirtschaftsmächten. Niemals mehr wird die Ordnung von der militärischen Potenz abhängen. 


Playboy: Der israelische Premierminister Rabin sagte, dass ein Frieden nicht mit einem Freund geschlossen wird. Frieden schließt man mit einem Feind.
Arafat: Das wiederhole ich auch ständig: Ich will einen Frieden mit dem Feind. Für ein Friedensabkommen benötigt man zwei Parteien, wobei der Krieg als Ergebnis der Entscheidung einer Partei zu sehen ist.

Playboy: Nach dem Abschluss des palästinensisch-israelischen Abkommens werden Sie möglicherweise für den Friedensnobelpreis nominiert – und später Opfer eines Anschlags werden?
Arafat: Weder das eine noch das andere ist von mir abhängig.
Abu Sharif: Ich denke, dass der Nobelpreis dem Präsidenten Arafat für eine so gute und erfolgreiche Arbeit für den Frieden im Nahen Osten zuerkannt werden sollte.

Playboy: Weshalb wird Ihr Privatleben ständig geheim gehalten?
Arafat: Jahrzehntelang hatte ich so etwas wie ein Privatleben überhaupt nicht. Ich widmete mich vollständig der Sache meines Volkes und der Befreiung meines Landes. Mein öffentliches Leben ist mein Privatleben.

Playboy: So könnten Sie sicherlich ohne bittere Ironie die Worte des Ludwig XIV. wiederholen: „Der Staat bin ich.“
Arafat: Das ist eine provokative Frage. Das System „Der Staat bin ich“ erfasst auf keinerlei Art und Weise die Konstruktion der PLO. Ich bin nicht ein Anhänger der politischen Konzeption einer Schafherde. Unser System ist eine der besten Demokratien im Nahen Osten. Wir erbauten sie im Dschungel der Gewehrläufe. Heute ist sie stabil, auf tiefen Fundamenten anbauend. Wir wählen unsere Führer demokratisch.

Playboy: Wirklich – auch den Vorsitzenden der PLO?
Arafat: O ja! Ich bin demokratisch gewählt worden. Das palästinensische Volk verteidigte seine demokratischen Traditionen mit allem Nachdruck.

Playboy: Was ist Ihre Meinung zu den Fragen der Religion und zum politischen Fundamentalismus?
Arafat: Generell gesehen ist der Fundamentalismus nicht nur eine islamische Erscheinung. So haben wir ebenso den christlichen, jüdischen Fundamentalismus, wobei alle darin wirkenden Personen echte Extremisten sind. Die Fundamentalisten sind unter uns, sind aber auch unter den anderen, wobei sich die überwältigende Mehrheit gegen jedweden Extremismus ausspricht. Ich akzeptiere überhaupt keinen Fundamentalismus.

Playboy: Was bedeutet Religion für die Palästinenser?
Arafat: Es ist die Relation zwischen Mensch und Gott. Es ist eine sehr individuelle und persönliche Frage.

Playboy: Sie versuchten, mit allen arabischen Führern Abkommen zu treffen, wobei alle Konstellationen entweder als Missverständnisse oder Verrat endeten. Bedeutet das für Sie, dass Sie zur Einsamkeit verurteilt sind?
Arafat: Ich sehe es anders. Wir gehen Bündnisse ein, wobei in der Politik – manchmal – die heutigen Verbündeten zu Feinden von morgen werden können. Abhängig ist es von dem Stand/Zustand der gegenseitigen Interessen zwischen den Staaten. Und dabei handelt es sich um einen allgemeingültigen Grundsatz, welcher unsere Beziehungen zu den arabischen Ländern bestimmt.

Playboy: Mögen Sie die Einsamkeit?
Arafat: Entschieden nein. Ich fühle mich aber auch nicht einsam. Ich lebe im Kreise meiner Leute, habe mein eigenes Haus, Mitarbeiter und Sicherheitsleute, wo auch immer ich hinreise, ich bin stets im Kreise meiner Leute.

Playboy: Sind Sie nicht der Ansicht, dass die größten Verlierer im Kuwait-Krieg die Palästinenser sind?
Arafat: Die Palästinenser gehören zu denjenigen, die während des Krieges am Persischen Golf das meiste Leid davongetragen haben. Rund 400 000 Palästinenser mussten Kuwait, das sie erbaut haben, verlassen. Sie verdienten ihren Unterhalt in Kuwait und sorgten für den Unterhalt der Mitglieder ihrer Familien auch während der Besatzungszeit. So haben wir aus diesem Grund eine ganze Menge Probleme. Viele dieser Personen haben nämlich weiterhin keine Arbeit, wobei sie sich doch nicht für diesen Krieg ausgesprochen haben. Deswegen bin ich der Ansicht, dass die internationale Völkergemeinschaft deren Verluste dadurch mildern sollte, indem der künftige palästinensische Staat ernsthaft unterstützt wird.

Playboy: Ihre Intuition ist bekannt: Sie haben jedoch die Niederlage Saddam Husseins nicht vorausgesehen.
Arafat: Wir haben während der gesamten Zeit alles Mögliche getan, um eine friedliche Lösung zu finden. Mehrmals haben wir eine politische Lösung vorgeschlagen, welche damit ihren Anfang hätte nehmen können, die irakischen Einheiten aus Kuwait zurückzuziehen, wir wussten nämlich, dass der beginnende Krieg eine Katastrophe für alle darstellen wird.

Playboy: Weshalb ist die arabische Welt derart aufgeteilt?
Arafat: Nach dem Golfkrieg bestehen deutliche Teilungen, wobei wir hier daran arbeiten, um die Differenzen zu reduzieren und erneut eine Zusammenarbeit arabischer Staaten, zumindest auf einem grundlegenden Niveau, herbeizuführen. Ich denke, dass uns diese Absicht in der Zukunft gelingen wird. Die arabischen Staaten müssen gemeinsam ihren Platz in der neuen Weltordnung finden.

Playboy: Wobei doch die arabische Welt nicht nur aufgrund des Golfkrieges neu geordnet wurde.
Arafat: Dieser Feststellung kann ich nicht zustimmen. Sicherlich bestehen einige Probleme: So versuchen die Kämpfe, den Süd-Sudan von der Gesamtheit der Staaten abzukapseln, im Irak haben wir mit den Kurden zu tun, in Ägypten finden wir den extremen Fundamentalismus vor. In Deutschland aber gibt es die RAF, ähnlich den Roten Brigaden aus Italien, in Großbritannien die IRA. Es ist also keine typische Eigenschaft der arabischen Welt. Solche Marginalerscheinungen treten weltweit überall auf.

Playboy: Wenn wir allgemein über Korruption in Ländern sprechen – zum Beispiel in der Gesamtheit der Entwicklungsländer –, würden Sie diese Erscheinung ebenfalls als eine Randerscheinung einstufen?
Arafat: Wir dürfen nicht verallgemeinern. Korruption kommt ebenso in entwickelten und industrialisierten Ländern vor. Die Entwicklungsländer sollen darum bemüht sein, die neuesten technischen Methoden einzuführen, um besser verwalten zu können, und ein System zu schaffen, in welchem die Möglichkeiten und das Niveau der Korruption auf ein Minimum reduziert wären.

Playboy: Inspirierten Begins „Irgun“ oder Schamirs „Stern“ auf irgendeine Weise die Fatah-Front in ihren Anfängen?
Arafat: Hier kann keine Rede von Inspiration sein. Die Fatah ist eine Befreiungsbewegung und keine terroristische Organisation. Wir sind eine Bewegung gegen die Besatzung und nicht die Besatzer. Wenn von Inspiration gesprochen wird, so kann hier die algerische oder vietnamesische Revolution erwähnt werden (aus der Zeit der Antikolonialkriege – die Redaktion). Es ist aber kein Terrorismus.

Playboy: Wenn die algerischen Partisanen eine Quelle der Inspiration für Sie waren, welche Taktik haben Sie von den Partisanen übernommen?
Arafat: Wir haben keinerlei Taktiken übernommen. Wir ließen uns durch eigene Ideen leiten und mobilisierten die Leute zum Widerstand gegen die Besatzung.

Playboy: Sind Sie nicht der Ansicht, dass die Palästinenser die zukünftigen Juden werden könnten?
Arafat: Der Judaismus ist eine Religion. So gibt es jüdische Palästinenser, so ähnlich wie es christliche oder auch moslemische Palästinenser gibt. Irgendwann haben wir die Bildung eines demokratischen jüdischen, christlichen und moslemischen Staates im demokratischen Palästina vorgeschlagen. Leider haben die Israelis diese Konzeption abgelehnt. Sie verlangten einen glaubenseinheitlichen Staat. Die Palästinenser werden nie einen ausschließlich moslemischen oder christlichen Staat bilden. Wir sprechen uns für einen weltlichen und demokratischen Staat aus, mit gleichen Bürgerrechten, ohne Rücksicht auf Religion oder Rasse.

Playboy: Weshalb gibt es Ihrer Ansicht nach in der arabischen Welt keinen einzigen islamischen Staat im Sinne des Koran?
Arafat: In einigen arabischen Staaten wird die Scharia angewandt, das heißt das islamische Recht, wobei zu Beginn der Unabhängigkeit das Zivilrecht von der Scharia getrennt wurde. Die Staaten und das Recht sind weltlich, wobei die Länder islamisch sind.

Playboy: Uns geht es aber darum, dass der Koran weder die Monarchie noch die Diktatur als Regierungsform zulässt. Nur die Demokratie. Wir hingegen erblicken in der arabischen Welt nicht allzu viele demokratische Staaten.
Arafat: Das ist wahr, wobei zahlreiche Verfassungen von der Religion abweichen und auf Demokratie Bezug nehmen. Wie dieses allerdings in der Praxis realisiert wird, ist eine andere Sache. Unser Staat wird ein demokratisches Land sein, nicht nur in der Theorie, auch in der Praxis.

Playboy: Die Palästinenser werden heute als eines der am besten gebildeten arabischen Völker angesehen. Ist das wirklich so? Und wenn ja, woraus ergibt sich das?
Arafat: Wir nehmen gleichzeitig an zwei Revolutionen teil. Das Ziel der einen ist die Befreiung unseres Gebietes von der Besatzung. Das zweite ist die Bildungsrevolution. Wenn es um den Prozentsatz der Bevölkerung mit Hochschulbildung im Nahen Osten geht, so stehen die Palästinenser an erster Stelle. Dabei handelt es sich um einen der höchsten Prozentsätze in der gesamten Welt. Dahingehend sind wir den Israelis überlegen. Dieses lässt sich auch leicht dadurch erklären, dass sich die Palästinenser nach ihrer Vertreibung deutlich vergegenwärtigt haben, dass die Bildung eine Investition darstellt, ohne die ein Überlebenskampf nicht stattfinden kann.

Playboy: Wirft Ihre Vergangenheit im Zusammenhang mit der Zugehörigkeit zu der Moslemischen Bruderschaft keinen Schatten auf Ihr gegenwärtiges Leben?
Arafat: Ich bin ein gläubiger Mensch. Tief gläubig. Aber kein Fanatiker.

Playboy: Wir haben in der International Herald Tribune die Erklärung eines amerikanischen Juden gelesen, der behauptet hat, dass Sie nach dem Abkommen über die palästinensische Autonomie gemeinsam mit Israel ein Singapur des Nahen Ostens bilden können. Wie denken Sie darüber?
Arafat: Obwohl Palästina wirtschaftlich nicht sehr stark ist, wird es hier eine wichtige Rolle zu erfüllen haben, und zwar angesichts der Bildung der Palästinenser und deren technischem Einsatz wie auch deswegen, weil hier Bereitschaft zur Zusammenarbeit besteht. So haben doch die Palästinenser die Golfstaaten aufgebaut, weswegen sollten wir dann nicht ein modernes Palästina aufbauen? Ein solches Land wird mit den anderen Staaten des Nahen Ostens mit dem Ziel zusammenarbeiten, eine Vereinigte Gemeinschaft zu bilden, welche sich in eine wirtschaftliche Macht umwandelt.

Playboy: Die Arabische Liga hat empfohlen, die Palästinenser 1947 zu entwaffnen. Bedeutet das, dass sich nicht jedes arabische Land für die Gründung Palästinas ausgesprochen hat?
Arafat: Eine Zeitlang ist uns der Kampf um die Befreiung unserer Gebiete unmöglich gemacht worden, das ist wahr. Wie ich aber bereits sagte, sind die Bündnisse der Palästinenser von den gegenseitigen Interessen abhängig und ändern sich von Zeit zu Zeit.

Playboy: Die Ägypter haben Sie 1948 im Gazastreifen entwaffnet. Sie erhielten eine Quittung für Ihre Waffen. Haben Sie die Waffen zurückbekommen?
Arafat: Ägypten hat uns in Abd-el-Nasser-Zeiten sehr geholfen. So sagte eben Nasser, dass unsere Revolution begonnen hat und fortgesetzt werden sollte; das bedeutete, dass er uns die volle Unterstützung gewährte. Ägypten unterstützt uns bis heute.

Playboy: Nasser wusste noch vor seiner Machtübernahme, dass Israel militärisch nicht besiegt werden kann, weil seine Verbündeten nicht zu besiegen sind. Was meinen Sie, hatte er damit recht?
Arafat: Der Konflikt im Nahen Osten kann nicht gesondert von der Frage der internationalen Bündnisse beurteilt werden. Wobei die Widerstandsbewegung der Palästinenser vor allen Dingen von den Palästinensern selbst abhängig war. Sie führen weiterhin den langen Kampf um die Gründung des Staates und für den Frieden.

Playboy: Wie beurteilen Sie solche Politiker wie Fidel Castro, Michail Gorbatschow, Deng Xiaoping, Lech Walesa?
Arafat: Fidel Castro ist ein Nationalheld seines Landes, da er Kuba aus dem Nichts erbaute und einen bedeutenden Staat schaffte. Wenn es um Gorbatschow geht, da lässt sich schwer etwas sagen. Ähnlich im Fall des Den Xiaoping. Hingegen ist Walesa ebenfalls ein Nationalheld, und die Welt sollte ihm und Polen helfen, um alle Herausforderungen, insbesondere wirtschaftliche, zu bewältigen.

Playboy: Was kann man über Ihr Verhältnis zu dem Präsidenten Syriens, Hafis el Assad, sagen?
Arafat: Wir haben gemeinsame Interessen und schätzen einander.

Playboy: Ist es wahr, dass die PLO ein „Kind“ Nassers und Dean Rusks (Staatssekretär der USA) ist?
Arafat: Die PLO wurde durch die Arabische Liga nach einem Vorschlag Nassers gegründet. So war es also sein Kind bis 1968, das heißt bis zu dem Zeitpunkt, als andere palästinensische Organisationen beschlossen haben, der PLO beizutreten. Die PLO wurde sodann 1968 unabhängig. Rusk hatte mit ihr nichts zu tun.

Playboy: Ist der Slogan „Erde für Frieden“ Ihrer Ansicht nach kein Beweis dafür, dass Israel durch den ständigen Krieg müde wurde?
Arafat: Ganz Nahost wünscht sich den Frieden. Wir wollen uns auf die wirtschaftliche Entwicklung konzentrieren und eine bessere Zukunft schaffen.

Playboy: Wie viele Anschläge auf Ihr Leben wurden verübt?
Arafat: Acht.

Playboy: Welche der Situationen erachten Sie als die gefährlichste?
Arafat: Den Absturz des Flugzeugs, in dem ich mich befand ...
Abu Sharif: Arafat hat einfach eine gute Nase, das rettete ihm und seinen Freunden, auch mir, das Leben. Wir hatten 1982 ein Arbeitstreffen in Beirut. Schon zwei Minuten nach Beginn der Zusammenkunft schaute Arafat alle an und sagte: „Verlasst den Raum! Schnell!“ Wir verließen alle den Raum. Fünf Minuten später ist dieser Raum von den Israelis unter Beschuss genommen worden. Kein einziger der palästinensischen Führer hätte es überlebt

Playboy: Die Strategie eines verschärften bewaffneten Kampfes mit Terrorelementen in den Jahren 1964 bis ‚67 hat andere als die beabsichtigen Effekte erzielt. Weswegen wiederholten Sie diesen Kampf in den Jahren 1970 bis ‚74?
Arafat: Unsere Widerstandsbewegung ist bis heute tätig. Aber 1974 haben wir ein neues politisches Programm beschlossen, welches zur Bildung eines palästinensischen Staates auf den seit 1967 besetzten Gebieten aufgerufen hat.

Playboy: Es wird gesagt, dass Jassir Arafat ein Mensch der Taktik und kein Stratege ist. Was sagen Sie dazu?
Arafat: Ich bin von Beruf Ingenieur. Ein Ingenieur ist angesichts seines Wissens sowohl Taktiker als auch Stratege.

Playboy: Sie haben bei der PLO einen permanenten Konflikt zwischen dem Verstand und den Emotionen durchlebt. Wie sieht es heute aus?
Arafat: Wir müssen rational denken. Nur pragmatisches Denken kann unseren internationalen Interessen dienen. Jedoch können nicht alle Pragmatiker sein. Jeder hat das Recht auf Gefühle und Emotionen, auf eigene Vorstellungen.

Playboy: Der israelische Geheimdienst Mossad hat auch seine Agenten unter den Palästinensern. Haben die Palästinenser auch Agenten bei den Israelis?
Arafat: In jeder Nation gibt es irgendwelche Verräter. Es sind nicht viele, aber sie sind da.

Playboy: Der Irak hat Arafat in Jordanien 1971 verraten. Weshalb hat Arafat zuletzt erneut dem Irak vertraut?
Arafat: Unser Volk hatte stets gute Beziehungen zum irakischen Volk. Wir sind Araber.

Playboy: Die kämpfenden Generationen übernehmen allmählich die Macht in der Welt. Sie sind ein Veteran der Rebellion des Jahres 1968, Clinton gewissermaßen auch. Erachten Sie ihn als Kollegen?
Arafat: Clinton ist der von den Amerikanern gewählte Präsident der USA. Ich bin der Präsident Palästinas, gewählt durch unser Volk. Ich rechne mit einem guten Verhältnis zwischen uns beiden.

Playboy: Wird der palästinensische Staat demokratisch? Könnten Sie sagen, wie Sie die Demokratie verstehen?
Arafat: Selbstverständlich, Palästina wird ein demokratischer Staat sein. Unser Demokratieverständnis ist in der Charta/Unabhängigkeitsdeklaration dargestellt. Ich denke, dass es sich hierbei um eines der zivilisiertesten und modernsten Dokumente dieser Art auf der ganzen Welt handelt.

Playboy: Welche Art der Machtausübung spricht Ihnen eher zu – der Parlamentarismus oder die Präsidialdemokratie?
Arafat: Wir werden gleichzeitig ein Parlament und ein Präsidialsystem haben. Wie die Amerikaner.

Playboy: Können Sie sagen, wie die voraussichtlichen Beziehungen des palästinensischen Staates, von dem Sie sprechen, mit dem Vatikan, mit Polen, mit Russland, mit der Tschechei, mit Ungarn aussehen werden?
Arafat: Es werden gute Beziehungen sein. Polen hat mit uns bereits zusammengearbeitet. Dort hat man uns ähnlich wie Ungarn oder Russland bei der Bildung unterstützt – es wird uns auch weiterhin geholfen. Ich habe die Hoffnung, dass diese Zusammenarbeit eine Fortentwicklung erfahren wird. Wir werden sie auch bei der Gründung eines unabhängigen Staates brauchen.

Playboy: Wie lang wird die Übergangszeit sein? Wann wird die Unabhängigkeit Palästinas offiziell erklärt?
Arafat: Im Sommer 1994 werden wir die Diskussion über die endgültige Autonomieform aufnehmen, und in zwei, drei Jahren werden wir diese dann endgültig verwirklichen.

Playboy: Was ist gut und was ist schlecht am sozialen Gefüge – global betrachtet?
Arafat: Schlecht ist der Druck. Gut ist die Zusammenarbeit zwischen den Menschen. Das Abdrängen der Menschen an die Armutsgrenzen ist schlecht. Die Hilfe, die den armen Völkern durch die reichen gewährt wird, ist gut.

Playboy: Was ist Ihrer Ansicht nach die größte Gefahr für unsere Zivilisation?
Arafat: Es gibt nicht explizit nur eine Zivilisation. Die Völker, die eine Zivilisation erschaffen konnten, sollten diese auch behüten und in Anlehnung an die modernen technologischen Errungenschaften entwickeln. Man darf nicht passiv sein.

Playboy: Was denken Sie in diesem Zusammenhang über ökologische Gefahren?
Arafat: Alle Völker sollten in dem Bereich des Umweltschutzes zusammen arbeiten, um den Reichtum der Erde vor der Zerstörung zu schützen und überleben zu können.

Playboy: Wie wird Ihre Organisation finanziert, wenn es kein Geheimnis ist? Wie sieht Ihr Haushalt aus?
Arafat: Die Einkommen der Palästinenser, wenn sie irgendwo arbeiten, werden mit fünf bis sieben Prozent besteuert. Darüber hinaus erhielten wir von den arabischen Ländern gemäß einer Konferenzentscheidung – Gipfeltreffen – finanzielle Hilfe, welche vor vier Jahren eingestellt wurde. Gegenwärtig stehen uns die selber erwirtschafteten Mittel zur Verfügung.

Playboy: Was ist für Sie Politik? Arbeit? Passion? Pflicht? Vergnügen?
Arafat: Die Politik ist Institution, Vision, Pragmatismus, Kunst der Vorausschau und die Fähigkeit, Ziele zu erreichen. Die Arbeit für diese Ziele ist eine schmerzhafte Last, jedoch sind die daraus resultierenden Ergebnisse eine unsagbare Genugtuung.

Playboy: Auf welche Art und Weise erholen Sie sich meistens?
Arafat: Ich habe nicht allzu viel Zeit für die Erholung. Manchmal sehe ich mir Zeichentrickfilme an und höre arabische klassische Musik. Ich jogge gerne – vor allen Dingen mag ich aber das Lesen.

Playboy: Was lesen Sie?
Arafat: Alles. Außer Dokumente und Akten – jeden Abend vor dem Schlafengehen muss ich etwas lesen, wenn es auch nur eine Zeitung ist.

Playboy: Was bedeutet Freiheit für Sie?
Arafat: Ein freier Mensch darf denken, was er will und wie er will, seine Gedanken in der ihm genehmen Form ausdrücken und so verfahren, wie es ihm sein Gewissen aufzeigt, unter der Bedingung, dass die Freiheitsgrenzen eines anderen Menschen nicht berührt werden.

Playboy: Herr Präsident, was fühlen Sie zu diesem historischen Zeitpunkt auf Ihrem Weg nach Washington?
Arafat: Ich bin stolz darauf, dass es zu einem Abkommen gekommen ist; ich bin stolz auf das gesamte palästinensische Volk.

Playboy: Wird es in einem demokratischen palästinensischen Staat die Möglichkeit geben, den Playboy in arabischer Sprache herauszugeben?
Arafat: Warum nicht?
 

Biographie

Ikone des Nahen Ostens

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Leben
Jassir Arafat, 1929 geboren, beschäftigte sich als Student (Elektrotechnik) mit jüdischer Kultur, engagierte sich aber auch in der palästinensischen Nationalbewegung. 1948 nahm er am Krieg gegen Israel teil, 1957 gründete er die Fatah, von 1968 an war er PLO-Vorsitzender. 1988 erkannte Arafat Israel indirekt an, in Folge des Autonomieabkommens (1993) kehrte er nach 27 Jahren Exil nach Palästina zurück. 2000 scheiterte er in Camp David bei Verhandlungen um die Schaffung eines palästinensischen Staates. 2004 starb Arafat an den Folgen einer Gehirnblutung.

Status
Kämpfer und Politiker

Sonstige Leistungen
Friedensnobelpreis (1994), verheiratet seit 1990, eine Tochter

Krzysztof Mroziewicz, Stanislaw Trzcinski