interview

Loriot

Danke fürs Gelächter, Vicco von Bülow

Er war der Chef-Humorist der Deutschen – auf seine Sketche konnten sich alle einigen. Jetzt ist der große Loriot gestorben. Nachruf und Verbeugung zugleich: Die besten Ausschnitte des einzigen Playboy-Interviews mit Loriot – anno März 1988

 
         | Mehr
 

 

Da gab es nichts zu lachen: ein Kaffee, ein Käsebrötchen in Cellophan – das war Loriots Notverpflegung bei diesem Playboy-Interview. Zweimal die Mittagspause in der Kantine der Bavaria-Filmstudios in München-Geiselgasteig: Zum Kauen und Schlucken kam er kaum ... Interview-Diät Marke Loriot als Variante des deutschen Arbeitsessens.
Aber sonst hatte er noch weniger Zeit zum Reden: der Schnitt seines ersten Kinofilms „Ödipussi“ – Premiere: 10. März – blockierte ihn. In seinem 65. Lebensjahr steigt der Talent-Multi Bernhard Victor „Vicco“ Christoph-Karl von Bülow aus Brandenburg in Preußen, längst exiliert am oberbayrischen Starnberger See, eine weitere Stufe in seiner zwerchfellerschütternden Karriere auf: zum Film-Macher. Der Zeichner, Sketch-Schreiber, Sofa-Moderator, Grotesk-Mimiker, Erfinder der deutschen Knollennasen-Nation, Trickfilmer, Prominenten-Imitator, Tier-Vater der Fernseh-Viecher Wum und Wendelin, der brillante Opernregisseur, macht seinem Wappenvogel, dem Pirol (französisch: „loriot“) alle Ehre: Er legt uns ein Ei nach dem anderen ins Nest.
Kein anderer komischer Vogel der Nation findet so einhellig Zustimmung im Gelächter wie Loriot. Raimund le Viseur machte sich in den Kantinengesprächen mit dem aristokratischen Preußen auf die Suche nach dem Geheimnis dieses Phänomens: Denn, so „Grzimeks Tierleben“: „Der Pirol ist trotz seines auffälligen Äußeren nur wenigen Menschen bekannt ...“
 
 

Interview

Auszüge aus dem Playboy-Interview März 1988

Ein offenes Gespräch mit dem Mann, der die Kunst beherrscht, uns alle zum Lachen zu bringen, ohne sich über einen von uns lustig zu machen

Playboy: Wie ist es bei Ihnen? Worüber können Sie lachen?
Loriot: Über eine sehr ernste Situation, die in der Emotion sehr hoch angesiedelt ist und sich plötzlich als sehr klein erweist. Wenn der Zufall etwas Hohes zum Einsturz bringt. Große Würde ... Staatsaktionen ... tiefer Ernst ... und plötzlich erweisen sich diese Dinge als brüchig.

Playboy: Bitte nennen Sie ein Beispiel!
Loriot: Das fällt mir so schnell nicht ein. Doch: Ich war einst Komparse an der Stuttgarter Oper – Krieger in Aida. Die vier Träger, die den Feldherrn Radames auf die Bühne schleppen mussten, hatten sich jeden Abend schwarz anzumalen. Diese Farbe war sehr schwer wieder zu entfernen. Da diese Träger von rechts auf die Bühne gingen, also ihre linke Seite dem Zuschauer zuwandten, dachten sich einige von ihnen: Es genügt doch, dass ich nur die eine Seite schwarz mache – die, die dem Publikum zugewandt ist. Dann marschierten sie rein, hatten aber völlig außer Acht gelassen, dass sie Radames in der Mitte der Bühne mit dem Gesicht zum Publikum absetzen mussten. Das hatte dann überraschende Folgen.

Playboy: Wie ist das ­­­– sehen Sie jede Situation, jede Begegnung Ihres Lebens aus der Distanz schon auf ihre komische Möglichkeit an?
Loriot: Es ist nicht so, dass ich jede Situation im Hinterkopf auch als komisch sehe. Ich beobachte und lebe wie jeder andere. Was sich im Laufe der Jahrzehnte herausbildete, ist eine bestimmte Art des Gedächtnisses. Situationen, die an mir scheinbar vorübergingen, setzten sich fest – ohne, dass ich mir besondere Mühe geben muss, mir das zu merken. Dann kommt der Moment vor dem leeren Blatt Papier. Dann sind diese Situationen alle abrufbereit.

Playboy: Sie sind also ein Mann, der Humor gewissermaßen am Reißbrett erarbeitet, konstruiert, entwickelt?
Loriot: Das gilt für jede Art der Unterhaltung. Nehmen wir eine Figur des Entertainments, die ich am meisten liebe – Fred Astaire als Tänzer. Wenn man ihn in einem Film sieht, in dem er gewissermaßen die Schwerkraft verliert, wenn er alle Gegenstände um sich herum zu seinen eigenen Körperteilen macht – was, meinen Sie, ist da spontan? Nichts! Das ist ganz, ganz harte Arbeit. Ich glaube nicht an Improvisation. Auch nicht an sprachliche Improvisation.

Playboy: Ist das nicht für Sie privat ein Problem? Wenn Sie auf eine Party gehen, erwarten dann nicht die meisten Gäste von Ihnen ständig das Klipp-Klapp der Pointen?
Loriot: Das glaube ich nicht. Meine Sketche sind ja nicht auf eine sehr pointierte Sprachkomik ausgelegt. Es sind Situationen, in denen Menschen ganz normal reden. Da ergibt sich erst aus einem Gespräch eine gewisse Absurdität. Es sind keine kabarettistischen Pointen. Man könnte nach keinem meiner Sätze Tata-tata-tata blasen. Ich spüre keinen Druck, unbedingt komisch zu sein zu müssen. Ein Arzt, der in Gesellschaft ist, braucht ja auch nicht zu befürchten, noch bei Tisch einen Blinddarm rausnehmen zu müssen.

Playboy: Das Sofa wurde bei Ihnen fast ein externes Organ. Ist das Sofa nicht eine Art Symbol für eine Lebenshaltung? Sind, vom Sofa aus gesehen, alle anderen Menschen für Sie Narren und alles auf Erden nur ein Spaß?
Loriot: Natürlich nicht. Das Leben hier auf der Erde, ob man es nun religiös betrachtet oder nicht, ist eine ernste Angelegenheit. Dafür gibt es einfach zuviel Not und zuviel Trauer. Nur: Es ist nun mal so, dass alles Leben auch seine komischen Seiten hat. Ich würde aber nicht sagen, dass die Grundkonzeption komisch ist. Das würde meiner religiösen Vorstellung widersprechen.

Playboy: Sind Sie ein melancholischer Mensch?
Loriot: Ich bin Realist. Ich bin schwer zu Begeisterungsstürmen zu veranlassen. Aber ich neige überhaupt nicht zu Depression. Das hat mit einer gewissen Distanz zu tun. Ich wirke wohl manchmal unbeteiligt. Aber ich merke sehr genau, was passiert, leide genauso wie jeder andere auch. Vielleicht habe ich die Möglichkeit, ein bisschen abzugrenzen, etwas gar nicht erst an mich heran zu lassen.

Playboy: Haben Vater oder Mutter bei Ihnen Anteil an Ihrer Art des Wesens und Ihrer Art des Humors?
Loriot: Sehr! Mein Vater hatte als preußischer Offizier einen unglaublichen Sinn für Komik und Witz. Nicht für den erzählten Witz, sondern für das Witzige schlechthin, obwohl er ein sehr ernster Mensch war: sehr religiös, ein großer Moralist, ein sehr guter Pädagoge. Er hat mein Leben sehr geprägt. Man kann fragen: Wo ist denn da der Platz für das Komische? Mein Vater sah das Komische immer sehr genau. Nur war er sehr entschieden, den Unernst nur bis zu einer Grenze an sich herankommen zu lassen. Hätte jemand seine religiöse Überzeugung in die Nähe eines Witzes gebracht, er hätte sehr unangenehm und sehr deutlich reagiert. Es freut mich, davon erzählen zu können, weil man im Allgemeinen den preußischen Junker und Offizier für humorlos hält. Das stimmt sicher nicht. Sie brauchen nur in den Simplicissimus zu gucken, der von vorn bis hinten Witze über das Offizierskorps und die Kirche enthält. Was viele nicht wissen: Diese Witze preußischer Offiziere stammten von diesen selbst. Die schickten das an die Redaktion in München, Thöny, Gulbransson, Th. Th Heine griffen es auf und machten nur ihre Zeichnungen dazu.

Playboy: Welcher preußische Offizierswitz erscheint Ihnen denn spontan am komischsten?
Loriot: Sagt ein Offizier zum anderen: „Also, Sie haben ja ein ganz entzückendes Frollein Braut!“ Sagt der andere: „Finden Se? Mir jefällt se nich.“

Playboy: Was darf Satire?
Loriot: Natürlich darf Satire alles. Sie muss sogar alles dürfen. Es bleibt dem einzelnen überlassen, wie weit er meint, die Grenzen seines Taktgefühls abstecken zu müssen.

Playboy: Sie waren schon Professor Grzimek. Sie waren schon XY-Zimmermann, Löwenthal, Beethoven, Ludwig II., der Westernkiller Charles Bronson. Steckt in Ihnen ein großer Verwandlerich, ein Maskenfreak?
Loriot: Mag sein. Aber es sind oft nur winzige Veränderungen, die allerdings sehr genau sein müssen. Wenn ich mich in ein Monster verwandle, dauert das natürlich drei Stunden und ist sehr mühsam. Bei der Darstellung von Grzimek oder Löwenthal kommt es vielmehr auf die Haltung, die Ausdrucksweise, den Text, das Gehabe an.

Playboy: Eine Ihrer wahnwitzigen Masken in den Fernsehsketchen ist die mit dem hervorstehenden Gebiss. Wie kamen Sie auf diesen armen, hilflosen, irritierten Typ mit den schrecklichen Zähnen?
Loriot: Ich hatte drei verschiedene Gebisse – für die verschiedensten Sketche. Das erste bestand aus zwei überdimensionierten Hauern, vorne oben, das zweite war nur ein unregelmäßiges Gebiss, das etwas schräg im Mund saß, das dritte waren Zähne, die ein bisschen in Richtung Jerry Lewis gingen. Ich sprach darüber sehr genau mit einem Zahnarzt, der sehr gute Sachen machte, die ich mir dann in den Mund stecken konnte. Nicht statt meiner Zähne! Die kann ich nicht rausnehmen, hab ich noch alle – sondern über meine eigenen.

Playboy: Was sind nach Ihrer Meinung die speziellen Meriten oder Mängel bei führenden Fernsehhumoristen wie Otto, Hallervorden, Carell?
Loriot: Sie können nicht im Ernst annehmen, dass ich irgendeine Kritik über einen Kollegen äußere. Sie haben alle ihre Meriten und haben in den Jahrzehnten das Feld bereitet. Da gelingt und misslingt mal was. Das geht uns allen so. Jeder hat sein Publikum, das sich mal überschneidet, mal sehr getrennt ist. Es gibt eine ganze Reihe von Zuschauern, die überhaupt nicht komisch finden, was ich mache, dafür ganz auf Hallervordens Linie liegen. Und umgekehrt.

Playboy: Auch mit dieser Aussage zeigt sich, dass Sie nicht polemisch sind. Sie sind unverletzend, obwohl Sie auch schon als „genussvoller Sadist“ bezeichnet wurden.
Loriot: Die Behauptung, dass ich nicht verletze, wundert mich immer wieder. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass ich das, was ich Verletzendes zu sagen habe, in eine Form kleide, die es für viele genießbar macht. Der Zucker um die Pille. Ich weigere mich einfach zu glauben, dass meine Darstellung der Ehe wirklich unverletzend ist. Komischerweise sind Männer nie verletzt, und wenn sie noch so dämlich dargestellt werden. Weil sie immer denken: Es sind die anderen! Frauen fühlen sich oft in ihrer Eigenschaft als Frau verletzt. Sie haben wohl zuviel einstecken müssen.

Playboy: Was sagt denn Ihre Frau, wenn sie auf dem Bildschirm Szenen einer Ehe gesehen hat? Etwa: Woher hast Du das eigentlich alles? Die anderen Leute müssen ja denken, bei uns zu Hause geht’s so zu!
Loriot: Das hat sie manchmal gesagt, aber glücklicherweise nie ernst gemeint. Nur einmal war meine Schwiegermutter ein bisschen betreten: nach einer Fernsehsendung, in der ich als ältlicher Firmenchef meine ebenso ältliche Sekretärin zu verführen versuche. Das war ihr doch für mich peinlich.

Playboy: Was kaum jemand weiß – Sie sind ein hochkarätiger Spezialist in Sachen Verführung von Frauen.
Loriot: Waaas???!!! Bitte schreiben Sie diese Antwort mit drei „a“ und jeweils drei Frage- und Ausrufezeichen!

Playboy: Vor vielen Jahren interviewte Sie die junge Reporterin einer großen Frauenzeitschrift. Thema: alle Tricks, mit denen man Frauen verführt. Es ergab einen reichhaltigen Zweiteiler.
Loriot: Ich besinne mich nicht mehr darauf ... Aber ich hoffe, dass das, was ich gesagt habe, zutrifft. Die Frage: Woher ich das habe? Ebenso könnten Sie fragen: Woher habe ich, wie sich Leute in der Straßenbahn verhalten? Oder worüber sich Rentnerehepaare streiten? Da müsste ich sagen: Ich fahre nie Straßenbahn, ich bin auch nicht bei Rentnern zu Hause! Wenn man da nicht ein präzise funktionierendes Vorstellungsvermögen hat, soll man es lassen. Das bezieht sich natürlich auch auf das Verhalten Frauen gegenüber. Wobei ich damit nicht sagen möchte, dass ich keinerlei praktische Erfahrung habe ...

Playboy: Ist Humor bei der Verführung, beim Sex, in der Liebe nicht etwas Hinderlich?
Loriot: Alles, was mit dem Vorher zu tun hat, ist durchaus mit Humor unter einen Hut zu bringen. Wenn es dann zur Sache kommt, ist Humor allerdings hinderlich und eigentlich verboten. Man muss den point of no return sehr genau kennen. Ab da ist Humor von Übel.

Playboy: Sie haben vielfältige Talente, Maler, Schriftsteller, Schauspieler, Regisseur. Deutet das nicht darauf hin, dass Sie insgesamt ein Unvollendeter sind? Dass Sie Ihren eigentlichen Beruf nicht gefunden haben?
Loriot: Ganz sicher ist die humoristische, ironische Denkweise der Ausgangspunkt für alles, was ich tue. Ich glaube, dass meine Entwicklung ganz folgerichtig war: weil ich nach vielen Jahren als Zeichner meine Arbeit in einem anderen Medium fortsetzte. Ob ich nun einen Sketch in einer oder in mehreren Zeichnungen darstelle, oder ob ich ihn spiele oder im Zeichentrickfilm umsetze, ist für mich dasselbe. Darin sehe ich aber keine Unentschlossenheit. Ich sehe einfach die Verfolgung desselben Ziels mit anderen Mitteln. Ich bin bei meinen Leisten geblieben.

Playboy: Wie ironisch oder ernsthaft empfinden Sie Erfolg und Geld?
Loriot: Von einem gewissen Zeitpunkt an wurde mir das glücklicherweise gleichgültig. In der Anfangszeit jedes Menschen spielt Geld eine überdimensionale Rolle. Von dem Moment an, wo ich kein Hunger mehr hatte – und ich hatte Hunger und kein Geld nach dem Krieg! –, war mir Geld immer gleichgültig.

Playboy: Und wenn Ödipussi Sie zum Mann mit der goldenen Knollennase macht?
Loriot: Ich habe überhaupt keine Wünsche in Bezug auf meine Lebensweise. Ich möchte mir keinen Zweitsitz in irgendeinem anderen Land kaufen, ich möchte auch keine Motoryacht auf dem Mittelmeer besitzen. Was mir Spaß macht, Musik und Reisen, ist zwar alles nicht ganz billig. Aber dazu braucht man keine goldene Nase. Eigentlich wünsche ich mir nur, dass ich noch eine gewisse Zeit physisch zu dem in der Lage bin, was ich mir vorgenommen habe.

Playboy: Nennen Sie das Pflicht?
Loriot: Dieses Pflichtdenken ist bei Preußen nicht auszuschließen.

Playboy: Das reicht aber nicht mal so weit, dass Sie jeden Tag regelmäßig spazieren gehen!
Loriot: Nein. Merkwürdigerweise stehe ich mit der Pflicht, die das körperliche Wohlbefinden zum Ziel hat, immer ein bisschen auf Kriegsfuß.
 
 
 

Kommentare