Intro

Über die Kunst, alle zum Lachen zu bringen, ohne sich über einen lustig zu machen. Ein Gespräch mit dem Großmeister des deutschen Humors vom Frühjahr 1988

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Zeichner, Sketch-Schreiber, Sofa-Moderator, Grotesk-Mimiker, Erfinder der deutschen Knollennasen-Nation, Prominenten-Imitator, Wum-und-Wendelin-Schöpfer, Trickfilmer und ... Wegbereiter der Steinlaus. Bernhard Victor „Vicco“ Christoph-Karl von Bülow aus Brandenburg war ein Multitalent, ein humoresker Sprengsatz, der, wenn er hochging, nach allen Seiten austeilte und traf. Dabei aber niemals laut und in Stammtischmanier, nie rustikal, sondern fein nuanciert, präzise, mit großer Sympathie für seine Geschöpfe, mit stetem Augenzwinkern, aber auch mit Gefallen am bloßen Klamauk und einer innigen Liebe zur deutschen Sprache. Wie auch sonst gelingen eigentlich zutiefst entlarvende Wortschöpfungen wie die „Spannmuffenfederung“? Der große Loriot starb im August vergangenen Jahres. In Erinnerung wird er uns ewig bleiben. Dieses „... Das ist ja fast wie bei Loriot“, wenn man sich skurrilen Alltagssituationen gegenübersieht, zählt inzwischen zu den geflügelten Worten. Den Grandseig­neur des subtilen Frohsinns traf Ex-Playboy-Redaktionsleiter Raimund le Viseur vor fast einem Vierteljahrhundert zum Interview.
 

Interview

„Worüber ich lachen kann? Wenn der Zufall etwas Hohes zum Einsturz bringt. Große Würde, Staatsaktionen, tiefer Ernst ... Plötzlich erweisen sich diese Dinge als brüchig“

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Da gab es nichts zu lachen: ein Kaffee, ein Käsebrötchen in Cellophan – das war Loriots Notverpflegung bei diesem „Playboy“-Interview. Zweimal die Mittagspause in der Kantine der Bavaria-Filmstudios in München-Geiselgasteig: Zum Kauen und Schlucken kam er kaum ... Interview-Diät Marke Loriot als Variante des deutschen Arbeitsessens.
Aber sonst hatte er noch weniger Zeit zum Reden: Der Schnitt seines ersten Kinofilms „Ödipussi“ – Premiere: 10. März – blockierte ihn. In seinem 65. Lebensjahr steigt der Talent-Multi Bernhard Victor „Vicco“ Christoph-Karl von Bülow aus Brandenburg in Preußen, längst exiliert am oberbayerischen Starnberger See, eine weitere Stufe in seiner zwerchfellerschütternden Karriere auf: zum Film-Macher.
Der Zeichner, Sketch-Schreiber, Sofa-Moderator, Grotesk-Mimiker, Erfinder der deutschen Knollennasen-Nation, Trickfilmer, Prominenten-Imitator, Tier-Vater der Fernseh-Viecher Wum und Wendelin, der brillante Opernregisseur, macht seinem Wappenvogel, dem Pirol (französisch: „loriot“), alle Ehre: Er legt uns ein Ei nach dem anderen ins Nest.
Kein anderer komischer Vogel der Nation findet so einhellige Zustimmung im Gelächter wie Loriot. Raimund le Viseur machte sich in den Kantinengesprächen mit dem aristokratischen Preußen auf die Suche nach dem Geheimnis dieses Phänomens. Denn, so „Grzimeks Tierleben“: „Der Pirol ist trotz seines auffälligen Äußeren nur wenigen Menschen bekannt ...“


Playboy: Mit fast 65 Jahren haben Sie jetzt den ersten großen Kinofilm gemacht, Ödipussi. Mussten Sie da zunächst einen Ödipuskomplex überwinden wegen der langen Strecke – oder lockt Sie primär die goldene Nase, die man dabei davontragen kann?
Loriot: Die goldene Nase hat mich nicht gelockt – sondern das neue Medium. Das Abenteuer ist groß. Man bekommt einen gewaltigen Apparat in die Hand. Aber als Preuße zur Sparsamkeit erzogen, musste ich zunächst eine Hemmschwelle überwinden, um diesen großen Apparat zu bedienen: 40 bis 50 Mitarbeiter, rund sieben Millionen Mark ...

Playboy: Sie stehen plötzlich in einer Front mit so gegensätzlichen Leuten wie Didi Hallervorden, Otto, Gottschalk-Krüger, Polt-Hildebrandt. Im Kino machen diese großen, unterschiedlich komischen Filme enorme Kasse. Ist Humor die neue deutsche Sehnsuchtsdroge in einer miesen Zeit?
Loriot: Jedes Publikum, jedes Volk, alle Menschen wollen immer wieder gern amüsiert werden. Das hat mit schlimmen Zeiten nichts zu tun. Es gibt Länder, die eine größere Tradition auf diesem Gebiet haben: die angloamerikanischen Länder etwa. Die Deutschen gehen zwar genauso gern in komische Filme. Nur hatten wir in der Herstellung und Darstellung des Komischen schon immer Probleme. Das hat aber nichts damit zu tun, dass wir weniger Humor hätten. Wir verhalten uns nur anders in der Wertung des Humors. Die Engländer würden nie auf den Gedanken kommen, eine Komödie sei weniger wert als eine Tragödie. Bei uns gibt es andere Stellenwerte. In Deutschland müssen Literaten eine Hemmschwelle überwinden, ehe sie etwas Komisches schreiben. Der einzige große deutsche Schriftsteller, der eindeutig auf Humor setzte, war Thomas Mann. Er hielt den Humor für eines der wichtigsten literarischen Stilmittel. Thomas Mann ging dabei sehr weit – so weit, dass sogar Lungenheilstätten komisch wirken können. Ein einsames, großes Beispiel. Bei Mann gibt es überhaupt keine Situation, die nicht auch irgendwo ihre komischen Seiten hätte. Dagegen bestehen große Bedenken beim deutschen Publikum – zu zynisch! Die Deutschen sind empfindlich gegen so etwas.

Playboy: Was ist es denn überhaupt, das bei Menschen zur Schlussexplosion Gelächter führt?
Loriot: In jedem Fall die unerwartete Wendung ins Negative. Das Fehlverhalten. Ein Gelingen ist nur dann komisch, wenn das Gelingen eigentlich ausgeschlossen wurde. Der eigentliche komische Vorgang ist ganz sicher dem Misslingen näher als dem Gelingen.

Playboy: Wie ist es bei Ihnen? Worüber können Sie lachen?
Loriot: Über eine sehr ernste Situation, die in der Emotion sehr hoch angesiedelt ist und sich plötzlich als sehr klein erweist. Wenn der Zufall etwas Hohes zum Einsturz bringt. Große Würde ... Staatsaktionen ... tiefer Ernst ... und plötzlich erweisen sich diese Dinge als brüchig.

Playboy: Bitte nennen Sie ein Beispiel!
Loriot: Das fällt mir so schnell nicht ein. Doch: Ich war einst Komparse an der Stuttgarter Oper – Krieger in Aida. Die vier Träger, die den Feldherrn Radames auf die Bühne schleppen mussten, hatten sich jeden Abend schwarz anzumalen. Diese Farbe war sehr schwer wieder zu entfernen. Da diese Träger von rechts auf die Bühne gingen, also ihre linke Seite dem Zuschauer zuwandten, dachten sich einige von ihnen: Es genügt doch, dass ich nur die eine Seite schwarz mache – die, die dem Publikum zugewandt ist. Dann marschierten sie rein, hatten aber völlig außer Acht gelassen, dass sie Radames in der Mitte der Bühne mit dem Gesicht zum Publikum absetzen mussten. Das hatte dann überraschende Folgen.

Playboy: Wie ist das – sehen Sie jede Situation, jede Begegnung Ihres Lebens aus der Distanz schon auf ihre komische Möglichkeit an?
Loriot: Es ist nicht so, dass ich jede Situation im Hinterkopf auch als komisch sehe. Ich beobachte und lebe wie jeder andere. Was sich im Laufe der Jahrzehnte herausbildete, ist eine bestimmte Art des Gedächtnisses. Situationen, die an mir scheinbar vorübergingen, setzten sich fest – ohne dass ich mir besondere Mühe geben muss, mir das zu merken. Dann kommt der Moment vor dem leeren Blatt Papier. Dann sind diese Situationen alle abrufbereit. Die Arbeit an einem Einfall ist wirklich eine Konstruktion. Es gibt ganz selten den Fall, dass man etwas Komisches erlebt und dann verwenden kann. Komik lauert überall da, wo Menschen sind. Und ganz sicher auch bei Tieren: Wenn der König der Wüste gerade brüllend seine Macht darstellen möchte und dann in ein Loch tritt. Es gibt also eigentlich keine Einfälle, sondern nur die Verdeutlichung der Komik eines Sachverhaltes. Ich versuche, so nah wie möglich an der Wirklichkeit zu bleiben. Es gibt eine andere Komik, die Slapstick-Komik, die zum Beispiel von Otto bevorzugt wird. Er liebt das Undenkbare. Ich halte mich an das Denkbare.

Playboy: Sind Sie also ein Mann, der Humor gewissermaßen am Reißbrett erarbeitet, konstruiert, entwickelt?
Loriot: Das gilt für jede Art der Unterhaltung. Nehmen wir eine Figur des Entertainments, die ich mit am meisten liebe – Fred Astaire als Tänzer Wenn man ihn in einem Film sieht, in dem er gewissermaßen die Schwerkraft verliert, wenn er alle Gegenstände um sich herum zu seinen eigenen Körperteilen macht – was, meinen Sie, ist da spontan? Nichts! Das ist ganz, ganz harte Arbeit. Ich glaube nicht an spontane Dinge. Ich glaube nicht an Improvisation. Auch nicht an sprachliche Improvisation.

Playboy: Ist das nicht für Sie privat ein Problem? Wenn Sie auf eine Party gehen, erwarten dann nicht die meisten Gäste von Ihnen ständig das Klipp-Klapp der Pointen?
Loriot: Das glaube ich nicht. Meine Sketche sind ja nicht auf eine sehr pointierte Sprachkomik ausgelegt. Es sind Situationen, in denen Menschen ganz normal reden. Da ergibt sich erst aus einem Gespräch eine gewisse Absurdität. Es sind keine kabarettistischen Pointen. Man könnte nach keinem meiner Sätze Tata-tata-tata blasen. Ich spüre keinen Druck, unbedingt komisch sein zu müssen. Ein Arzt, der in Gesellschaft ist, braucht ja auch nicht zu befürchten, noch bei Tisch einen Blinddarm rausnehmen zu müssen.

Playboy: Das Sofa wurde bei Ihnen fast ein externes Organ. Ist das Sofa nicht eine Art Symbol für eine Lebenshaltung? Sind, vom Sofa aus gesehen, alle anderen Menschen für Sie Narren und alles auf Erden nur ein Spaß?
Loriot: Natürlich nicht. Das Leben hier auf der Erde, ob man es nun religiös betrachtet oder nicht, ist eine ernste Angelegenheit. Dafür gibt es einfach zu viel Not und zu viel Trauer. Nur: Es ist nun mal so, dass alles Leben auch seine komischen Seiten hat. Ich würde aber nicht sagen, dass die Grundkonzeption komisch ist. Das würde meiner religiösen Vorstellung widersprechen.

Playboy: Was erschüttert Sie tief, bewegt Sie ernst, beispielsweise im Bereich der Kunst?
Loriot: Zunächst Musik. Gehen wir von der Matthäuspassion aus. Diesen Bogen können Sie schlagen über Mozart, Beethoven bis zu Wagner. Ich möchte den sehen, der sich einmal den Ring oder Tristan unvoreingenommen ansah und nicht erschüttert wäre.

Playboy: Weinen Sie auch mal im Theater oder in der Oper?
Loriot: Ich kann nicht leugnen, dass es solche Momente gibt – sogar erwartete Momente –, weil ich ja das Stück oder die Oper kenne. Wenn sie auf den Punkt inszeniert ist und alles zeigt, was dahinter steckt, kann es sein, dass ich auch zum 20. Male erwischt werde und mir das Wasser in den Augen steht. Wagners Werke gehören zu meinen großen Lieben.

Playboy: Sie haben die Martha von Flotow in Stuttgart sehr delikat, differenziert, geistvoll, ironisch inszeniert. War das nur ein erster Schritt?
Loriot: Der nächste wird der Freischütz sein, zur Eröffnung des neuen Opernhauses in Ludwigsburg in diesem Sommer. Eine ganz schwierige Herausforderung. Danach kommen die Meistersinger in Stuttgart. Auf die ich mich auch sehr freue.

Playboy: Gibt es für Sie einen inneren Zusammenhang zwischen Trauer und Komik, Melancholie und Lachen?
Loriot: Ja. Obwohl ich mich dagegen wehre, dass jede Komik auch tragisch sein müsse. Nur sind Komik und Tragik natürlich benachbart – beides hat mit dem Misslingen zu tun.

Playboy: Sind Sie eher ein melancholischer Mensch?
Loriot: Ich bin Realist. Ich bin schwer zu Begeisterungsstürmen zu veranlassen. Aber ich neige überhaupt nicht zu Depressionen. Das hat mit einer gewissen Distanz zu tun. Ich wirke wohl manchmal unbeteiligt. Aber ich merke sehr genau, was passiert, leide genauso wie jeder andere auch. Vielleicht habe ich die Möglichkeit, ein bisschen abzugrenzen, etwas gar nicht erst an mich heranzulassen.

Playboy: Haben Vater oder Mutter bei Ihnen Anteil an Ihrer Art des Wesens und Ihrer Art des Humors?
Loriot: Sehr! Mein Vater hatte als preußischer Offizier einen unglaublichen Sinn für Komik und Witz. Nicht für den erzählten Witz, sondern für das Witzige schlechthin, obwohl er ein sehr ernster Mensch war: sehr religiös, ein großer Moralist, ein sehr guter Pädagoge. Er hat mein Leben sehr geprägt. Man kann fragen: Wo ist denn da der Platz für das Komische? Mein Vater sah das Komische immer sehr genau. Nur war er sehr entschieden, den Unernst nur bis zu einer Grenze an sich herankommen zu lassen. Hätte jemand seine religiöse Überzeugung in die Nähe eines Witzes gebracht, er hätte sehr unangenehm und sehr deutlich reagiert. Es freut mich, davon erzählen zu können, weil man im Allgemeinen den preußischen Junker und Offizier für humorlos hält. Das stimmt sicher nicht. Sie brauchen nur in den Simplicissimus zu gucken, der von vorn bis hinten Witze über das Offizierskorps und die Kirche enthält. Was viele nicht wissen: Diese Witze über preußische Offiziere stammten von diesen selbst. Die schickten das an die Redaktion in München. Thöny, Gulbransson, Th. Th. Heine griffen es auf und machten nur ihre Zeichnungen dazu.

Playboy: Welcher preußische Offizierswitz erscheint Ihnen denn spontan am komischsten?
Loriot: Sagt ein Offizier zum anderen: „Also, Sie haben ja ein janz entzückendes Follein Braut!“ Sagt der andere: „Finden Se? Mir jefällt se nicht.“

Playboy: Sie waren 1986 in Ihrer Geburtsstadt Brandenburg, im Herzen Preußens. Gibt es inzwischen eine Teilung der Nation in Sachen Humor?
Loriot: Überhaupt nicht. Nur sind die Themen teilweise ein bisschen anders. Es gibt spezielle Dinge, über die man hier lacht, und andere Dinge, über die man dort lacht: zum Beispiel über alles, was mit der wirtschaftlichen Situation zu tun hat. Über bestimmte Mangelerscheinungen, das Nichtvorhandensein von Ersatzteilen, mangelnde Qualität in bestimmten Artikeln der Baubranche ... In der DDR würde ich einen Sketch, in dem ein Autoverkäufer verzweifelt versucht, seinen Wagen zu verkaufen, nicht bringen. Dort würde dem Mann natürlich der Wagen aus den Händen gerissen.

Playboy: Humor im bundesdeutschen Fernsehen – gibt’s den überhaupt? Oder ist das ein schrecklich unterernährtes Kind?
Loriot: Nein, gar nicht! Die Bereitschaft ist groß beim Publikum – und bei den Sendern. Die Bereitschaft bei den Autoren leider nicht so, dass sie den Bedarf decken könnten. In der literarischen Landschaft Deutschlands wird der Humor von Seiten der Literaten mehr als Stiefkind angesehen.

Playboy: Geht in den Sendern die Angst um, man könne jemanden verletzen?
Loriot: Ich glaube nicht. Oder: nur bei politisch-satirischen Sendungen. Jeder Abteilungsleiter möchte nicht gern, dass sein Stuhl wackelt. Wenn er deutlich zu einer Seite tendiert, muss er damit rechnen, dass die andere Seite irgendwann Schwierigkeiten macht. Daraus entsteht die Forderung nach „Ausgewogenheit“. Jeder an verantwortlicher Stelle sollte seine eigene politische Meinung – verdammt noch mal! – runterschlucken und einfach danach entscheiden, was komisch oder treffend ist. Wenn es mal ganz gegen seine politische Meinung ginge, müsste er es dennoch machen können! An dieser Stelle hakt es ein bisschen. Da sind wir korrekturbedürftig.

Playboy: Speziell das Bayerische Fernsehen brilliert ja gelegentlich durch Abschalten – vor allem bei Dieter Hildebrandt und Gerhard Polt. Warum muss das so sein?
Loriot: Das frage ich mich auch. Ich fand dieses Verhalten sehr ungeschickt. Gänzlich unnötig. Und auch der Sache schädlich.

Playboy: Hatten Sie je Schwierigkeiten?
Loriot: Niemals.

Playboy: Warum eigentlich nicht?
Loriot: Wahrscheinlich, weil man mir anmerkt, dass ich nicht parteipolitisch gebunden bin, sondern die absurde Verhaltensweise eines Politikers von rechts und von links genauso sehe. Da mache ich nicht den geringsten Unterschied.

Playboy: Warum verkohlen Sie nie gezielt Herrn Kohl, Herrn Vogel, Herrn Genscher, Herrn Strauß?
Loriot: Das ist nicht mein Beruf. Ich bin kein politischer Karikaturist oder Satiriker. Ich bin Humorist. Mich interessieren die menschlichen Verhaltensweisen. Die sind wirklich an kein politisches Lager gebunden. Es würde mich sehr stören, wenn man glaubte, ich sähe das Komische nur in einer bestimmten politischen Richtung. Denn dann ginge es mir ja nicht um typisch menschliches Verhalten, sondern um die Usancen einer Partei. Und das möglicherweise auch nur in einem bestimmten Zeitabschnitt. Das interessiert mich überhaupt nicht. Ich habe – zeichnerisch und auch vom Text her – Strauß, Wehner, Schmidt, Brandt karikiert. Aber: Da sah ich bei jedem die typischen Verhaltensweisen dieses Berufs. Mich berührt es sehr unangenehm, wenn ich merke, dass politische Satire sich ausschließlich gegen eine bestimmte andere Meinung richtet.

Playboy: Was darf Satire?
Loriot: Natürlich darf Satire alles. Sie muss sogar alles dürfen. Es bleibt dem einzelnen überlassen, wie weit er meint, die Grenzen seines Taktgefühls abstecken zu müssen.

Playboy: Ihr Produzent Horst Wendlandt sagte: „Der Film ist für den Humoristen viel freier als das Fernsehen!“
Loriot: Natürlich ist der Film freier. Nur war dies für mich nicht der Grund, weil ich im Fernsehen niemals den geringsten Beschränkungen ausgesetzt war. Der Film bietet sehr viel größere technische Möglichkeiten.

Playboy: Sie waren schon Professor Grzimek. Sie waren schon XY-Zimmermann, Löwenthal, Beethoven, Ludwig II., der Westernkiller Charles Bronson. Steckt in Ihnen ein großer Verwandlerich, ein Maskenfreak?
Loriot: Mag sein. Aber es sind oft nur winzige Veränderungen, die allerdings sehr genau sein müssen. Wenn ich mich in ein Monster verwandle, dauert das natürlich drei Stunden und ist sehr mühsam. Bei der Darstellung von Grzimek oder Löwenthal kommt es vielmehr auf die Haltung, die Ausdrucksweise, den Text, das Gehabe an.

Playboy: Eine Ihrer wahnwitzigsten Masken in den Fernsehsketchen ist die mit dem hervorstehenden Gebiss. Wie kamen Sie auf diesen armen, hilflosen, irritierten Typ mit den schrecklichen Zähnen?
Loriot: Ich hatte drei verschiedene Gebisse – für die verschiedensten Sketche. Das erste bestand aus zwei überdimensionierten Hauern, vorne oben, das zweite war nur ein unregelmäßiges Gebiss, das etwas schräg im Mund saß, das dritte waren Zähne, die ein bisschen in Richtung Jerry Lewis gingen. Ich sprach darüber sehr genau mit einem Zahnarzt, der sehr gute Sachen machte, die ich mir dann in den Mund stecken konnte. Nicht statt meiner Zähne! Die kann ich nicht rausnehmen, hab ich noch alle – sondern über meine eigenen.

Playboy: Was sind nach Ihrer Meinung die speziellen Meriten oder Mängel bei führenden Fernsehhumoristen wie Otto, Hallervorden, Carrell?
Loriot: Sie können nicht im Ernst annehmen, dass ich irgendeine Kritik über einen Kollegen äußere. Sie haben alle ihre Meriten und haben in den Jahrzehnten das Feld bereitet. Da gelingt und misslingt mal was. Das geht uns allen so. Jeder hat sein Publikum, das sich mal überschneidet, mal sehr getrennt ist. Es gibt eine ganze Reihe von Zuschauern, die überhaupt nicht komisch finden, was ich mache, dafür ganz auf Hallervordens Linie liegen. Und umgekehrt.

Playboy: Auch mit dieser Aussage zeigt sich, dass Sie nicht polemisch sind. Sie sind unverletzend, obwohl Sie auch schon als „genussvoller Sadist“ bezeichnet wurden.
Loriot: Die Behauptung, dass ich nicht verletze, wundert mich immer wieder. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass ich das, was ich Verletzendes zu sagen habe, in eine Form kleide, die es für viele genießbar macht. Der Zucker um die Pille. Ich weigere mich einfach zu glauben, dass meine Darstellung der Ehe wirklich unverletzend ist. Komischerweise sind Männer nie verletzt, und wenn sie noch so dämlich dargestellt werden. Weil sie immer denken: Es sind die anderen! Frauen fühlen sich oft in ihrer Eigenschaft als Frau verletzt. Sie haben wohl zu viel einstecken müssen.

Playboy: Was sagt denn Ihre Frau, wenn sie auf dem Bildschirm Ihre Szenen einer Ehe gesehen hat? Etwa: Woher hast das eigentlich alles? Die anderen Leute müssen ja denken, bei uns zu Hause geht’s so zu!
Loriot: Das hat sie manchmal gesagt, aber glücklicherweise nie ernst gemeint. Nur einmal war meine Schwiegermutter ein bisschen betreten: nach einer Fernsehsendung, in der ich als ältlicher Firmenchef meine ebenso ältliche Sekretärin zu verführen versuche. Das war ihr doch für mich peinlich.

Playboy: Was kaum jemand weiß – Sie sind ein hochkarätiger Spezialist in Sachen Verführung von Frauen.
Loriot: Waaas???!!! Bitte schreiben Sie diese Antwort mit drei „a“ und jeweils drei Frage- und Ausrufezeichen!

Playboy: Vor vielen Jahren interviewte Sie die junge Reporterin einer großen Frauenzeitschrift. Thema: alle Tricks, mit denen man Frauen verführt. Es ergab einen reichhaltigen Zweiteiler.
Loriot: Ich besinne mich nicht mehr darauf ... Aber ich hoffe, dass das, was ich gesagt habe, zutrifft. Die Frage: Woher ich das habe? Ebenso können Sie fragen: Woher habe ich, wie sich Leute in der Straßenbahn verhalten? Oder worüber sich Rentnerehepaare streiten? Da müsste ich sagen: Ich fahre nie Straßenbahn, ich bin auch nicht bei Rentnern zu Hause! Wenn man da nicht ein präzise funktionierendes Vorstellungsvermögen hat, soll man es lassen. Das bezieht sich natürlich auch auf das Verhalten Frauen gegenüber. Wobei ich damit nicht sagen möchte, dass ich keinerlei praktische Erfahrung habe ...

Playboy: Ist Humor bei der Verführung, beim Sex, in der Liebe nicht etwas Hinderliches?
Loriot: Alles, was mit dem Vorher zu tun hat, ist durchaus mit Humor unter einen Hut zu bringen. Wenn es dann zur Sache kommt, ist Humor allerdings hinderlich und eigentlich verboten. Man muss den point of no return sehr genau kennen. Ab da ist Humor von Übel.

Playboy: Sie haben vielfältige Talente, Maler, Schriftsteller, Schauspieler, Regisseur. Deutet das nicht darauf hin, dass Sie insgesamt ein Unvollendeter sind? Dass Sie Ihren eigentlichen Beruf nicht gefunden haben?
Loriot: Ganz sicher ist die humoristische, ironische Denkweise der Ausgangspunkt für alles, was ich tue. Ich glaube, dass meine Entwicklung ganz folgerichtig war: weil ich nach vielen Jahren als Zeichner meine Arbeit in einem anderen Medium fortsetzte. Ob ich nun einen Sketch in einer oder in mehreren Zeichnungen darstelle oder ob ich ihn spiele oder im Zeichentrickfilm umsetze, ist für mich dasselbe. Darin sehe ich aber keine Unentschlossenheit. Ich sehe einfach die Verfolgung desselben Ziels mit anderen Mitteln. Ich bin bei meinem Leisten geblieben.

Playboy: Wie ironisch oder ernsthaft empfinden Sie Erfolg und Geld?
Loriot: Von einem gewissen Zeitpunkt an wurde mir das glücklicherweise gleichgültig. In der Anfangszeit jedes Menschen spielt Geld eine überdimensionale Rolle. Von dem Moment an, wo ich keinen Hunger mehr hatte – und ich hatte Hunger und kein Geld nach dem Krieg! –, war mir Geld immer gleichgültig.

Playboy: Und wenn Ödipussi Sie zum Mann mit der goldenen Knollennase macht?
Loriot: Ich habe überhaupt keine Wünsche in Bezug auf meine Lebensweise. Ich möchte mir keinen Zweitsitz in irgendeinem anderen Land kaufen, ich möchte auch keine Motoryacht auf dem Mittelmeer besitzen. Was mir Spaß macht, Musik oder Reisen, ist zwar alles nicht ganz billig. Aber dazu braucht man keine goldene Nase. Eigentlich wünsche ich mir nur, dass ich noch eine gewisse Zeit physisch zu dem in der Lage bin, was ich mir vorgenommen habe.

Playboy: Nennen Sie das Pflicht?
Loriot: Dieses Pflichtdenken ist bei Preußen nie auszuschließen.

Playboy: Das reicht aber nicht mal so weit, dass Sie jeden Tag regelmäßig spazieren gehen!
Loriot: Nein. Merkwürdigerweise stehe ich mit der Pflicht, die das körperliche Wohlbefinden zum Ziel hat, immer ein bisschen auf Kriegsfuß.

Biographie

Der lustigste Deutsche

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Leben
1154. Nein, das ist nicht Loriots Geburtsjahr. Bis dahin aber lässt sich die Ahnenreihe der von Bülows, alter Landadel, zurückverfolgen. „Vicco“ stieß erst 1923 hinzu. Nach dem Zweiten Weltkrieg (Eisernes Kreuz, Oberleutnant) erfand er die Knollennasenmännchen, bekam kleine Rollen beim Film und schuf Wum. Mit dem sang er „Ich wünsch mir ne kleine Miezekatze“ – ein Chartstürmer. Mit „Loriots sauberer Bildschirm“ begann schließlich die Legendenbildung. Sie dauerte bis zum 22.8.2011 fort, seinem Todestag.

Status
Größter anzunehmender Humorist

Sonstige Leistungen
Drehte „Ödipussi“ und „Pappa ante Portas“, wirkte als Opernregisseur

Raimund le Viseur