Männergipfel . Harald Martenstein, Klaas Heufer-Umlauf und Simon Verhoeven gaben uns Antwort

Generationengespräch

Wie geht es dem deutschen Mann 2012 - sexuell, intellektuell und überhaupt? Wenn sein Zentralorgan Playboy 40 wird, muss die Frage auf den Tisch. Der Autor Harald Martenstein, TV-Unterhalter Klaas Heufer-Umlauf und Filmemacher Simon Verhoeven gaben uns Antwort. Ein Gipfelgespräch über romantische Liebe, Prügel und Porno, Heldenväter und Gartenmöbel

I read the articles

Männergipfel

Generationengespräch

alles anzeigen

Bild 1 von 4

  • »Mein Männerbild war eine Mischung aus Rudi Carrell, Benjamin Blümchen und Bret >The Hitman< Hart« Klaas Heufer-Umlauf

    »Mein Männerbild war eine Mischung aus Rudi Carrell, Benjamin Blümchen und Bret >The Hitman< Hart« Klaas Heufer-Umlauf

  • »Vor 68 gab es eine ausgeprägtere Doppelmoral. Deswegen kommt’s einem heute wilder vor« Harald Martenstein

    »Vor 68 gab es eine ausgeprägtere Doppelmoral. Deswegen kommt’s einem heute wilder vor« Harald Martenstein

  • »Heute gibt’s fast keine uncoolen Leute mehr. Eigentlich furchtbar« Simon Verhoeven

    »Heute gibt’s fast keine uncoolen Leute mehr. Eigentlich furchtbar« Simon Verhoeven

  • Team Männergipfel: Die Playboy-Kollegen Mareike Opitz, Philip Wolff und Lucas Vogelsang mit den Herren Verhoeven, Heufer-Umlauf und Martenstein. Kalte Getränke, heiße Themen: Alles kam auf den Tisch - nur ein Aschenbecher fehlte. Dafür rauchten die Köpfe

    Team Männergipfel: Die Playboy-Kollegen Mareike Opitz, Philip Wolff und Lucas Vogelsang mit den Herren Verhoeven, Heufer-Umlauf und Martenstein. Kalte Getränke, heiße Themen: Alles kam auf den Tisch - nur ein Aschenbecher fehlte. Dafür rauchten die Köpfe

Es ist ein Fest mit vielen Ausrufezeichen, das Playboy in diesem Jahr feiert. Aber beim Resümieren und Rückblicken mischen sich auch ein paar Fragezeichen darunter: Wie geht es uns großen Jungs 2012 eigentlich wirklich? Wir baten die Vordenker dreier Generationen an einen Tisch: Moderatorentalent Klaas Heufer-Umlauf, 28, den Adorno der unter 30-Jährigen. Filmemacher Simon Verhoeven, knapp 40, berühmt durch seine „Männerherzen“-Kinoerfolge. Und Harald Martenstein, 58, „Zeit“-Kolumnist und Schriftsteller, den zurzeit wichtigsten Gedankenordner der Republik. Eine Runde mit Wumms, wie sich schnell herausstellt, als wir die Herren in Berlin-Friedrichshain zum Interview treffen. Man versteht sich auf Anhieb. Eine rauchen, über Fußball reden, sich gemeinsam wie alte Kumpel aufs Sofa fläzen. Uns Männern geht es prächtig an diesem Morgen ...

Playboy: Herr Martenstein, als der deutsche Playboy das erste Mal erschien, waren Sie 18. Haben Sie die Gelegenheit genutzt?
Martenstein: Ehrlich gesagt, nicht. Ich habe damals „Konkret“ gelesen. Da waren zwar auch Mädchenfotos drin, aber das Blatt war so unglaublich links und so unglaublich politisch, dass man das beim Durchblättern gar nicht gemerkt hat.

Playboy: Wie kamen Sie mit Playboy in Kontakt?
Martenstein: Mein Vater hatte den manchmal. Und dann natürlich über diesen großartigen Hefner, über den ich auch mal was geschrieben habe. Über sein fantastisches Lebensmodell, sieben Freundinnen zu haben und an einem bestimmten Wochentag immer in die gleiche Bar zu gehen. Einmal in der Woche seine sieben Freundinnen zum Essen einzuladen in ein Restaurant, das sie auswählen dürfen. Und wenn ihn eine verlässt, was naturgemäß hin und wieder vorkommt, die sechs übrigen Freundinnen eine Nachfolgerin suchen zu lassen.
Verhoeven: ... und jedes Mal in die gleiche Höhle zu gehen, in den gleichen Swimmingpool! Also, ich würde da nicht so gern schwimmen, ehrlich gesagt.
Martenstein: Aber es sagt einiges über die männlichen Sehnsüchte aus, dieses Hefner-Leben. Einerseits Beständigkeit und Übersichtlichkeit, die Dinge im Griff zu haben. Und gleichzeitig eben doch auch ein gewisses Maß an Abwechslung.

Playboy: Der Begriff Lebemann ist ja heute ein bisschen anders besetzt als früher. Finden Sie das schade?
Heufer-Umlauf: Ich glaube, dass das sogenannte Lebemann-Image in eine Ecke gebracht wurde, in der man selber nicht stehen möchte. Man hat es ein bisschen verkommen lassen. Früher gab es Gunter Sachs, den man aufrichtig bewundern konnte - auch wenn einzelne Dinge, die er gemacht hat, nicht immer so schlau und moralisch einwandfrei waren. Aber er hat Haltung bewahrt und einen gewissen Stil geprägt. In solcher Gesellschaft fühlt man sich nicht so unwohl, wie wenn man sich mit Michael Ammer in eine Ecke stellt, der vielleicht momentan als Lebemann gilt.
Verhoeven: Aber ich glaube auch, wenn du heute Lebemann bist, ist es eigentlich scheißegal. Es gibt so viele verschiedene Lebensmodelle. Du kannst heiraten, du kannst schwul sein, du kannst zehn Kinder kriegen, du kannst durch die Welt reisen und hedonistisch herumvögeln. Aber es ist nicht so, dass du deshalb verpönt bist wie früher, als es für einen Mann noch klare Modelle gab.

Playboy: Hat es der Mann heute leichter als in den 70er-Jahren?
Martenstein: Also, in gewisser Weise hat der Mann es wahrscheinlich in den 70er-Jahren leichter gehabt. Weil er noch nicht so stark in Frage gestellt wurde und sich über viele Dinge keine Gedanken machen musste, über die man sich heute Gedanken macht. Und das Männliche ist noch nicht so negativ besetzt gewesen, wie es das heute stellenweise ist. „Typisch männlich“ ist ja inzwischen eher eine Negativ-Charakterisierung. Das war in den 70er-Jahren weniger der Fall.

Playboy: Heute sollen Männer sich mehr um die Kinder kümmern, im Kreißsaal dabei sein, kochen können, aber gleichzeitig sollen sie auch im Beruf erfolgreich sein. Spüren Sie Leistungsdruck?
Martenstein: Die Frauen sagen ja oft, die Männer können sich nicht entscheiden, die Männer flüchten immer. Aber sie binden sich bloß immer später und wollen nicht so richtig mitmachen, weil sie überfordert sind. Überfordert davon, plötzlich alle alten Rollen und die neuen Rollen gleichzeitig spielen zu müssen. Das schafft keiner. Wahnsinnig sensibel und kooperativ und an allem beteiligt zu sein, dann aber in den richtigen Momenten auch viril und vielleicht sogar dominant zu sein - das ist wie eine Autofahrt, bei der du abwechselnd Vollgas geben und auf die Bremse treten sollst.
Heufer-Umlauf: In meiner Generation stellt sich diese Frage nicht mehr. Es ist nicht so, dass man aus irgendwas ausbrechen muss, man muss sich weder in die eine noch in die andere Richtung emanzipieren, auch als Mann nicht. Diese Gleichberechtigung war von meinem Tag eins auf dieser Erde an da. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass es gesellschaftlich insgesamt eine Entwicklung hin zur absoluten Individualisierung gibt, ganz unabhängig von Männern und Frauen. Dass jeder seinen Weg geht, so wie er das für richtig hält.
Verhoeven: Diese Freiheit ist aber auch der Grund, warum wir überhaupt so ein Gespräch führen - und um das gleich mal festzuhalten: Ich finde es generell eine großartige Zeit fürs Mannsein! Diese Freiheit bedeutet ja nicht nur Verunsicherung, sondern dass einem Möglichkeiten offenstehen. Ganz banal formuliert: Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich nicht zu einer Generation von Männern gehöre, die in den Krieg mussten oder was auch immer. Sondern dass ich die Zeit bekommen habe rumzuspinnen. Vielleicht spinnt man dann auch zu lange oder zu sehr. Aber das ist ein großes Geschenk, sich ausprobieren zu dürfen.

Playboy: Führt diese Entscheidungsfreiheit auch dazu, dass Männer später erwachsen werden?
Verhoeven: In meinem Fall mit Sicherheit. Ich werde jetzt 40, diese Zahl muss ich zwangsläufig mit mir in Verbindung bringen, aber ich habe sehr lange das Privileg genossen, einfach so zu leben, als sei ich Anfang 20.

Playboy: Herr Martenstein, sind Sie eigentlich manchmal genervt von diesen ganzen 30-, 40-Jährigen um Sie herum, die alle nicht erwachsen werden wollen?
Martenstein: Na ja, erwachsen werden will doch keiner, oder? Ich auch nicht. Wenn man unter Erwachsenwerden versteht, dass man nur noch die ernsten Seiten des Lebens sieht und nicht mehr rumspielt, dann ist vielleicht Jopi Heesters auch nie erwachsen geworden. Nö, das nervt mich überhaupt nicht.

Playboy: Wo wir schon mal dabei sind: Was heißt das überhaupt, erwachsen sein?
Verhoeven: Verantwortung übernehmen. Verlässlich sein. Dass das, was man verspricht, eine andere Art von Gültigkeit hat als vielleicht mit 17.
Martenstein: Du kreist nicht nur um dich selbst. Wenn du erwachsen bist, dann hast du ein Bezugssystem um dich herum. Leute, die auf dich angewiesen sind oder auf die du angewiesen bist. Du bist in einem Geflecht drin, aus dem du - und das ist das Unangenehme am Erwachsensein - nicht mehr so einfach rauskommst. In dem Moment, in dem du nicht mehr sagen kannst, ich schmeiße mein Zeug in den Koffer, und morgen bin ich irgendwo 5000 Kilometer weit weg, bist du wahrscheinlich erwachsen.

Playboy: Herr Heufer-Umlauf, wie ist das bei Ihnen mit dem Erwachsenwerden? Ihre Generation führt ein Leben, das wirkt wie eine ewige Klassenfahrt.
Heufer-Umlauf: Ich weiß, was Sie meinen. Ich denke auch immer, irgendwann klopft mal ein Typ mit einer großen Abrechnung, so ein Gasableser des Lebens, und sagt: So, das war’s, genug Quatsch gemacht. Jetzt bitte erwachsen werden.

Playboy: Führt dieses Jungs-Bleiben zu einem Verschwinden der traditionellen Männlichkeit?
Verhoeven: Viele Männer wirken heute einfach jünger, weil fast alle modischer sind als früher. Damals gab’s ja noch Nerds, die angezogen haben, was Mama ihnen rauslegte. Heute gibt es fast keine uncoolen Leute mehr in unserer Generation. Das ist eigentlich furchtbar.
Heufer-Umlauf: Nur noch Meta-Uncoole, absichtlich Uncoole. Wenn du heute als Nerd aus dem Haus gehst, hast du nicht einfach irgendwas an, sondern du ziehst dir extra was an, damit du so aussiehst, als hättest du dir keine Gedanken gemacht.
Verhoeven: Heute ist alles ein stilistisches Statement. In den 80ern gab es noch Unbeteiligte, die sich nicht auskannten. Heute muss jeder sein Auftreten steuern.
Heufer-Umlauf: Du musst dich im Netz mit einem Profil präsentieren, das sich jeder angucken kann. Und wenn da ein Foto drauf ist, das nicht so ganz cool ist, dann hast du schon ein Problem. Früher musstest du nur vernünftige Klamotten anhaben und auf dem Schulhof irgendwie zusehen, dass du nicht hinfällst.
Verhoeven: Wie harmlos ich aufgewachsen bin! Auch wenn man an das Thema Pornografie denkt, das gehört ja genauso zur Männlichkeit. Ich weiß noch, dass wir mit 13 bei uns im Fußballverein eine VHS-Pornokassette hatten. Jede Woche hat die einer mitgenommen und dann weitergereicht. Als ich die dann endlich mal hatte, musste ich warten, bis meine Eltern aus dem Haus waren, weil ich die ja in den Videorekorder einlegen musste. Was das für ein Ereignis war für mich! Ich war schweißgebadet und fand das wahnsinnig aufregend. Wenn man das mit dem vergleicht, was jungen Männern heute an erotischem Bildmaterial im Netz zur Verfügung steht, wann immer sie wollen, das ist schon irre. Und krank.
Heufer-Umlauf: Als ich 14 war, ging es mit dem Internet los. Wie sagt man so schön? Porn crashed my computer. Also, das Ding war kaum noch zu gebrauchen.
Verhoeven: Hat dich das nachhaltig beschädigt?
Heufer-Umlauf: Das werde ich sehen, wenn ich irgendwann Bilanz ziehe. Aber man nimmt natürlich erst mal alles, was man kriegen kann. Das hättest du genauso gemacht, wenn du damals nicht nur diese eine Kassette gehabt hättest.
Verhoeven: Klar, ich hätte mich verloren im Porno-Strudel! Aber das Schöne ist: Egal, welche großen technologischen oder psychologischen Veränderungen stattfinden, ich glaube, dass der Mensch trotzdem immer wieder das Bedürfnis hat, romantisch zu sein. Diese Werte werden gegen so eine Zeit verteidigt. Noch mehr als in den Siebzigern vielleicht, wo das Romantischsein eher out war als jetzt.

Playboy: Dürfen Männer heute eher romantisch sein als früher?
Verhoeven: Das ist ja eine recht neue Erfindung, Liebesheiraten waren ja nicht der Standard in der Menschheitsgeschichte. Deshalb denke ich, dass Romantik immer noch ein großer Wert ist heute. Dass man sagen kann: Die gehört zu mir.

Playboy: Sind Männer denn für Monogamie gemacht?
Verhoeven: Also, biologisch gesehen sicherlich nicht. Psychologisch auch nur bedingt. Aber wir haben ja auch ein Gehirn. Wir können Entscheidungen treffen. Es ist ja nicht so, dass man wie ein Hund auf alles draufspringt.
Martenstein: So groß sind die Unterschiede zwischen damals, vor einigen Jahrzehnten, und heute gar nicht. Der Unterschied ist, dass es vor 1968 eine viel ausgeprägtere Doppelmoral gegeben hat. Die Menschen, egal, ob Männer oder Frauen, sind ja in der Regel nie so monogam gewesen, wie es den Anschein hatte. Man hat nur nicht darüber gesprochen. Und heute sind alle möglichen Lebensmodelle irgendwie legitim oder akzeptabel, da muss nicht mehr so viel unter der Decke bleiben. Deswegen kommt einem das heute vielleicht ein bisschen wilder vor als vor 50 Jahren.

Playboy: Sind heute, vielleicht weil sie sich freier fühlen, wesentlich mehr deutsche Männer mit ihrem Sexualleben zufrieden als vor einigen Jahrzehnten? Dass sie zufriedener sind, zeigt unsere repräsentative Sex-Umfrage (ab Seite 68).
Verhoeven: Sie sind vielleicht zufriedener, weil sie weniger verstecken müssen ...
Heufer-Umlauf: ... auch was die sexuelle Orientierung angeht. Die Homosexualität zum Beispiel wird weder mehr noch weniger geworden sein in den vergangenen Jahrzehnten. Aber heute kann man eher links oder rechts abbiegen. Das ist doch eine tolle Entwicklung. Jeder, der sich mit 14, 15 denkt, ha, ich glaube, ich habe da eine andere Vorstellung als einige meiner Klassenkameraden - der erzählt das, und gut ist’s.

Playboy: Wann haben Sie drei eigentlich das letzte Mal so einen richtigen Männer-Marlboro-Moment gehabt?
Verhoeven: Also, ich habe mich männlich gefühlt, als ich neulich Gartenmöbel aufgebaut habe. Es war so, dass irgendwas nicht so richtig geklappt hat, und meine Freundin hat mit größtem Staunen beobachtet, wie ich auf dem Balkon hoch angestrengt drei Stunden lang schweißüberströmt mit diesem Ding kämpfe. Aber es war dann ein Sieg. Wenn ich da irgendwann gesagt hätte, ich schaff das nicht, das wäre eine Katastrophe gewesen für mich.

Playboy: Ein Kastrationsmoment?
Heufer-Umlauf: Das ist ein bisschen so eine drastische Umschreibung dessen, was man vielleicht mal hier und da erlebt im normalen Alltag. Das sind so typische Sachen. Also, ich interessiere mich zum Beispiel überhaupt nicht für Fußball. Und mir ist es auch scheißegal, ob in der Champions League ...
Verhoeven: (lachend) ... Du bist kein Mann! Du bist kein Mann!!!
Heufer-Umlauf: Das ist genau das Problem. Ich habe wirklich aktiv probiert, Fußballfan zu werden, habe Sky zu Hause, habe das alles immer geguckt und festgestellt: Es interessiert mich einfach nicht. Ich habe viele Fußballfans um mich herum, die ich cool finde, und ich ärgere mich oft, weil ich da gern mitmachen würde. Aber es geht leider nicht. Woran ich allerdings wirklich Spaß habe, ist Boxen. Ich würde mich nur niemals dazusetzen in diesen Golden Circle. Dieses ganze Drumherum ist mir ein bisschen zu asozial, und dieses vermeintlich Verruchte, wo dann aber doch wieder nur Boris Becker neben Heiner Lauterbach sitzt, das interessiert mich nicht. Stattdessen tatsächlich eher die Technik des Kampfs, das Sportliche.
Verhoeven: Aber es ist schon spannend, dass das so ein großer gesellschaftlicher Event ist, wenn zwei Männer aufeinander einhauen. Ein Fernseh-Top-Ereignis - in einer Zeit, in der Männer gleichzeitig angehalten sind zu lernen, wie man stillt. Wo wir so domestiziert sind. Also, das Bild des Mannes heute ist schon aus sehr unterschiedlichen Vorstellungen gespeist.

Playboy: Aber wenn man jetzt mal Muhammad Ali mit den Klitschkos vergleicht oder im Fußball die Effenbergs und Sammers mit den heutigen Lahms und Götzes: Ist es nicht so, dass heute eher domestizierte Jungs dominieren?
Verhoeven: Ich finde ja, ehrlich gesagt, dass die jetzige Generation, jedenfalls beim FC Bayern München oder bei der Nationalmannschaft, auch durchaus etwas Altmodisches hat. Typen wie Thomas Müller, Philipp Lahm, Mats Hummels, auch Schweinsteiger, Badstuber und Manuel Neuer: Das sind schon geradlinige, kernige Persönlichkeiten. Die hätten auch 1954 in Bern mitspielen können.
Martenstein: Die haben heute, im Gegensatz zu Spielern vor 20 Jahren, einen Medienberater, der sie brieft, der ihnen sagt, wie du dich präsentierst, welche Reizworte du besser vermeidest. Dadurch erscheinen die glatter und mehr als brave Bubis. Ich glaube, dass man seltsamerweise vor 30 Jahren mehr über die Leute erfahren konnte als heute, wo an jeder Ecke 20 Kameras stehen. Man wusste damals gar nicht, wie man sich verkaufen soll. Dadurch erschienen einem die Leute eher als Originale.
Verhoeven: Heutzutage sind die ja 24 Stunden am Tag unter Beobachtung. Ich kriege alle fünf Minuten ein Update davon, ob Philipp Lahms Knie kratzt oder was auch immer.

Playboy: Halten wir fest: Die Medien liefern ein sehr weichgezeichnetes Männerbild. Herr Martenstein, erzählen Sie uns von Ihrem letzten besonders männlichen Moment?
Martenstein: Das fällt mir wirklich schwer, weil ich gar nicht genau weiß, was das ist, so ein männlicher Moment. Wenn ich Holz hacke? Vielleicht weil physische Kraft ja zweifellos noch als männliches Refugium gilt. Im Durchschnitt sind Männer größer und kräftiger. Aber ansonsten - ich weiß nicht. Die meisten Sachen sind ja menschlich. Aggressivität zum Beispiel. Ich finde das immer lustig, wenn ich höre, dass Aggressivität oder Gewalt was spezifisch Männliches sein soll. Also, ich habe schon so viele aggressive Frauen erlebt, ich glaube nicht daran.
Verhoeven: Wenn man die Mordrate nimmt, dann schon.
Martenstein: Ich glaube, der Giftmord ist eine weibliche Spezialität. Der wird viel schwerer entdeckt. Also: Es ist eine andere Art von Aggressivität.
Heufer-Umlauf: Ein moderner männlicher Moment kann auch sein, wenn deine Freundin auf dem Sofa einschläft abends, und du trägst sie ins Bett und legst sie hin. Wenn du sie auf dem Arm hast und dir das einigermaßen leichtfällt, das kann ein liebevoller männlicher Moment sein.
Verhoeven: Und du weißt, umgekehrt wäre es schwer möglich.
Heufer-Umlauf: Und auch komisch, wenn man so kurz wach wird und merkt, dass die Freundin einen ins Bett trägt.

Playboy: Wieder ein Kastrationsmoment?
Heufer-Umlauf: Das wäre einer, da muss man sehr aufpassen und immer schwere Gewichte in den Taschen haben abends auf dem Sofa.
Verhoeven: Mir fällt nur ein Kastrationsmoment ein. Als ich 13 war, hat meine Mutter mich vor meiner Traumfrau, Ariane hieß die, im McDonald’s gefragt, ob ich Pipi machen muss. Das werde ich nie vergessen. Das war die Hölle.
Heufer-Umlauf: Ich bin ja gelernter Friseur, was auch nicht unbedingt als wahnsinnig männlich gilt. Aber das mit einem Selbstverständnis zu machen und allen Klischees zu trotzen und zu sagen, ist mir doch egal, ich mach das jetzt, weil ich auf die Sache Lust habe: Das ist so ähnlich wie zu sagen, ich mache jetzt mal Elternzeit. Das wird, glaube ich, in einer modernen Weise auch als sehr männlich wahrgenommen.

Playboy: Wer waren denn die klassischen Männerhelden Ihrer Kindheit und Jugend?
Verhoeven: Ein Colt für alle Fälle.
Martenstein: Winnetou und Old Shatterhand.
Heufer-Umlauf: Und alle WWF-Catcher.
Verhoeven: Aber Wrestling war für dich nur Show, oder hast du das ernst genommen?
Heufer-Umlauf: Da war ich so klein, dass das wirklich funktioniert hat. Ich kann mich daran erinnern, dass meine Eltern einfach froh waren. Die sind dann weggegangen und haben gesagt, ja, soll er sich angucken, wie sich die Typen Gartenstühle auf den Kopf hauen, davon wird er schon nicht verstört werden. Mein Männerbild war wirklich eine Mischung aus Rudi Carrell, Benjamin Blümchen und Bret „The Hitman“ Hart. Das deckt eigentlich das Spektrum ab, in dem ich groß geworden bin.

Playboy: Waren Ihre Väter starke Identifikationsfiguren für Sie?
Heufer-Umlauf: Riesig. Zu jeder Zeit, in fast jeder Lebenslage. Man fühlt sich ja als Kind immer total sicher und weiß, egal, was draußen ist, wenn Papa da ist, dann wird das schon werden. Ich kann mich noch sehr genau erinnern, als ich wegen irgendwas Angst hatte und mir zum ersten Mal klar wurde: Wenn jetzt sechs Leute kommen, zu allen Türen und Fenstern rein, dann schafft der das auch nicht. Der ist auch nicht Superman. Das hat ihn mir auf eine andere Art umso näher gebracht, als Mensch ohne diesen Heiligenschein.
Verhoeven: Für mich ist mein Vater auch heute noch das größte Vorbild. Ich kann mich zum Beispiel erinnern, da war ich zehn oder so, da waren wir mit dem Auto unterwegs und sehen plötzlich, wie eine Frau verprügelt wird auf der Straße. Das war für mich ein Schock. Da ist mein Vater hingefahren, und ich hatte total Schiss, weil ich jetzt dachte, oh Gott, wenn der jetzt hier aussteigt! Und dann ist er ausgestiegen, und der Typ ist abgehauen. Das ist definitiv etwas, das ich als Vorbild sehe: dass man sich in so einer Situation nicht aus Angst wegduckt. Ich weiß nicht, ob ich dem immer so gerecht werden würde.
Heufer-Umlauf: Aber das will man trotzdem. Mein Vater lebt nicht mehr, aber ich probiere immer, ihm gerecht zu werden. Ich habe es geliebt, wenn er in seinem Maßanzug von der Arbeit kam, weil er so cool aussah, und er hat mit mir zweimal in der Woche die Tageszeitung gelesen, mir alles erklärt und gesagt, so viele Leute verstehen die erste Seite der Tageszeitung nicht, so einer wirst du nicht. Egal bei welcher Entscheidung denke ich noch heute: Wie hätte er das wohl gemacht?
Martenstein: Für mich ist mein Großvater wichtiger gewesen als mein Vater, weil meine Eltern relativ früh geschieden wurden und ich zum großen Teil bei meinen Großeltern aufgewachsen bin. Ich habe diesen Großvater sehr geliebt, das war ein wunderbarer Mann, und gleichzeitig wusste ich auch, weil meine Großmutter ihm das im Streit oft vorgeworfen hat, dass er im Krieg Dinge gemacht hatte, wie deutsche Soldaten sie eben getan haben. Mit diesem Widerspruch bin ich schwer fertig geworden. Ich konnte das Problem nur lösen, indem ich einen Roman geschrieben habe über diese Generation von Männern, die als Verlierer und als Verbrecher heimkamen, die aber gleichzeitig wunderbare Seiten hatten.
Verhoeven: Das waren einfach menschliche Schicksale in einer schwierigen Zeit, und ich wage nicht, mir anzumaßen zu wissen, wie ich mich damals verhalten oder entwickelt hätte. Wir leben heute tatsächlich in einer großartigen, freien Zeit. Und wenn ich dazu noch etwas Leichtes sagen darf: Ich habe bei meinem Vater auch den Playboy kennen gelernt, mein Vater hat ihn gesammelt. Das war für mich wie ein heiliger Schrank. Deswegen habe ich so eine frühkindliche tiefe Bindung an den Playboy. Ich sehe noch jetzt die Titelbilder vor mir.
Heufer-Umlauf: Bei uns kam auch einmal im Monat so ein eingeschweißtes Heft mit einem Löschblatt drauf. Dann kamen alle meine Kumpel, Nils, Ole, alle, die da gewohnt haben, und wir haben uns das irgendwo in einer Ecke angeguckt.

Playboy: Sie kennen sich also aus. Welche Dinge muss ein Mann in seinem Leben gemacht haben?
Verhoeven: So wie Baum pflanzen, Haus bauen, Kind zeugen?
Heufer-Umlauf: Das sind ja nur Metaphern. Die konkreten Dinge, die dahinterstehen, sind mittlerweile andere.
Verhoeven: Also beim Thema Kind bin ich voll dabei. In meinem Leben war das ein unerwarteter, großer Punkt.
Martenstein: Ich glaube, aufs Kind können wir uns einigen. Mein Leben wäre ohne Kind viel, viel ärmer. Und ich glaube, es gehört auch so etwas wie Beziehungsfähigkeit dazu. Also, zu einem oder mehreren Menschen im Laufe des Lebens wirklich eine tiefe Beziehung aufzubauen, eine, die nicht ständig zur Diskussion steht.
Heufer-Umlauf: Das entspricht dem Hausbauen.
Martenstein: Ja, richtig, vielleicht - dass man sich bindet.
Verhoeven: Heiraten!
Martenstein: Es muss ja nicht heiraten sein.
Verhoeven: Ich finde zu heiraten in letzter Zeit echt wieder einen schönen Gedanken ...
Heufer-Umlauf: Ich hätte Angst vor der Party - allein schon die Einladungen zu verschicken! Aber man kann’s natürlich machen wie Iffi Zenker und Klausi Beimer: ein Fest der Liebe im „Akropolis“.
Martenstein: Richtig, die „Lindenstraße“ ist auch etwas, was wir generationenübergreifend kennen!
Heufer-Umlauf: Wer war der Coolste da?
Verhoeven: Ich kann mich noch an Til als Jo Zenker erinnern. Wenn, dann würde ich den Til nehmen.
Martenstein: Ich fand diesen Taxifahrer gut, der sich dann irgendwann abgesetzt hat.
Heufer-Umlauf: Das war Andy Zenker, Jos Vater. Aber es gab auch noch Klausi Beimer, der erst Nazi und dann Vegetarier wurde.
Martenstein: Als ob das nicht gleichzeitig ginge.
Heufer-Umlauf: Nein, der Coolste ist natürlich Dr. Dressler. Der lässt sich von verschiedenen Frauen seit 20 Jahren durch die Lindenstraße schieben. Wie der das hinkriegt, weiß wirklich kein Mensch.
 

Mareike Opitz, Philip Wolff, Lucas Vogelsang