Marcus H. Rosenmueller & Thomas Mueller

Marcus H. Rosenmüller & Thomas Müller

Die Provinz im Herzen, die Weltkarriere im Blick: Fußball-Star Thomas Müller und Regisseur Marcus H. Rosenmüller über Humor, Rebellion, ihre Lebensphilosophie und was das alles mit ihrer bayerischen Heimat zu tun hat

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„Von diesem ,Mia san mia‘ distanziere ich mich. I bin i, wer sonst?“
Marcus H. Rosenmüller

„Ohne eigenen Witz macht das Leben keinen Spaß. So viel steht fest“
Thomas Müller

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  • „Ich red schon gern dumm daher – und manchmal hört es sich vielleicht superschlau an.“

Kicker aus Pähl

Thomas Müller entwickelte seine speziellen motorischen Fähigkeiten („Man findet keinen Spieler, der ähnlich komisch spielt wie ich“) im 2000-Einwohner-Dorf Pähl am Ammersee, 50 Kilometer südlich von München. Mit elf wechselte er zum FC Bayern,  ist u. a. zweimaliger Deutscher Meister, Champions-League-Sieger, WM-Torschützenkönig – und seit drei Jahren glücklicher Ehemann. All das mit 23 Jahren. Was da noch kommen soll? Ex-Coach Heynckes meint: Müller müsse nicht zum Weltfußballer gewählt werden. Nicht dieses Jahr. Denn: „Müller wird die kommenden Jahre noch mehrmals ausgezeichnet.“

    „Ich red schon gern dumm daher – und manchmal hört es sich vielleicht superschlau an.“

    Kicker aus Pähl
    Thomas Müller entwickelte seine speziellen motorischen Fähigkeiten („Man findet keinen Spieler, der ähnlich komisch spielt wie ich“) im 2000-Einwohner-Dorf Pähl am Ammersee, 50 Kilometer südlich von München. Mit elf wechselte er zum FC Bayern, ist u. a. zweimaliger Deutscher Meister, Champions-League-Sieger, WM-Torschützenkönig – und seit drei Jahren glücklicher Ehemann. All das mit 23 Jahren. Was da noch kommen soll? Ex-Coach Heynckes meint: Müller müsse nicht zum Weltfußballer gewählt werden. Nicht dieses Jahr. Denn: „Müller wird die kommenden Jahre noch mehrmals ausgezeichnet.“

Das Traditionswirtshaus „Großmarkthalle“ am Schlachthof in München. Es heißt, Münchens beste Weißwürste gebe es nur hier. Marcus H. Rosenmüller, 39 („Wer früher stirbt ist länger tot“), erscheint überpünktlich mit einem beschwingten Grinsen, sagt „Ich bin der Rosi“ und bestellt ein alkoholfreies Bier. Thomas Müller, 23, verspätet sich etwas, Termine! Medien, Sponsoren, alle wollen gerade etwas von ihm. Dann aber: Handshaking zwischen zwei bayerischen Volkshelden, die sich in der Kunst verstehen, sich selbst nicht allzu wichtig zu nehmen. Zwei humorige Typen aus der Gegend südlich von München, beide mit dem Ehrgeiz zur Weltkarriere – und einem innigen Verhältnis zur Heimat.

Playboy: Herr Rosenmüller, der FC Bayern hat Geschichte geschrieben. Wäre das Triple auch ein geeigneter Stoff für einen Rosenmüller-Film?
Rosenmüller: Für eine fiktionale Geschichte brauchst du ein großes Drama. Jetzt gibt es zwar grad eins mit dem Präsidenten Hoeneß, aber allein der sportliche Erfolg, da fehlt mir die dramaturgische Dynamik. Ein Fußballspiel passiert in diesem einen Augenblick, und es ist auch nur in diesem einen Moment spannend. Am nächsten Tag ist selbst bei einem Champions-League-Finale wie zwischen Bayern und Dortmund die Luft raus. Ich glaube, mehr als ein Fußballspiel live mitzuerleben geht dramaturgisch nicht.

Playboy: Jedenfalls sind die Bayern, alias FC Hollywood, der Fußballclub in Deutschland mit dem größten dramatischen Potenzial. Haben Sie eine Erklärung, warum?
Müller: Es gibt immer genug Theater.
Rosenmüller: Weil die Presse dafür arbeitet, dass es so ist. Ich finde eh, dass zu viel Hype gemacht wird. Ich halte die Vorbildfunktion des Fußballs für wichtig, dass die Kinder animiert werden, selber zu spielen. Ich hasse es, dass man sich jedes Spiel daheim am Fernsehen anschauen kann. Ich werde Sky immer boykottieren, da geht es mir viel zu viel ums Geld. Als Deutschland mal gegen Österreich gespielt hat, sind vorher die Kinder im McDonald’s-Trikot aufgelaufen. Fürchterlich, dafür gehören alle abgewatscht. Eine aufgeblasene Inszenierung der Wichtigkeit.
Müller: Ich hoffe, dass es zu meiner Zeit nicht mehr so weit kommen wird, dass der Kameramann in der Halbzeit in der Kabine drinsteht. Wenn du beim DFB-Pokalfinale drei Minuten zu spät aus der Kabine gehst, steht der Mann vom Fernsehen schon da und macht Druck: Jetzt aber schnell, wir müssen, das Fernsehen wartet. Oder andersrum: Wir müssen noch drei Minuten warten, bis die Werbung durchgelaufen ist. Das regt mich auf, auch wenn ich indirekt natürlich davon profitiere. Es soll schon noch um den Sport gehen. Wenn es nur noch Theater ist, dann können wir auch Wrestling machen.

Playboy: Meine Herren, können Sie uns das viel zitierte bayerische Selbstverständnis „Mia san mia“ erklären?
Rosenmüller: Von diesem „Mia san mia“ distanziere ich mich.

Playboy: Warum?
Rosenmüller: Weil ich das nicht brauch. Immer dieses „Mia san mia“-Schreien ist, als ob ich genau damit ein Problem habe. Ich brauch es nicht betonen. Das ist doch eh klar. I bin i, wer sonst?

Playboy: Warum muss ausgerechnet der FC Bayern derart selbstsuggestiv auftreten, der den deutschen Fußball sowieso seit Jahrzehnten dominiert?
Müller: Das ist doch nur ein Zeichen, dass man an sich glaubt. Marketing eben.
Rosenmüller: Es ist ja kein verkehrter Satz, wenn man ihn ernst nimmt. Ich geh meinen Weg, mich interessiert nicht, was die Außenstehenden denken. Das ist die lyrische Qualität dieses Satzes.
Müller: Ich mach mein Ding!

Playboy: Ob CSU oder der FC Bayern, sie alle haben das „Mia san mia“-Klischee sehr stark penetriert. Gibt es eine Art urbayerisches Selbstvertrauen, um mit Niederlagen und Erfolgen umzugehen?
Rosenmüller: Wo kommt der Satz überhaupt her? Das würde uns weiterhelfen.
Müller: Wir san wir, wir san stärker wia die Stier, wir san stärker wia de Bam, wei ma echte Kramperl san!
Rosenmüller: Stimmt ja, da geht’s über uns Burschen in Hausham!
Müller: Eh klar!
 

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  • „Wir waren keine ganz Wilden, aber auch keine ganz Braven. Es hat keine Revolution gebraucht.“

Filmer aus Hausham

Marcus H. Rosenmüller entwickelte sein Auge für die Skurrilitäten und Abgründe seiner bayerischen Heimat in der 8000-Seelen-Gemeinde Hausham in der Nähe des Schliersees. Er studierte an der renommierten Hochschule für Fernsehen und Film in München und schaffte 2006 mit dem Kino-Hit „Wer früher stirbt ist länger tot“, einer schwarzhumorigen Heimatkomödie, den Durchbruch. Es folgten u. a. „Schwere Jungs“ (2007), „Sommer in Orange“ (2011) und „Wer’s glaubt, wird selig“ (2012). Rosenmüller ist verheiratet und hat eine Tochter. Größter Kinoerfolg: „Wer früher stirbt ist länger tot“ (Szene mit Sepp Schauer, Markus Krojer, Hans Schuler, v. l.) war Rosenmüllers Durchbruch.

    „Wir waren keine ganz Wilden, aber auch keine ganz Braven. Es hat keine Revolution gebraucht.“

    Filmer aus Hausham
    Marcus H. Rosenmüller entwickelte sein Auge für die Skurrilitäten und Abgründe seiner bayerischen Heimat in der 8000-Seelen-Gemeinde Hausham in der Nähe des Schliersees. Er studierte an der renommierten Hochschule für Fernsehen und Film in München und schaffte 2006 mit dem Kino-Hit „Wer früher stirbt ist länger tot“, einer schwarzhumorigen Heimatkomödie, den Durchbruch. Es folgten u. a. „Schwere Jungs“ (2007), „Sommer in Orange“ (2011) und „Wer’s glaubt, wird selig“ (2012). Rosenmüller ist verheiratet und hat eine Tochter. Größter Kinoerfolg: „Wer früher stirbt ist länger tot“ (Szene mit Sepp Schauer, Markus Krojer, Hans Schuler, v. l.) war Rosenmüllers Durchbruch.

Playboy: Sie beide kommen vom Dorf, aus dem Süden Münchens. Zwischen Hausham am Schliersee und Pähl am Ammersee liegen keine 80 Kilometer. Hatten Sie beide eine glückliche Kindheit?
Müller: Bis 18 habe ich in Pähl gewohnt. Sehr schöner Ort, natürlich ländlich geprägt, aber alles da, was man braucht. Ich habe mich super wohlgefühlt. Und das Schöne ist, wenn ich heimkomme, dann gibt es ganz normale Gespräche, und es dreht sich nicht alles um den Triple-Sieger. Das sind keine Fans, die irgendwas wollen, sondern Freunde, Nachbarn, Bekannte. Ich kenne die alle.

Playboy: Nie rebelliert gegen die engen Moralvorstellungen auf dem Land?
Müller: Nein, überhaupt nicht. Ich war ja schon Ausreißer. Im Gegensatz zu meinen Kumpels, die noch viel enger mit der Region verwurzelt sind, war ich der, der mit 13 täglich im Zug nach München gefahren ist. Meine Devise war: Wenn ich bei Bayern spielen will, muss ich in München trainieren. Dann mach ich das halt.
Rosenmüller: Ich hatte eine sehr freie Kindheit und eine lustige Jugend. Viele Freunde – in meiner Straße haben 30 Jugendliche, alle in meinem Alter, gewohnt – und daneben gleich die Wälder. Das war super. Wir haben ständig Fußball gespielt, und ab einem gewissen Alter bist du mal nach Rosenheim gefahren oder irgendwann nach München. Was ja ein Witz war. Wir sind ins „Zic-Zac“ an der Ramersdorfer Ausfahrt, haben ein Bier bestellt und sind dann wieder zurück. Und dann haben wir überall erzählt, wir waren in München feiern. Wir waren keine ganz Wilden, aber auch keine ganz Braven. Es hat keine Revolution gebraucht.
Müller: Was ich gut finde am Land ist der Zusammenhalt. Wenn man den Nachbarn per du kennt und nicht, wenn in der Wohnung nebenan jemand gestorben ist, und vier Wochen später merkt man es erst. Ich weiß jetzt nicht, ob das was mit dem Land zu tun hat, aber ich kenne jetzt nicht viele, die bei mir im Dorf geschieden sind.

Playboy: Wie konservativ sind Sie beide?
Müller: Fifty-fifty.
Rosenmüller: Ja, so würde ich es auch sagen. Das ist immer wieder ein Thema in mir selbst. Wo ruhst du dich jetzt aus auf dem Gegebenen und traust dich nicht mehr raus, was Neues auszuprobieren. Es gibt genügend Sachen, wo ich sehr konservativ bin. Das Familienleben zum Beispiel, bei mir ein sehr bürgerliches.
Müller: Sonntag ist der Tag des Herrn (lacht).
Rosenmüller: Ich geh sonntags nicht mehr in die Kirche, ich koch wahnsinnig gern. Die Kirche ist bei mir eher eine Baustelle.

Playboy: Mit dem Herrgott haben Sie es nicht so?
Rosenmüller: Mit dem Herrgott schon, aber nicht mehr mit der Kirche. Der neue Papst jedoch lässt mich hoffen, die Kirche wieder zu meiner zu machen.

Playboy: Sie sind SPD-Mitglied und Fan des FC Bayern, der bekanntlich stark mit Seehofer und der Union sympathisiert. Wie passt das zusammen?
Rosenmüller: In der Geschichte der Bayern passt das sehr wohl zusammen, wenn ich mir den ehemaligen Präsidenten Landauer (der Jude Kurt Landauer war zwischen 1913 und 1951 insgesamt 22 Jahre Präsident des FC Bayern; d. Red.) anschaue. Die Bayern waren mal ein Arbeiterverein, auch wenn das heute keiner mehr glauben mag. Er muss sich halt wieder dorthin zurückentwickeln. Dafür bin ich ja da, dass ich meinen Einfluss ausübe und die Bayern wieder auf den Pfad der Tugend führe!

Playboy: Sie sind selbst ein leidenschaftlicher Fußballer und spielen bis heute für Ihren Heimatverein Hausham. Mit Talent?
Rosenmüller: Ich habe schon alles gespielt: Mittelfeld, Sturm, Abwehr. Vom Kopf her war ich gar nicht so blöd, mit der Schnelligkeit hat’s gehapert. Ich war so langsam, dass ich unterm Laufen die Witze der Zuschauer über meinen Laufstil gehört habe. Letzten Herbst habe ich bei der Zweiten in Hausham erst wieder ausgeholfen, weil so viele im Urlaub waren. In der Jugend habe ich sicher höherklassiger gespielt als der Müller! Wir waren Kreisliga, was wart’s ihr, Kreisklasse?
Müller: Ja, stimmt.
Rosenmüller: Ich spiele immer noch wahnsinnig gern, ich bin nur mindestens zehn Kilo zu schwer. Aber ich möchte das noch einmal betonen: Der Rosenmüller hat höher gespielt als der Triple-Gewinner Müller.

Playboy: Der junge Rosenmüller spielt Fußball und der junge Müller Bauerntheater?
Müller: Nein, aber das könnte ich auf jeden Fall. Ich bin ein guter Schauspieler.
Rosenmüller: Vor allem im Strafraum, wenn du beim Elfer fällst ...
Müller: Ich dachte eher an die Werbespots.

Playboy: Die bayerische Provinz gilt gemeinhin als humorfreie Zone, in der eher Grantler daheim sind. Mit Ihnen haben zwei ausgesprochene Satiriker eine große Karriere eingeschlagen. Zufall oder Trotz?
Müller: Ohne einen eigenen Witz macht das Leben keinen Spaß. So viel steht fest. Man soll nicht alles so ernst nehmen, das ist ein bisserl meine Devise. Natürlich muss man in gewissen Situationen auch seriös sein, aber eine stilsichere Lockerheit schadet nicht. Das Verbissene hilft nicht, dann machst du dir zu viele Gedanken.
Rosenmüller: Das ist doch der ewige Kampf. Obwohl es immer um viel Geld und große Entscheidungen geht, dass du überlegst, was macht dir Spaß und wie macht es dir Spaß. Das bedeutet auch, mit wem arbeitest du, welche Schauspieler lädst du ein. Wenn du Freunde am Set hast und trotzdem seriös bist und Gas gibst, dann ist es perfekt.
Müller: Es geht nicht nur Larifari. Das geht nirgends.

Playboy: Herr Rosenmüller, wird man komisch angeschaut, wenn man in Hausham von Hollywood träumt und Filmregisseur werden will?
Rosenmüller: Vor der Aufnahmeprüfung an der Filmhochschule in München habe ich versucht, mich abzusichern für den Fall, dass es nicht klappt. Es war schon ein Massel, die meisten werden ja abgelehnt. Ich wollte eine Schreinerlehre machen, Richtung Innenarchitektur, Szenenbild. Ich wusste, dass ich zum Film oder zur Bühne mag. Ich habe mit Kabarett angefangen, Lieder und Gedichte geschrieben. Das mache ich heute noch. Und ich hatte die richtigen Vorbilder. Keine zehn Kilometer von uns hat Gerhard Polt gewohnt. Eine Humorkoryphäe, die unerreichbar ist. Das merkst du, wenn du in die gleiche Richtung tendierst. Wir hatten in Hausham einen Faschingsverein, für den ich die Büttenrede übernommen habe, und peu à peu habe ich meine Pointen verbessert. Ich konnte mich wunderbar ausprobieren.
Müller: Es ist jammerschade, dass der Rest von Deutschland oft nicht versteht, wie lustig das ist, was der Polt macht. Da geht ihnen kulturell viel verloren. Das Gleiche gilt natürlich für Rosis Filme.
 

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Playboy: Meine Herren, Sie sind zwei große Sympathieträger, die Leute lieben Sie. Wie machen Sie das?
Müller: Erfolg macht beliebt (lacht).
Rosenmüller: Thomas hilft natürlich seine unverstellte, ehrliche Art. Bei vielen Volksschauspielern wie Gustl Bayrhammer, Hans Schuler oder Sepp Schauer spielt immer viel von der eigenen Persönlichkeit mit. Da ist ganz viel Person in der Rolle mit drin. Und das macht auch die Beliebtheit vom Thomas aus, dass man immer denkt, da redet der Mensch im Interview und nicht der Fußballstar. Die Leute merken, der ist nicht abgehoben.
Müller: Wir sind ja nur Fußballer. So viel geben wir ja nicht preis, nicht so wie ein Schauspieler, der immer voll auf der Kamera ist. Die Interviews nach Spielende sind eine zweischneidige Sache. Die Reporter wollen nicht immer dein Bestes, sondern dich auch mal provozieren. Für viele Kollegen ist das nicht einfach, richtig zu reagieren, wenn sie attackiert werden. Ich habe die Erfahrung gemacht, wenn man sich so gibt, wie man ist, dann fährt man am besten. Ich bin keiner, der das Schweben anfängt und auf dicke Hose macht, nur weil er gerade Erfolg hat.

Playboy: Hat der FC Bayern je interveniert, Sie sollten Ihre kessen Sprüche doch bitte sein lassen?
Müller: Nein, ich war schon immer frech, und das bleibt auch so. Auch in der Schule habe ich ständig den Mund offen gehabt. Die Lehrer haben gesagt: „Thomas, melde dich“, weil ich immer reingeplappert habe. Schulisch war ich nicht der ganz große Held, aber bei dem Lernaufwand soll mir das mal einer nachmachen.

Playboy: Der „Spiegel“ hat über Sie geschrieben, Ihr Auftreten erinnere an eine Mischung aus Lausbub und Philosoph. Sehen Sie sich da wieder?
Müller: Der Lausbub, das stimmt schon. Den will ich mir auch bewahren. Ich bin auch irgendwie ein Zocker – nicht im Casino, wo ich das ganze Geld verjuble –, sondern ich gehe gern ein Risiko ein. Ich bin Offensivspieler, auf dem Feld versuche ich Sachen, die vielleicht gar nicht gehen können, und wenn es doch funktioniert, ist es genial. Als Verteidiger ginge das nicht.

Playboy: Und der Philosoph?
Müller: Ich red schon gern dumm daher, und manchmal hört es sich vielleicht superschlau an.

Playboy: Für viele waren Sie der Spieler des Jahres beim FC Bayern und dessen größte Identifikationsfigur. Geht Ihre eigene Identifikation mit dem Club so weit, dass Sie sagen: Ich will nie wieder weg, Angebote aus dem Ausland interessieren mich nicht?
Müller: Ja, das kann ich unterschreiben. Ich bin aber nicht naiv, ich weiß, wie schnelllebig das Fußballgeschäft ist, ich mache also keine Treuebekenntnisse, die ich dann nicht halten kann. Wenn es nach mir ginge, würde ich gern lange beim FC Bayern spielen, denn das würde heißen, dass ich sehr lange auf sehr hohem Niveau unterwegs bin. Solange ich spiele, gibt es keinen Grund, die Bayern zu verlassen. Sitze ich auf der Tribüne, sieht das schon anders aus.

Playboy: Herr Rosenmüller, ist die Hysterie im Filmgeschäft so groß wie im Fußball?
Rosenmüller: Ich finde es einen Schmarrn, wenn man dreimal Zweiter wird, zu sagen, dass man am Boden ist. So wie im vergangenen Jahr.
Müller: Das ist nur bei Bayern so. Wenn du Zweiter wirst, hast du verloren.
Rosenmüller: Aber in Wirklichkeit ist es nicht so.
Müller: Doch. Bei Bayern schon.
Rosenmüller: Für mich nicht. Und wenn ihr diesmal wieder dreimal Zweiter geworden wärt, so weiß doch jeder, dass ihr eine geile Mannschaft seid. Ich hätte später trotzdem auf eine großartige Ära zurückgeblickt. Da hätte keiner gesagt, schau, die ham gar nix zerrissen. Für mich seid ihr grandios, so oder so. In meinem Job ist es einfacher. Ich habe ein Drehbuch, und ich weiß, wie es am Ende ausgeht.
Müller: Bei dir sind es längerfristige Projekte. Bei uns ist es oft so, am Samstag warst der Buhmann, schießt du am Mittwoch ein Tor, bist du der Matador, und nächstes Wochenende wollen sie dich wieder verkaufen.
Rosenmüller: Das kann dir bei uns in dem Sinn passieren, dass ein Film total floppt, und der nächste haut dann wieder hin, und du darfst dir vorher noch anhören, dass du nichts mehr draufhast. Das passiert auch. Beim Film kann man besser einschätzen, für wen ist der jetzt. Ich liebe diese Filme „Beste Zeit“, „Beste Gegend“, und ich hoffe, dass ich „Beste Chance“ jetzt machen kann. Ich weiß natürlich, der ist so bayerisch und der ist so übers Landleben, dass der nix für Großstädter ist.
Müller: Nix für New Yorker.
Rosenmüller: Nicht mal alle Bayern interessiert der. Trotzdem finde ich es wichtig, dass der gemacht wird. Und dann sagen andere, da hast ja nur noch 250.000 Zuschauer gehabt. Das ist aber für so einen Film immens. Das musst du abhaben können.

Playboy: Wenn man so im Fokus steht wie Sie beide, wie bleibt man da man selbst?
Müller: Gute Frage. Nüchtern an die Sache rangehen und die ganze Welt, die um einen rum ist, den Fußball und die Medien, entsprechend einschätzen. Dass die gleichen, die dich hochjubeln, dich wieder in die Pfanne hauen, wenn sie nicht mehr so gut auf dich zu sprechen sind.

Playboy: Sind Sie nicht viel zu jung, um so abgeklärt zu sein?
Müller: Das Alter hat nichts damit zu tun. Es gibt nicht Junge und Alte, es gibt nur Gute und Schlechte.

Playboy: Sie haben mit 20 Ihre Freundin Lisa geheiratet, das ist heutzutage sehr selten. Warum so früh?
Müller: Ich kenne auch keinen, der so früh geheiratet hat. Ich weiß auch nicht, warum ich damals geheiratet habe. Ich hatte das Gefühl, das passt. Meine Ehe hat sportlich meinen Erfolg nicht behindert, und auch privat geht’s mir super. Im Nachhinein weiß ich, dass ich alles richtig gemacht habe. Ich habe nicht gedacht, ich bin mir sicher, mit der Frau werde ich 80. Das kannst du nicht planen. Wenn zu Hause alles in Ordnung ist, hast du einen Anker in dieser Trubelwelt. Es liegt ja auch an meinem Beruf. Wäre ich Student gewesen, hätten wir nicht heiraten können, weil wir uns gar keine gemeinsame Wohnung hätten leisten können.

Playboy: In dem Rosenmüller-Film „Beste Gegend“ geht es um die großen Pläne und die großen Gefühle, nach der Schule die Welt zu erobern. Kennen Sie das Gefühl?
Müller: Kenne ich eben nicht. Die Schule ist bei mir immer nur nebenher gelaufen. Ich würde gern mal für einen Monat ein Studentenleben führen. Mein Leben ist doch sehr einfach gestrickt. Von 365 Tagen bin ich zahllose Nächte im Hotel. Ich komme in viele tolle Städte, aber ich sehe nur das Hotelzimmer. Wir machen ja kein Sightseeing oder so was. Mailand, Madrid, Barcelona, Hotel, Fußballplatz.
Rosenmüller: Keine Zeit, was anzuschauen?
Müller: Zeit hätten wir schon.
Rosenmüller: Musst doch machen.
Müller: Musst doch machen ...?! Da redest mal mit dem Trainer!
Rosenmüller: Darfst nicht?
Müller: Natürlich nicht. Ganze Konzentration aufs Spiel.
Rosenmüller: Danach halt.
Müller: Ja, wann denn? Nach dem Spiel geht’s direkt heim.
Rosenmüller: Da würd ich halt mal in den Vertrag reinschreiben lassen, dass ihr immer ein paar Stunden länger bleibt. Ihr seid in so vielen schönen Städten, ein Jammer.

Playboy: Beneiden Sie Studenten in Ihrem Alter, die ein ganz normales Leben leben?
Müller: Nein, weil ich weiß, wie privilegiert mein Leben ist. Aber es ist nicht so, dass wir nur zweimal die Woche Fußball spielen, und ansonsten bereisen wir die Welt. Der Alltag besteht viel aus Busfahren, Fliegen, Reisestress. Ich bin nicht der Typ, der nach der Schule eine Weltreise gemacht hätte, der mit dem Rucksack auf Bali durch den Dschungel marschiert. Ich hätte mich einfach an der Uni angemeldet und geschaut, wann ich genommen werde. Ich hatte Wirtschaft und Recht im Abi, aber Jura hätte ich wohl nicht studiert. Zu steif! Ich kenne das normale Studentenleben natürlich nicht, wenn du dich am Donnerstag auf d’ Nacht mit deinen Kumpels verhockst und du trotzdem bis vier bleibst und am nächsten Tag in die Uni gehst.

Playboy: Zwei dramatische Personalien zum Schluss: Erstens: Bleibt Horst Seehofer nach der Landtagswahl im Herbst Ministerpräsident?
Rosenmüller: Ich hoffe nicht. Nur wenn mein Wunschkandidat Christian Ude verliert, und das ist nach meinen momentanen Hochrechnungen – und ich hatte Mathe-Leistungskurs in einem bayerischen Gymnasium – gar nicht mehr möglich. Sollte es doch möglich sein, war meine Schule schlecht und somit das Bildungssystem, und dann wäre ein Wechsel mehr als nötig. In beiden Fällen gilt: Seehofer abwählen!

Playboy: Muss Uli Hoeneß ins Gefängnis?
Müller: Ich hoffe nicht.

Playboy: Ist es nicht absurde Ironie, dass er ausgerechnet im erfolgreichsten Jahr der Vereinsgeschichte vor einem persönlichen Scherbenhaufen steht?
Rosenmüller: Einerseits ist es traurig und bitter, andererseits auch ein Massel. Jetzt kann er sich wenigstens an den Erfolgen aufrichten. Ein Drama in jedem Fall. Meine Herren, ich muss jetzt zum Bieseln.

Thilo Komma-Pöllath