Interviews

Sich zu prügeln ist nicht nur schlecht

Peter Maffay über Udo Lindenbergs Comeback, die Liebe als ewigen Motor des Lebens – und warum er sich so manche sexuelle Versuchung im Leben versagt hat

 
Playboy: Herr Maffay, nächstes Jahr werden Sie 60. Wann gehen Rocker in Rente?

Maffay: Rocker haben keine Rente. Das ist in dieser Philosophie nicht vorgesehen. Die Autos werden ein bisschen komfortabler, die Hotelzimmer auch. Aber im Prinzip läuft es nicht anders als vor 30, 40 Jahren.

Playboy: Ihr Kollege Udo Lindenberg erlebt gerade ein beeindruckendes Comeback. Gilt für Ihre Branche das Gesetz: Je oller, je doller?

Maffay: Bei ihm zumindest ist es so. Udo hat sich selbst oft Steine in den Weg gelegt. Einige hätten keinen Cent mehr auf seine künstlerische Zukunft gegeben. Mit seiner neuen Platte hat er einige Vorurteile auf den Kopf gestellt. Und das läuft nicht nur bei ihm so. Es gibt Leute, die mit 80 lebendiger sind als andere mit 18.

Playboy: Sie stehen nicht nur auf der Bühne, sondern auch als Bauer auf dem Feld. Wieso?

Maffay: Ich brauche die Möglichkeit, ein bisschen auszubüxen. Deswegen machen wir Landwirtschaft auf Mallorca. Vor 14 Tagen etwa haben wir am Wochenende auf einem Hamburger Open Air gespielt und am Montag die Schafe geschoren.

Playboy: Wäre das für Sie eine Alternative, Vollzeitbauer?

Maffay: Landwirtschaft ist ein hartes Brot. Unser Bauernhof ist Teil unserer Stiftung. Wir wollen Kindern eine Wertevorstellung vermitteln. Und dazu gehört die Natur. So prügeln wir uns als Autodidakten auf einem Feld herum. Langsam gelingt es besser. Aber es ist nach wie vor ein Kampf: Wir hatten zu viel Regen dieses Jahr. Das meiste, was wir angepflanzt haben, ist im Eimer.

Playboy: Ärgert es Sie, wenn man Sie wegen Ihres Engagements „Gutmensch“ nennt?

Maffay: Es würde mich ärgern, wenn jemand sagt, ich wäre ein Schlechtmensch. Aber das beschäftigt mich nicht sonderlich. Wir konnten bis jetzt in unserer Stiftung 1500 Kinder betreuen. Und es gibt viele andere solche Projekte. Das halte ich für wichtig.

Playboy: Warum spielen Sie bei Ihrer Tournee 2009 nicht mehr auf Rockbühnen, sondern in Konzertsälen?

Maffay: Bevor es die großen Arenen gab, fand Popmusik in den Hallen statt. Etwa die Hamburger Musikhalle: Eines meiner ersten Konzerte erlebte ich dort — Rod Stewart, großartig. Die letzten 20 Jahre spielten wir in Stadien — auch aus Ökonomiegründen: Man tourt weniger und verdient mehr.

Playboy: Was ist besser an kleinen Hallen?

Maffay: Sie klingen einfach geil. Publikum und Musiker begegnen sich auf ganz engem Raum. Man guckt sich leichter in die Augen, kann sich fast berühren.

Playboy: In Ihren Red Rooster Studios in Tutzing haben einst sogar Deep Purple ihr 14. Album bearbeitet. Wer war sonst noch da?

Maffay: Joe Cocker. Toto. Ian Anderson. Bryan Adams. Hier in diesem verschlafenen Nest am Starnberger See waren schon ziemlich viele interessante Musiker.

Playboy: Welche Rolle spielen Sie dabei?

Maffay: Keine. Ich mache Kaffee. Inzwischen hat Leslie Mandoki die Studios angemietet und kümmert sich darum. Ich habe mein kleines Studio in Spanien. Eine Bude mit einer kleinen Bar, wo man mit dem Motorrad bis vor die Haustür fahren und Krach machen kann. Für Demos reicht das. Und wenn ich mal Ernst machen will, frage ich Leslie: „Darf ich rein?“ Dann gibt er mir die Zeit.

Playboy: Hätten Sie ein Problem damit, wenn Hansi Hinterseer bei Ihnen seine neue CD aufnehmen wollte?

Maffay: Aus einer geschmacklichen Einschätzung heraus jemandem die Tür nicht zu öffnen wäre dumm. Wenn aber eine Gruppe käme, die rechtsradikale Texte singt, würde ich sagen: „Thank you and good night! Hier nicht.“ Aber ob einer auf dem Kamm bläst, Volksmusik macht oder sich mit der Gitarre im Arm herumwindet, ist doch sein Bier.

Playboy: Für Ihre Tour 2009 haben Sie in zehn Tagen mehr als 60.000 Tickets verkauft. Was fasziniert die Menschen an Peter Maffay nach 30 Jahren?

Maffay: Es gibt eine gewisse Treue im Publikum. Wenn ich Fanpost lese, stehen manchmal Sachen drin, die man anderen gegenüber nicht ohne Weiteres äußert. Wodurch entsteht das? Durch Dinge, die auch dem Zuhörer etwas bedeuten. Freiheit, Motorräder, Nieten-Lederjacken, Charity oder was auch immer.

Playboy: Gibt es auch 17-jährige Fans?

Maffay: Viele, das sieht man auf Konzertvideos. Aber die entscheidende Frage ist für mich: Für wen macht man Musik? Die Eitelkeit wird gebauchpinselt, wenn die im Publikum stehen, die man sich wünscht. Wenn aber da unten jemand steht, der 100 Kilo wiegt, stört mich das nicht. Wenn dieser Mensch etwas mit meiner Musik anfangen kann, ist der Zweck voll erreicht. Und wenn da ein zehnjähriges Kind steht und mit einem 59-Jährigen etwas anfangen kann, ist das eine Auszeichnung. Wenn es eine hübsche junge Dame ist, die mich anlächelt, ein Geschenk.

Playboy: Popmusik mit deutschen Texten war früher nicht halb so erfolgreich wie heute. Peter Maffay sang schon immer auf Deutsch. Warum?

Maffay: Wir haben eine extrem reichhaltige Sprache. Mein Publikum ist ein deutsches Publikum. Die verstehen mich in dieser Sprache am besten.

Playboy: Auf Ihrem neuen Album taucht mal wieder das Thema Liebe auf — noch nicht müde davon?

Maffay: Man kann sich mit Liebe sein Leben lang beschäftigen. Und da kommt man nach zehn Jahren wieder zu einem anderen Standpunkt. Vielleicht nicht unbedingt auf einen neuen, aber man sieht gewisse Dinge anders. Dieses Grundgefühl, der eigentliche Motor unseres Daseins, das wird uns immer beschäftigen.

Playboy: Peter Maffay, früher Steppenwolf und Biker, jetzt Vater eines fünfjährigen Sohnes. Darf der Kleine später mal den Motorrad-Führerschein machen?

Maffay: Natürlich. Aber der fährt jetzt schon. Mit mir auf dem Quad. Der weiß genau, wie das geht. Ich muss immer aufpassen, weil er das so schnell begreift.

Playboy: Welche Ihrer Eigenschaften soll Ihr Sohn besser nicht übernehmen?

Maffay: Es wäre vielleicht nicht schlecht, wenn er weniger sturköpfig wäre als ich. Ich gehe gern mit dem Kopf durch die Wand. Das würde ich ihm lieber ersparen.

Playboy: Und welche Eigenschaften sollte er haben?

Maffay: Vielleicht auch die Sturheit? Es ist nicht nur negativ, wenn man sich mit sich und anderen prügelt — im übertragenen Sinn. Eine gewisse Beharrlichkeit finde ich durchaus wichtig im Leben.

Playboy: Sie selbst sind ja ein „Adoptivkind“: Sie wurden mal von einem Indianerstamm adoptiert ...

Maffay: Doppelt adoptiert.

Playboy: Doppelt?

Maffay: Ja, einmal von Indianern und einmal von Aborigines.

Playboy: Erzählen Sie uns mehr über Ihre große Familie.

Maffay: Da ist einmal Manduway Yunupingu, der Sänger von Yothu Yindi, einer australischen Aborigines-Band. Vor ungefähr zehn Jahren trafen wir uns bei dem multikulturellen „Begegnungen 1“-Projekt. Manduway und sein Stamm haben mir die erste Adoption zuteilwerden lassen.

Playboy: Und die zweite?

Maffay: Die geschah durch meinen Freund Leonard Little Finger aus South Dakota. Ein Sioux-Indianer. Leonard hat sich zum Ziel gesetzt, den Kindern im Reservat Pine Ridge ihre Muttersprache wieder nahezubringen. Den Indianern dort war es bis in die 70er-Jahre verboten, in der Öffentlichkeit ihre Muttersprache zu sprechen. Wir haben zusammen eine kleine Schule gebaut. Als Zeichen der Freundschaft habe ich eine Indianerfeder bekommen.

Playboy: Was waren Sie als Kind lieber — Indianer oder Cowboy?

Maffay: Je nachdem, wo die Vorteile lagen (lacht). Ich habe für Indianer und für diese Romantik immer viel übriggehabt. Auch deswegen wollte ich mal nach Kanada auswandern. Ich habe zwei Jahre lang in British Columbia gelebt. Auf einer Farm, auf der man nichts Anderes tut, als das Heu wachsen zu sehen oder zu hören.

Playboy: War Ihnen zu langweilig, oder?

Maffay: Es war stinklangweilig. So viele Fische kann man gar nicht fangen.

Playboy: Sie sind zum vierten Mal verheiratet. Wie ist Ihr Verhältnis zu Ihren Ex-Frauen?

Maffay: Ich kann nicht sagen, dass ich ein schlechtes habe — es gibt meist keines mehr. Meine erste Frau habe ich, möglicherweise als Folge ihrer Enttäuschung, nie wiedergesehen. Im zweiten Fall hat man die Entfernung als sinnvoller empfunden als die Nähe. Im dritten Fall geht das total problemlos. Und der vierte Fall ist noch nicht eingetreten. Und das, hoffe ich, bleibt auch so.

Playboy: Hat Sex in Ihrem Leben noch denselben Stellenwert wie früher?

Maffay: Ja. Aber die Form hat sich geändert. Die Lebensform ist eine andere, es gibt andere Schwerpunkte. Ich bin noch nie ein Leichtfuß gewesen. Ich hätte mir das manchmal ganz gut vorstellen können. Ich habe es nur nicht gemacht, weil die Verletzungen einfach in vielen Fällen zu groß gewesen wären.

Playboy: Denken Sie nicht manchmal: „Da habe ich was verpasst“?

Maffay: Wenn ich vom Bankkonto laufend Geld für irgendwelche Wünsche abheben würde, wäre ich bald pleite. In der Liebe ist es nicht anders. Das emotionale Konto würde so etwas nicht verkraften. So bleibt es manchmal bei einer ungelebten Fantasie.

Playboy: Die sind ja auch nicht das Schlechteste, oder?

Maffay: Nein. Die halten am längsten.

Interview: Klaus Mergel / Angelika Zahn ]
 
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