Salvador Dalí

Einer der größten Künstler des 20. Jahrhunderts gibt im Playboy-Interview 1979 Einblick in sein Sexleben. Ein Gespräch über Onanie, Voyeurismus und die Erotik im Ellbogen

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An eine Frau stellte er bestimmte Forderungen: „Hände und Füße müssen von exhibitionistischer Schönheit sein, ihr Haar gesund. Brüste zählen nicht. Hüftknochen haben aggressiv hervorzutreten.“ Entsprechend abstrus war der Umgang, den Salvador Felipe Jacinto Dalí y Domenech mit dem weiblichen Geschlecht pflegte. Auf frühen Bildern schlitzte er Frauen den Bauch mit Schubladen auf; später, im Zeitalter des Happenings, garnierte er sie mit lebenden Langusten. Solch malerisch-makabre Aktionen sind unverwechselbare Erkennungszeichen des Mannes, der sich in narzisstischer Selbsteinschätzung „den größten lebenden Künstler“ nannte und sich zeitlebens mühte, der Welt ein orgiastisches Enfant terrible darzustellen. Dabei war er, als Playboy-Autor Lluis Permanyer ihn Anfang des Jahres 1979 in seinem theatralisch ausstaffierten Haus in Port Lligat an der Costa Brava traf, bereits seit 46 Jahren einer einzigen Frau treu - seiner Gala. Schon bei der ersten Begegnung verliebten sie sich so heftig ineinander, dass die Russin bei ihm blieb bis zu ihrem Tod im Juni 1982. Dalí überlebte sie um sechseinhalb Jahre.

Obwohl Permanyer, Redakteur der Zeitung „La Vanguardia“, ein langjähriger Freund Dalís war, hatte er sich auf Überraschungen gefasst gemacht. Gut so, denn Dalí sprach kaum über Kunst, aber viel über Sex und Erotik - rund drei Jahre nach dem Tod des Diktators Franco beherrschende Themen in Spanien.

Playboy: Welchen Unterschied macht Dali zwischen Erotik und Pornographie?
Dalí: Erotik ist etwas Göttliches, denn Eros ist ein Gott, Pornographie ist etwas Nichtmenschliches, Untermenschliches, das dem Tierischen sehr nahe kommt.

Playboy: Ein moralischer Maßstab?
Dalí: Nein! Die Moral ist nicht der Maßstab, an dem Erotik und Pornographie gemessen werden können. Die Menschen vermengen diese Begriffe, bringen sie durcheinander. Das ist so unerträglich, aber es überrascht mich nicht. Denn die Menschen scheißen und pinkeln ins gleiche Klosett, obwohl das zwei grundverschiedene Dinge sind. Ich werde ein Wasserklosett kreieren, das von meiner erotischen Ethik inspiriert sein wird: Man scheißt in das Maul eines Delphins und pinkelt in das Maul eines anderen.

Playboy: So unverblümt haben Sie früher nicht geredet. Unter Franco hieß es sogar, dass Dali ein Befürworter der Zensur ist. Sind Sie wirklich davon überzeugt, dass eine Beschränkung der schöpferischen Freiheit dem Künstler mehr Ausdruckskraft verleiht – sozusagen aus Trotz?
Dalí: Dann ist er zumindest verpflichtet, Entsprechungen, Metaphern zu suchen, um eine Erotik zu suggerieren, die offiziell streng verboten ist. Während der Inquisition war es unmöglich, Penisse darzustellen; nichtsdestoweniger gibt es aus jener Zeit Darstellungen, die ganz offensichtlich Sexualsymbole sind. Damals hatte die Kunst eine tausendmal größere erotische Last zu tragen als die Kunst heute.

Playboy: Ist die Erotik die Hauptquelle Ihrer Inspiration?
Dalí: Es gibt zwei Quellen: den Sexualinstinkt und die Angst vor dem Tod. Davon geht ja auch Freud aus.

Playboy: Wann hat der Künstler Dali die Erotik entdeckt?
Dalí: Die meisten Menschen spüren die Erotik zuerst im Herzen oder im Kopf oder im Magen. Bei mir drang die Erotik durch den Ellbogen ein. Ich war noch ein kleiner Junge. Es war eine Sommernacht, und die Nachtigall schlug. Ich war bereit, dem Dienstmädchen unseres Hauses ein exhibitionistisches Schauspiel zu liefern. Meine Familie war ins Kino gegangen. Nach dem Abendessen tat ich so, als sei ich im Esszimmer eingeschlafen, den Kopf auf die Hand und den Ellbogen auf den Tisch gestützt. Mein Nachthemd hatte ich so drapiert, dass das Mädchen beim Abräumen des Tisches mein Geschlechtsteil sehen musste. Es stellte sich aber heraus, dass genau unter meinem Ellbogen ein Brotkrümel lag, spitz wie eine Nadel. Der Schmerz war unerträglich, doch musste ich ja, als das Mädchen kam, völlig unbeweglich sitzen bleiben und eine Art gewaltiger elektrischer Entladung ertragen, die mir fast den Arm lähmte. Es war ein Gefühl, als ob der Krümel durch meinen Ellbogen gedrungen wäre. Im selben Moment schlug die Nachtigall. Seit damals betaste ich automatisch diese Stelle, sobald ich während der Siesta eine erotische Vision habe. An diesen Tag, an dem die Erotik zu mir kam, habe ich noch lange denken müssen. Ich hielt es für ein „Happening“, so wie die Happenings heute – und folglich für ein wahres Kunstwerk: mein erstes erotisches Werk.

Playboy: Bevor Sie Kontakt zu den Surrealisten aufnahmen, spiegelten Ihre Bilder keineswegs erotische Einflüsse wider.
Dalí: Und trotzdem existieren sie, wenn auch nicht in so klarer Form. (...) Ich möchte jedoch darauf hinweisen, dass sich Erotik für mich immer auf das gründet, was ich als die amour courtois (höfische Liebe, ein Begriff aus dem 12. Jahrhundert, der eine Liebe bezeichnet, bei der auf körperliche Erfüllung verzichtet wird, d. Red.) der Troubadoure des Mittelalters bezeichne. Dazu gibt es übrigens eine herrliche Geschichte, die ich in New York erlebt habe. Es ging um eine Live-Sendung des Fernsehens unter der Leitung des Schauspielers Yul Brynner. Ich wurde gefragt, ob denn die amour courtois so platonisch gewesen wäre, wie es in den Geschichtsbüchern steht, worauf ich augenblicklich widersprach und erklärte, dass es dabei manchmal zu gewaltigen Erektionen kam, mit wesentlich reichhaltigeren Samenergüssen als bei Menschen, die täglich Geschlechtsverkehr haben. Brynner gab mir Zeichen, die mich zum Schweigen auffordern sollten, doch ich stürzte mich förmlich darauf, eine Vielzahl von den Dingen zu erklären, die ich über Erotik weiß. Nun ja, am nächsten Tag wurde die Sendung abgesetzt.

Playboy: Der französische Schriftsteller Robert Desnos führte Sie in die Gruppe der Surrealisten ein. Er nahm Sie bei der Hand und brachte Sie zu seinem Haus. Warum glaubten Sie, dass er nur mit Ihnen ins Bett wollte, wie Sie später erzählt haben?
Dalí: Wenn ein unter Drogen stehender Dichter einen bei der Hand nimmt und man mit ihm durch eine Reihe langer Korridore laufen muss, sagt man sich logischerweise: Dieser Typ will es dir doch von hinten machen. Allerdings verfiel er in seinem Schlafzimmer augenblicklich in Trance – ich bin mir nicht sicher, ob es eine echte war oder nur eine gespielte – und erklärte mir, er sei jetzt Robespierre und müsse mir eine lange Abhandlung der Französischen Revolution vortragen. Das war fast schlimmer als das, was ich befürchtet hatte. Aber ganz plötzlich sagte Desnos, er sei müde und ginge jetzt ins Bett. Er zeigte mir noch den Weg nach draußen, und ich entkam, ohne dass etwas passiert war.

Playboy: Sie haben einmal gesagt, dass alle Surrealisten eine Bande von Päderasten wären ...
Dalí: Genau. Bedenken Sie, dass wir alle Päderasten oder Lesbierinnen sind ...

Playboy: Es ist eine Sache, ob man es sein könnte, oder ob man es wirklich praktiziert.
Dalí: Sicher. Aber in jener Gruppe von Surrealisten, zu der ich damals stieß, gab es mehr Praktizierende als mir lieb war.

Playboy: Namen.
Dalí: Ich will keine Namen nennen. (...)

Playboy: Einigen Ihrer Bilder haben Sie Namen gegeben wie: „Der große Onanist“, „Atmosphärischer Schädel, mit einem Flügel Unzucht treibend“, „Kleine Jungfrau, mit ihrer eigenen Keuschheit Unzucht treibend“, „Das Phantom des Sex-Appeals“. Sind diese Titel nicht manchmal viel erotischer als das eigentliche Werk?
Dalí: Ja, das gebe ich zu. Beachten Sie, dass es hier immer um sexuelle Perversionen meiner Phantasie geht.

Playboy: Und warum?
Dalí: Ganz einfach: Simple Fotzen gefallen mir nicht.

Playboy: Darüber sollten wir uns vielleicht später ausführlicher unterhalten. Könnten Sie uns zunächst die Thematik des Bildes „Der große Onanist“ erklären?
Dalí: Es ist die Widerspiegelung des Schuldgedankens in einem Gesicht, in dem das Leben durch häufiges Onanieren vollständig erloschen ist: Die Nase berührt den Boden, und ein hässlicher Furunkel wächst aus der Haut. Jedes Mal, wenn ich Sperma verliere, bin ich überzeugt, es verschwendet zu haben. Bei mir bleibt immer ein Schuldgefühl zurück.

Playboy: Wie kommt das?
Dalí: Meine Familie hatte mir seit frühester Jugend eingeschärft, dass man niemals zu Nutten gehen darf, weil man sich sonst mit fürchterlichen Geschlechtskrankheiten anstecken würde. So kam es, dass ich zu onanieren anfing und keine sexuellen Erfahrungen sammeln konnte. Als ich das erste Mal in Paris war, setzte ich mich sofort in ein Taxi und fragte den Chauffeur: Kennen Sie ein paar Puffs? Alle, gab er zur Antwort. Und ich besuchte sie auch alle. Jedenfalls die, die er kannte. Einen nach dem anderen. Bei jeder Nutte vollzog sich das gleiche Ritual: Sie musste sich in eine Ecke des Zimmers stellen, und ich blieb in der anderen. So wollte ich vermeiden, dass irgendwelche Mikroben herüber springen und mich anstecken konnten. Ich beschränkte mich darauf, sie anzuschauen, während ich onanierte. Damit ist also bewiesen, dass es durchaus möglich ist, Leidenschaften von außergewöhnlicher sexueller Wonne zu genießen, ohne dass der geringste Körperkontakt dazu notwendig wäre.

Playboy: Wir halten das eher für Voyeurismus.
Dalí: Dann bin ich ein Voyeur von ungewöhnlicher Qualität.

Playboy: Und das hat sich alles erst geändert, als Sie Ihre Frau Gala kennenlernten?
Dalí: Dali hat in seinem ganzen Leben nur mit Gala geschlafen.

Playboy: Gut, wir glauben es. Dali war also unberührt, bevor er Gala kannte?
Dalí: So ist es.

Playboy: Lag das daran, dass Sie unter einem Komplex litten, nachdem Sie eines Tages beim Baden entdeckt hatten, dass Ihr Penis viel kleiner war als der Ihrer Freunde?
Dalí: Ja, und deshalb glaubte ich auch, impotent zu sein. Ich erinnere mich daran, ein Buch gelesen zu haben, in dem beschrieben wurde, wie ein Mann in eine Frau eindrang. „Ein Geräusch entstand“, so hieß es, „als ob man eine Wassermelone mit einer Gabel öffnet.“ Und ich sagte mir: Mit so etwas Kleinem wie deinem Penis kann man keine Wassermelone öffnen. Später erfuhr ich jedoch, dass es in der Geschichte darum ging, es von hinten zu tun. Man muss zwar eine sehr starke Erektion haben, um das zu schaffen, aber es schien mir doch eine erlösende Nachricht. Am meisten hatte ich mich vor der Vorstellung gefürchtet, der Unterleib einer Frau würde mir ähnlichen Widerstand entgegenbringen wie die Schale einer Wassermelone. Doch der Autor hatte dabei nur das Geräusch beschreiben wollen. (...)

Playboy: Sie haben also tatsächlich unter sexuellen Ängsten gelitten, bis Sie Gala trafen?
Dalí: Das waren schon mehr Zwangsvorstellungen. Obwohl es sich – der Wahrheit die Ehre – um eine Angst handelte, die mit einem starken Lustgefühl verbunden war.

Playboy: Gala erschien 1929 in Begleitung ihres Ehemannes, des Dichters Paul Eluard, und anderer Surrealisten in Cadaqués. Sie waren entzückt von ihr. Am zweiten Tag ihrer Bekanntschaft, und um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, rasierten Sie sich die Achseln und malten sie blau an, schnitten Ihr Hemd ab, schmierten sich mit Fischschwänzen und Ziegendreck ein, legten ein Perlenkollier um und schmückten Ihr rechtes Ohr mit einer Jasminblüte. Erreichten Sie, was Sie sich vorgenommen hatten?
Dalí: Ich glaube, im ersten Moment rief ich bei ihr nur Ekel hervor. Doch dauerte es nicht lange, bis sich der Erfolg einstellte.

Playboy: Was ekelte Gala mehr: Dali – oder das Bild, an dem er gerade malte?
Dalí: Das Bild, ganz ohne Zweifel. Immerhin war ich ziemlich hübsch.

Playboy: Warum haben Sie auf diesem Bild eine Person dargestellt, die sich in die Hosen gemacht hatte?
Dalí: Das war Zufall. Und wie eine Vorwarnung. Genau fünf Tage, nachdem ich es gemalt hatte, sollte meinem Vater das gleiche passieren.

Playboy: Hatte das wirklich etwas mit der Thematik des Bildes zu tun?
Dalí: Ich verbringe Stunde um Stunde vor einer Leinwand, bis mir eine Art Bild erscheint, das heißt, bis ich ganz klar sehe, was ich malen muss. Es ist wie eine Offenbarung. Ein echter Automatismus.

Playboy: Und Sie waren nicht überrascht, als Sie erkannten, dass Sie im Begriff waren, Exkremente darzustellen, was Sie ja noch nie zuvor getan hatten?
Dalí: Das ist ganz und gar falsch. Vor diesem Bild hatte ich tatsächlich noch nie Exkremente gemalt, aber mir eine ähnliche Arbeit ausgedacht, als ich noch ganz jung war: eine ungefähr 15 Zentimeter hohe Plastik aus Scheiße. Ich stellte sie jemandem auf den Kopf, und es passierte gar nichts. Dann jemand anderem – wieder nichts. Bis ich sie einer ganz bestimmten Person auf den Kopf stellte. Und dann wurde Dali von einem derartig krankhaften Lachanfall gepackt, dass man ihn vom Boden aufheben musste. Ich habe mich buchstäblich bepinkelt vor Lachen.

Playboy: Warum hat gerade ein Aristokrat, der Marquis de Nailles, ein solch abstoßendes Werk gekauft?
Dalí: Aristokraten empfinden gewöhnlich keinen Ekel, was Exkremente betrifft.

Playboy: Wem oder was ist das Ihrer Meinung nach zuzuschreiben?
Dalí: Dem Marquis de Sade. Und dem besonderen Gefühl für Raffinesse, das man in dieser Gesellschaftsschicht häufig antrifft.

Playboy: Gala bat Sie in Cadaqués, sie bis zur Raserei zu lieben. Hatten Sie Angst?
Dalí: Nein. Ich war inzwischen von allen Ängsten geheilt.

Playboy: Taten Sie, was Gala von Ihnen verlangte?
Dalí: Nein.

Playboy: Und später?
Dalí: Nie.

Playboy: Na gut, aber schließlich gelang es Ihnen ja wohl irgendwie, mit Gala zu schlafen.
Dalí: Ja, obwohl es einige Zeit dauerte, ungefähr drei Monate.

Playboy: Dali hat einmal erklärt: Gala ist die einzige Frau, in die ich mich jemals entleerte, in einem schnellen, perfekten Orgasmus, voll von architektonischen Bildern erhabener Schönheit, hauptsächlich Glockentürmen. Haben Glockentürme eine erotische Bedeutung?
Dalí: Das Bild, das mir von allen in der Welt am besten gefällt, ist das eines Glockenturms von Vermeer van Delft. Und obwohl ich Vermeer auch ganz fürchterlich beneide, weil ich nicht so gut malen kann wie er, habe ich jedes Mal auf der Terrasse meines Hauses onaniert, wenn die Sonne unterging und die Glocken von Figueras läuteten. Da herrschte eine Rivalität unter den Glockentürmen, die mich letztlich glauben ließ, dass meiner von allen am besten schlug.

Playboy: Halten Sie den Glockenturm für ein phallisches Symbol?
Dalí: Nein. Es ist eine Übertreibung, dass alles, was auch nur vage Ähnlichkeit mit dem Penis hat, zwangsläufig ein phallisches Symbol sein muss. Meistens besteht da nicht die geringste Verbindung. In meinem konkreten Fall, den ich ja gerade erklärt habe, handelt es sich einzig und allein um eine gefühlsmäßige Verbindung.

Playboy: Warum sprechen Sie immer davon, mit Gala Unzucht zu treiben?
Dalí: Das reizt mich am meisten.

Playboy: Sie haben in der Emigration kaum noch erotische Bilder gemalt, sondern mehr und mehr religiöse oder historische Motive – warum?
Dalí: Aus einem einfachen und mächtigen Grund: Ich wünschte, nach Spanien zurückzukehren.

Playboy: Waren Religion und Geschichte für ein Spanien unter der Diktatur Francos geeignetere Themen?
Dalí: Vergessen Sie bitte nicht, dass ich versucht habe, die Erotik innerhalb des Religiösen darzustellen. Das ist durchaus möglich. Ein guter Beweis dafür ist „Die Verzückung der heiligen Theresa“ von Bernini. Sie sieht aus, als hätte sie gerade einen Orgasmus. Dargestellt ist der Augenblick, in dem der Engel einen Pfeil aus ihr herauszieht. Der Ausdruck intensiver Ekstase in ihrem Gesicht ist dem einer Frau am ähnlichsten, die gerade einen Orgasmus hat. (...)

Playboy: Haben die Krücken, die ja sehr häufig in Ihren Bildern auftauchen, eine sexuelle Symbolik?
Dalí: Das kann ich nicht leugnen. Sie bedeuten Impotenz, denn sie dienen ja als Stütze für das, was sich sonst nicht aufrecht hält.

Playboy: Und die widernatürlich verlängerten schwächlichen Glieder?
Dalí: Auch die. Es sind phallische Darstellungen. Man kann sie als Verwirklichung von Wünschen interpretieren.

Playboy: Und jene schlappen Objekte, die ruhenden Penissen gleichen?
Dalí: In Paris habe ich einmal an einer Orgie teilgenommen. Mir fiel auf, dass die meisten Männer keine Erektion hatten ...

Playboy: Vielleicht aus Erschöpfung.
Dalí: Nein, nein. Niemand hatte eine Erektion, und das hatte eine starke Wirkung auf mich. Diese seltene Vision inspirierte mich. Bedenken Sie, dass die Leute trotzdem onanierten, was mich viel stärker beeindruckte als die übliche Nummer. (...)

Playboy: Sie haben im Verlauf dieses Gespräches sehr oft über Masturbation gesprochen. Warum messen Sie diesem Vorgang eine so große Bedeutung bei?
Dalí: Aus einem einfachen Grund: Es hat mich viel gekostet, sie in die Tat umzusetzen. Ich versuchte es, und es gelang mir nicht. Ich brauchte sehr viel Zeit. Wenn meine Freunde sich gerade einen runtergeholt hatten, sah ich ihren poetischen Gesichtsausdruck. Ich beneidete sie. Und ich fragte mich: Wie zum Teufel machen die das? Und versuchte es weiter, bis ich es eines schönen Tages viermal versucht habe und schließlich schaffte. Es gefiel mir sehr gut. Von diesem Moment an brauchte ich mich nur zu berühren, und schon war’s soweit.

Playboy: Gibt es einen Typ Mann, von dem Sie sich angezogen fühlen?
Dalí: Bartlose Jünglinge gefallen mir, aber nur oberflächlich; sobald sie anfangen, sich zu rasieren, interessieren sie mich nicht im geringsten. Alles in allem sollten sie ein Mädchengesicht haben, sehr weichlich und hübsch.

Playboy: Wie Ihre Christusfiguren.
Dalí: Genau.

Playboy: Ihr „Hyperkubischer Christus“ ist fast sinnlich. Aus dem gleichen Grund?
Dalí: Sicher. Wenn Sie die Abhandlung von Juan de Herrera, dem Erbauer des Klosters El Escorial, lesen, dann werden Sie feststellen, dass die kubische Struktur jenes Wunderwerkes das Erotischste ist, was jemals in der Geschichte der Architektur geschaffen wurde.

Playboy: Warum?
Dalí: Weil sie etwas Inquisitorisches hat. Jede Art von Unterdrückung impliziert automatisch Sinnlichkeit und Wonne. Ich habe einmal von einer Dame des Rokoko erzählen hören, die mitten im Sommer beim Genuss eines Vanilleeises nur noch seufzen konnte: Wie schade, dass es keine Sünde ist! Wir können Eis zu lächerlichen Preisen kaufen. Doch wenn es verboten wäre wie Marihuana, würden es die Menschen begehren wie eine Droge.

Playboy: Finden Sie Ihre Schriften erotisch wirkungsvoller als Ihre Bilder?
Dalí: Zweifellos ist der Schriftsteller Dali besser als der Maler Dali.

Playboy: Welches ist laut Dali der erotischste Künstler in der Geschichte der Malerei?
Dalí: Ohne jeden Zweifel: Velazquez.

Playboy: Warum? Wegen der „Venus mit Spiegel“?
Dalí: Wegen seines ganzen Werkes. Velazquez hat es am besten verstanden, das Erotischste, was es gibt, zu malen: Fleisch, Nase, Lippen, Wangen ...

Playboy: Hätte Velazques in einer freiheitlichen und nicht in einer sehr puritanischen Epoche gelebt, hätte er dann mehr Nackte gemalt und nicht nur eine einzige?
Dalí: Das glaube ich nicht. Ihn interessierte das Gesicht und nicht der Körper. Velazques hat einmal den König nach der Meinung des Hofes über seine Bilder befragt. „Man findet es schade, dass Sie nur Köpfe malen können“, antwortete der König. Woraufhin Velazques entgegnete: „Sie erweisen mir eine große Ehre, Majestät, denn in meinem ganzen Leben habe ich keinen einzigen gut gemalten Kopf gesehen.“ Rubens dagegen interessiert mich nicht im geringsten.

Playboy: Er malt zu viel Fleisch?
Dalí: So ist es. (...)

Playboy: Sie wissen sicher, dass Edgar Degas erklärt hat, er male mit seinem Schwanz.
Dalí: Nun ja, man sollte das nicht so wörtlich nehmen.

Playboy: Es wird behauptet, Toulouse-Lautrec habe seine Bilder häufig mit einer Ejakulation beendet und sie damit lackiert.
Dalí: Dazu war er imstande.

Playboy: Und zu was sind Sie imstande?
Dalí: Dieses Interview zu beenden. Ich habe Hunger.
 

Lluis Permanyer