Stephen W. Hawking . Die besten Interviews aus dem deutschen Playboy

Stephen W. Hawking

Der Einstein der Gegenwart und Weltformel-Sucher im großen Playboy-Interview 1990 über das grenzenlose All, seine Krankheit als Motor und warum er wohl nie den Nobelpreis bekommt

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Intro

Offenes Gespräch mit dem berühmten Wissenschaftler, der im grenzenlosen Raum die Frage aller Fragen stellt

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Wie sind das Universum, unsere Erde, wir selbst entstanden? Einer der wenigen Menschen, die vielleicht eine Antwort auf diese Kernfrage der Existenz geben könnten, ist Stephen W. Hawking. Der Engländer gilt international als bedeutendster Physiktheoretiker seit Albert Einstein. 1970 bekräftigte er mit seinem Kollegen Roger Penrose, gleichfalls Mathematiker und Physiker, die Urknall-Theorie: Demnach war die Materie im Universum zu einem gewissen Zeitpunkt zu einer immens dichten Kompaktheit komprimiert, die als „Singularität“ bezeichnet wird. Durch irgendeine Kraft (ein Weltschöpfer ist nicht auszuschließen) wurde nun diese Energie freigesetzt und schuf die gesamte Materie im Universum.
Darüber hinaus entwickelte Hawking neue mathematische Techniken, um Penroses frühere Theorie aus dem Jahre 1965 zu beweisen, wonach ein durch seine eigene Schwerkraft kollabierender Stern letztlich zur Null-Größe und zum Null-Volumen schrumpfen kann und damit ein sogenanntes Schwarzes Loch wird. Beide Forscher behaupteten nun, dass – sollte derlei vorkommen – auch die Umkehrung möglich sei. Ein Schwarzes Loch könnte an einem bestimmten Entwicklungspunkt veranlasst werden, seine Energie freizusetzen, um abermals, wie zum Beispiel in der Schöpfung, Materie zu bilden.
Inzwischen fordert Hawking eine präziser formulierte Theorie. Er verlangt, dass Quanteneffekte (das Verhalten von Teilchen auf atomarem und subatomarem Niveau) ebenfalls einbezogen werden müssten. So stellen Hawking und Jim Hartle von der Universität von Kalifornien eine neue Hypothese auf (es geht um den „Zustand der Grenzenlosigkeit“), die, wenn sie sich zusammen mit anderen Konzepten der Physik anwenden lässt, den Beginn unseres Universums erklären würde. Das wiederum könnte zur Entwicklung einer „vereinheitlichten“ Theorie darüber führen, wie de Interaktion aller Materie, vom galaktischen bis zum subatomaren Bereich, verläuft.
Intellektueller Scharfsinn ist nur eine der Eigenheiten, die Hawking vom Großteil der übrigen Menschen unterscheidet. Seit 27 Jahren leidet er an einer schweren Nervenerkrankung. Sie fesselte ihn an den Rollstuhl, machte in bewegungsunfähig und bewirkte vor vier Jahren den Verlust seines Sprechvermögens. Doch mit ungewöhnlicher Willenskraft führt Hawking seine Arbeit fort und versucht, sich mit Hilfe eines Computers verständlich zu machen. Ein mit dem Rechner verbundener Bildschirm ist vor ihm an seinem elektrisch betriebenen Rollstuhl montiert. Mit ihm kann er Sätze bilden, indem er Wörter aus Listen auswählt, die er auf dem Bildschirm abrufen kann. Mit den wenigen Fingern an jeder Hand, die er noch zu bewegen vermag, dirigiert er den Cursor zum zutreffenden Wort oder Satz. Der Computer kann so dann die von ihm geformten Sätze mittels einer künstlichen Stimme äußern.
Im „Playboy“-Interview, das für den Physiker beträchtliche Anstrengung und Anspannung bedeutete, bemüht sich Hawking um eine weitere Popularisierung seiner Erkenntnisse, die er bereits mit dem Bestseller „Eine kurze Geschichte der Zeit“ dargelegt hat.
 

Interview

„Es deutet alles darauf hin, dass Gott tatsächlich ein eingefleischter Spieler ist“

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Zugegeben, mit dem Verständnis des Kosmos wird man die Wäsche nicht weißer waschen können
Playboy: Hello, Professor Hawking!
Hawking: Hello, how are you? Stoßen Sie sich bitte nicht an meinem amerikanischen Akzent (lächelt).

Playboy: Ihr Computer hört sich wie jemand aus dem Mittelwesten an. Könnten Sie uns etwas über Ihr Leben erzählen, noch bevor die Geheimnisse des Universums Ihr Interesse erregten?
Hawking: Ja. Ich wurde am 8. Januar 1942 geboren, auf den Tag 300 Jahre nach Galileo Galileis Tod. Ich wurde in Oxford geboren – obgleich das Zuhause meiner Eltern in London lag –, weil Oxford während des Krieges ein sicherer Ort war.

Playboy: Galilei wurde aufgrund seiner Theorien über das Universum von der katholischen Kirche wegen Ketzerei vor Gericht gestellt und eingekerkert. Hatte er etwas mit Ihnen gemein?
Hawking: Ja. Allerdings wurden, so schätze ich, an diesem Tag 200 000 weitere Kinder geboren (lächelt). Und ich weiß nicht, ob irgendeines von ihnen sich später für Astronomie interessierte.

Playboy: Sie hatten mit dem jetzigen Papst eine kleine Meinungsverschiedenheit. Warnte er Sie nicht, Sie könnten in Ihrer Arbeit zu weit gehen?
Hawking: Ja. Es gibt zwei Ansichten, über das Universum. Die eine lautet, dass es von einer geheimnisvollen geistigen Macht gelenkt wird – von Kräften, die sich nie gänzlich begreifen lassen. Die andere lautet, dass es von rational nachvollziehbaren Gesetzen bestimmt wird, die man in mathematische Theoreme fassen kann. Es ist doch klar, welche Ansicht ich vertrete.

Playboy: Ja. Ihr Bestreben ist es, auf wissenschaftlichen Entdeckungen beruhende Erkenntnisse zu gewinnen, wie das Universum entstand. Die Kirchenführer hingegen glauben, diese Erkenntnisse bereits zu besitzen, nicht wahr?
Hawking: Die Geschichte unserer Zivilisation zeigt die allmähliche Entdeckung von immer mehr wissenschaftlichen Gesetzen auf, die einen immer größer werdenden Teil unserer Erfahrung bestimmen. Ich sehe keinen Grund, warum das nicht weitergehen sollte, bis wir eine vollständige einheitliche Theorie über sämtliche Aspekte des Universums haben.

Ich halte nicht viel von Mystizismus. Für mich ist er ein allzu leichter Ausweg für jene, die nicht willens sind, sich um ein Verständnis der rational fassbaren Gesetze zu bemühen, die das Universum bestimmen. Ich meine, von den Tagen Galileis an haben die Kirchenoberen gelernt, sich besser nicht über die Kosmologie zu äußern.

Playboy: Kehren wir zu Ihrer persönlichen Entwicklung zurück. Sie hatten eine mehr oder minder konventionelle Kindheit. Während Ihrer Schulzeit wurden bei Ihnen noch keine unüblichen genialen Fähigkeiten offenkundig.
Hawking: Nein. Ich besuchte eine Public School – Saint Albans. Mein Vater hätte es gern gesehen, dass ich Westminster School besuchte, eine unserer renommiertesten Privatschulen. In Saint Albans erhielt ich eine ebenso gute Ausbildung wie in Westminster, wenn nicht gar eine bessere. In der Schule gehörte ich immer zum Durchschnitt der Klasse.

Playboy: Sie waren tatsächlich nur ein Durchschnittsschüler?
Hawking: (lächelt): Als ich zwölf war, wettete einer von meinen Freunden mit einem anderen um eine Tüte Bonbons, dass aus mir nie etwas werden würde. Ich weiß nicht, ob die Wette je eingelöst wurde, und wenn ja, wer recht behielt.

Playboy: Nach Saint Albans besuchten Sie die Universität, um Physik zu studieren?
Hawking: Da mein Vater Arzt war, wollte er, dass ich an seinem alten College, dem University College von Oxford, Medizin studierte. Ich aber wollte Mathematik und Physik studieren. Mein Vater meinte jedoch, dass es, abgesehen vom Lehrerberuf, im mathematischen Bereich keine Jobs gäbe. Auf sein Anraten belegte ich Chemie, Physik und nur etwas Mathematik. 1959 schrieb ich mich folgsam am University College ein, um Physik zu studieren, das Fach, das mich interessierte, weil die Physik die Gesetze des Universums bestimmt.

Playboy: Demnach musste Ihnen schon sehr früh klar geworden sein, was Sie werden wollten?
Hawking: Ja. Vom zwölften Lebensjahr an wollte ich Wissenschaftler werden. Und die Kosmologie schien mir die fundamentalste Wissenschaft zu sein.

Playboy: Während Ihrer Studienzeit in Oxford waren Sie – so haben wir vernommen – gleichfalls ein nicht eben lerneifriger Student?
Hawking: Die meisten Studenten in meinem ersten Jahr in Oxford hatten bereits ihren Wehrdienst abgeleistet und waren viel älter. Im ersten Jahr und auch teilweise im zweiten kam ich mir ziemlich einsam vor. Erst in meinem dritten Jahr in Oxford fühlte ich mich glücklich. Die damals vorherrschende Einstellung war ziemlich lässig, nicht aufs Arbeiten ausgerichtet.

In Oxford hatte man brillant zu sein, ohne sich deshalb große Mühe zu geben, oder sollte sich mit seiner Beschränktheit eben abfinden und einen viertklassigen Grad erwerben. Harte Arbeit, damit man einen besseren Abschluss machte, galt als Kennzeichen eines Strebers, die schlimmste Bezeichnung im Oxford-Jargon. Allerdings wurde der Physikkurs in Oxford auf eine Weise abgehalten, dass man der Arbeit leicht entgehen konnte. Ich habe mal ausgerechnet, dass ich in den drei Jahren bis zu Abschlussprüfung rund 1000 Stunden gearbeitet habe, durchschnittlich eine Stunde pro Tag. Ich bin nicht stolz darauf. Ich schildere nur die damalige Einstellung, die ich mit meinen Kommilitonen teilte – eine Haltung, die von ausgiebiger Langeweile und dem Gefühl geprägt war, dass nichts einer Anstrengung wert sei.

Playboy: In Ihrem letzten Jahr in Oxford wurde bei Ihnen ALS, amyotrophische Lateralsklerose, diagnostiziert, auch Lou-Gehrig-Krankheit genannt, die binnen kurzer Zeit zum Tod führen soll. Das muss Ihre Persönlichkeit doch verändert haben?
Hawking: Ja. Wenn man mit der Möglichkeit eines frühen Todes konfrontiert wird, begreift man, dass das Leben lebenswert ist und dass es viele Dinge gibt, die man vollbringen möchte.

Playboy: Presseberichten zufolge ließen Sie sich einfach gehen, als Sie die Diagnose erhielten, und sprachen ein paar Jahre dem Alkohol zu?
Hawking: Eine gute Story, aber sie ist nicht wahr.

Playboy: Und was geschah damals wirklich?
Hawking: Die Erkenntnis, dass ich eine unheilbare Krankheit hatte, die mich wahrscheinlich umbringen würde, war ein ziemlicher Schock. Warum stieß das mir zu? Warum sollte ich so enden? Aber als ich im Krankenhaus lag, erlebte ich, wie ein Junge im gegenüberliegenden Bett an Leukämie starb. Es war kein schöner Anblick. Es gab also Menschen, denen es schlimmer erging als mir. Wenn mich ein Anflug von Selbstmitleid befällt, denke ich an diesen Jungen.

Playboy: Sie gingen also nicht auf eine ausgedehnte Zechtour, wie kolportiert wurde?
Hawking: Ich hörte mir Wagner an, aber die Berichte, dass ich übermäßig getrunken habe, sind übertrieben. Die Crux ist doch, dass so etwas, wenn es mal in einem Artikel steht, in anderen nachgeplappert wird, weil es eine gute Story abgibt. Was so viele Male gedruckt wurde, muss doch wahr sein.

Playboy: Dennoch ist es verwunderlich, dass Ihre Reaktion so maßvoll ausfiel. Die meisten Menschen hätten sich aufgegeben oder sich tatsächlich auf eine Sauftour begeben.
Hawking: Meine Träume waren eine Zeitlang recht wirr. Bevor man meinen Zustand diagnostizierte, hatte mich das Leben angeödet. Es schien nichts zu geben, für das man sich hätte einsetzen können. Kurz nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus träumte ich, dass ich hingerichtet werden sollte. Plötzlich wurde mir klar, dass es, sollte ich eine Gnadenfrist erhalten, so vieles gab, das einen Einsatz lohnte. Danach träumte ich mehrmals, dass ich mein Leben opfern würde, um andere zu retten. Denn wenn ich schon sterben musste, sollte das etwas Gutes bewirken.

Playboy: Macht Sie diese schreckliche Krankheit nicht zornig?
Hawking: Doch. Ich bin ein normaler Mensch mit normalen Bedürfnissen und Emotionen.

Playboy: Sie werden jetzt rund um die Uhr medizinisch versorgt.
Hawking: Ja. 1985 bekam ich eine Lungenentzündung. Ich musste einen Luftröhrenschnitt über mich ergehen lassen. Seitdem muss ich rund um die Uhr betreut werden.

Playboy: Liegt es an dieser Operation, dass Sie nicht mehr sprechen können?
Hawking: Ja. Vor der Operation war meine Aussprache undeutlich, so dass mich nur wenige Menschen, die mich gut kannten, verstanden. Aber ich konnte mich zumindest verständlich machen. Ich verfasste Briefe wissenschaftlichen Inhalts, indem ich sie einer Sekretärin diktierte, und hielt Vorlesungen mit Hilfe eines Dolmetschers, der meine Worte – klarer artikuliert – wiederholte.

Doch nach der Operation konnte ich mich nur dadurch verständlich machen, dass ich die Wörter buchstabierte, die Augenbrauen hochzog, wenn jemand auf den richtigen Buchstaben auf einer Karte deutete. Es ist sehr schwierig, auf diese Weise ein Gespräch zu führen, geschweige denn eine wissenschaftliche Abhandlung zu schreiben.

Playboy: Doch jetzt haben Sie ja einen Computer.
Hawking: Walt Woltosz, ein Software-Experte in Kalifornien, hörte von meiner Notlage. Er schickte mir ein Computerprogramm namens „Equalizer“, das er ausgearbeitet hatte. Es ermöglichte mir, Wörter aus einer Reihe von Menüs auf dem Bildschirm auszuwählen, indem ich mit meiner Hand auf einen Schalter drückte. Habe ich das, was ich sagen möchte, zusammengestellt, kann ich es in einen Sprachsynthesizer eingeben.

Playboy: Wieso entschieden Sie sich bei Ihrem Forschungsvorhaben für theoretische Physik?
Hawking: Wegen meiner Krankheit. Ich habe diesen Bereich gewählt, weil ich wusste, dass ich ALS habe. Anders als bei vielen anderen Wissenschaften muss man bei der Kosmologie keine Vorlesungen halten. Es war eine glückliche Wahl, da es sich um einen der wenigen Bereiche handelt, bei denen meine Sprechunfähigkeit kein ernstliches Handicap darstellt.

Glücklich war ich auch noch insofern, da 1962, als ich mit meinen Forschungen begann, die allgemeine Relativitätstheorie und die Kosmologie sehr unterentwickelte Sparten mit geringer Konkurrenz waren, so dass meine Krankheit kein ernsthaftes Hindernis darstellte. Es gab viele aufregende Entdeckungen, die man nur zu machen brauchte, und nur wenige Leute, die danach strebten. Heutzutage ist die Konkurrenz natürlich viel größer (lächelt).

Playboy: Sind Sie am Anfang auf Schwierigkeiten gestoßen?
Hawking: Ich kam mit meinen Forschungen nicht recht voran, weil meine mathematische Grundausbildung dürftig war. Aber allmählich begann ich zu begreifen, was ich da machte.

Playboy: Wollen wir doch mal sehen, ob auch wir etwas davon begreifen können. In Ihrem Buch Eine kurze Geschichte der Zeit verwenden Sie nur eine fundamentale Gleichung, die die Grundlage Ihrer Arbeit darstellt. Würden Sie sie uns erläutern?
Hawking: Diese Gleichung, E = mc2, drückt die Tatsache aus, dass Energie und Masse eigentlich das Gleiche sind. E bedeutet Energie und m Masse. Die Lichtgeschwindigkeit – c – steht in der Gleichung, um die Einheiten auf beiden Seiten einander anzugleichen. Man kann aber auch Einheiten verwenden, bei denen c gleich eins ist.

Diese Gleichung ist deshalb wichtig, weil sie zeigt, dass man Materie in Energie umwandeln kann und umgekehrt. Es scheint sogar, dass in den frühen Stadien des Universums die gesamte Materie aus Energie entstand.

Playboy: Energie wurde also in Materie umgewandelt – oder in die festen Körper, die das Universum bilden.
Hawking: Ja. Die Energie wurde der Schwerkraft des Universums entnommen, die alles zu einer unendlichen Dichte komprimiert hatte, bevor sie im Urknall freigesetzt wurde. Die Gesamtenergie des Universums ist gleich Null. Damit ist das ganze Universum wohlfeil. Wer könnte da behaupten, dass es keine Gratisschnäppchen gibt (lächelt)?

Playboy: Wieso ist die Gesamtenergie des Universums gleich Null?
Hawking: Man braucht Energie, um Materie zu erzeugen. Zudem zieht die Materie im Universum alle übrige Materie im Universum an. Diese Anziehungskraft verleiht der Materie eine negative Energie, die genau der Energie entspricht, die für die Erzeugung dieser Materie erforderlich ist. Somit ist die Gesamtenergie des Universums gleich Null.

Playboy: Sobald also die Materie entstanden war, existierte die Energie in der Materie, die sich im Universum verbreitete. Woher stammte die Energie, die für die Auslösung des Urknalls nötig war?
Hawking: Die für die Entstehung des Urknalls benötigte Energie entstammte dem Universum, das sie schuf.

Playboy: In der Gleichung ist auch die Zeit wichtig. Wieso?
Hawking: Vor Einstein stellte man sich vor, dass die Zeit vom Raum völlig getrennt sei. Man glaubte, dass es eine sogenannte absolute Zeit gebe. Das heißt, dass man jedem Ereignis einen eindeutigen Zeitwert zumessen könnte. Experimente zeigten jedoch auf, dass das nicht der Fall sein konnte. Und Einstein wies nach, dass sich die Experimente erklären ließen, wenn man davon ausging, dass die Zeit vom Raum nicht getrennt, sondern mit ihm in einer sogenannten Raumzeit verbunden war.

Playboy: Laut Einstein bedeutet das, dass die Zeit eines beobachteten Ereignisses im Raum von der Position des Beobachters abhängt. Damit wird sie zu einem weiteren Maß wie etwa die Weite oder die Höhe.
Hawking: Ja. Später konnte Einstein aufzeigen, dass die Schwerkraft sich erklären ließ, wenn die Raumzeit nicht flach, sondern gekrümmt war. Diese Vorstellung der Raumzeit hat unsere Ansicht des Universums völlig verändert.

Playboy: Ein „Schwarzes Loch“ bildet gleichfalls einen Bestandteil Ihrer Theorie. Könnten Sie das erläutern?
Hawking: Ein Schwarzes Loch ist ein Bereich, in dem das Gravitationsfeld so stark ist, dass dem nichts entweichen kann. Innerhalb eines Schwarzen Loches wird es eine Singularität geben, wo die Raumzeit aufhört. Diese Singularität, ein unendlich dichter Materiepunkt, ähnelt der Singularität, die beim Urknall auftrat und der Beginn der Raumzeit und des ganzen Universums ist.

Playboy: Und warum nennt man das ein Schwarzes Loch?
Hawking: Das Gravitationsfeld der Singularität wäre so stark, dass selbst das Licht dem angrenzenden Bereich nicht entkommen könnte, sondern vom Gravitationsfeld hineingezogen werden würde. Der Bereich nun, dem es nicht entkommen kann, wird Schwarzes Loch genannt. Seine Grenzzone nennt man den Ereignishorizont.

Playboy: Wie findet man ein Schwarzes Loch, wenn es nicht beobachtbar ist?
Hawking: Von 1970 bis 1974 beschäftigte ich mich hauptsächlich mit Schwarzen Löchern. 1974 machte ich meine vielleicht erstaunlichste Entdeckung: Schwarze Löcher sind nicht gänzlich „schwarz“. Zieht man ein Verhalten in sehr kleinem Ausmaß in Betracht, können einzelne Teilchen und auch Strahlung aus einem Schwarzen Loch heraussickern. Das Schwarze Loch emittiert Strahlung, als wäre es ein heißer Körper.

Playboy: Wird so ein Schwarzes Loch, wenn Ihre Theorien zutreffen, schließlich auf ähnliche Weise explodieren, wie es bei der Entstehung des Universums der Fall war?
Hawking: Ja.

Playboy: Wieso kommt es dazu?
Hawking: Wegen des Unschärfeprinzips der Quantenmechanik werden Teilchen und Energie aus dem Schwarzen Loch langsam heraussickern. Dadurch wird es immer kleiner und wird seine Energie immer schneller verlieren. Schließlich wird das Schwarze Loch in einer ungeheuren Explosion verschwinden.

Playboy: Die Quantenmechanik ist doch die Erforschung des Verhaltens von Systemen auf kleinsten Skalen.
Hawking: Ja, vor allem die von Atomen und Elementarteilchen. Es ist jedenfalls so, dass ein Schwarzes Loch nicht urplötzlich aus dem Nichts entstehen und explodieren kann, weil es da etwas geben muss, das die Energie liefert.

Playboy: Die Materie also, die durch einen Sternenkollaps komprimiert worden ist?
Hawking: Ja. Die Masse oder Energie bleibt immer erhalten. Das bedeutet, dass ein leerer Raum, der weder Materie noch Energie enthält, leer bleibt. Ein Schwarzes Loch kann nicht einfach in einem zuvor leeren Raum auftauchen. Es muss aus Materie oder Energie gebildet werden, also etwa einem Stern, der wegen seiner eigenen Schwerkraft in sich zusammenfällt.

Playboy: Sie haben zwar die Schwarzen Löcher zu einem zentralen Teil Ihrer Lebensarbeit gemacht, räumen aber ein, dass man erst eines entdecken müsste. Sie schreiben sogar in Ihrem Buch, Sie hätten mit einem Kollegen gewettet, dass man so ein Schwarzes Loch nicht entdecken würde. Stimmt das?
Hawking: Ja. Ich habe mit Kip Thorne vom California Institute of Technology gewettet, dass Cygnus X-1 kein Schwarzes Loch sei. Es war sozusagen eine Absicherung von mir. Ich habe mich viel mit Schwarzen Löchern beschäftigt, und das wäre alles vergebens gewesen, wenn sich herausstellte, dass sie nicht existieren. Aber dann hätte ich zumindest die Genugtuung, meine Wette gewonnen zu haben (lächelt).

Playboy: Und?
Hawking: Nun ja, mittlerweile halte ich die Hinweise auf Schwarze Löcher, dank Cygnus X-1, für so stichhaltig, dass ich die Wette für verloren erklärt habe. Cygnus X-1 ist ein Doppelsternsystem, das aus einem normalen Stern besteht, der einen unsichtbaren Begleiter umkreist. Allem Anschein nach entströmt dem normalen Stern Materie und fällt auf den Begleiter. Beim Sturz auf den Begleiter zu gerät sie in eine spiralförmige Bewegung, wie etwa Wasser beim Entleeren einer Badewanne. Sie erhitzt sich dabei und emittiert Röntgenstrahlen, die sich beobachten lassen. Wir können aufzeigen, dass die Masse des Begleiters mindestens sechsmal so groß ist wie die der Sonne. Das ist zu viel für einen „Weißen Zwerg“ oder einen Neutronenstern. Folglich muss es ein Schwarzes Loch sein.

Playboy: Wir empfinden es als Privileg, davon zu hören. Kann man über diese Folgerung hinaus durch Augenschein feststellen, was ein Schwarzes Loch ist?
Hawking: Wir bräuchten einen Freiwilligen, der in das Schwarze Loch hineinspringt, um so herauszufinden, was sich darin abspielt. Leider wird er es uns nicht mitteilen können.

Playboy: Wieso nicht?
Hawking: Wegen des sogenannten Lichtkegels. Der Lichtkegel eines Ereignisses A ist die Gesamtheit der Ereignisse, die von dem Ereignis durch Signale erreicht werden können, die sich mit Lichtgeschwindigkeit verbreiten. Nun kann sich aber gemäß der Relativitätstheorie nichts schneller verbreiten als Licht. Somit kann ein Ereignis B, außerhalb des möglichen Lichtkegels von A, nicht von dem betroffen werden, was bei A geschieht. Und das Signal kommt nicht heraus, weil es sich unterhalb der Lichtgeschwindigkeit verbreitet.

Playboy: In Ihrem Buch schreiben Sie, dass in so einem Ereignis ein Mensch oder irgendein Objekt von den Gravitationskräften zerrissen werden würde. Die ungeheure Schwerkraft würde selbst die Ausstrahlung von Funksignalen verhindern.
Hawking: Ja. Einem Astronauten, der sich dafür freiwillig zur Verfügung stellte, erginge es in einer Singularität schlecht. Seine Teilchen würden erhalten bleiben, aber das ist, denke ich, ein geringer Trost (lächelt).

Playboy: Gibt es denn keine Möglichkeit, dass ein Astronaut durch ein sogenanntes Wurmloch entkommen könnte?
Hawking: Doch. Teilchen, die in ein Schwarzes Loch fallen, könnten durch einen schmalen Stollen oder ein Wurmloch hindurch gelangen und irgendwo im Universum auftauchen. Aber Wurmlöcher gibt es nur in der imaginären Zeit. Die Geschichte der Teilchen oder die eines Astronauten in der realen Zeit nimmt in einer Singularität ein schlimmes Ende.

Playboy: Gibt es denn keine realen Wurmlöcher?
Hawking: Die Wurmlöcher, die ich in meinem Buch erwähne, bildeten sich in der realen Zeit. Nein, allem Anschein nach wird sich ein derartiges Wurmloch nicht herausbilden. Aber seit dem Erscheinen des Buches haben ich und weitere Wissenschaftler an einem anders gearteten Wurmloch gearbeitet, zu dem es in der imaginären Zeit kommen könnte.

Playboy: Was ist die imaginäre Zeit?
Hawking: Die imaginäre Zeit ist eine andere Richtung der Zeit, eine, die im rechten Winkel zur gewöhnlichen, realen Zeit abläuft. Es hat den Anschein, als würde es eine große Anzahl Wurmlöcher in der imaginären Zeit geben, die sich überall abzweigen und zusammenfügen. Wir nehmen sie nicht direkt wahr, aber sie wirken auf alles ein, was wir direkt beobachten. Es ist ein aufregender Forschungsbereich.

In den letzten 15 Jahren haben wir erkannt, dass es möglich sein könnte, bei Verwendung der Quantentheorie Zeit und Raum völlig zu vereinen. Das würde bedeuten, dass wir von dem eindimensionalen, linearen Verhalten der Zeit abkommen könnten.

Playboy: Und Sie verwenden die imaginäre Zeit und Wurmlöcher, um auszuloten, wie Objekte durch die Zeit reisen könnten, nicht wahr?
Hawking: (lächelt): Objekte werden in der imaginären Zeit durch einen schmalen Stollen oder ein Wurmloch hindurchwandern und in einem anderen Universum oder einem anderen Teil unseres Universums hervorkommen. In der gewöhnlichen Zeit könnte man durch ein Schwarzes Loch hindurchgelangen und aus einem Weißen Loch hervorkommen.

Playboy: Einem „Weißen Loch“?
Hawking: Ja. Die Gesetze der Physik sind symmetrisch. Wenn es Objekte wie die sogenannten Schwarzen Löcher gibt, in die etwas hineinstürzen, aus denen aber nichts herausfallen kann, muss es auch Objekte geben, aus denen etwas herausfallen, in die jedoch nichts hineinfallen kann. Diese könnte man als Weiße Löcher bezeichnen.

Playboy: In der gewöhnlichen Zeit. Aber Sie sagten doch, dass das unmöglich sei?
Hawking: Ein Weißes Loch ist die Zeitumkehrung eines Schwarzen Loches. Das Weiße Loch könnte sich in einem anderen Universum befinden oder in einem Teil unseres Universums. Wir könnten diese Methode für Weltraumreisen verwenden. Andernfalls sind die Entfernungen so immens, dass die Reise zur nächstgelegenen Galaxie und zurück Millionen Jahre dauern würde. Doch wenn man durch ein Schwarzes Loch hindurchgelangen und aus einem Weißen Loch herauskommen könnte, wäre man rechtzeitig zur Teestunde zurück.

Playboy: Könnte man dann, wenn das möglich wäre, theoretisch zumindest, in die Zeit zurückreisen?
Hawking: Ja. Das Problem ist nur, dass einen nichts davon abhält, zu einem Zeitpunkt zurückzukommen, der vor dem liegt, zu dem man losfährt (lächelt).

Playboy: Oder man würde bei der Rückkehr sich selbst tot vorfinden. Oder die vertraute Welt ist tot.
Hawking: Glücklicherweise – im Hinblick auf unser Überleben – scheint es so zu sein, dass Raumzeiten, in denen man in die Vergangenheit reisen kann, instabil sind. Die geringste Störung – etwa ein hindurchziehendes Raumschiff – führt dazu, dass die Passage zwischen einem Schwarzen und einem Weißen Loch abbricht. Die Geschichte des Raumschiffs würde zu Ende sein; es würde zerrissen werden, seine Existenz würde erlöschen.

Playboy: Kehren wir sozusagen zur Realität zurück: Sind denn die Wurmlöcher in der imaginären Zeit anders?
Hawking: Wurmlöcher in der imaginären Zeit weisen keine Singularitäten auf und können in jeder Situation auftreten. Sie werden die beobachtbare Wechselwirkung von Teilchen auf eine Weise verändern, die erst noch eingehend berechnet werden muss. Es hat allerdings schon den Anschein, dass eine bedeutsame Wechselwirkung auf eine sehr signifikante Weise davon betroffen wird. Das ist die sogenannte kosmologische Konstante, die der Raumzeit eine innewohnende Tendenz zur Expansion oder Kontraktion verleiht.

Playboy: Wohin wandern diese Teilchen?
Hawking: Zu Baby-Universen. Laut neuesten Forschungsarbeiten von mir werden die Teilchen in ein eigenes Baby-Universum abwandern. Dieses Baby-Universum kann sich unserer Raumzeit-Region wieder anschließen. Wenn das geschieht, kann es uns wie ein weiteres Schwarzes Loch vorkommen, das sich herausgebildet und dann aufgelöst hat. Teilchen, die in ein Schwarzes Loch gefallen sind, würden den Anschein von Teilchen erwecken, die von einem anderen Schwarzen Loch emittiert worden sind und umgekehrt.

Playboy: All das ist doch eine schwer verständliche mathematische Theorie, nicht wahr? Man kann sich kaum vorstellen, dass sich derlei faktisch beobachten lässt.
Hawking: Mathematische Modelle des Universums, die das Konzept der imaginären Zeit verwenden, können uns Erklärungen liefern, warum das Universum ausgerechnet auf diese Weise entstand. Wenn Sie so wollen, ist die Verwendung der imaginären Zeit nur ein mathematischer Trick, der uns über die Realität oder über das Wesen der Zeit keinen Aufschluss gibt.

Doch wenn man einen positivistischen Standpunkt einnimmt wie ich, haben Fragen nach der Realität keine Bedeutung. Man kann sich nur die Frage stellen, ob die imaginäre Zeit bei der Ausarbeitung mathematischer Modelle nützt, die das beschreiben, was wir beobachten. Und das ist der Fall. Man kann einen extremen Standpunkt einnehmen und behaupten, dass die imaginäre Zeit eigentlich das fundamentale Konzept sei, mit dem das mathematische Modell gestaltet werden sollte. Die gewöhnliche Zeit würde ein davon abgeleitetes Konzept sein, das wir aus psychologischen Gründen aufstellen. Wir erfinden die gewöhnliche Zeit, damit wir das Universum als eine Folge von Ereignissen in der Zeit ausdrücken können und nicht als ein statisches Bild, wie es etwa eine topographische Karte der Erde ist.

Playboy: Welchen Effekt hat die kosmologische Konstante?
Hawking: Durch Beobachtung der Bewegung entfernter Galaxien können wir bestimmen, dass diese Konstante entweder Null oder sehr klein ist. Das ist höchst überraschend, weil wir aufgrund der Quantentheorie einen Wert für die kosmologische Konstante erwarten könnten, der sehr viel größer ist als das, was wir beobachten.

Playboy: Um wie viel größer ist „sehr viel größer“?
Hawking: Ich nehme an, mindestens 1045-mal größer. Das ist eine Eins mit 45 Nullen. Bis vor kurzem gab es für die kosmologische Konstante keine Erklärung. Doch wenn man Richard Feynmans (ein kürzlich verstorbener Physiker) Annahme einer Summe sämtlicher Wurmlöcher enthaltender Geschichten einbezieht, findet man, dass der offenbare Wert der kosmologischen Konstante genau Null ist. Mathematische Modelle des Universums, die das Konzept der imaginären Zeit einbeziehen, können eine Erklärung dafür liefern, warum das Universum auf diese Weise entstand, und warum die kosmologische Konstante Null ist.

Playboy: Die Quantentheorie kann allerdings spezifische Ereignisse nicht voraussagen. Wie genau können diese mathematischen Modelle denn sein?
Hawking: Im Allgemeinen kann die Quantenmechanik ein einzelnes definitives Resultat für eine Beobachtung nicht voraussagen. Stattdessen sagt sie eine Anzahl von möglichen Ergebnissen voraus und gibt uns an, wie wahrscheinlich jedes von ihnen ist.

Playboy: Sie haben aber behauptet, dass eine vereinheitlichte Theorie des Universums bei Einbeziehung der Quantentheorie möglich sei. Wie kann nun die Quantentheorie mit der Relativitätstheorie verbunden werden?
Hawking: Die Quantentheorie hängt von der Verwendung einer neuen Zahlenart ab – von komplexen Zahlen. Eine komplexe Zahl könnte man sozusagen als die abkürzende Schreibweise eines Paars gewöhnlicher Zahlen ansehen; man kann sie als einen Punkt auf einer Ebene darstellen, wobei die beiden Zahlen den Positionen des Punktes in der horizontalen und vertikalen Richtung entsprechen.

Ein Beispiel: Die komplexe Zahl, die die Abkürzung für das Zahlenpaar eins und zwei ist, würde dargestellt werden durch einen Punkt, der eine Einheit nach rechts und zwei Einheiten oberhalb der Mitte liegt. Oder 1 + 2i.Hier haben wir eine sogenannte imaginäre Zahl: i ist die Quadratwurzel von minus eins.

Playboy: Aha.
Hawking: Schauen Sie: Wenn man die imaginäre statt der realen Zeit verwendet, wird die Raumzeit euklidisch. Das heißt, die Zeit ist nur wie eine weitere Richtung im Raum. Man kann komplexe Zahlen wie ganz gewöhnliche Zahlen multiplizieren, dividieren, addieren und subtrahieren.

Playboy: Und das ermöglicht mathematische Beschreibungen in der Raumzeit?
Hawking: Ja.

Playboy: Doch was ist nun genau die Beziehung zwischen der imaginären und der realen Zeit?
Hawking: Durch die Verwendung von imaginären Zahlen fasst man all die Wahrscheinlichkeiten für sämtliche Geschichten der Teilchen mit bestimmten Eigenschaften – wie etwa das Passieren bestimmter Punkte zu einer bestimmten Zeit – zusammen. Man muss dann das Resultat zurück zur realen Raumzeit extrapolieren, in der die Zeit je nach der Richtung im Raum unterschiedlich ist. Das mag nicht der übliche Umgang mit der Quantentheorie sein, aber er liefert die gleichen Resultate wie andere Methoden.

Playboy: Macht denn diese Zufälligkeit eine Anwendung auf wissenschaftlich fundierte Gesetze nicht schwierig oder gar chaotisch?
Hawking: Ja. Einstein hat sich gegen diese Zufälligkeit mit seinem berühmt gewordenen Ausspruch gewandt, wonach Gott nicht über das Universum würfele. Aber alle Hinweise deuten auf die Feststellung hin, dass Gott tatsächlich ein eingefleischter Spieler ist (lächelt). Er würfelt das Ergebnis jeder Beobachtung aus.

Diese Unschärfe wird am besten durch Feynmans Theorie beschrieben, wonach ein Teilchen keine einzige, genau abgegrenzte Bahn oder Geschichte hat. Stattdessen sollte man es so sehen, dass es sich auf allen möglichen Bahnen durch die Raumzeit bewegt. Jede Bahn oder Geschichte hat eine Wahrscheinlichkeit, die von ihrer Gestalt abhängt. Damit diese Auffassung Resultate zeitigt, muss man Geschichten betrachten die sich in der imaginären und nicht in der realen Zeit abspielen, in der wir unser Leben führen. Was die Quantenschwerkraft angeht, so würde Feynmans Annahme einer Summe sämtlicher Geschichten bedeuten, dass man über verschiedene mögliche Geschichten des Universums summieren muss. Das heißt unterschiedliche, euklidische, gekrümmte Raumzeiten.

Die Antwort auf Ihre Frage ist also, dass die Summation der mit jeder Bahn verbundenen komplexen Zahlen keine klar definierte Summe ergibt. Aber man erhält eine klar definierte Antwort, wenn man davon ausgeht, dass die Zeitbezeichnung eines Ereignisses nicht nur eine gewöhnliche Zahl ist, wie wir normalerweise denken, sondern eine komplexe Zahl.

Playboy: Kein leicht verständliches Konzept. Welcher unmittelbare Nutzen ergibt sich aus dem Verständnis der imaginären Zeit und der Wurmlöcher?
Hawking: Wir haben davon gesprochen, ob jemals etwas einem Schwarzen Loch entkommen könnte. Die imaginäre Zeit kann ein Schlupfloch für Objekte liefern, die in ein Schwarzes Loch fallen. Die gewöhnliche Geschichte eines Objektes in der realen Zeit wird in einem Schwarzen Loch enden, in seiner Existenz ausgelöscht werden. Betrachtet man jedoch die Geschichte des Objekts in der imaginären Zeit, kann die Geschichte nicht enden, wenn die Annahme von der Grenzenlosigkeit des Universums richtig ist.

Playboy: Könnten Sie uns kurz die „Annahme von der Grenzenlosigkeit“ erklären?
Hawking: 1983 stellten Jim Hartle und ich das Konzept auf, dass Zeit und Raum im Ausmaß endlich sind, aber keine Grenze oder Trennlinie besitzen. Sie ähneln der Oberfläche der Erde, haben aber zwei Dimensionen mehr. Die Erdoberfläche ist in ihrem Ausmaß endlich, aber sie hat keinen Rand. Ich sage immer, dass ich bei all meinen Reisen noch nie abgestürzt bin (lächelt).

Unser Konzept geht davon aus, dass man den Zustand des Universums durch eine Summe der Einzelgeschichten bezeichnen sollte, wo die Geschichten nur geschlossene, euklidische Räume endlicher Größe und ohne Grenze oder Rand waren. Dieses Konzept könnte man so paraphrasieren: Die Randbedingung des Universums ist, dass es keinen Rand besitzt. Nur wenn sich das Universum in diesem grenzenlosen Zustand befindet, bestimmen die wissenschaftlichen Gesetze von sich aus, wie das Universum sich verhalten müsste. Falls das Universum sich in einem anderen Zustand befindet, wird die Klasse der euklidischen, gekrümmten Räume in der Summe der Geschichten Räume mit Singularitäten einschließen.

Um die Wahrscheinlichkeiten solcher singulären Geschichten festzustellen, müsste man ein anderes Prinzip als die bekannten wissenschaftlichen Gesetze einführen. Dieses Prinzip wäre etwas, das nicht unserem Universum entstammt, wir könnten es nicht aus dem Universum ableiten. Wenn sich andererseits das Universum in dem grenzenlosen Zustand befindet, könnten wir im Prinzip umfassend feststellen, wie sich das Universum – bis zu den Beschränkungen des Unschärfeprinzips – verhalten müsste.



Playboy: Wenigstens ein vertrauter Begriff. Könnten Sie uns Heisenbergs Unschärfeprinzip kurz erklären?
Hawking: Werner Heisenberg, ein deutscher Physiker, formulierte sein berühmt gewordenes Unschärfeprinzip 1926. Um die künftige Position und Geschwindigkeit eines Teilchens zu bestimmen, muss man seine gegenwärtige Position und Geschwindigkeit genau messen. Man könnte das etwa dadurch machen, dass man Licht auf das Teilchen strahlen lässt. Einige Lichtwellen werden von dem Teilchen gestreut und so seine Position anzeigen. Man wird jedoch die Position des Teilchens nicht genauer feststellen können, als der Abstand zwischen den Wellenbergen des Lichtes groß ist. Man bräuchte also Licht kürzerer Wellenlänge, um die genaue Position des Teilchens anzugeben.

Nun kann man aber nach dem Planckschen Quantenprinzip nicht eine beliebig kleine Menge Licht verwenden; man müsste mindestens ein Quant (die unteilbare Einheit, in der Lichtwellen emittiert oder absorbiert werden) verwenden. Dieses Quant wird das Teilchen in seiner Bewegung stören und seine Geschwindigkeit auf eine Weise verändern, die man nicht vorhersagen kann. Zudem müsste die Wellenlänge des Lichts, das man braucht, um so kürzer sein, je genauer man die Position feststellen möchte, und somit die Energie des einzelnen Quants um so höher. Die Geschwindigkeit des Teilchens wird also umso stärker beeinflusst. Mit anderen Worten: Je genauer man die Position des Teilchens festzustellen versucht, desto weniger genau kann man seine Geschwindigkeit messen und umgekehrt.



Playboy: Kehren wir zum „grenzenlosen Zustand“ zurück. Wäre Ihr Konzept, sollte es sich beweisen lassen, für die Wissenschaft von großer Bedeutung?
Hawking: Für die Wissenschaft wäre es nicht schlecht, wenn sich das Universum in dem grenzenlosen Zustand befände. Aber wie lässt sich das feststellen? Die Antwort ist, dass das Konzept vom grenzenlosen Zustand definitive Voraussagen darüber zulässt, wie sich das Universum verhalten sollte.

Wenn das Konzept richtig wäre, gäbe es keine Singularitäten, und die wissenschaftlichen Gesetze würden überall gelten, auch zu Beginn des Universums. Wie das Universum entstand, würde von wissenschaftlichen Gesetzen bestimmt werden. Und mein Bestreben, zu erfahren, wie das Universum entstand, wäre erfolgreich gewesen. Allerdings wüsste ich dann noch immer nicht, warum.

Playboy: Aber haben Sie nicht gesagt, bei einem grenzenlosen Zustand würde es keine Singularitäten geben? Und haben Sie nicht in Ihren Forschungsarbeiten stets die Notwendigkeit hervorgehoben, es müsste Singularitäten geben?
Hawking: Es ist interessant zu beobachten, wie sich das Meinungsklima, was Singularitäten betrifft, wandelt. Als ich mein Studium abgeschlossen hatte, nahm sie fast keiner ernst. Jetzt – als Folge der Singularitätstheorie – nimmt fast jeder an, dass das Universum mit einer Singularität begann. In der Zwischenzeit habe ich jedoch meine Ansicht geändert. Ich nehme weiterhin an, dass das Universum einen Anfang hat, aber das war keine Singularität.

Playboy: Wie sind Sie zu dieser Folgerung gekommen?
Hawking: Die allgemeine Relativitätstheorie ist das, was man eine klassische Theorie nennt. Das heißt, sie berücksichtigt nicht die Tatsache, dass Teilchen keine genau definierte Position und Geschwindigkeit haben, sondern aufgrund des Unschärfeprinzips der Quantenmechanik über einen kleinen Bereich sozusagen verschmiert sind. Das spielt bei normalen Situationen keine Rolle, weil der Radius der Raumzeitkrümmung sehr groß ist, verglichen mit der Unschärfe der Position eines Teilchens. Die Singularitätstheorie deutet jedoch darauf hin, dass die Raumzeit zu Beginn der gegenwärtigen Expansionsphase des Universums überaus verzerrt sein und einen kleinen Krümmungsradius haben muss. In dieser Situation ist die Unschärfe sehr bedeutsam. Somit bringt sich die allgemeine Relativitätstheorie durch die Voraussage von Singularitäten selbst zu Fall. Um Klarheit über den Beginn des Universums zu gewinnen, brauchen wir eine Theorie, die die allgemeine Relativität mit der Quantenmechanik verbindet.

Playboy: Die so schwer fassbare vereinheitlichte Theorie oder T.O.E. (Theory Of Everything)?
Hawking: Wir kennen noch nicht die exakte Form der korrekten Theorie von der Quantenschwerkraft. Die beste Annäherung, die wir zur Zeit haben, ist die Superstrings-Theorie, aber da gibt es noch eine Anzahl ungelöster Schwierigkeiten. Es gibt aber bestimmte Eigenheiten, die in einer zutreffenden Theorie enthalten sein müssten. Eine ist Einsteins Idee, dass die Auswirkungen der Schwerkraft von einer Raumzeit dargestellt werden könnten, die von der darin enthaltenen Materie und Energie gekrümmt oder verzerrt wird. Objekte versuchen, einer Bahn zu folgen, die in diesem gekrümmten Raum einer geraden Linie am nächsten kommt. Da der Raum jedoch gekrümmt ist, scheinen ihre Bahnen wie durch ein Gravitationsfeld gebogen zu sein.

Playboy: Darin haben Sie auch Feynmans Summe der Einzelgeschichten eingeschlossen.
Hawking: Ja, wir erwarten, dass Richard Feynmans Vorschlag, die Quantentheorie könne als Summe der Einzelgeschichten formuliert werden, in der endgültigen Theorie enthalten ist. Erinnern Sie sich: Das war die Idee, dass ein Teilchen jede nur mögliche Bahn oder Geschichte in der Raumzeit hat, abhängig von deren Form. Die Wahrscheinlichkeiten solcher Räume würden von der Theorie nicht bestimmt werden. Sie müssten auf eine willkürliche Weise zugeordnet werden.

Playboy: „Auf eine willkürliche Weise“ – damit haben wir doch wieder eine Zufallsabhängigkeit?
Hawking: Was das bedeutet ist, dass die Wissenschaft die Wahrscheinlichkeiten solcher singulären Geschichten für die Raumzeit nicht voraussagen könnte und somit auch nicht voraussagen kann, wie das Universum sich verhalten müsste. Es kann jedoch sein, dass sich das Universum in dem Zustand befindet, der nur von einer Summe der nichtsingulären, euklidischen, gekrümmten Räume definiert wird. In diesem Fall würde die Theorie das Universum gänzlich erfassen; man bräuchte dann nicht eine außerhalb des Universums befindliche Kraft in Betracht zu ziehen, um zu bestimmen, wie es begann.

In gewisser Weise gleicht die Annahme, dass der Zustand des Universums nur von einer Summe der nichtsingulären Geschichten bestimmt wird, einem Betrunkenen, der nach seinem Hausschlüssel unter der Straßenlaterne sucht: Das mag nicht dort sein, wo er ihn verloren hat, aber das ist der einzige Ort, wo es hell genug ist, dass er ihn finden könnte. Das Universum mag sich gleichfalls nicht in dem durch eine Summe der nichtsingulären Geschichten definierten Zustand befinden, aber es ist der einzige Zustand, aus dem heraus die Wissenschaft voraussagen könnte, wie das Universum sein sollte.

Playboy: Der Gedanke bereitet uns Unbehagen – aber was ist, wenn sich die Annahme von der Grenzenlosigkeit als falsch herausstellt?
Hawking: (lächelt) Sollten die Beobachtungen mit den Voraussagen nicht übereinstimmen, werden wir wissen, dass es Singularitäten in der Klasse möglicher Geschichten geben muss. Das ist jedoch alles, was wir wissen werden. Wir werden die Möglichkeiten der singulären Geschichten nicht berechnen können. Somit werden wir nicht voraussagen können, wie sich das Universum verhalten sollte.

Man könnte annehmen, dass diese Unvoraussagbarkeit keine allzu große Bedeutung hat, wenn sie nur den Urknall betrifft. Denn wenn eine Woche in der Politik eine lange Zeitspanne ist, entsprechen 10 000 Millionen Jahre so ziemlich der Ewigkeit. Wenn die Voraussagbarkeit aber schon in den starken Gravitationsfeldern des Urknalls nicht galt, könnte sie auch beim Kollaps eines Sterns nicht gelten. Das könnte allein in unserer Galaxie mehrmals in der Woche eintreten. Somit wäre unsere Voraussagefähigkeit, selbst gemessen am Standard der Wettervorhersage, kümmerlich.

Playboy: Was nun?
Hawking: Was sagt nun das Konzept von Grenzenlosigkeit für das Universum voraus? Man kann zunächst anführen, dass, weil sämtliche möglichen Geschichten für das Universum im Ausmaß endlich sind, jede Größe, die man als Zeitmaß verwendet, einen größten und einen kleinsten Wert haben wird. Damit wird das Universum einen Anfang und ein Ende haben. Der Beginn wird jedoch keine Singularität sein. Er wird stattdessen etwa dem Nordpol der Erde ähneln. Nimmt man an, dass die Breitengrade auf der Erdoberfläche der Zeit entsprechen, könnte man behaupten, dass die Erdoberfläche am Nordpol beginnt. Der Nordpol ist jedoch ein völlig normaler Punkt auf der Erde. An ihm ist nichts Besonderes; am Nordpol gelten dieselben Gesetze wie an anderen Orten der Erde. Entsprechend wäre das Ereignis, das wir als „den Beginn des Universums“ bezeichnen, ein normaler Punkt in der Raumzeit wie andere auch, und die wissenschaftlichen Gesetze würden am Anfang ebenso gelten wie sonst wo.

Playboy: Mögen wir nun viel oder wenig von Ihrer Forschungsarbeit begreifen, drängt sich der Eindruck auf, dass der Großteil Ihrer Ideen von schwer verständlichen mathematischen Konzepten abhängt, die vom gewöhnlichen, beobachtbaren Leben weit entfernt sind.
Hawking: Das mit der imaginären Zeit mag sich wie Science-fiction anhören, aber es ist ein wohlbegründetes mathematisches Konzept.

Playboy: Ja, für Mathematiker und Physiker, aber für die meisten von uns liegt es jenseits eines unmittelbaren Verständnisses.
Hawking: Ja.

Playboy: Was könnte dann die Allgemeinheit gewinnen, wenn sie versucht, diese Konzepte zu begreifen? Die meisten Menschen würden wohl einwenden, dass wir näherliegende Probleme haben, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen.
Hawking: Deswegen habe ich auch einen Teil meiner Zeit für den Versuch verwandt, zu erklären, was wir da machen. Ich meine, dass die Kenntnis der umfassenden Folgerungen aus den neuesten Entdeckungen in der Kosmologie der Öffentlichkeit nützt.

Zugegeben, das Verständnis der Kosmologie wird zur Ernährung der Menschen nicht beitragen. Damit wird man auch die Wäsche nicht sauberer waschen können. Aber wir Menschen leben nicht von Brot allein. Wir alle haben das Bedürfnis, uns mit dem Universum, in dem wir uns befinden, auseinanderzusetzen, zu verstehen, wie wir da hineingeraten sind.

Playboy: Wir nehmen an, dass jeder Wissenschaftler sich eine Anerkennung seiner Arbeit erhofft. Ihnen sind viele Auszeichnungen verliehen worden, aber noch nicht der Nobelpreis. Denken Sie, dass Sie eines Tages den Nobelpreis erhalten werden?
Hawking: Den größten Teil meiner Forschungsarbeiten hat man allgemein akzeptiert. Mir ist in der letzten Zeit viel Anerkennung zuteil geworden. Ich weiß allerdings nicht, ob ich jemals den Nobelpreis erhalten werde, weil dieser nur für theoretische Forschungsarbeiten verliehen wird, die von Beobachtungen bestätigt worden sind. Es ist nun mal überaus schwer, die Dinge zu beobachten, an denen ich arbeite (lächelt).
 

Biographie

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Leben
Kurz nach der Diagnose seiner ALS-Erkrankung startet der 21 Jahre alte Uni-Absolvent 1963 seine Physikerkarriere, promoviert mit 24 in Cambridge, wo er von 1979 bis 2009 den früheren Lehrstuhl Isaac Newtons innehat. Seine Krankheit verläuft entgegen ersten Prognosen extrem langsam. Bei zunehmender physischer Einschränkung entsteht sein immenses wissenschaftliches und populäres Werk astrophysikalischer Schriften. Hawking hat zwei Ehen hinter sich. Aus erster Ehe hat er zwei Söhne und eine Tochter.

Status
Einziger glaubhafter Welterklärer.

Sonstige Leistungen
Gaststar in TV-Serien (u. a. „Raumschiff Enterprise“) und oft zitierte Inspirationsquelle der Science Fiction.
 

Morgan Strong