Intro

Truman Capote. Seine Werke prägten eine ganze Generation. 1980 sprach der Schriftsteller und Drehbuchautor im Playboy-Interview über seine Sucht, seine Liebe zu sich selbst und warum Günter Grass langweilig ist

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Wir Südstaaten-Tunten sind bissiger als Klapperschlangen.“ Truman Capote, Bestsellerautor, musste es wissen. Geboren am 30. September 1924 in New Orleans, suchte der Sohn eines Handelsvertreters zeitlebens Zugang zur High Society. Doch wann immer er im Glashaus der Prominenten-Partys saß, warf er mit Steinen. Dabei umgaben Capote, der mit 17 Jahren nach New York zog, durchaus nicht nur Klatschgeschichten. Schon früh erwarb er sich den Ruf, zu den besten Schriftstellern unserer Zeit zu zählen. Mit dem Roman „Andere Räume, andere Stimmen“, in dem er Jugenderlebnisse verarbeitete, gelang ihm 1948 ein sensationelles Debüt. 1958 erschien „Frühstück bei Tiffany“, ein literarisches Denkmal für Holly Golightly, New Yorker Society-Girl der Sonderklasse (später verfilmt mit Audrey Hepburn). 1959 hatte Capote die große Welt erst mal satt. Er verließ die New Yorker Salons und reiste in den Mittleren Westen. Dort untersuchte er einen der bizarrsten Kriminalfälle der letzten Jahrzehnte: In Garden City/Kansas hatten zwei junge Männer anscheinend ohne Motiv eine ganze Familie erschlagen. Capote sprach mit den Mördern in der Todeszelle, mit Angehörigen der Opfer, mit Nachbarn und Polizisten, und veröffentlichte 1966 „Kaltblütig“, ein Buch, das als „neue Kunstform“ gepriesen wurde. Der Roman machte Capote („Ich habe immer gewusst, dass ich reich und berühmt werden würde“) zum Millionär und zum Medienstar. Leider begann er auch unmäßig zu trinken und Tabletten zu schlucken. In einer Talkshow kündigte er seinen Selbstmord an. Zahlreiche Psychiater und mehrere Kliniken versuchten, ihm zu helfen - vergeblich. Schließlich kam es zum Kollaps. Danach reichte es auch Capote. Im Frühjahr 1979 ließ er sich, übergewichtig und von der Sucht schwer gezeichnet, in eine Entziehungsanstalt einweisen. Freiwillig. Nach seiner Entlassung - und vier Jahre vor seinem Tod - empfing er PLAYBOY-Autorin Beverly Gary Kempton zu einem Interview.
 

Interview

Ein offenes Gespräch aus dem Jahr 1980 mit dem Mann, der wilde Tage hinter sich hatte – und seinerzeit ein Comeback vor sich

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Ich habe versucht, mein Leben an der Oberfläche attraktiver zu gestalten, drinnen aber bewahre ich meine Schutzwehr auf, weil ich nämlich weiß, dass draußen im Sumpf Gefahren lauern.
„Wir Südstaaten-Tunten sind bissiger als Klapperschlangen.“ Truman Capote, Bestseller-Autor („Kaltblütig“) und eingestandenermaßen homosexuell, muss es wissen. Vor ein paar Monaten gab er den New Yorker Journalisten wieder einmal reichlich Stoff für hämische Kommentare. Anlass: Der Schriftsteller Gore Vidal hatte Capote auf eine Million Dollar Schadenersatz verklagt. Kollege Vidal fühlte sich in seiner Ehre verletzt, weil Capote in einer Zeitschrift behauptete, Vidal sei am 11. November 1961 aus dem Weißen Haus geflogen, nachdem er Jackie Kennedy an den Busen gefasst hatte. Capote gab auch gleich seine Informantin an: Jackies Schwester Lee Radziwill. Die wiederum tat die ganze Aufregung schlicht als „Streit zwischen zwei Schwulen“ ab.
Mag sein. Typisch für Capote ist der Vorfall allemal. Geboren am 30. September 1924 in New Orleans, suchte der Sohn eines Handelsvertreters zeitlebens Zugang zur High-Society. Doch wann immer er im Glashaus der Prominenten-Partys saß, warf er mit Steinen.
Dabei umgeben Capote, der mit 17 Jahren nach New York zog, durchaus nicht nur Klatschgeschichten. Schon früh erwarb er sich den Ruf, zu den besten Schriftstellern unserer Zeit zu zählen. Mit dem Roman „Andere Räume, andere Stimmen“, in dem er Jugenderlebnisse verarbeitete, gelang ihm 1948 ein sensationelles Debüt. Das Buch war so erfolgreich, dass sein Autor seither als freier Schriftsteller leben konnte. Er reiste, verbrachte einige Jahre in Europa, sammelte Meißner Porzellan, Briefbeschwerer aus Kristall – und die Geheimnisse der Reichen und Prominenten dieser Welt. Zwischendurch gewann er Preise für Kurzgeschichten, schrieb einen zweiten, ebenfalls autobiographisch getönten Roman („Die Grasharfe“) und versuchte 1956 erstmals eine Mischung aus Prosa und Reportage mit „Die Musen sprechen“. Zwei Jahre später erschien „Frühstück bei Tiffany“, ein literarisches Denkmal für Holly Golightly, New Yorker Society-Girl der Sonderklasse (später verfilmt mit Audrey Hepburn). 1959 hatte Capote die Große Welt erst mal satt. Er verließ die New Yorker Salons und reiste in den Mittleren Westen. Dort untersuchte er einen der bizarrsten Kriminalfälle der letzten Jahrzehnte: In Garden City, Kansas, hatten zwei junge Männer anscheinend ohne Motiv eine ganze Familie erschlagen. Capote sprach mit den Mördern in der Todeszelle, mit Angehörigen der Opfer, mit Nachbarn und Polizisten, und veröffentlichte 1966 „Kaltblütig“, ein Buch, das als „neue Kunstform“ gepriesen wurde. Der Begriff „Nonfiction-Roman“ war geboren. „Kaltblütig“ machte Capote („ich habe immer gewusst, dass ich reich und berühmt werden würde“) zum Millionär.
Und zum Medienstar. Der zierliche Mann mit dem Babyface trat in Fernsehshows auf, sein Foto erschien in allen Zeitungen: Capote, in Begleitung schöner und reicher Frauen, Capote auf der Luxusyacht, Capote in Mode-Diskotheken tanzend, auf Partys, bei Premieren. Bei einer seiner Geburtstagsfeiern, einem Maskenball, tummelten sich 540 seiner „engsten Freunde“.
Für 1969 kündigte sein Verlag ein neues Buch an: „Answered Prayers“ (Erhörte Gebete), ein, wie es hieß, „Blick hinter die Kulissen der besseren Gesellschaft“. Das Buch erschien jedoch weder 1969 noch in den darauffolgenden Jahren. Wohl um die Publikumsreaktion zu testen, entschloss sich das Schoßkind der feinen Leute 1975, einige bereits fertige Kapitel im amerikanischen „Esquire“ vorab zu veröffentlichen – mit nachhaltiger Wirkung: Über Nacht wurde Truman Capote für seine bloßgestellten Freunde zur Persona non grata. Das verwand der ebenso sensible wie auf Anerkennung bedachte Autor nicht.
Capote begann unmäßig zu trinken und Tabletten zu schlucken. In einer Talkshow kündigte er öffentlich seinen Selbstmord an. Zahlreiche Psychiater und mehrere Kliniken versuchten ihm zu helfen – vergeblich. Schließlich kam es zum Kollaps.
Danach reichte es auch Capote. Im Frühjahr 1979 ließ er sich, übergewichtig und von der Sucht schwer gezeichnet, in eine Entziehungsanstalt einweisen – diesmal freiwillig. Nach seiner Entlassung empfing er PLAYBOY-Autorin Beverly Gary Kempton zu einem Interview. Sie war genauso verblüfft wie alle anderen, die Capote seither gesehen haben: „Er kleidet sich wie ein 18-jähriger, Blue Jeans, T-Shirt, weiße Lederjacke, rote Baskenmütze“. Kenner wissen freilich, dass die Jeans von New Yorks Top-Couturier Calvin Klein entworfen sind und die Jacke von Courrèges stammt. Capote wirkt jünger, sein Übergewicht ist verschwunden, er strahlt Optimismus und Energie aus.
Immerhin: Die Monate in der Klinik und die Zeit danach haben aus dem exzentrischen Hofnarren der High-Society wieder einen seriösen Schriftsteller gemacht. Capotes Ziel: Den „Grenzbereich zwischen Journalismus und Kunst“ weiter zu erforschen, um „etwas völlig Neues“ zu schaffen.

Playboy: Sie haben Drogen und Alkohol aufgegeben, Ihr Gesicht liften und sich Haare transplantieren lassen. Sie haben gesagt, Sie hätten sich selbst neu erschaffen. Warum tun Sie das alles? Wer ist der alte Truman? Wer ist der neue?
Capote: Neulich hat mich Andy Warhol besucht, und das erste, was er sagte, war: „Also, Truman, du bist wirklich ganz neu der Alte!“ Ich finde, das sagt alles.

Playboy: Sie wollten also kein völlig neuer Mensch werden?
Capote: Nein, ich füge nur alles wieder zusammen. Nach allem, was ich in den letzten vier Jahren durchgemacht hatte, sah ich doch ziemlich mitgenommen aus. Seither hatte ich viel für mein Innenleben getan, und ich beschloss, auch etwas für mein Äußeres zu tun, es sozusagen anzugleichen. Aber ich habe mich natürlich in mancher Hinsicht verändert. Ich glaube, dass ich seelisch weitaus reifer geworden bin und jetzt besser mit Stress, Sorgen und meiner Arbeit fertig werden kann.

Playboy: Hat es Sie viel Überwindung gekostet, gegen Ihre Tablettensucht anzugehen?
Capote: Ja. Ich gehöre zu den stark suchtgefährdeten Menschen. Darum habe ich ja auch eines Tages angefangen, ständig diese Beruhigungstabletten zu nehmen, was schließlich zu all meinen Problemen geführt hat. Besonders schlimm war natürlich die Mischung von Beruhigungsmitteln und Alkohol. Daher musste ich mit beidem zugleich aufhören.

Playboy: Haben Sie eine Erklärung, was zu dieser Sucht geführt hat?
Capote: Es gibt Menschen, die sind eben suchtgefährdet, daran ist nichts zu ändern. Zur Zeit bin ich zum Beispiel nach Tab-Limonade süchtig. Kaffee habe ich nie gemocht, und als ich überhaupt keinen Alkohol mehr trinken durfte, habe ich angefangen, ununterbrochen Tab zu trinken. Pro Tag ungefähr 15 Flaschen, das ist eine ganz schöne Menge. Es ist lästig, weil ich etwa alle 25 Minuten zur Toilette muss, und das kommt manchmal ungelegen. Aber ich bin restlos süchtig danach. Jeden Morgen trinke ich als erstes mein Tab. Ich habe sogar immer eine Tragetasche mit ein paar Flaschen dabei, für den Fall, dass ich in eine Situation gerate, in der ich keines bekommen kann. Das ist totale Abhängigkeit. Einer der Gründe für meine Pillensucht war natürlich, dass ich bis obenhin voll Angst und Nervosität steckte. Aber der eigentliche Grund war, dass ich an Schlaflosigkeit litt.

Playboy: Was waren das für Pillen, die Sie genommen haben?
Capote: Ach, diese Dinger, die alle Hausfrauen in Amerika nehmen: Valium, Librium und solche Sachen. Aber ich habe dazu Alkohol getrunken. Wenn ich nur eins von beiden geschluckt hätte, wäre ich nie in echte Schwierigkeiten geraten und hätte nie ins Krankenhaus gemusst. Aber kein Mensch auf der Welt kann diese Kombination aus Alkohol und Beruhigungsmitteln vertragen. Ich habe etwa anderthalb Jahre lang ziemlich viel zu mir genommen.

Playboy: Wann haben Sie schließlich gemerkt, dass es sich um ein schwerwiegendes Problem handelte?
Capote: Ich bekam Gedächtnislücken. Es kam vor, dass ich mit jemandem zu Mittag aß, und der hatte den Eindruck, ich sei vollkommen normal. Dann fuhr ich nach Hause und wusste nicht mehr, dass ich mit dem Betreffenden zusammen gewesen war.

Playboy: Hat Sie das erschreckt?
Capote: Nein. Ich habe keine Ahnung, warum nicht. Ich meine, es war schon erschreckend, dass es mich nicht erschreckt hat. Es ist doch äußerst beunruhigend, wenn einem Stunden, ja sogar ganze Nächte einfach verlorengehen. Ich weiß noch, dass ich einmal einen Freund besucht habe. Ich trank bei ihm nur ein einziges Glas. Aber mein Organismus war inzwischen offenbar so kaputt, dass es wirkte, als werfe man ein Streichholz auf einen benzingetränkten Lappen. Ich ging heim, und unterwegs muss etwas passiert sein, denn ich kam erst am nächsten Nachmittag zu Hause an. Ich war in einwandfreiem Zustand, absolut sauber, alles bestens, aber ich hatte keine Ahnung, wo ich gewesen war und was ich gemacht hatte. Das war der Moment, wo ich mich entschloss, in Behandlung zu gehen ...

Playboy: Sie sind früher schon einige Male wegen Trinkens ins Krankenhaus gegangen. Warum hat die Behandlung diesmal besser geklappt?
Capote: Damals habe ich mich den Wünschen anderer gefügt, meiner Freunde, meiner Ärzte. Ich sagte mir sozusagen: Na schön, dann tu ich’s eben, denen zuliebe. Ich blieb immer nur genau die Mindestzeit dort – einen Monat – und konnte es kaum erwarten, wieder herauszukommen. Als ich mich diesmal endlich entschloss, Hazelton aufzusuchen, das beste Behandlungszentrum in den USA, da tat ich es, weil ich es selbst so wollte.

Playboy: Fürchten Sie einen Rückfall?
Capote: Nein. Ich habe gelernt, mit dem Stress fertig zu werden, ohne Zuflucht zu chemischen Mitteln zu nehmen.

Playboy: Wie werden Sie mit dem Stress fertig?
Capote: Indem ich ihn akzeptiere. Jedenfalls, soweit es mir möglich ist. Ich kann Ihnen ein konkretes Beispiel geben: Der schlimmste Stress für mich war die Schlaflosigkeit. Wenn ich versuchte, ohne Tabletten auszukommen, lag ich wach und dachte darüber nach. Schließlich sagte ich mir eines Nachts: Und wenn du nun tatsächlich nicht schlafen kannst? Sterben wirst du bestimmt nicht davon. Niemand hat je einen Totenschein ausgestellt und als Todesursache Schlafmangel hineingeschrieben. Also mach einfach das Licht an und lies ein Buch; angenommen, du schläfst wirklich am nächsten Tag nicht oder die nächsten zwei bis drei Tage – einmal wirst du bestimmt einschlafen. Die Folge war, dass ich tatsächlich ganze zehn Tage und Nächte nicht schlief.

Playboy: Wie hat sich das ausgewirkt?
Capote: Ich war vollkommen erschöpft; und während der nächsten ein bis zwei Wochen schlief ich nicht länger als zwei bis drei Stunden pro Nacht. Aber dann begann ich schließlich normal zu schlafen.

Playboy: Sie haben einmal gesagt, dass Sie sich Ihr Leben lang geängstigt haben. Was war das für eine Angst?
Capote: Sie begann, als ich etwa zwei Jahre alt war und allein mit meiner Mutter in New Orleans lebte. Meine Eltern lebten getrennt, und wir wohnten in einem Hotel. Meine Mutter war sehr jung. Als ich geboren wurde, war sie erst 16. Sie war ein sehr komplizierter Mensch – sehr schön, sehr sensibel und intelligent. Aber sie hätte niemals Mutter werden dürften – wenigstens nicht in dem Alter. Wir wohnten also in diesem Hotel, und sie hatte viele Verehrer und ging ständig aus. Ja, und da wusste sie nicht, was sie mit mir anfangen sollte. Also schloss sie mich einfach im Zimmer ein, wenn sie wegging. Ich war zwei Jahre alt und bekam genau mit, an welchem Abend sie wieder etwas vorhatte und die Türe abschließen würde. Dann stieg in mir diese ungeheure Angst auf, dieses Nichtwissen, wann sie zurückkommen würde.

Playboy: Wie lange ging das so?
Capote: Zwei oder drei Jahre, und je älter ich wurde, desto schlimmer wurde es, bis ich den ganzen Tag in absoluter Hysterie auf den Moment wartete, da sie fortgehen würde. Sie hatte mich zu einem krassen Neurotiker gemacht, zu einem hysterischen Wrack! Diese irrsinnige Angst, eingeschlossen zu werden, und diese ungeheure Sorge, wie lange ich allein sein würde, die hat mich niemals verlassen! Schließlich brachte mich meine Mutter bei ihrer Familie in Alabama unter, wo ich etwas ruhiger und schließlich zu einem mehr oder weniger normalen Kind wurde.

Playboy: Haben Sie jetzt, da Sie das Ganze besser verstehen, immer noch diese Angst vor dem Verlassenwerden?
Capote: Das ist keine Frage des Verstehens; ich habe das alles durchaus verstanden. Aber meine emotionale Reaktion darauf war so intensiv, unreif und gestört, dass ich damit nicht fertig wurde.

Playboy: Wie hat sich die Entziehungskur der letzten Monate auf Ihre Arbeit ausgewirkt?
Capote: Ich arbeite jetzt ganz ohne Anstrengung, was ich mein ganzes Leben lang nicht geschafft habe. Das Schreiben war für mich immer sehr mühsam, weil ich ein Perfektionist bin, was neurotisch ist, und dazu führt, dass man sich viel mehr Arbeit macht als nötig. Ich schrieb alles drei- bis viermal um und änderte dabei kaum mehr als zehn Worte. Wenn ich heutzutage nicht schlafen kann, stehe ich auf und putze Silber. Ich besitze, wie sich herausgestellt hat, eine Unmenge Silber; ich hatte keine Ahnung, dass es so viel ist. Ich putze ein Silberteil, bis es absolut perfekt ist, bis in jede kleinste Vertiefung! Ein Wahnsinn! Genauso habe ich es früher mit meiner Arbeit gemacht.

Playboy: Und das hat sich jetzt geändert?
Capote: Na ja, eigentlich mache ich das jetzt noch, aber sehr viel entspannter. Ich hatte schon immer ein hoch entwickeltes Gefühl für Präzision. Aber ich war wie ein Pianist, der ewig auf die Noten sehen muss, wenn er spielt. Jetzt brauche ich nicht mehr auf die Noten zu sehen. Ich brauche nicht mehr über die Konstruktion nachzudenken; die kommt von selbst, im Handumdrehen. Ganze Absätze, Interpunktion, alles auf einmal.

Playboy: Sie haben gesagt, das Schreiben an sich mache Ihnen keine Freude.
Capote: Tut es auch nicht. Hat es noch nie getan und wird es nie tun. Es verlangt eine ungeheure Konzentration, und wenn ich da mal drin bin, fällt es mir schwer, wieder herauszukommen. Und immer, wenn eine Arbeit dem Ende zugeht, werde ich furchtbar nervös. Aus irgendeinem Grund hasse ich es, einen Schluss zu schreiben. Nicht, dass es mir schwer fiele; ich kenne den Schluss Wort für Wort, habe ihn genau im Kopf. Ich schreibe den eigentlichen Schluss einer Story oder eines Buches sogar, bevor ich überhaupt anfange. Aber dann kommt der Moment, wo ich die Verbindung mit dem Schluss herstellen muss. Diese außergewöhnliche Nervenspannung macht mich völlig verrückt.

Playboy: Was tun Sie dagegen?
Capote: Ich setze mich in den Wagen und fahre los, ohne zu wissen, wohin, ohne bestimmte Richtung, manchmal hundert oder zweihundert Meilen weit. Einmal bin ich von New York bis in die Nähe von Chicago gefahren. Ich fahre einfach, bis ich irgendein Motel entdecke – auch wenn’s direkt neben einem Schrottplatz liegt. Dann sage ich plötzlich: Das ist es, dahin wollte ich! Und dann bleibe ich, bis ich fertig bin.

Playboy: Was gefällt Ihnen dort so?
Capote: Ich weiß es nicht. Es ist wohl irgendwie die Tatsache, dass kein Mensch weiß, wo ich bin, ich selber auch nicht. Am liebsten mag ich die Holiday Inns, weil sie alle gleich aussehen und mir Überraschungen erspart bleiben. Sie haben alle die gleichen Gläser, das gleiche Essen, die gleichen Betten. Vor allem mag ich die, wo es diese Maschinen gibt, in die man einen Vierteldollar steckt, und dann fängt die Matratze an zu vibrieren. Ich besorge mir einen Haufen Münzen, schreibe, stecke Münzen in die Maschine, und die Matratze hört niemals auf zu vibrieren.

Playboy: Aus Ihren Arbeiten spricht oft der Wunsch nach Anonymität, der Wunsch, allein zu sein, allem zu entfliehen. In Ihrem Verhalten gibt es das genaue Gegenteil: das Bedürfnis, gesehen zu werden, sichtbar zu sein.
Capote: Es ist nicht das Bedürfnis, gesehen zu werden; es ist das Bedürfnis, auszugehen. Alle Schriftsteller führen notgedrungen ein sehr einsames Leben. Das ist die Voraussetzung für den Schriftstellerberuf: Man muss allein sein. Ich verbringe sehr viel Zeit allein. Aber ich bin nicht wie Faulkner oder Salinger oder einer von diesen Einsiedlern. Ich war schon immer sehr gesellig. Deshalb besuche ich auch furchtbar gern Nightclubs.

Playboy: Haben Sie deswegen so viel Zeit im Studio 54 verbracht?
Capote: Für mich war das ein wunderbarer Mardi Gras en miniature. Der Gedanke war ursprünglich, Gäste aller Altersgruppen, Geschlechter, Rassen und mit allen möglichen Kostümierungen zusammenzubringen. Alles war erlaubt. Oft genug habe ich dort Leute gesehen, die splitternackt waren. Und niemand dachte sich was dabei. Einer der letzten Gags waren sehr gut aussehende junge Männer in ledernen Hosen ohne Sitzfläche; darüber hinaus hatten sie nichts weiter an als ihre Schuhe oder einen kleinen Hut.

Playboy: Sie haben gesagt, Sie säßen im Studio 54 besonders gern in der Kabine des Diskjockeys.
Capote: Ich bin der einzige, der diese Kabine betreten darf. Es ist meine Kabine! Ich sitze da oben, weil sie ganz und gar separat liegt. Ich suche zwar ein öffentliches Lokal auf, aber ich bin nicht in diesem Lokal.

Playboy: Beschäftigen Sie sich auch in Ihrer Phantasie mit den Menschen, die Sie sehen?
Capote: Ich überlege mir immer, in welchem Verhältnis sie wohl zueinander stehen, woher sie kommen – für mich ist das faszinierend. Aus demselben Grund, aus dem Proust sich stundenlang in die Halle des Ritz setzte, setzte ich mich mit meinem Fernglas im Studio 54 in die Diskjockey-Kabine. Es ist tatsächlich eine ganz neue Moral entstanden; es musste so kommen, und ich bin froh, dass es so gekommen ist.

Playboy: Eine der frühen Vorläuferinnen dieses Trends war sicher Holly Golightly, die ebenso selbstbewusste wie amoralische Heldin Ihres Buchs Frühstück bei Tiffany.
Capote: Holly Golightly war nicht direkt ein Callgirl. Sie hatte keinen Job, sondern begleitete Spesenritter in die elegantesten Restaurants und Nightclubs – unter der Voraussetzung, dass ihr Begleiter ihr ein Geschenk machte, Schmuck vielleicht oder auch einen Scheck. Holly rannte ständig auf die Toilette und bat ihren Freund: „Haben Sie ein bisschen Kleingeld für mich?“ Und der Mann gab ihr 50 Dollar. Das sind die echten amerikanischen Geishas, und jetzt gibt es viel mehr davon als 1958 zu Hollys Zeit. New York wird jedes Jahr von diesen Mädchen überschwemmt; und immer werden zwei bis drei, gewöhnlich Fotomodelle, schnell bekannt. Ihr Name kommt in die Klatschspalten, und man sieht sie an allen bekannten Plätzen, mit all diesen Beautiful People. Und dann verschwinden sie in der Versenkung und heiraten einen Steuerberater oder Zahnarzt, und eine neue Generation von jungen Mädchen kommt aus Michigan oder South Carolina, und das Ganze fängt wieder von vorn an.

Playboy: Was hat Sie veranlasst, über Holly zu schreiben?
Capote: Abgesehen davon, dass sie mir so gut gefiel, war es hauptsächlich die Tatsache, dass sie ein Symbol all dieser jungen Mädchen war, die nach New York kommen, einen Augenblick lang wie Eintagsfliegen im Sonnenschein tanzen und dann wieder verschwinden. Ich wollte eines dieser Mädchen aus der Anonymität herausholen und für die Nachwelt bewahren. Die richtige Holly Golightly war genauso ein junges Mädchen wie das in meinem Buch. Nur mit der Ausnahme, dass sie dort aus Texas kommt, während die wahre Holly aus Deutschland stammte. Diese Holly war 17 und kurz vor Kriegsausbruch mit ihren Eltern in New York eingetroffen.

Playboy: Sind Sie der Meinung, dass alles und jedes, was ein Schriftsteller erlebt, Stoff für seine Arbeit sein kann?
Capote: Ja, der Meinung bin ich. Wenn jemand einem etwas anvertraut, und es bedeutet ihm sehr viel, dann sollte man sich natürlich die größte Mühe geben, es zu tarnen und zu kaschieren, damit niemand die Identität dieser Person errät. Aber wenn Proust nicht über die Menschen geschrieben hätte, die er kannte, hätte er überhaupt nichts geschrieben! Das einzige Material des Schriftstellers ist das, was er beobachtet. Wenn man dem Schriftsteller verbietet, seine Beobachtungen zu verwenden, kann er gleich aufhören zu schreiben.

Playboy: Ist es ein Risiko, mit einem Schriftsteller befreundet zu sein?
Capote: In dieser Hinsicht – ja. Ich glaube, in einem Schriftsteller, jedenfalls in einem guten, stecken eigentlich zwei Personen. Da ist einmal die Person, die hier sitzt und sich mit Ihnen unterhält, und dann ist da die zweite Person, die daneben sitzt und alles von einem ganz anderen Standpunkt aus beobachtet.

Playboy: In Ihrem Buch Answered Prayers – das bisher nicht veröffentlicht worden ist – haben Sie die oberen Zehntausend Amerikas kritisch analysiert, obwohl Sie mehr als einmal klagten, dass es in dieser Gesellschaftsschicht zu viele langweilige Menschen gäbe. Was rechtfertigt dann dieses Buch?
Capote: Man muss sich nicht unbedingt langweilen, wenn man über die Langeweile schreibt! Ich meine, du lieber Gott, Madame Bovary ist ein faszinierendes Buch; und es handelt ausschließlich von Langeweile! Ich weiß, dass viele Leute langweilig sind, aber vom kreativen Standpunkt aus finde ich sie nicht langweilig, genau wie Flaubert, Mme. Bovary, ihren Mann und ihre Freunde zweifellos auch nicht langweilig gefunden hat.

Playboy: Glauben Sie, Answered Prayers wird dadurch, dass Sie nach Ihrer Entziehungskur wieder intensiver arbeiten können, ein besseres Buch, als es sonst geworden wäre?
Capote: Ja, es wird ein tieferes Echo auslösen.

Playboy: Wann kam Ihnen eigentlich der Gedanke, Schriftsteller zu werden?
Capote: Ich hatte eine ältere Cousine, die Frau, über die ich Eine Weihnachtserinnerung geschrieben habe. Sie hat mir, als ich vier Jahre alt war, das Lesen beigebracht. Als ich ungefähr acht Jahre alt war, setzte ich mich einfach hin und begann, eine Geschichte zu schreiben. Eigentlich war es eine Art Reportage; ich glaube, so etwas liegt mir ganz besonders. Ich lebte damals in einer ländlichen Kleinstadt in Alabama, und in unserer Straße wohnte eine sehr interessante und exzentrische Familie. Also schrieb ich eine Art Bericht über sie. Es waren über 80 Seiten.

Playboy: Was geschah damit?
Capote: Ich las, dass eine Zeitung in Mobile einen Autorenwettbewerb für Kinder veranstaltet. Als erster Preis war ein Pony ausgesetzt. Also schickte ich meine 80 Seiten ein. Davon wurden dann sieben oder acht Seiten veröffentlicht, und das Pony gewann ein anderer. Aber jedermann erkannte unsere Nachbarsfamilie, und die war ziemlich wütend! Es gab einen gewaltigen Krach zu Hause, und ich wurde für sechs Monate zur Familie meines Vaters nach Louisiana geschickt.

Playboy: Und dann?
Capote: Ich schrieb weiter. Mit 14 war ich schon wirklich gut. Mit 16 begann ich zu veröffentlichen.

Playboy: Waren Sie sicher, dass Sie ein erfolgreicher Schriftsteller werden würden?
Capote: Ja. Die allererste Story, die ich an eine Zeitschrift schickte, wurde sofort angekauft. Dabei handelte es sich um eine anspruchsvolle Zeitschrift – Story – mit dem höchsten Standard für Kurzgeschichten im Land. Und ich war erst 16. Eine Woche darauf verkaufte ich eine zweite Geschichte. Da wusste ich, dass ich ein sehr guter Schriftsteller werden würde.

Playboy: Glauben Sie, dass ein so früher Erfolg in gewisser Hinsicht auch ein Hindernis sein kann?
Capote: Nein. Für mich war er gut. Ich wäre sehr enttäuscht gewesen, wenn es nicht so gekommen wäre.

Playboy: Durch welche Schriftsteller wurden Sie in Ihrer Kindheit beeinflusst?
Capote: Ich glaube, der erste Schriftsteller, für den ich mich begeistert habe, war Dickens. Da war ich ungefähr acht Jahre alt. Damals merkte ich zum ersten Mal, dass ich in einen Schriftsteller verliebt war. Ich las alle Bücher von Dickens hintereinander weg. Komisch: Ungefähr fünf Jahre später las ich einige von ihnen noch einmal, und sie gefielen mir ebenso gut, und dann, vor ungefähr sechs Jahren, las ich wieder sieben oder acht Dickens-Bücher hintereinander, und sie gefielen mir noch immer genauso gut und auf dieselbe Art und Weise wie damals, als ich noch ein Kind war.

Playboy: Und später, wer hat Sie da beeinflusst?
Capote: Als ich ungefähr 13 war, las ich Willa Cathers A Lost Lady und Flauberts Drei Erzählungen. Ich merkte, dass beide Bücher mich sehr intensiv ansprachen, und ich studierte und las sie immer wieder. Dann las ich alle Bücher von Willa Cather und alle Bücher von Flaubert und dann Jane Austen und Turgenjew und Tschechow. Das wurden die Schriftsteller, die ich besonders gern mochte. Schriftsteller aus den Südstaaten waren mir damals noch kein Begriff. Mein Stil war bereits festgelegt, bevor ich meinen ersten Südstaaten-Autor las. Das war Thomas Wolfe. Schau heimwärts, Engel las ich, als ich etwa 16 war. Irgendwie gefiel es mir, aber es war das Gegenteil von mir selbst: Es war hemmungslos, weitschweifig, tränenfeucht. Ich dagegen war knapp, hart, sehr formalisierend und äußerst präzise. Ich wollte alles dichter haben statt weiter, und kürzer statt höher, und dünner statt dicker. Besser kann ich es nicht beschreiben. Faulkner mochte ich überhaupt nicht, bis ich Licht im August las; das hielt ich für ein großartiges Buch, und von da an war ich bekehrt. Seinen Stil habe ich nie gemocht, aber er war ein großartiger Schriftsteller.

Playboy: Sind Sie mit der deutschen Literatur vertraut?
Capote: Meine ersten deutschen Bücher las ich mit 14. Es waren zwei Novellen von Thomas Mann, dessen Stil ich wirklich nicht besonders mag. Aber ich dachte mir, dies ist die richtige Länge für dich, mit dieser Länge kannst du arbeiten. Die eine Novelle hieß Mario und der Zauberer, die andere Tod in Venedig. Dann habe ich Rainer Maria Rilke gelesen, der als Dichter überhaupt keinen Einfluss auf mich ausübte, als Briefschreiber dagegen sehr. Briefe an einen jungen Dichter beeinflusste mich sehr stark. Als ich 20 war, las keiner meiner Bekannten Hermann Hesse, und niemand hatte jemals von ihm gehört. Newton Arvin, ein Professor in Harvard, weckte mein Interesse, ich las alles von Hesse, war tief beeindruckt – und dennoch höchst überrascht, als er etwa 40 Jahre später plötzlich zu einer Kultfigur wurde.

Playboy: Hat Brecht Sie beeinflusst?
Capote: Ja. Ich kannte Brecht, als er im Krieg hier in New York lebte. Er hatte eine herrliche Wohnung ohne Lift, in der 57. Straße. Er besaß ein riesiges Schachspiel, das Max Ernst für ihn gemacht hatte. Das Schachbrett hatte Ernst auf den Fußboden gemalt. Man saß auf Kissen und musste die Figuren wie große Puppen bewegen. Ich hatte zwar in der Volksschule ein wenig Schach gelernt, aber Brecht zeigte mir, wie man es richtig spielt. Er war sehr nett zu mir. Wenn ich hinkam, tranken wir ununterbrochen Brandy und spielten Schach. Er war ein ziemlich stiller Mensch – jedenfalls sprach er nicht viel mit mir. Ich zeigte ihm einige meiner Storys, aber er schien sich nicht dafür zu interessieren. Ich glaube, er war überhaupt nicht sehr an Prosa interessiert. Immer wieder riet er mir, ein Theaterstück zu schreiben, und sagte, ich schriebe sehr gute Dialoge. Dann, gleich nach dem Krieg, ging er natürlich nach Deutschland zurück. Als ich Anfang der fünfziger Jahre in Ost-Berlin war, ging ich mit ihm essen; damals sah ich ihn zum letzten Mal.

Playboy: Was ist mit den heutigen deutschen Schriftstellern?
Capote: Günter Grass finde ich langweilig. Vielleicht, weil ich ihn nicht auf deutsch lese. Das ist ein wichtiger Faktor, es sind schon hervorragende Bücher durch die Übersetzung ruiniert worden. Jetzt habe ich geraden den Butt zu lesen versucht. Irgendwie war es interessant, aber ich kann nicht sagen, dass es mich sehr gefesselt hat. Eigentlich finde ich die jungen deutschen Filmemacher interessanter als die deutschen Schriftsteller. Fassbinder ist meiner Meinung nach wirklich sehr gut. Und dann mag ich diesen jungen deutschen Regisseur, von dem Der amerikanische Freund mit Dennis Hopper stammt (Wim Wenders, d. Red.) Ich habe mit vielen jungen Schauspielern gesprochen, und alle haben mir gesagt, sie würden in Deutschland lieber arbeiten als in jedem anderen Land.

Playboy: Warum?
Capote: Sie haben dort mehr Freiheit, und sie fühlen sich viel mehr als Teil einer Produktionsgemeinschaft. Es ist mehr wie die Arbeit am Theater als die im Atelier, sagen sie.

Playboy: Was gefällt Ihnen an deutschen Filmen besonders gut?
Capote: Ich finde, sie besitzen eine Art Spontaneität und eine kreative Atmosphäre, und nicht dieses: O Gott, der Film muss unbedingt ein Hit werden, er muss in den USA erfolgreich sein! Außerdem nehmen diese deutschen Regisseure viele Risiken auf sich, vor allem Fassbinder, der sehr gewagte Sachen macht, sowohl mit seinen Schauspielern, als auch mit der Kamera. Sachen, wie ich sie bei anderen jungen Europäern noch nicht gesehen habe.

Playboy: Würde die Filmarbeit Sie interessieren? Oder das Theater?
Capote: Nein, nein, nein! Ich arbeite nicht gern am Theater, aus dem einfachen Grund, weil ich ein Stück nicht allein produzieren kann. Ein Stück zu schreiben, ist etwas anderes; es macht mir Freude, Szenen für ein Stück zu schreiben. Aber sobald man damit fertig ist, ist man den Mitarbeitern ausgeliefert, und ich habe festgestellt, dass ich einfach kein Mensch bin, mit dem sich gut zusammenarbeiten lässt. Ich bin ein Einzelgänger. Ich will entweder alle Lorbeeren haben, oder ich will allein schuld sein. Ich würde nicht gern an einem Gemeinschaftsprojekt arbeiten. Ich mag auch keinen Mannschaftssport. Ich mache lieber alles allein ... Masturbieren eingeschlossen ...

Playboy: Woran schreiben Sie jetzt?
Capote: Neben der Arbeit an Answered Prayers schreibe ich an einem Buch mit dem Titel Music for Chameleons. Es besteht aus fünf verschiedenen Episoden, aber der Hauptteil – Strange Dents – ist ein Buch für sich.

Playboy: Können Sie das näher erklären?
Capote: Es ist in meiner persönlichen Technik des Tatsachenromans geschrieben, nur dass es eigentlich autobiographisch ist. Jedes Wort darin ist wahr: Es geht um meine Alkohol- und Drogensucht; meine Versuche davon loszukommen; und die Behandlung, die ich bekam. Das klingt medizinisch, aber es liest sich überhaupt nicht so. Am Anfang wache ich im Krankenhaus auf und weiß nicht, wo ich bin, und dann gehe ich in der Zeit vor und zurück. Es ist ein dünnes Buch, aber es ist sehr kompakt geschrieben. Es ist sehr wichtig für mich, dass dieses Buch perfekt wird. Es ist ein Teil dessen, was ich für den Durchbruch zu den, wie ich vermute, Endstadien meiner eigentlichen Arbeit halte. Dafür werde ich wohl noch einmal zehn Jahre benötigen.

Playboy: Was planen Sie sonst noch?
Capote: Ich möchte eine lange Arbeit über den Journalismus als besondere Form der Kunst schreiben. Diese Art von Journalismus hat mich schon immer sehr interessiert. In meinem Buch Kaltblütig habe ich versucht, so etwas wie einen journalistischen Roman zu schreiben.

Playboy: Ärgern Sie Kritiker, die Kaltblütig als zweitklassigen Dokumentarroman abtun?
Capote: Was soll ich dazu sagen? Doch nur, dass ich diese Leute für Ignoranten halte. Wenn sie nicht begreifen können, dass Journalismus heutzutage die avantgardistische Form des Schreibens ist, dann stecken sie den Kopf in den Sand. Man kann so vieles mit dem Journalismus machen. Er ist die einzige wirklich ernstzunehmende und kreative Literaturform, die wir gegenwärtig haben.

Playboy: Finden Sie, dass Amerika Sie als Schriftsteller angemessen respektiert? Und wie weit wird ein Schriftsteller in diesem Land überhaupt akzeptiert?
Capote: Ich glaube kaum, dass die amerikanischen Schriftsteller viel Grund zur Klage haben. Sie werden immer mehr respektiert. Im großen und ganzen ist auch meine Arbeit genügend gewürdigt worden. Nur finde ich, dass mir persönlich nicht der gebührende Respekt gezollt worden ist.

Playboy: Haben Sie diesen Mangel an Respekt zu spüren bekommen?
Capote: In der Zeit, als ich mich mit dem Alkoholproblem herumschlug, hat sich die Presse meiner Meinung nach insgesamt nicht sehr rücksichtsvoll verhalten. Doch in gewisser Weise kann ich das sogar verstehen. Sie halten mich tatsächlich für Freiwild. Nun gut, dann bin ich eben Freiwild. Wahrscheinlich liegt dem Neid zugrunde. Neid ist der größte Charakterfehler des Amerikaners. Er liebt es, jemanden auf den Thron zu heben und ihn dann in den Schmutz zu zerren.

Playboy: Wo würden Sie sich denn im politischen Spektrum einordnen – rechts, links oder in der Mitte?
Capote: Nirgends. Ich stehe weder rechts noch links, noch in der Mitte. In manchen Fragen, etwa der Polizeigewalt, klinge ich wie ein Ultrarechter; in anderen hört es sich eher so an wie Fidel Castro nach zwei Flaschen Appleton-Rum. Ich klebe mir kein Etikett auf; ich bilde mir meine Meinung über eine spezifische politische Frage immer aufgrund des jeweiligen Für und Wider, ohne alles von einem starren, ideologischen Standpunkt aus zu sehen. Daher bilden meine Ansichten nicht immer ein harmonisches Ganzes. Ich habe noch nie einen Menschen getroffen, der hundertprozentig konsequent war, ohne entweder ein Psychopath oder ein Kretin zu sein – oder beides.

Playboy: Sie stehen also zwischen den politischen Lagern?
Capote: Ich glaube, dass es ohne große geistige Flexibilität keine wirklich intelligente Beurteilung eines Problems geben kann, und das Schlimme an all diesen extrem Rechten und extrem Linken ist, dass sie nur eine Seite einer Streitfrage sehen und von Haus aus unfähig sind, gleichzeitig zwei Meinungen in ihrem Kopf zu bewegen. Gewiss, der Mann in der Mitte hat auch nicht immer recht, weil nämlich zuweilen die Meinung der extrem Linken oder Rechten richtig ist. Man muss das sorgfältig prüfen. Wer immer in der Mitte steht, ist auch nichts weiter als ein Extremist; man kann nicht dauernd rittlings auf dem Zaun sitzen.

Playboy: Würden Sie sich in einem europäischen Land, wo Schriftsteller respektvoller behandelt werden, wohler fühlen?
Capote: Vor langer Zeit vielleicht – heute stört mich Amerika nicht mehr. Ich habe ein kleines Haus in der Schweiz und werde es auch behalten, aber richtig leben möchte ich nie mehr anderswo als in den Vereinigten Staaten, und zwar hauptsächlich hier in New York. Sie kennen doch das alte Klischee: „Ich bin ein Amerikaner.“ Ich bin ein Amerikaner, und ganz gleich, wie lange ich in Europa gelebt habe, ich habe immer das Gefühl, dass ich hierher gehöre und dass ich hier bleiben will.

Playboy: Warum New York?
Capote: Weil New York ein Kompromiss ist zwischen dem Leben in Europa und dem Leben in den USA; es ist ein eigenes kleines Land. Sogar seine schlimmsten Seiten stören mich nicht. Am schönsten finde ich, dass New York so überhaupt nichts Provinzielles hat. Es ist die einzige Stadt, die ich auf der Welt kenne, in der man wirklich drei oder vier völlig getrennte Leben führen kann, ohne dass sie miteinander kollidieren. Ich habe viele enge Freunde, die sich niemals untereinander kennengelernt haben, und in einigen Fällen wissen sie nicht einmal, dass die anderen existieren.

Playboy: Viele dieser Freunde sind Frauen. Identifizieren Sie sich mit ihnen? In einem Artikel der New York Times hieß es neulich: „Trumans heimlichster Ehrgeiz ist es, eine schöne Frau zu sein.“
Capote: Jeder, der mich auch nur 15 Minuten lang kennt, weiß genau, dass dies das letzte wäre, was ich mir wünschte.

Playboy: Wieso?
Capote: Weil ich sehr maskulin denke. Ich besitze eine gewisse feminine Sensibilität, aber ich vertrete in fast allen Fragen einen durchaus männlichen Standpunkt. Ich habe niemals eine Frau sein wollen. Aber ich schätze Frauen und bin mit einigen sehr eng befreundet.

Playboy: Sie haben gesagt, Frauen fühlten sich in Gegenwart homosexueller Männer häufig wohler. Warum, glauben Sie, ist das so?
Capote: Vor allem hat der durchschnittliche heterosexuelle Mann keine so weit gefächerten Interessen wie der kultivierte Homosexuelle, und er ist bei weitem nicht so ausdrucksfähig. Homosexuelle bringen den Frauen mehr Mitgefühl und Aufmerksamkeit entgegen als jeder normale Mann. Außerdem besteht zwischen Mann und Frau dann keine sexuelle Spannung. Ich glaube, die Frauen haben das Gefühl, sich mit homosexuellen Männern unbekümmert treffen zu können, ohne in ihren Ehemännern Eifersucht zu wecken.

Playboy: Ist Ihre Homosexualität für Sie Fluch oder Segen? Oder eine Mischung?
Capote: Auf diese Frage wird jeder Homosexuelle eine andere Antwort geben. Sie ist etwas, das mich noch nie wirklich gestört hat; selbst als ich noch sehr jung war und in einer relativ ländlichen Umgebung lebte, habe ich nie einen Hehl daraus gemacht.

Playboy: Sind Sie im Augenblick verliebt?
Capote: Nein. Ich liebe, ja. Ich habe zwei Freunde, die es schon seit langem in meinem Leben gibt, und die liegen mir beide sehr am Herzen. Doch wenn Sie das Wort „verliebt“ verwenden, stelle ich mir vor, dass ich aufgeregt jemanden erwarte, dauernd zum Briefkasten renne, oder mich ständig frage: „War das eben das Telefon?“ Nein, verliebt bin ich nicht und bin es lange nicht gewesen. Und ehrlich gesagt, ich möchte mich nie wieder verlieben.

Playboy: Als ich Sie kürzlich fragte, in wen Sie verliebt seien, antworteten Sie: „In mich selbst.“
Capote: Bin ich auch. Ich war, glaube ich, sehr lange nicht in mich verliebt und habe mich dann ganz allmählich wieder zu dem Punkt zurückgearbeitet, wo ich mir selbst nicht mehr gleichgültig bin. Ich bin einmal untergegangen, ich bin zum zweiten Mal untergegangen, aber das dritte Mal habe ich gekämpft, bin weitergeschwommen und habe wieder Grund unter die Füße bekommen.

Playboy: Wenn Sie zurückblicken, glauben Sie, dass Ihre eigentliche Arbeit der Tatsachenroman und die Reportage war, oder sehen Sie eine allmähliche Wandlung Ihrer Arbeit vom Roman zur Reportage?
Capote: Nein, ich habe mich immer für beides interessiert; ich sehe das nicht total getrennt. Für mich verschmelzen sie zu einem. Alles ist Schreiben, alles ist Kunst. Zum Beispiel habe ich in letzter Zeit angefangen, kleine Kästchen zu basteln. Eines Tages stelle ich sie vielleicht einmal aus.

Playboy: Was sind das für Kästchen?
Capote: Vor ein paar Jahren besuchte ich meine Cousine in Georgia, und auf dem Highway entdeckte ich bei Fort Benning in einem Geschäft ganz hinten in einer Ecke ein Kästchen. Es interessierte mich wegen der großartigen Zeichnung, die über den ganzen gedruckten Text ging: der Kopf einer Schlange, die gerade zustoßen will. Und dann las ich die Gebrauchsanweisung und musste lachen, weil es, wenn man nur hier und da ein Wort veränderte, eine Gebrauchsanweisung fürs Leben selbst war, Ratschläge, die man in jeglicher Krisensituation beachten sollte! Das Ganze nannte sich „Erste-Hilfe-Kasten für Schlangenbisse“. Ich kaufte ein paar von diesen Kästchen. Ich habe den ganzen Inhalt drin gelassen und dann diese Collagen angefangen, indem ich alle möglichen Sachen und Bilder hinzugeklebt habe.

Playboy: Was stand denn in der Gebrauchsanweisung?
Capote: Der wichtigste Satz hieß: RUHE BEWAHREN! In ganz dicken, großen Buchstaben. Also, finden Sie nicht, dass das eine vorzügliche Lebensphilosophie ist? Jeder sollte, wenn er morgens aufwacht, sich sagen: Ruhe bewahren! Und dann nach dem Erste-Hilfe-Kasten für Schlangenbisse greifen.

Playboy: Dann halten Sie die Welt im Grunde also für schlecht?
Capote: Nein. Ich halte sie für einen Ort, an dem Unheil droht, aber ich habe ja die Kästchen, die Zauberkästchen mit meinen wunderschönen Collagen drauf. So, wie ich die Kästchen dekoriert habe, so habe ich auch, könnte man sagen, mein Leben dekoriert: Ich habe versucht, es an der Oberfläche attraktiver zu gestalten, drinnen aber bewahre ich meine Schutzwehr auf, weil ich weiß, dass draußen im Sumpf Gefahren auf uns lauern.
 

Biographie

Schreiber und Getriebener

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LEBEN
Truman Streckfus Persons kam am 30. September 1924 zur Welt. Nach der Trennung seiner Eltern heiratete die Mutter den Kubaner Joseph Capote. 1934 zog die Familie nach New York. 1945 gelang ihm der literarische Durchbruch. Es folgten die Welterfolge „Frühstück bei Tiffany“ (1959) und „Kaltblütig“ (1966). Am 25. August 1984 verstarb Truman Capote in L. A. an einer Überdosis Tabletten.

STATUS
Exzentriker, literarisches Genie, Vertreter des New Journalism

SONSTIGE LEISTUNGEN
Drehbuchautor „Rom, Station Termini“ (1953), Schauspieler „Eine Leiche zum Dessert“ (1976), „Der Stadtneurotiker“ (1977)

Beverly Gary Kempton