ABT Sportsline

ABT Sportsline: Renn-Adel verpflichtet

Ein Leben für Schönheit und Geschwindigkeit - die Tuning-Kunst der Familie Abt gibt es schon länger als das Automobil. Und noch heute setzt sie Maßstäbe: in der DTM wie auf der Straße, bei Profis und privaten Durchstartern. Ein Firmenbesuch

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ABT Sportsline

Benzin im Blut

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  • Vater-Sohn-Team. Vater Hans-Jürgen Abt (l.) leitet die Firmengeschicke. Sohn Daniel soll später übernehmen - momentan fährt er für Lotus in der GP3-Serie

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  • Der langjährige Mitarbeiter Jochen Graf arbeitet an einem DTM-Auto

    Der langjährige Mitarbeiter Jochen Graf arbeitet an einem DTM-Auto

Blitzende Glasfronten, kühle Eleganz: Von außen sieht der Firmensitz von Abt Sportsline in Kempten aus wie ein modernes Autohaus. Wer allerdings einen Blick auf die Galerie im ersten Stock wirft, der versteht schnell: Hier atmet man Geschichte. Rennautos, über und über bedruckt mit Werbung, stehen da, Pokale, so groß wie Kinderplanschbecken, aufgemotzte 80er-Jahre-Schlitten mit XL-Spoilern. Dazwischen uralte Motorräder - Zeugen einer 116 Jahre langen Firmenhistorie.
Die Geschichte von Abt ist eine Geschichte von Männern mit Zukunftsvisionen. 1896 gründete Johann Abt eine Schmiede in Kempten. Das Automobil war schon erfunden, doch in der Lebenswirklichkeit des beschaulichen Allgäuer Städtchens spielte es noch keine Rolle. Der Transport wurde mit Pferden und Kutschen erledigt. Man brauchte keinen Ölwechsel, und das Wort Tuning gab es natürlich noch lange nicht - da entwickelte Johann Abt eine besondere Kufen-Konstruktion, um Pferdefuhrwerke für den strengen Allgäuer Winter tauglicher zu machen. Ein Verkaufsschlager.
Über ein Jahrhundert später ist der Name Abt weltweit bekannt als größter Tuner von Audi und VW. Was einst die Kufen waren, ist heute die Veredelung von Leistung und Optik ohnehin längst ausgereifter Top-Karren - zum Beispiel des Audi R8: 420 PS, in 4,6 Sekunden von null auf 100 km/h, Spitzengeschwindigkeit von 301 km/h. Was macht Audi denn falsch, dass Abt selbst an so ein Auto noch ranmuss? „Gar nichts“, sagt Geschäftsführer Hans-Jürgen Abt, „wir wollen das Auto ja nicht verbessern, sondern ihm eine individuelle Note geben.“
Seine Kunden wünschen das Besondere. Ihr persönliches Traumauto. Keines von der Stange, sondern eines, das auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist wie ein edler Maßanzug. Und andere wollen Tempo. Denn Abt kann nicht nur schön, sondern auch schnell. Zum Beweis stiegen die Allgäuer im Jahr 2000 in die DTM ein. Sich als Underdogs den übermächtigen Werksmannschaften von Mercedes und Opel zu stellen war damals noch ein wagemutiges Abenteuer. Doch schon im dritten Jahr jubelte am Ende der Saison Laurent Aiello im Abt-Audi am lautesten. Bilanz heute: In zwölf Jahren DTM hat man fünfmal den Fahrertitel geholt, dreimal den Teamtitel und gehört zu den erfolgreichsten Motorsport-Teams Europas. Auch in der neuen Saison werden die vier Abt-Piloten im Audi A5 DTM sicher wieder um die Meisterschaft mitfahren.
Erfolg im Rennsport: Das ist bestes Marketing. „Der Name ist heute extrem wichtig“, sagt Hans-Jürgen Abt. Er müsse Begehrlichkeiten wecken. Und Leute, die eine große Leidenschaft für Autos haben, sind meist auch motorsportbegeistert: „Die identifizieren sich, die freuen sich, die leiden mit einer Marke“, so der 49-Jährige. Deshalb sind schön und schnell im Tuning-Geschäft letztendlich zwei Seiten derselben Medaille: „Ein Produkt muss Emotionen hervorrufen“, sagt Hans-Jürgen Abt. „Es muss einmalig sein - das ist bei Autos genau so wie in der Mode.“
Für Einmaligkeit steht bei Abt nicht zuletzt die Tradition: Mittlerweile vier Generationen haben den Siegeszug des Automobils hautnah begleitet und mitgestaltet. Schon als der sich 1920 abzeichnete, begann Firmengründer Johann Abt mitzumischen und schickte seine Söhne Josef und Hans zum Studieren - Kfz-Ingenieur. Und er baute ein neues Autohaus auf. Die Wahl des Autoherstellers fiel auf Horch und Audi - eine Partnerschaft, die bis heute Bestand hat. Im selben Jahr wurde auch der berühmte Kurs im französischen Le Mans eingeweiht: der Ort, wo Johann Abts Urenkel Christian, der Bruder des heutigen Geschäftsführers, 80 Jahre später auf dem Podium stehen sollte, bejubelt von 100.000 Menschen.
Der nächste wichtige Mann in der früheren Firmengeschichte und der erste von vielen leidenschaftlichen Rennfahrern der Familie wurde „der junge Wilde aus Kempten“ genannt. Es war der Enkel des Firmengründers, der genauso hieß wie sein Großvater: Johann Abt fuhr 1952 den ersten Sieg für Familie und Betrieb ein - bei der „Oberallgäuer Bergfahrt“ knatterte er mit einem DKW-Motorrad Hunderte Kilometer über Stock und Stein und ließ alle anderen Teilnehmer hinter sich. Später stieg er auf vier Räder um: Wegen des knappen Budgets debütierte er 1958 beim Silberschild-Rennen in einem Unfallwagen auf dem Nürburgring, einem stark lädierten DKW F91. Nach ungezählten Siegen empfing man in Kempten diesen erfolgreichen Sohn der Stadt stets stolz mit Blaskapelle und Kinderchor.
Und immer mehr Kunden kamen ins Geschäft, um auch ein Auto, „so schnell wie das von Abt“, zu erstehen. Dieser reagierte prompt auf den Wunsch und gründete 1962 Abt Tuning. „Von der Rennstrecke auf die Straße“ - der Satz wurde zum Unternehmens-Credo und ist es noch heute. Noch bevor Volkswagen seinen Golf als GTI aufmotzte, erkannte Johann Abt das Marktpotenzial schneller Kompaktwagen und tunte 1975 den Audi 50. 78 statt 60 PS - die Fachpresse war begeistert, sprach vom „Power- Mini, der alles Dagewesene in den Schatten stellt“.
Seit 1990 trägt der Familienbetrieb seinen heutigen Namen: Abt Sportsline. Hans-Jürgen Abt, der Urenkel des Firmengründers, steht seit 1991 an der Spitze des Unternehmens - zunächst gemeinsam mit seinem Bruder Christian, seit vergangenem Jahr allein. Was hat sich verändert in den letzten Dekaden? Das Tuning an sich, das Kerngeschäft, jedenfalls kaum: Im Prinzip habe man früher dasselbe gemacht wie jetzt, erzählt Hans-Jürgen Abt: Spoiler, Bremsen, Fahrwerk, Sportlenkrad, Motor. Nur die Technik, die hat sich natürlich wahnsinnig weiterentwickelt. „Das ist wie beim Fernseher“, vergleicht er, „das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.“
Gut, manche Dinge würden heute vielleicht nicht mehr funktionieren: Ende der 80er-Jahre entwickelte man bei Abt als Werbegag einen Aufkleber in Form eines bunten Farbkleckses - für die Fronthaube, das hatte man damals so. Völlig unerwartet gab es in ganz Deutschland plötzlich einen Run auf die Sticker. Sogar Thomas Gottschalk ließ sich in „Wetten, dass .. ?“ über den „bescheuerten bunten Vogelschiss fürs Auto“ aus. Andere Firmen kopierten die Idee, Zehntausende neonfarbene Kleckse wurden an Tankstellen und sogar bei Aldi verkauft.
Aber auch heute noch treibt der Wunsch nach Einzigartigkeit bisweilen abstruse Blüten: „Wenn jemand einen 12-Zylinder-Motor haben will, wo ursprünglich ein 4-Zylinder drin war - das geht halt nicht“, sagt Hans-Jürgen Abt. Schließlich gibt Abt dieselbe Garantie wie der Hersteller und muss - wozu Machbarkeit und Sicherheit zählen - die Qualität hoch halten. Bei gleichzeitig größtenteils erschwinglichen Preisen: „Es ist unsere Stärke, dass wir ein Produktportfolio haben, bei dem auch für Otto Normalverbraucher etwas dabei ist“, sagt Abt. „Bei 1000 Euro geht es los.“ Mit dieser Philosophie hat die Firma die Wirtschaftskrise recht glimpflich durchgestanden. Klar, gespürt habe man sie schon, sagt Hans-Jürgen Abt. Doch alles negativ zu sehen ist ohnehin nicht die Art der Kemptener: „Das ist typisch deutsch: immer alles zerreden“, schimpft er. „Der, der mit seinem Team hart arbeitet, hat auch die Chance, erfolgreich zu sein. Und ich führe - nach oben oder nach unten.“
Noch - denn die Nachfolge an der Spitze der Firma ist bereits geregelt: Sohn Daniel soll übernehmen, „wenn der Vater in Rente geht“. Momentan liegen die Prioritäten des 19-Jährigen allerdings noch anderswo: Er fährt in der Formel GP3. Ein knochenharter Job, auch oder gerade wegen des guten Familiennamens: „Als ich mit dem Formel-Sport anfing, da kannte keiner meinen Vornamen, alle nur meinen Nachnamen“, sagt Daniel Abt. Sehr genau sei er beäugt worden. Klar, Adel verpflichtet. Schließlich fuhren schon viele Familienmitglieder den anderen davon: der Opa, der Vater, der Onkel. Hat Daniel Abt deshalb Benzin im Blut? Nun, er sei eben so aufgewachsen, sagt er. Schon als kleines Kind wurde er zu Rennen mitgenommen, mit sechs Jahren saß er das erste Mal im Kart. Sein großes Lebensziel ist es, in die Formel 1 zu kommen.
Dass er die Familiengeschäfte in fünfter Generation fortsetzen wird, ist für Daniel Abt aber eine Selbstverständlichkeit. Und ein Job mit Zukunft: „Das Automobil ist immer noch der Deutschen liebstes Kind“, erklärt Vater Hans-Jürgen Abt. Nie sei das Auto so erfolgreich gewesen wie in den vergangenen zwei, drei Jahren.
Für das Tuning-Geschäft sind vor allem Männer in der Altersgruppe um die 40 die besten Kunden: Sie haben hart dafür gearbeitet, und jetzt sind sie endlich so weit, ihr Traumauto auch bezahlen zu können: formvollendete Felgen und Karosserieteile sind begehrt, beim Innendekor kennt die Fantasie fast keine Grenzen - und natürlich zählt auch immer wieder die Geschwindigkeit. Frage an Hans-Jürgen Abt: Ist man eigentlich nach so vielen Jahren im Geschäft noch immer stolz, wenn auf der Autobahn ein Auto mit dem Abt-Schriftzug an einem vorbeifährt? „Na, klar“, sagt der Chef. „Nur werden wir leider so selten überholt.„
 

Ein Leben für Schönheit und Geschwindigkeit

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116 JAHRE ABT Der Gründer des Familienunternehmens tunte schon, als es das Wort Tuning noch gar nicht gab: historische Highlights der Kemptener PS-Schmiede 1886 Johann Abt (am Wagen) eröffnet seine Schmiede im Allgäuer Städtchen Kempten. Heute führt Urenkel Hans- Jürgen Abt, 48, den Betrieb in vierter Generation 1952 Die ersten Rennen gewinnt Enkel Johann mit dem Motorrad. Seine NSU steht heute im Abt-Museum 1990 Abt Sportsline wird gegründet. Ralf Schumacher wird für das Motorsportteam 1993 Vizemeister in der Formel ADAC. Bruder Michael und Johann Abt leisten Unterstützung 2011 Abt macht jeden Wunsch wahr, zum Beispiel das schnellste Polizeiauto der Welt. Der ABT GTR, ein 620- PS-Leichtbau, schafft 325 km/h

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Angelika Zahn