Daniel Craig . Born to be Bond

Daniel Craig: Born to be Bond

Das Comeback des Originals: vom Salonlöwen zurück zum wilden Tier. Der harte Brite beweist auch in „Skyfall“ erneut, warum er der ultimative Doppelnull-Agent ist

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Daniel Craig

Legendenpflege: Craig mimt den Bond so, wie er einst der Fantasie Ian Flemings entsprang

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  • In SKYFALL wird Bonds Loyalität M gegenüber auf eine harte Probe gestellt, als seine Vorgesetzte von ihrer Vergangenheit eingeholt wird. Als der MI6 unter Beschuss gerät, muss 007 die Angreifer aufspüren und unschädlich machen, ohne Rücksicht auf den Preis, den er selber dafür zahlen muss

    In SKYFALL wird Bonds Loyalität M gegenüber auf eine harte Probe gestellt, als seine Vorgesetzte von ihrer Vergangenheit eingeholt wird. Als der MI6 unter Beschuss gerät, muss 007 die Angreifer aufspüren und unschädlich machen, ohne Rücksicht auf den Preis, den er selber dafür zahlen muss

Palmwedel klatschen ins Gesicht, Staub wirbelt auf, umgefallene Bäume versperren den Weg. James Bond jagt einen Killer. Durch ein Elendsviertel, auf einer Baustelle mit lebensgefährlichen Sprüngen von Kran zu Kran. Bond blutet an der Stirn, an den Händen. Er hastet weiter. In eine Botschaft. Bond im Nahkampf: Knochen krachen. Finger brechen. Maschinengewehrsperrfeuer. Fensterscheiben splittern. Showdown im Hinterhof. Bond schießt eine halbe Armee ins Jenseits. Plötzlich eine Stichflamme. Feuer. Bond entkommt.
Mit dieser zehnminütigen Action-Sequenz aus „Casino Royale“ wird Daniel Craig als neuer Bond eingeführt. Wir erleben einen verschwitzten, ramponierten, blutverschmierten Craig in seiner brutalsten Körperlichkeit.
Seit der smarte Brite mit „Casino Royale“ vor sechs Jahren die Rolle übernommen hat, wird 007 wieder so verkörpert, wie ihn sich sein Erfinder, der englische Schriftsteller Ian Fleming, einst vorgestellt hat: maskulin, eiskalt und schlagfertig - geistig und körperlich. In den 60er-Jahren schuf Sean Connery im ersten Bond-Film „James Bond jagt Dr. No“ den Prototypen dieses Draufgängers und Playboys. Eben jene legendäre Heldenfigur, die Ian Fleming martinitrocken so beschrieb: „Bond ist ein interessanter Mann, dem außergewöhnliche Dinge zustoßen.“
Fleming, der im Zweiten Weltkrieg für den britischen Geheimdienst selbst als Spion tätig war, hatte James Bond nach seinem eigenen Ego geformt. Wie Fleming war Bond Offizier bei der englischen Navy, hat dasselbe Golf-Handicap, dieselbe Vorliebe für Rühreier, Baumwollshorts, Wodka-Martini. Ein schneidiges Männlichkeitsideal mit nostalgischem Ex-Kolonialmacht-Charme. Und diesen Typen bediente Sean Connery ganz fabelhaft, jedenfalls very British. Beim beliebten „Wer ist der beste Bond aller Zeiten?“-Spiel schneidet Connery deshalb für gewöhnlich sehr gut ab. Das ist verständlich, obwohl sein Verfallsdatum schon im letzten Jahrhundert ablief. Schließlich ändern sich die Zeiten. Im Laufe von 23 Bond-Filmen hat der Meisterspion einige Metamorphosen durchlaufen. Zuletzt geriet er, dank Pierce Brosnan mit seiner versnobten 90er-Jahre-Eleganz, wohl etwas zu pomadig.
Doch dann kam Daniel Craig. Und der ist vom typischen Bond-Image - Smoking, Martini-Glas in der Hand, einen coolen Spruch auf den Lippen und mit einer scharfen Frau auf dem Weg ins Bett - so weit weg wie nur möglich. Natürlich kann er auch sexy und Smoking. Aber dazu später. „Uns war es wichtig, mit ,Casino Royale’ die Bond-Figur noch einmal neu zu erfinden“, betont „Bond“-Produzentin Barbara Broccoli. „James Bond wurde davor zu sehr überzeichnet. Er ist schließlich keine Comic-Figur, sondern ein moderner Spion.“
Als man diesen modernen Spion mit Ecken und Kanten endlich im britischen Schauspieler Daniel Craig gefunden hatte, geschah etwas, womit keiner gerechnet hatte: Im Internet brach ein heftiges Craig-Bashing los. Der Neue sei zu unmännlich, zu klein, zu unattraktiv, zu langweilig und nicht smart genug. Man höhnte, er könne bei Pokerspielen einen Royal Flush nicht von einem Full House unterscheiden. Heute kann Craig darüber lachen. Damals hat es ihn aber wütend gemacht, denn „das meiste war sowieso frei erfunden“.
In nur zwei Bond-Filmen - „Casino Royale“ und „Ein Quantum Trost“ - schaffte Craig das Kunststück, Flemings Ur-Bond in einer ganz neuen, zeitgemäßen Bond-Figur aufgehen zu lassen. Er überzeugt nicht nur als eiskalter Killer und galanter Verführer, sondern zeigt auch seine sensible Seite. In „Casino Royale“ verliebt sich Bond sogar. In die Doppelagentin und Femme fatale Vesper Lynd (Eva Green), die ihm das Herz bricht. Genau wie Fleming es in seinem ersten Roman geschrieben hat: „Bond warf Lynds Brief weg. Plötzlich schlug er mit den Fäusten an seine Schläfen und stand auf. Er schaute einen Moment aufs ruhige Meer, dann fluchte er laut und obszön. Seine Augen waren nass, und er trocknete sie.“ Tatsächlich stand auch Daniel Craig das Wasser sichtlich in den Augen. Und wie er dann im Film den letzten Satz des Buches - „Die Schlampe ist jetzt tot“ - ausspuckt: Das allein ist schon die Hälfte des Eintrittsgeldes wert. Hier wird James Bond wieder zum Macho, zum Sexisten. Die Zeit von Soft-Bond war damit abgelaufen.
Dass Craig auch - ganz in Flemings Sinn, der Sexszenen in seinen Romanen sehr explizit und detailliert beschreibt - nicht davor zurückscheut, sich splitternackt zu präsentieren, beweist die brutalste Folterszene, die je in einem „Bond“ zu sehen war: Nackt auf einen Stuhl gefesselt, prügelt Le Chiffre (Mads Mikkelsen) mit einem verknoteten Tau immer wieder auf Bonds bestes Stück ein. Bond provoziert ihn: „Ich spüre da unten ein Jucken.“ Chiffre schlägt mit aller Kraft zu. Bond schreit und sagt: „Ein bisschen weiter nach links.“ Chiffre schlägt noch einmal zu. Bond schreit und sagt: „Was ist eigentlich, wenn die Welt erfährt, dass Sie gestorben sind, als Sie mir gerade meine Eier massiert haben?“ Ein Satz, der Fleming sicher gefallen hätte.
War „Casino Royale“ ein dreistöckiger Whisky auf ex nach viel zu viel Prosecco-Bond, so legten Craig & Co. mit „Ein Quantum Trost“ noch einmal zu. Da sieht man den Wut-Bond in Aktion. Einen Bond, der seine tote Geliebte Vesper einfach nur rächen will. So zynisch und grausam, dass er sogar von seiner Chefin M vorübergehend als Geheimagent Ihrer Majestät suspendiert wird. Regisseur Marc Foster, der diese 007-Runderneuerung maßgeblich vorangetrieben hat, meint: „Am Ende von ,Casino Royale’ war Bond an einer emotionalen Bruchstelle, an der ich ihn abholen und dann weiterleiten wollte. Bond kann sich ja gefühlsmäßig fast nicht mehr ausdrücken. Trotzdem ist es Daniel gelungen, einen sehr menschlichen, sehr komplexen Bond darzustellen. Dafür ziehe ich meinen Hut vor ihm.“
„Casino Royale“ und „Ein Quantum Trost“ sind die erfolgreichsten Bond-Filme aller Zeiten. Beide haben jeweils über eine halbe Milliarde Dollar eingespielt. Klar, dass die Erwartungen bei „Skyfall“ exorbitant sind. Regie führt diesmal Sam Mendes, der sich Craig anfangs nicht einmal im Entferntesten als Bond vorstellen konnte. „Ich habe Daniel sogar abgeraten, Bond zu spielen“, sagt Mendes lachend. „Das war allerdings vor ,Casino Royale’. Doch was war das für ein genialer Relaunch! Seitdem habe ich mich schon oft bei ihm entschuldigt.“
Craig wollte Mendes unbedingt als Regisseur. „Sam und ich sind mit denselben Bond-Filmen aufgewachsen und haben fast identische Referenzpunkte. So eine Übereinstimmung ist beim Drehen natürlich Gold wert. ,Skyfall’ ist zwar eine völlig neue, eigenständige Geschichte, aber sie atmet sehr den Geist von Flemings Bond-Büchern“, begeistert sich Craig im Londoner Luxushotel „Dorchester“. Und da ist es wieder, dieses Daniel-Craig-Killerlächeln. Dieser hellwache, leicht ironische, laserlichtblaue Blick. Er strahlt auch jenseits der James-Bond-Rolle eine unglaubliche Energie aus. Wirkt jugendlich, fit, potent. Und er ist durchtrainiert. Eisenharte Muskeln. Dazu eine einzigartig lässige Ausstrahlung, umspielt von rohem Arbeiterklasse-Charme made in Liverpool. Da kommt Craig her.
„Bond hatte einen scharfen Sinn für das Lächerliche“, heißt es in Flemings Kurzgeschichte „Ein Quantum Trost“. Und das trifft auch auf Craig zu. Stichwort Smoking-Test: Pierce Brosnan, Roger Moore und auch Sean Connery sahen darin meist wie Croupiers oder leicht überarbeitete Dressmen aus. Nicht so Craig: Er trägt seinen Smoking eng tailliert oder die Jacke offen, die Fliege lose um den Hals. Pures Understatement - und das ist auch beim Flirten angesagt: Hinter dem abgründigcoolen Bond-Lächeln spürt man immer das unanständige Feuer der Leidenschaft. Genau das macht diesen Bond so unwiderstehlich. Auf Vespers neugierige Frage, ob es ihn denn nicht störe, all diese Leute umzubringen, antwortet er nur süffisant: „Ich wäre wohl nicht sehr gut in meinem Job, wenn es das täte.“
Bond-Müdigkeit scheint sich bei dem 44-Jährigen nicht einzustellen. Im Gegenteil. Die 007-Lizenz, so ließ er verlauten, würde er verlängern, solange er seinen „ganz privaten Bond“ weiterentwickeln dürfe. Daraufhin ließen sich die Produzenten sofort ein paar nette Drehbuchideen einfallen. Inzwischen soll er für zwei weitere Missionen unterschrieben haben. Gut so, denn auch nach dem goldenen Bond-Jubiläum gibt es weit und breit keinen Besseren. Daniel Craig hat es allen gezeigt. Auf den Punkt brachte das der große Sean Connery, der Craig als neuen Millennium-Bond sieht: „You’re simply the best!“
 

Ulrich Lössl