Gymkhana-Gott . Ken Block

Der Block-Buster

Seine Videos sind spektakulär, seine Drifts fast schon Kunst: Ken Block ist der wohl bekannteste Parcours-Pilot unserer Zeit. Seine Stunts bei Hindernisrennen - Gymkhana nennt sich die Disziplin - begeistern auf YouTube Millionen. Doch der Held dieses Sports ist nicht nur Action-Junkie. Portrait eines ungewöhnlichen Geschäftsmanns

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Gymkhana-Gott

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ICH VERSUCHE IMMER, SO AGGRESSIV WIE MÖGLICH ZU FAHREN. DAS IST ES, WAS ICH WIRKLICH LIEBE
Ken Block steigt in sein Auto wie ein Boxer in den Ring. Er bahnt sich seinen Weg durch eine Gasse zwischen jubelnden Menschen. Seine Entourage aus Betreuern, Ingenieuren und Managern folgt mit grimmigen Blicken. Aus meterhohen Boxen dröhnen HipHop-Bässe. Der Geruch von verbranntem Gummi liegt in der Luft. Ein Videobeamer projiziert das Geschehen auf eine riesige Leinwand. Tausende Fans johlen, als Block in Großaufnahme erscheint. Sie warten seit Stunden in eisiger Kälte auf ihr Idol. Endlich ist es da.
Vor seinem Wagen bleibt er stehen, hüpft ein paarmal auf und ab, lässiges Aufwärmprogramm. Klopft aufs Dach, blickt zu den Massen hinauf und winkt ihnen zu. Vor ihm kämpfen Fotografen um die besten Plätze. Ihr Motiv: bunt und schrill. Über seinen breiten Schultern trägt Ken Block einen Overall, zugepflastert mit Werbung. Dazu die obligate Baseball-Kappe, einen juvenilen Kinnbart und seine verspiegelte Sonnenbrille mit den roten Gläsern.
Dann steigt er ein, startet den Motor, und ein ohrenbetäubendes Knattern dröhnt über den Asphalt. Die Ken-Block-Show beginnt. Wir sind in Wellingborough, einem Dorf in Zentralengland. Die Gegend ist ländlich und ruhig. Doch an diesem Wochenende donnern aufgemotzte Karren durch die Straßen. Autofans aus dem ganzen Land pilgern in die britische Provinz. Sie kämen überall hin, wo Ken Block auftritt. Für viele Motorsport-Jünger ist er der motorisierte Messias, und ihr Mekka liegt in den kommenden zwei Tagen zufällig hier in der Grafschaft Northamptonshire.
Ken Block, 45, ist mehr als nur ein Rennfahrer. Er ist ein Phänomen unserer Zeit. Kaum einer weiß die Generation YouTube besser zu unterhalten als er; kaum einen bewundert die Generation YouTube mehr als ihn. Er liefert den Adrenalinschub des Real Life frei Haus über den Bildschirm - mit seinen Gymkhana-Videos. Bei dieser Motorsportvariante (gesprochen: Jim-Kah-Nah) mit Wurzeln in Japan versuchen die Piloten, ihre Fahrzeuge möglichst geschickt und schnell durch einen Parcours von Hindernissen zu manövrieren. Drifts und Feuer speiende Auspuffrohre sind dabei spektakuläre Übertreibungen der täglichen Verkehrsrealität. Ken Block springt über Straßenkreuzungen, gleitet im Schleuderslalom zwischen Bussen und Trambahnen hindurch. So jagt er auf den Spuren von Steve McQueen alias „Bullit“ durch die abgesperrten Straßen von San Francisco. Diese Fahrt hatte nach dem ersten Tag über fünf Millionen Klicks auf YouTube. Er umrundet in seinen Videos ein Autodrome bei Paris oder prescht durch eine Hollywood-Kulisse. Er war der Erste, der sich der Bildkraft dieser Randsportart bewusst wurde. 2008 stellte Ken Block „Gymkhana 1“ ins Internet. Innerhalb von 24 Stunden wurde seine Speed-Tour über eine Flugzeug-Landebahn 250.000-mal angeschaut. Die Seite brach zusammen.
Heute lachen Block und sein Team über solche Zahlen. Fünf Gymkhana-Videos sind mittlerweile auf YouTube zu sehen, rund 151 Millionen Mal wurden sie angeklickt. Zum Vergleich: Den diesjährigen Super Bowl verfolgten gut 111 Millionen Zuschauer - was ihn zur meistgesehenen Fernsehsendung der US-Geschichte machte.
Jetzt rast Ken Block auf den Hindernisparcours zu. Das Publikum in Wellingborough grölt. „Ich versuche immer, so aggressiv wie möglich zu fahren. Das ist es, was ich wirklich liebe“, hatte er vorher gesagt. Jetzt zeigt er, was er damit meint. Seine rechte Hand umfasst die monströse Handbremse aus Aluminium, in die sein Nachname gefräst ist. Die Linke liegt am Lenkrad. Sein Fuß drückt aufs Gaspedal, als wollte er es durchs Fahrgestell pressen. Das alles sieht ziemlich waghalsig aus. Hat der Typ denn gar keine Angst? „Oh doch. Angst, ein Arsch zu sein - und durchschnittlich.“
Deshalb lässt er plötzlich die Handbremse los: 650 PS klettern in irrem Tempo nach oben, suchen nach Bodenhaftung. In zwei Sekunden katapultiert Block das Auto auf 100 km/h, nur um sofort danach wieder die Handbremse zu ziehen und einen Panzer, der als Hindernis dient, mit quietschenden Reifen zu umdriften. Qualm steigt auf und lässt den Fiesta unter einer riesigen Rauchwolke verschwinden. Der Smog dringt ins Fahrzeuginnere, vernebelt die Sicht. Es wird stickig. Doch das ist Block egal. Der Tanz geht weiter. Er lässt sein Auto Pirouetten um Ölfässer schlagen, es gleitet fast schon sanft über den Asphalt wie ein testosterongeschwängerter Eiskunstläufer. Eine unnachahmliche Symbiose zwischen Fahrer und Wagen. Blocks Ballett mit dem Boliden: ein Extrem zwischen Kunst und Wahnsinn.
Aufgewachsen ist Ken Block in Long Beach. Er gehörte zu jenen Kids, die in den Achtzigern im Rhythmus der Beastie Boys durch die Skateparks des Landes rollten. Hier, im Süden Kaliforniens, nahm damals eine Lifestyle-Kultur ihren Anfang, an deren millionenschweren Umsätzen auch Block kräftig mitverdienen sollte.
1993 gründete er mit seinem Partner Damon Way „DC Shoes“. Die Firma designt Klamotten, Schuhe und Accessoires für die Skaterszene. Sie bauten die Marke zu einem kleinen Imperium auf. 2004 übernahm Quiksilver das Label - für 87 Millionen US-Dollar. Block aber blieb DC erhalten. Er fuhr im sogenannten Auto-Team der Firma und wurde zu ihrer ultimativen Werbefigur. Er ist der wohl einzige Geschäftsführer in der Marketing-Geschichte, der vom Büro auf die Rampe wechselte, um als Athlet sein ehemaliges Unternehmen zu repräsentieren. Man kann sich keinen besseren Publicity-Coup vorstellen.
Denn Block weiß, wie man Sportarten, die von den Massenmedien kaum wahrgenommen werden, für eine breite Öffentlichkeit attraktiv macht. Wie beim Skateboarding geht es auch bei Gymkhana weniger ums Gewinnen als um die Wahrnehmung einer ganzen Szene. Die Videos, die Block berühmt gemacht haben, verkörpern eine Subkultur, die sich abhebt vom Establishment. Sie ist jung, cool, abgefahren - und eine ideale Werbefläche.
Seit seiner Jagd durch San Francisco für „Gymkhana 5“ versuchen Städte, Block für sein nächstes Video als Kulisse zu dienen. Man hofft auf einen Tourismus-Boom. Die World-Rally-Championship-Rennserie, in der Block fährt, ist durch ihn hip geworden.
Doch wie schafft es ein Mann Mitte vierzig, vor allem Teenager derart zu begeistern? Block sitzt auf dem Sofa seines luxuriösen Trailers abseits der Hindernisstrecke in Wellingborough. Er spricht leise und überlegt: „Mein Team und ich wollen wie die Kids da draußen wissen, was es Neues gibt in der Musik, welche Kleidung gerade in ist. Wir interessieren uns für moderne Geräte, für Kunst. All diese Einflüsse schütten wir zusammen und entwickeln sie weiter.“ Wenn er spricht, funkelt sein unterer Schneidezahn. Der wurde ihm einst beim Basketballspielen zertrümmert. Er ließ sich einen Ersatz aus Platin einsetzen.
Ken Block, wie er hier vor einem sitzt, scheint so gar nicht der Typ zu sein, den sie den „Hoonigan“ nennen. „Hoonigan“ ist die Bezeichnung für einen, der durch schnelles und gefährliches Autofahren auffällt. Ein asozialer Raser. Entspricht sein Fahrstil denn wirklich seinem Naturell? „Nein. Ich bin privat weder laut noch aggressiv, sondern habe es gern ruhig.“ Er erzählt von seiner Frau und den drei Kindern und dass er sie gerade vermisse. Es klingt etwas sentimental, aber man glaubt ihm das sofort.
Es wird dunkel in Wellingborough. Am Abend schmeißt der Sponsor „Monster Energy Drink“ eine Party. Ein britischer Fernsehmoderator gibt den Anheizer und grölt in die Menge: „Do you wanna’ fuckin’ paaarty?“ Die gut 50 ausgewählten Feierwütigen zwischen 20 und 30 recken die Arme gen Himmel und schreien: „Yeahhhh!“ Mädels in knappen Outfits tanzen auf Musikboxen. Jungs lassen sich beim eigens engagierten Tätowierer kostenlos stechen. Alles ist so, wie man sich die neue Subkultur vorstellt: jung, cool, abgefahren. Nur einer lässt sich den ganzen Abend über nicht blicken. Ken Block ist in seinem Trailer geblieben.

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  • Für sein Video „Gymkhana 5“ driftete Block durch San Francisco

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Moritz Aisslinger