Jürgen Blin

Der Boxer, der nie liegen blieb

Nach sieben Runden gegen Muhammad Ali genoss Jürgen Blin vor 40 Jahren Weltruhm. Jetzt will er in den Ruhestand gehen – und sich erholen von einem Leben voller Tiefschläge, Triumphe und zerbrochener Träume

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  • Endstation: Blin in seiner Kneipe im Hamburger Hauptbahnhof – sein letzter Kampfplatz ist hinter der Theke

»Das war der einzige Kampf in meinem Leben, bei dem ich vorher wusste, dass ich ihn nicht gewinnen kann«

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  • Schlag auf Schlag:  Noch immer quält sich Blin beim Training in der „Ritze“. Sein Becken macht ihm zu schaffen. Er boxt weiter

    Schlag auf Schlag: Noch immer quält sich Blin beim Training in der „Ritze“. Sein Becken macht ihm zu schaffen. Er boxt weiter

  • Der Steher:  Jürgen Blin, 68, in der legendären Hamburger „Ritze“, Kneipe und Boxkeller, wo er noch heute in den Ring steigt. Auf­ge­ben? Gibt’s bei ihm nicht

    Der Steher: Jürgen Blin, 68, in der legendären Hamburger „Ritze“, Kneipe und Boxkeller, wo er noch heute in den Ring steigt. Auf­ge­ben? Gibt’s bei ihm nicht

Es war die Rechte. Als Alis Rechte durch seine Deckung stach, wurde Jürgen Blin kurz schwarz vor Augen. Er fiel in die Seile, ging runter auf die Knie, es sah fast so aus, als wolle er beten. Der Ringrichter zählte ihn an. Blin blieb auf dem Boden, versuchte, sich aufzurichten, sackte wieder auf die Matte, stand schließlich und ließ die Arme hängen. Er ging in seine Ringecke, trank und gönnte dem Sieger seinen Jubel.
40 Jahre später steht Jürgen Blin, heute 68, hinterm Tresen in seiner kleinen Kneipe im Hamburger Hauptbahnhof. Er zapft ein Holsten, aus der Musikbox säuselt Semino Rossi in Dauerschleife, an der Wand hängen lederne Boxhandschuhe und Bilder von Blin und Ali. Auch heute kamen wieder Gäste, die ihn baten, noch mal zu erzählen, wie das denn genau war, gegen den größten Schwergewichtsboxer aller Zeiten zu kämpfen. Blin berichtet dann immer geduldig, bis alle Fragen geklärt sind. Gegen Muhammad Ali in der siebten Runde zu verlieren ist keine Schande. Für Blin ist nur wichtig, dass er auf diese Weise verloren hat. Dass er sich gut verkauft hat. Dass er nicht untergegangen ist. Blin sieht sich selbst als Beißer, als Stehaufmännchen mit Nehmerqualitäten, und so soll ihn auch der Rest der Welt sehen.
„Er ist ein bisschen geizig und hält sein Geld zusammen“, sagt ein Kneipengast, den sie alle „Spinne“ nennen. Spinne hat Tattoos auf den Handrücken, auf den Unterarmen, sogar ein paar grüne Sterne um die Augen, sieht damit ein bisschen aus wie ein Harlekin. Er ist heute nicht besonders gut drauf, gestern hat der Zahnarzt ihm sechs Zähne gezogen. Da könnte Blin als Kneipier ruhig mal ein paar Runden ausgeben. Beliebt bei seinen Gästen ist Blin aber trotzdem.
„Grundehrlich bis auf die Knochen“ sei der Jürgen, sagt eine Dame mit schlohweißem Haar, während sie Zigarettenrauch zur Decke pustet. Die Hartz-IV-Empfänger geben am meisten Trinkgeld, sagt Blin. Ein Betrunkener rülpst in der anderen Ecke. „Schweinske!“, ruft Spinne in seine Richtung.
Was der Alkohol mit Menschen macht, hat Jürgen Blin schon früh erfahren. Sein Vater war ein Trinker. Er arbeitete als Melker, versoff den Lohn regelmäßig, die Familie zog oft um. Blin, in Fehmarn geboren, und seine drei Geschwister mussten sechsmal die Schule wechseln. Ob er kein schlechtes Gewissen habe, dass er heute den Säufern in seiner Kneipe zu ihrem Rausch verhilft und an ihrer Sucht verdient? „Wenn ich’s nicht mache, machen es andere“, sagt Blin und zieht die Schultern hoch. Er selbst trinkt wenig. Lädt ihn ein Gast zu einem Bacardi Cola ein, belässt es Blin bei ein paar Tropfen Rum im Glas. Reine Willenssache. Blins Kindheit fand praktisch nicht statt. Er musste um halb vier Uhr morgens aufstehen, beim Melken helfen, oft die Arbeit sogar allein erledigen, wenn der Vater nicht aus dem Bett kam. In der Schule beschimpften und ächteten ihn seine Mitschüler, weil er nach Kuhmist stank. „Manchmal bin ich allein in den Wald gegangen und habe geheult“, sagt Blin. Irgendwann habe er sich nicht einmal mehr getraut, unter Gleichaltrigen den Mund aufzumachen. Hilfe von zu Hause gab es nicht, Liebe oder Anerkennung habe er von seinen Eltern nie bekommen.
Als Blin 15 wurde und den Hauptschulabschluss in der Tasche hatte, beschloss er, zur See zu fahren. Harte Arbeit, schlechtes Essen – das kannte er schon. Nirgends konnte es so schlimm sein wie zu Hause. Blin packte seinen Seesack und fuhr nach Hamburg, versteckte seine Habe unter dem U-Bahnhof Landungsbrücken, streifte durch die Stadt und stellte bei der Rückkehr fest, dass ihm seine Sachen geklaut worden waren. Für 100 Mark im Monat heuerte Blin als Schiffsjunge an, fuhr nach Norwegen, Kanada und Liberia. „Hätte mich eine Welle vom Schiff gefegt, wahrscheinlich wäre es niemandem aufgefallen“, sagt Blin. Er kannte bis dahin nur eine Rolle im Leben: die des Außenseiters.
Zurück in Hamburg, lernte Blin einen Fleischer kennen, der ihm eine Lehrstelle anbot. Fortan tötete er 80 Schweine in der Woche per Bolzenschuss, trug Schweinehälften, verarbeitete Rohfleisch zu Wurst. Ihm machte die Arbeit Spaß. Gegenüber der Fleischerei war ein Boxclub. Dort ging er nach Feierabend trainieren. Auch die Boxsäcke sahen aus wie von der Decke hängende Schweinehälften, und er drosch mit groben Pranken auf sie ein. Es war eine Wiedergeburt: Der kleine Jürgen, der Außenseiter, wurde zu Blin, dem Champion. Stück für Stück.
Dabei hatte er nicht einmal das ganz große Talent. „Aber ich war mehr als alle anderen bereit, mich zu quälen“, sagt er. Manchmal dachte er beim Training an seinen Vater, und dann schlug er noch härter zu, bis die Handknochen knackten. Die ersten Erfolge kamen: Blin wurde dreimal Hamburger Meister, dann Deutscher Meister. Mit 84 Kilogramm boxte er damals im Schwergewicht, die meisten Gegner waren größer, schwerer, kräftiger. Nach heutigem Reglement würde Blin ins Cruisergewicht eingeordnet werden. „Ich weiß gar nicht, wie ich immer gegen diese dicken Brocken durchgehalten habe“, sagt er und boxt sich mit der Linken selbst in die flache Hand.
Dann kam 1971 das große Angebot. Muhammad Ali hatte seinen letzten Kampf gegen Joe Frazier verloren. Es brauchte einen Aufbaugegner, eine sichere Nummer, Fallobst vielleicht aus Boxersicht, denn zwei Niederlagen in Folge konnte er sich nicht erlauben. Und Blin bekam den Deal: 180.000 Mark Börse für einen Kampf gegen Ali im Hallenstadion in Zürich. Blin überlegte keine Sekunde.
Am schlimmsten war für ihn die letzte Stunde vor dem Kampf. Angst, nein, das Wort ist ihm zu wuchtig. „Das war der einzige Kampf in meinem Leben, bei dem ich vorher wusste, dass ich ihn nicht gewinnen kann.“ Trotzdem dachte Blin nach: Was, wenn er einen „Lucky Punch“ landen würde, einen Glückstreffer, und Ali vor ihm auf der Matte läge? Was, wenn das Schicksal ihn zu etwas Höherem auserkoren hätte?
Den lilafarbenen Bademantel mit gelber Fütterung von damals hat er immer noch im Fitnessraum seines Hauses hängen. Beim Kampf hielt Blin lange dagegen, hatte eine passable Deckung und stürmte manches Mal mit beiden Fäusten auf Ali los. Die Zuschauer jubelten dem Deutschen zu. In seinem Kopf war nur ein einziger Gedanke: „Blin, eigentlich dürftest du gar nicht hier sein.“ Aber er biss und bewies, dass er einstecken kann. Der Vater saß auch diesmal wieder nicht im Publikum. Alis Leberhaken verzerrten ihm vor Schmerz das Gesicht, aber er blieb stehen, Runde für Runde. Bis Alis Rechte einschlug. Blin sagt heute, der Treffer sei auf dem Kinn gelandet, durch seinen ganzen Körper geschossen und dann aus dem Knie wieder ausgetreten. Blin, der geduldige Nehmer und Boxarbeiter, war geschlagen vom tänzelnden Großmeister des Faustkampfs.
Sein Kampf gegen Ali hat Blin berühmt gemacht. Der wichtigste Fight seiner Karriere stieg aber ein Jahr später, als er gegen José Manuel Ibar Urtain in Madrid Europameister wurde. Den Titel verlor Blin zwar im Kampf darauf sofort wieder, aber er hatte bewiesen, dass er mit seinen bescheidenen Mitteln ganz oben mithalten konnte. Blin beendete seine Karriere. „Ich war psychisch verbraucht und konnte einfach nicht mehr“, sagt er. Während seiner Zeit als Boxer arbeitete Blin immer parallel weiter als Fleischer. Vor seinem Kampf gegen Ali nahm er sich vier Wochen unbezahlten Urlaub. Aber am Montag darauf stand er schon wieder an der Wurstpresse.
Nach der Boxerkarriere versuchte sich Blin als Geschäftsmann, betrieb mehrere Imbissbuden in Hamburg. Heute bewohnt er ein 140-Quadratmeter-Haus mit Garten in einem Vorort, fährt einen Mercedes SLK. Er hat sein Geld verdient. Mit Boxen. Mit Fleisch. Mit Fritten. Allerdings ist er auch oft zu gutmütig. Einmal tauchte der berüchtigte Kiez-König „Negerkalle“ in Blins Bar auf und meinte: „Jürgen, leih mir doch mal 4000 Mark. Bekommst am Montag dann 5000 zurück.“ Blin ging zur Bank. Sein Geld hat er nie wieder gesehen.
Auf seinem Sofa daheim schlägt Blin die alten Fotoalben auf, er wirkt dabei wie ein kleiner Junge, der stolz seine Matchbox-Sammlung zeigt. Ein Leben in vergilbten Bildern. Bilder von Blin mit verschiedenen Boxern, Zeitungsartikel, andere Bilder von Blin mit anderen Boxern. Auch die Fernsehbeiträge, die über ihn gedreht wurden, hat er sorgsam archiviert. Im Wohnzimmer steht ein Boxerhund aus Porzellan, die Decke ist mit weiß lackiertem Buchenholz vertäfelt, um den Esstisch stehen Korbmöbel. Durch ein Panoramafenster schweift der Blick über den Garten. „Das ist doch wie Urlaub“, sagt Blin. Ferien macht er selten. Und wenn, dann nie länger als eine Woche.
Früher war Blin verheiratet. Mit seiner Frau Annegret bekam er drei Söhne. Zuerst wohnte die Familie neben den Schwiegereltern. Aber Blin wurde eifersüchtig, wenn diese seine Söhne liebkosten, zog deshalb mit der Familie um. So viel gezeigte Liebe konnte er einfach nicht ertragen. Die Söhne stiegen später mit ein ins Gastronomiegeschäft und legten eine Pleite hin. Durch eine Bürgschaft verlor Blin dabei eine Million Mark, berappelte sich aber wieder. Da war er längst von Annegret geschieden.
Blins Sohn Knut war auch ein talentierter Boxer, besser als sein Vater und sogar Sparringspartner von Axel Schulz und Lennox Lewis. Doch er war auch manisch-depressiv. Mit 36 Jahren stürzte er sich aus dem 14. Stock einer psychiatrischen Klinik am Bodensee in den Tod. „Ich kann verstehen, dass er das getan hat. Das war doch kein Leben“, sagt Blin, der mit ansah, wie sich sein Sohn von einem Schub zum nächsten hangelte. Eine richtige Trauer hat Blin sich nie zugestanden. Die Dinge sind, wie sie sind: Knut war krank, und Jürgen Blin ist stark. Er könne wegen seiner eigenen Kindheit schlecht Gefühle zeigen, sagt Blins heutige Lebensgefährtin.
Abends prügelt Blin auf einen roten Boxsack ein. Er trainiert immer noch, auch wenn sein schiefes Becken die Beinarbeit schwierig macht, er hat Verkrampfungen in den Oberschenkeln. Hier in der „Ritze“, dem legendären Box-Gym an der Reeperbahn, kennt man Blin. Laute Musik läuft – harte Beats für harte Jungs. Eine Zeit lang trainierte Blin Jugendliche aus sozialen Brennpunkten. Sein Traum: dass er mal einen jungen Mann träfe, der genauso viel Biss hätte wie er früher. Einen Beißer. Mit Willen statt großem Talent. „Den würde ich groß machen“, sagt Blin und betont, dass er auch als Coach ein harter Hund sei.
Dann steigt Blin zum Sparring in den Ring, atmet schnell und schickt seine Fäuste auf die Reise. Sein Gegner ist heute ein 30-Jähriger mit Raspelhaarschnitt, der Blin mit einem Aufwärtshaken im Gesicht trifft. Aber auch der alte Mann landet ein paar gute Schläge. Nach dem Kampf hat Blin einen blutenden Cut unter dem Auge. Vor vier Jahren in Berlin habe er Ali noch mal getroffen, sagt Blin. Bei einem Boxkampf natürlich. Sie haben sich umarmt.
Wenn Ali zuerst stirbt, werden die Reporter wieder Schlange stehen vor Blins Haus. Vor ein paar Jahren hat der Sportmoderator Waldemar Hartmann im Fernsehen verkündet, Jürgen Blin sei gestorben, Blin saß selbst vor dem TV und war verstört. Es gab einen Riesentrubel, und Hartmann musste sich kurz danach bei ihm für die Falschmeldung entschuldigen. Blin verzieh.
Neulich allerdings wollte ein Kneipengast nicht zahlen, da hat Blin noch einmal zugeschlagen. Überhaupt ertrage er „das dumme Gesabbel“ der Gäste oft nur noch schwer, sagt er. Dieses Jahr will er die Bahnhofsspelunke schließen; das wird sein letzter Kampf sein. Dann will er erst einmal mit seiner Lebensgefährtin in Florida Urlaub machen. Mehr als eine Woche.
 

Blin, der Boxer

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Der Schwergewichtsboxer Jürgen Blin, 1943 in Burg auf Fehmarn geboren, gewann 1962 den Hamburger Meistertitel, wurde 1968 Deutscher Meister und 1972 Europameister. Sein größter Gegner war 1971 Muhammad Ali. 1973 beendete Blin seine Boxerkarriere nach 48 Kämpfen – 31 Siege (neun durch K. o.), elf Niederlagen und sechs Unentschieden.

Florian Büttner