Portraits

Liebe, Sex & andere Katastrophen

Die Berliner Autorin Mia Ming feiert erstaunliche Erfolge mit Büchern über schlechten Sex

 
Ich finde, Mia Ming sieht nicht nach schlechtem Sex aus. Man weiß es ja vorher nie. Aber wie sich die schöne Autorin gerade so lasziv den Cappuccino-Schaum mit der Zunge von der Oberlippe wischt, das wirkt für mich sehr vielversprechend. Die 32-jährige Berlinerin mit den großen grünen Augen muss über miesen Sex reden. Wieder mal. Denn Ming ist Deutschlands Expertin für desolaten Beischlaf. Das kam so: Ihre Freundinnen lästerten nächtelang über schlechten Sex. Ming fand die Geschichten lustig und hat sie in einem Buch zusammen­gefasst. Und damit offenbar einen Nerv in der Bevölkerung getroffen. „Schlechter Sex“ schaffte es prompt in die „Spiegel“-Bestsellerliste. Im Mai nun erscheint der dritte Teil ihrer Serie. Erst klagten Frauen über ihre Sexpannen, dann konterten die Männer, jetzt sind wieder die Frauen dran. Als ob es nicht schon genug schlechte Nachrichten in der Finanzkrise gäbe.

Muss man da wirklich noch über Frauen lesen, die beim Öffnen der Stretch-Jeans auseinandergehen wie Hefeteig? Über Typen, die sich beim Geschlechtsverkehr wegen eines Stellungsfehlers den Penis brechen? „Ich find’s lustig“, sagt Mia und schleckt sich den Milchschaumbart. Mal ehrlich: Wer ist noch nicht am Überziehen eines Kondoms gescheitert? Wer hat noch nie vergeblich im Unterleib einer Dame nach der Region gefahndet, die sie wirklich glücklich macht? Wer kam noch nie ein bisschen zu fix?

Mings Bücher sind eine Reise tief in die dunkelsten Kapitel der kollektiven Kopulationskatastrophen. Etwa wenn sie über miese One-Night-Stands schreibt: „Gegen Mittag wachte ich auf, öffnete vorsichtig ein Auge und sah die unerfreulichen Umrisse neben mir liegen.“ Jugendprobleme: „Danas Hose war so eng, dass ich meine Finger kaum bewegen konnte.“ Gerissene Vorhautbändchen: „Die ganze Schule dachte, sie hätte mir den Penis abgerissen, was ihre Chancen bei anderen Jungs erst mal minderte.“ Und natürlich Alkohol: etwa die Geschichte des Mannes, der nachts nackt in einem fremden Treppenhaus aufwachte. Der Arme war sturzbetrunken bei irgendeinem One-Night-Stand gelandet, wollte auf die Toilette, nahm denselben Weg wie daheim, doch diesmal führte die Tür ins Treppenhaus.

„Die ganze Schule dachte, sie hätte mir den Penis abgerissen“
Ein junger Mann in „Schlechter Sex 2“

Schlecht rasierte Bikinizonen. Nadelübersäte Waldböden. Knirschender Sand im Getriebe. Handbremsen, die sich beim Liebesspiel in die Rippen bohren. Dirty Talk wie „Besorg’s mir, du geile Stute“ im falschen Moment. Schamhaare im Mund. Machen wir uns nichts vor: Sex ist ein Minenfeld. Viele von uns haben auf diesem Gebiet durchaus traumatische Erlebnisse zu verarbeiten. „Mein Buch ist ein Stück Vergangenheitsbewältigung“, sagt Ming deshalb. „Und Humor ist dabei oft der beste Ausweg. So wird aus dem Desaster wenigstens noch eine lustige Anekdote.“ Schlechter Sex – das ist natürlich immer eine Sache des Vergleichs. Und dem kommt gerade in unserer Zeit besondere Bedeutung zu. Weil wir die erste Internet-Generation sind, hat man uns schon in früher Jugend konfrontiert mit kinderarmgroßen Genitalien und dauergeilen Pornostars. Vielleicht sind Mia Mings Bücher auch deshalb so erfolgreich, weil die Realität eben nur selten mit der virtuellen Pornofantasie mithalten kann.

Das Leben der Männer teilt sich – laut Mia Ming – in zwei Hälften: Erst kommen wir zu früh, und dann kommen wir gar nicht mehr. Es ist ein fließender Übergang von Ejakulations- zu Erektionsproblemen. Manchmal treten diese Probleme beim selben Mann auch gleichzeitig auf: bei schönen Frauen zu früh, bei hässlichen (oder den eigenen) Frauen zu spät. „Die Leute sollten bei der Partnerwahl vielleicht etwas wählerischer sein“, rät Ming. Männer, sagt sie, saufen sich Frauen zu oft schön. Aber das sei eine trügerische Technik. Spätestens im Moment des Orgasmus stürzen sie in eine Depression, die mit dem körperlichen Entzug von Heroinabhängigen vergleichbar ist.

Die Ejakulation ist eine Rakete, die uns emotional in eine andere Galaxie schießt. Eine Galaxie ohne Frauen und ohne Liebe. Denn genau in der Sekunde des Orgasmus ist uns das ganze Tamtam einerlei. Da fragen wir uns dann, warum wir uns so viel Stress antun für das bisschen blöden Sex. Für ein paar schwitzige Bewegungen, die Ming dann auch noch in einem ihrer Bücher verwurstet. Und dann wischt sie sich mit der Zunge den Milchschaum von der Lippe. Und es geht wieder alles von vorne los.

Oliver Kuhn ]
 
 buch-tipp 

• „Schlechter Sex 3“

Schlechter Sex 3

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