Mitt Romney

Mitt Romney: der Unheilsbringer

Das Weiße Haus ist sein Ziel. Sollte Mitt Romney dort einziehen, dreht er das Rad der Geschichte zurück. Zur Debatte stehen dann nicht mehr und nicht weniger als: die sexuelle Selbstbestimmung, grundlegende Bürgerrechte und die Vorbildrolle der westlichen Kultur

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Obama-Gegner Mitt Romney will die Geschichte zurückdrehen

Sein Wahlsieg wäre das Ende der humanistisch-liberalen Leitkultur

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  • Mitts Himmelfahrt: Romneys Aufstieg an die Spitze Amerikas wäre für Amerika und den Rest der Welt ein Abstieg

    Mitts Himmelfahrt: Romneys Aufstieg an die Spitze Amerikas wäre für Amerika und den Rest der Welt ein Abstieg

Und wir dachten schon, die Dinosaurier seien ausgestorben. Vor ein paar Millionen Jahren. Oder auch erst vor ein paar Jahrzehnten - im Zuge der sexuellen Revolution und der antirassistischen Zivilgesetzgebung. Ganz sicher aber vor vier Jahren, als die Republikaner das Rennen ums Weiße Haus verloren und Barack Obama dort einzog. Nach Jahren der Regentschaft eines frömmelnden Texaners, dessen provinzielle Borniertheit, rücksichtslose Arroganz und außenpolitische Willkür die USA in den Ruin getrieben hatten, sollte nun endlich alles gut werden. Gut für alle liberalen US-Bürger im festen Glauben an die Fortschrittlichkeit ihrer aufgeklärten Kultur - und genauso: gut für die Deutschen, die Europäer, die gesamte westliche Welt.

Nun sind wieder Wahlen in Amerika, und Barack Obama muss sein Amt verteidigen. Doch nicht nur das: Er muss es verteidigen gegen Ideen und eine Dinosaurier-Moral, die wir mit Bushs sittenpolizeilichen Maßnahmen endgültig zu den Akten der Geschichte gelegt hatten. Obama tritt an gegen den neuen Vorsteher der Gestrigen: Mitt Romney, 65, streng religiöser Mormone, fünffacher Vater, 16-facher Großvater, erklärter Gegner der Abtreibung und aller sexuellen Lust, sofern sie nicht der Zeugung dient; ein Widersacher der Pornografie und sämtlicher Formen sogenannter Obszönität und Unsitte - sieht man einmal von der wirtschaftlichen ab: Dank seiner Investmentfirma Bain Capital hat es der Mann zugleich zum Multimillionär gebracht. Mitt Romney ist ein perfekter Geschäftemacher. Und Ex-Gouverneur des Bundesstaats Massachusetts. Als solcher zeigte er, wo die Fahrt mit einem Kerl wie ihm an der Spitze hingeht: Glatt und betont liberal nach außen, kassierte er am Schreibtisch Gesetzentwürfe wie jenen, der Krankenhäuser verpflichten sollte, vergewaltigten Frauen bei der Schwangerschaftsverhütung zu helfen. Mitt Romney ist ein zutiefst religiöser Schützer ungeborenen Lebens. Das beginnt für ihn mit der Befruchtung der Eizelle. Und er ist ein gefährlicher Zerstörer des geborenen Lebens. Dessen Freiheiten, vornehmlich die sexuellen, beschneidet er rigide wie ein Gottesstaatler.

Dennoch oder vielleicht auch gerade deshalb liest sich sein Lebenslauf kaum aufregender als die Gebrauchsanweisung eines Haushaltsgeräts: Uni. Heirat. Kinder. Arbeit, Arbeit, Arbeit. Keine jugendlichen Entgleisungen. Keine amourösen Abenteuer. Keine Aufsehen erregenden Auslandsaufenthalte - es sei denn, darunter fiele schon ein missionarischer Einsatz bei den Franzosen in den späten 60ern, als er den liberalen Europäern an den Haustüren die Mormonenschrift aufschwatzen wollte.

Zur Vorbereitung all dessen hatte Mitt Romney ein Elite-Internat besucht. Eines, in dem die Romneys dieser Welt, die Führer von morgen, indoktriniert werden mit ihrer fortan unumstößlichen Wahrheit: Die Welt - sie teilt sich in eine faule Masse hier und in wenige Macher, die Movers and Shakers, dort. Man kann gewiss diskutieren, wie viel jugendlich shakender Mitt im gealterten Romney von heute noch steckt. Fakt ist aber, dass sein Geschäftsgebaren in den 80er-Jahren sicher sein Ego reflektierte, das damals perfekt in die Zeit passte: Die „gute Gier“ an der Wall Street und der Casino-Kapitalismus waren frisch eingeläutet. Und Romneys Firma Bain Capital schöpfte besonders viel Rahm ab. Die von ihm inszenierten feindlichen Unternehmensübernahmen füllten seine Kassen - und ließen Heerscharen von Arbeitslosen zurück. Mitt Romney produzierte, wie jeder Siegertyp, eine Menge Loser. Ein Beispiel dafür, welche Rolle solche Verlierer in seinem Weltbild spielen, lieferte er jüngst im beginnenden Wahlkampf: “47 Prozent der Menschen“, so Romney, hätten sich ohnehin schon auf Obama als Präsident festgelegt, „komme, was wolle ... das sind alles Leute, die glauben, sie seien Opfer, die glauben, der Staat habe eine Verpflichtung, für sie zu sorgen ... die keine Einkommensteuer zahlen.“

Mitt Romney ist: ein echtes Relikt. Die Mensch gewordene Vergangenheit eines „Company Man“ aus den 1950ern - gut anzuschauen, stocksteif, als komme er geradewegs aus einem Disney-Animationsstudio. Er ist ein Ken, das nahezu profillos glatte Gegenstück zu Barbie. Er sieht gut aus. Mitt Romney ist ein Verkäufer. Und ein sehr talentierter. Zugegeben.

Wer sonst sollte die Republikaner auch heute noch an den Mann bringen? Als Marke und Produktversprechen hat es die rechten Gesinnungsgenossen längst zerbröselt. Zumindest mussten sie sich infolge der Ära Bush auf die Suche nach einer Kompletterneuerung machen. Doch daraus wurde nichts. Sie bemühen heute zwar keine alten Parolen mehr. Stattdessen aber bemühen sie: ganz alte. Ihr Wahlkampfprogramm 2012 ist so konservativ wie seit Langem keines mehr. Wer es liest, muss glauben, eine Ausgabe des Jahres 1950 in Händen zu halten. Auf keinen Fall eines, das aus dem aktuellen Jahrhundert stammt.

Ein Beispiel? Abtreibungen sollen kategorisch verboten werden. Selbst wenn der Fötus das Ergebnis eines Sexualverbrechens oder das Leben der Mutter gefährdet ist. Generell soll in den gesamten USA die Keuschheit Einzug halten - Verhütungsmittel, also Kondome, die Pille, die Pille danach, sollen nicht nur teurer werden, sondern auch schwer zu bekommen sein. Zuletzt hatte George W. Bush Apothekenmitarbeiter per Verordnung ermächtigt, den Verkauf von Kondom & Co. aus Gewissensgründen zu verweigern. Diese Verordnung will Romney wieder in Kraft setzen. Und er will das „Title X“-Familienplanungsprogramm abschaffen, über das Millionen amerikanische Frauen seit Jahrzehnten ihre Verhütungsmittel beziehen, die Werkzeuge der sexuellen Selbstbestimmung. Apropos Selbstbestimmung: Per Verfassungsschutz soll auch die Homo-Ehe verboten werden, da nur die Verbindung zwischen Mann und Frau „psychologisch und emotional“ gesunde Kinder hervorbringe.

Ist Romney tatsächlich nur ein Verkäufer? Zumindest seine Forderung, die Sittengesetze zu verschärfen, fand Eingang ins antiquierte Republikaner-Programm, und zwar mit dem Satz: „Geltende Gesetze über sämtliche Formen von Pornografie und Unsitte müssen mit Nachdruck vollstreckt werden.“ Und auch der - dem Sozialdarwinismus verwandte - Rassismus wird im Republikaner-Programm unauffällig bedient. So soll das Wahlrecht insofern beschränkt werden, als dass sich jeder registrierte Wähler beim Urnengang mit Reisepass, Führerschein oder Geburtsurkunde ausweisen muss, also genau jenen Dokumenten, die bei Immigranten, Minderheiten und der armen Bevölkerung kaum vorhanden sind. In acht Staaten ist dies bereits Praxis. Dass darüber hinaus die amerikanische Grenze zu Mexiko mit einem elektrischen Zaun gesichert werden soll, wundert da schon längst nicht mehr.

Dass Mitt Romney für all dies steht, überspielt er hin und wieder gern - je nach Lage der Dinge. Sobald er ein Podium betritt, wirkt er wie ferngesteuert, fremd und selbstherrlich. Seine elitäre Arroganz ist kaum zu ertragen. Zur Milderung der Qual springt seine Ehefrau auf die Wahlkampfbühnen und erzählt dem Volk von Mitt, dem Mann mit dem Herzen auf dem rechten Fleck, den außer ihr niemand zu sehen bekommt. Die Basis im bibelfesten Süden, im ländlichhinterwäldlerischen „Heartland“ der Republikaner, ebenso wie die strammen Konservativen der restlichen USA mögen Romney deshalb nicht besonders. Sie werden trotzdem das antiquierte Programm wählen, für das er als Verkäufer einsteht.

Ist es also ungeschickt von der Partei, einen wie ihn zur Wahl in die vorderste Reihe zu rücken? Mitnichten. Mitt Romney kann dort die Wackelkandidaten unter den Wählern gewinnen, die zweckkonservativen Milliardäre, die für den Minimalstaat plädieren und am besten jeden Cent aus den Krallen der Verlierer und des Sozialstaats retten wollen. Dafür ist der Mann wie geschaffen. Er ist der Schulkamerad der Privilegierten. Einer aus ihrem System und mit ihrer Verhaltensweise, für die es im Amerikanischen den Begriff douchebaggery gibt. Ins Deutsche ist er schwer zu übersetzen, deshalb behelfen wir uns mit einer Umschreibung: Douchebags sind Typen, die ihr eigenes Handeln über alles stellen, sich wahnsinnig toll finden und für die jeder andere nichts ist als Dreck. Romneys spontane und meist unreflektierte Kommentare zeugen davon, dass er nicht nur gern mit seinen Privilegien und seinem Geld hausieren geht, sondern es auch jedem direkt unter die Nase reibt.

Ein glaubwürdiger Vertreter neumodischer Gottesstaatlerei ist Mitt Romney - im Kern elitär bis zur Hybris - ebenfalls. Reverend Bill Keller, der Gründer von liveprayer.com und der erfolgreichste Online-Priester überhaupt, sagt über ihn: „Aus Romneys Mund würden Sie das niemals hören, aber als Hohepriester und Tempelmormone in der fünften Generation muss er rund um die Uhr rituelle Gewänder tragen, darunter Garments, eine zweiteilige, mit religiösen Zeichen versehene Unterwäsche.“ So steht Romney, in magischen Schlüpfern, zwar innerparteilich zwischen den Stühlen, denn die führenden konservativen Köpfe können mit seinem speziellen Mormonentum nicht viel anfangen und rümpfen die Nase über sein aristokratisches Gehabe. Doch als geschickter Verkäufer verunsichert er sie auch. Sie sind sich unklar darüber, was er eigentlich will. Als Gouverneur des Bundesstaats Massachusetts hatte er manches Mal liberale Positionen vertreten, bog als Kandidat bei den Vorwahlen aber stramm nach rechts ab. Dann pries er wieder die außenpolitischen Erfolge Obamas. Selbst die amerikanischen Medien taten sich bislang schwer damit, die wahre, menschliche, echte Seite des heimlichen Hohepriesters aufzudecken.

Das Einzige, was sie herausfanden, war, dass es nur eine begrenzte Zahl von Synonymen für „langweilig“ gibt. Das „Time Magazine“ fasste es so zusammen: „Romney ist in seinem Inneren genau der langweilige Berater, der er sein ganzes Leben lang sein wollte. Er ist ein Verkäufer, ein Zahlenschieber, eine Witzfigur ohne jeden Charme.“ Das wäre die gute Nachricht an dieser Stelle: Es fehlt Romney zwar nicht an Substanz, sein Programm im Falle eines Wahlsiegs wäre hart, doch er hat kein Gesicht, mit dem er gewinnen könnte. Einen Grund dafür sehen Kommentatoren in der Ernsthaftigkeit, mit der Mitt Romney Journalistenfragen beantwortet. In einem Interview mit dem familienfreundlichen „Parade Magazin“ sagte Romney auf die Frage, wann er sich jemals in seinem Leben als Verlierer gefühlt habe: „Ich definiere mich selbst über meine Beziehung zu Gott, zu meiner Frau und meiner Familie. Und dabei fühle ich mich nicht als Verlierer.“ Noch Fragen?

Ähnlich charismatisch gab er sich, als er 2002 die Verantwortung für die Olympischen Spiele in Salt Lake City übernahm. Da ließ er sich mit den Worten zitieren: „Es gibt eine Regel, und die lautet: Lasst uns Spaß haben. Und die erste Regel ist, dass wir deshalb jedes Meeting mit einem Witz beginnen.“

Das Stocksteife, das dieser Romney an den Tag legt, könnte viel mehr über ihn verraten, als dass er bloß langweilig wäre. Hier ist vielmehr ein strammer Glaubenskrieger auf Mission - hier schickt sich einer aus der obersten Mormonen-Fraktion an, seine Berufung zu erfüllen. Amerika ist in dieser Hinsicht etwas Besonderes. Kaum irgendwo sonst ist der Glaube so tief verwurzelt, und weil die USA das Heilige Land der Mormonen sind (hier „spielt“ schließlich auch das Buch Mormon), ist ein Mormone quasi dazu auserkoren, der Probleme der Nation Herr zu werden. Mitt Romney hat diese Botschaft im Blut: Parley Pratt, sein Ururgroßvater, hat einst die Kirche mitgegründet. Hinzu kommen mächtige Seilschaften, Wirtschaftsbosse aus den Reihen der Mormonen, die sich bei Mitts Vater George Jr., dem ehemaligen Gouverneur von Michigan, die Klinke in die Hand gaben - zum Beispiel Hotel-Mogul J. W. Marriot. Mitt ist einer von ihnen. Und darin liegt beides: die Quelle seiner überbordenden, rückständigen Moral sowie die seiner Gesichtslosigkeit und seines mangelnden Haltes in der Partei. Fast könnte man dankbar dafür sein, denn es wird ihn die Wahl kosten - einerseits.

Andererseits: Ohne ihn wäre diese Wahl für die Republikener schon längst verloren. Ohne einen Verkäufer, Geschäftemacher, Taktierer ohne Rücksichten. So ist Politik. So sind Wahlen. Möge Mitt Romney sie verlieren.

Geh und vermehr dich! Willard Mitt Romney, am 12. März 1947 in Detroit geboren, besuchte Privatschulen und knüpfte früh wichtige Verbindungen zu Politik und Wirtschaft. Mit seiner Firma Bain Capital wurde er Multimillionär, später dann politisch aktiv. Er organisierte 2002 die Olympischen Spiele in Salt Lake City und war Gouverneur von Massachusetts.
 

Stefan Sullivan