Ozean-Racer . Seewolf auf Solo-Trip

Mein Höllenritt

Der britische Segler Alex Thomson, 38, ist einer der Wahnsinnigen, die an der Vendée Globe teilnehmen: dem härtesten Segelrennen der Welt. Allein, nonstop und ohne Hilfe segelt er derzeit um die Welt - und erzählt hier von Monsterwellen und Psychotricks auf hoher See

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Na, haben Sie es bequem auf Ihrer Couch? Während Sie an Ihrem Whisky nippen, bin ich vermutlich gerade irgendwo zwischen dem Kap der Guten Hoffnung und dem Süden Australiens unterwegs. Tausende Meilen entfernt vom Festland, allein auf meiner Rennyacht. Gut möglich, dass ich gerade mitten in einem Sturm stecke. Haushohe Wellenberge. Wind, der mit über 60 Knoten bläst, also über 110 km/h. Eine Gischt, die mir die Sicht raubt. Ein Höllenlärm an Bord. Vielleicht ist die See aber auch ruhig. Dann schlinge ich eventuell gerade ein gefriergetrocknetes Fertigmenü runter und halte Ausschau nach Walen, Eisbergen oder Frachtcontainern, die von Schiffen gefallen sind. Bei einer Kollision würden sie meine ultraleichte Kohlefaser-Yacht aufschlitzen wie ein heißes Messer, das durch Butter fährt. Angst habe ich aber weder vor Stürmen noch vor Containern, sondern nur vor einem: in ein windstilles Gebiet zu geraten. Denn ich will dieses Rennen gewinnen.
Ich trete bei der Einhand-Segelregatta Vendée Globe an. Allein, nonstop und ohne Hilfe geht es einmal um die Welt. Das sind die Regeln dieser Mutter aller Segelrennen - 46.000 Kilometer weit durch einige der gefährlichsten und einsamsten Teile der Weltmeere. Manche sagen, dies sei eine der härtesten sportlichen Herausforderungen überhaupt. Ich sehe das anders: Es ist die härteste.
20 Boote waren dabei, als das Rennen am 10. November an der französischen Atlantikküste in Les Sables d’Olonne vor rund 300.000 Zuschauern startete. Höchstens zehn Boote werden am Ende des Rennens in etwa drei Monaten wieder dort ankommen. Die körperlichen Anstrengungen sind brutal: Ich verbrenne 5000 Kalorien am Tag, ich schlafe nie länger als 20 bis 40 Minuten am Stück. Und, ja: Auch Profi-Skipper werden seekrank bei den Stürmen im Südpolarmeer.
Noch schlimmer ist aber die psychische Anstrengung. Die Einsamkeit ist hart. Und ich muss jede Extremsituation ganz allein durchstehen. Stellen Sie sich vor, Sie rasen in einem Rallyewagen mit Höchstgeschwindigkeit bei Regen durch die Nacht, ohne Licht, ohne Windschutzscheibe. So fühlt es sich an, wenn man mit 70 km/h eine 20-Meter-Welle hinabsurft. Das Gehirn schreit: „Du wirst sterben, du verdammter Idiot!“ Aber ich muss da durch. Um das zu schaffen, habe ich mit einem Psychologen verschiedene Techniken entwickelt. Eine davon: Ich stelle mir vor, dass ich über dem Boot schwebe, hinabblicke und sehe, dass es weit und breit keine Hindernisse gibt und das Boot ruhig vor sich hin segelt. So verlangsame ich meinen Herzschlag und werde ganz ruhig. Obwohl ich gleichzeitig natürlich weiß: Hier draußen kann alles passieren.
Bei der letzten Vendée Globe, 2008, brach sich der Franzose Yann EliËs bei einem Sturz auf Deck den Oberschenkel. Er kroch in seine Kajüte und harrte dort drei Tage aus, bis ihn die australische Navy barg. Beim Rennen 1992 biss sich sein Landsmann Bertrand de Broc die halbe Zunge ab und nähte sie sich selbst wieder zusammen - unter Funkanweisung des Rennarztes. Bei meinen zwei bisherigen Teilnahmen blieb ich von Verletzungen verschont, aber ich musste beide Male wegen Materialproblemen aufgeben. Damit das nicht wieder passiert, habe ich mit meinem mehr als zehnköpfigen Technik-Team hart daran gearbeitet, mein Boot, die „Hugo Boss“, so verlässlich wie möglich zu machen. Es besteht aus 25.000 Einzelteilen. Jedes Detail muss perfekt funktionieren. Es mag im Teilnehmerfeld schnellere Boote geben als meins, aber ich glaube nicht, dass es ein verlässlicheres gibt. Und aufs Tempo drücken kann ich auch: Im Juli habe ich einen neuen Rekord für die Atlantiküberquerung aufgestellt: 8 Tage, 22 Stunden.
Um Gewicht zu reduzieren, habe ich nur das Notwendigste dabei: eine Matratze zum Sitzen und Schlafen, einen Eimer als Klo, eine Mini-Entsalzungsanlage, um Frischwasser zu gewinnen, und einen Campingkocher. Ich verbringe etwa die Hälfte des Tages an Deck und die andere in meiner etwa 1,50 Meter hohen höhlenartigen Koje, wo sich Computer, Radar und weitere Navigationsgeräte befinden. Ich sehe mir Satellitenbilder an, analysiere die Wetterlage, verfolge die Route meiner Kontrahenten und plane meine.
Der Sieger wird etwa Anfang Februar wieder in Frankreich ankommen. Ich hoffe, ich bin nicht schon vorher zurück, obwohl ich meine Frau und meinen Sohn natürlich vermisse. Wir sprechen oft per Satellitentelefon. Besonders froh ist meine Frau nicht darüber, dass ich diesen Wahnsinn mitmache. Aber ich sage ihr immer: Ist doch alles prima. Es gibt hier keine Frauen, keinen Alkohol, und wenn du wissen willst, wo ich bin, kannst du einfach im Internet nachsehen. Was also ist das Problem?

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  • Der britische Segler Alex Thomson, 38, ist einer der Wahnsinnigen, die an der Vendée Globe teilnehmen: dem härtesten Segelrennen der Welt. Allein, nonstop und ohne Hilfe segelt er derzeit um die Welt - und erzählt hier von Monsterwellen und Psychotricks auf hoher See

    Der britische Segler Alex Thomson, 38, ist einer der Wahnsinnigen, die an der Vendée Globe teilnehmen: dem härtesten Segelrennen der Welt. Allein, nonstop und ohne Hilfe segelt er derzeit um die Welt - und erzählt hier von Monsterwellen und Psychotricks auf hoher See

  • Wie eine 18 Meter lange Speerspitze, die sich durch die Weltmeere rammt: Alex Thomson an Bord seiner etwa drei Millionen Euro teuren High-Tech-Rennyacht

    Wie eine 18 Meter lange Speerspitze, die sich durch die Weltmeere rammt: Alex Thomson an Bord seiner etwa drei Millionen Euro teuren High-Tech-Rennyacht

  • Grandiose und ...

    Grandiose und ...

  • ... brutale See: Thomson (r.) wird alles abverlangt. Zwei Tote gab es bislang in der Geschichte der Vendée Globe: 1992 kam ein Brite in einem Sturm um, 1996 verschwand ein Kanadier spurlos

    ... brutale See: Thomson (r.) wird alles abverlangt. Zwei Tote gab es bislang in der Geschichte der Vendée Globe: 1992 kam ein Brite in einem Sturm um, 1996 verschwand ein Kanadier spurlos

  • Start/Ziel Der Kurs: Von Les Sables d’Olonne/Frankreich aus segeln die „Imoca 60“-Boote um das Kap der Guten Hoffnung sowie das Kap Hoorn - zwei der berüchtigtsten Kaps der Welt - und zurück. Die Rekordzeit bei dem seit 1989 alle vier Jahre stattfindenden Rennen: 84 Tage.

    Start/Ziel Der Kurs: Von Les Sables d’Olonne/Frankreich aus segeln die „Imoca 60“-Boote um das Kap der Guten Hoffnung sowie das Kap Hoorn - zwei der berüchtigtsten Kaps der Welt - und zurück. Die Rekordzeit bei dem seit 1989 alle vier Jahre stattfindenden Rennen: 84 Tage.

 

Protokoll: Alexander Neumann-Delbarre