Portraits
Das Ass der Asse
Wie aus dem Schulabbrecher Daniel Negreanu der erfolgreichste Poker-Profi aller Zeiten wurde
 
Zu den großen Turnieren nimmt Daniel Negreanu immer eine geräumige Reisetasche mit. Die braucht der 32-Jährige, wenn er - wie neulich im „Bellagio” in Las Vegas - seine Siegprämie in bar ausgezahlt bekommt. 1.770.218 Dollar packte Negreanu bündelweise in die Tasche und verstaute sie in einem Casino-Schließfach.

Dort liegt sie immer noch. Der Mann liebt das Gewinnen, doch im Alltag ist ihm das Geld so unwichtig wie Monopoly-Scheine. Schon mit 23 gewann Daniel Negreanu zum ersten Mal ein bedeutendes Turnier. Seither verließ er die Siegerstraße nicht mehr. 2004 kassierte der in Toronto geborene Kanadier allein durch Turniergewinne 4,4 Millionen Dollar und setzte sich damit an die Spitze der Pokerprofis. Inzwischen ist seine Gewinnsumme auf 7,9 Millionen Dollar gestiegen. Dazu kommen private Cash-Games, Online-Gewinne und Werbeeinnahmen - für Negreanu nochmals etliche Millionen Dollar pro Jahr.

Pokern liegt im Trend. 2005 gewannen Spieler auf Turnieren weltweit mehr als eine Milliarde Dollar. So viel, wie ihre Gegner verloren. Selbst in Deutschland, das keine große Pokertradition besitzt, soll es mittlerweile fünf Millionen Hobbyspieler geben. Auslöser des phänomenalen Booms war die per TV in über 100 Länder ausgestrahlte „World Poker Tour”, bei der schon zwei Dutzend Spieler Millionäre wurden. Verstärkt wurde der Hype durch Prominente wie Ben Affleck, Tobey Maguire und Bill Gates, die das einst als verrucht geltende Kartenspiel gesellschaftsfähig machten.

Poker-Asse sind in den Staaten längst richtige Stars. Negreanu beschäftigt vier Agenten: Einer ist nur für Werbung zuständig, einer für Film und Fernsehen, einer für Presseinterviews, einer fürs Internet. Koordiniert wird dies alles von seiner Privatsekretärin. Wie kein anderer verkörpert Negreanu, dessen Eltern in den 60er-Jahren von Rumänien nach Kanada emigrierten, eine neue Generation von Spielern - jung, modisch gekleidet, intelligent und ziemlich cool. Keine Spur mehr von den alten Wildwest-Traditionen des Pokerns, als während des Spiels mindestens einer erschossen wurde. Früher zockte man in verräucherten Kneipen, heute sind Pokerräume rauchfreie Zonen, in denen Mineralwasser gereicht wird. Bei der letzten Poker-WM wurde jeder, der das Wort „fuck” in den Mund nahm, zehn Minuten vom Spieltisch suspendiert.

„Weltweit gibt es eine Menge hoch dotierter Veranstaltungen, aber für Startgebühren von 10.000 Dollar, Flugtickets und Hotels brauchst du im Jahr 400.000 Dollar Spesen als Minimum”, sagt Negreanu, der bisher an rund tausend Pokerturnieren teilnahm. Seine Putzfrau muss über die Charakterfestigkeit einer Heiligen verfügen, denn in seiner Wohnung lagert immer reichlich Bares. „Es ist verrückt”, gesteht er, „aber ohne Geld fühle ich mich nackt. Wenn ich zur Drogerie gehe und nur Shampoo kaufen will, habe ich sechs- bis siebentausend Dollar dabei.” Seit er mit einer gebürtigen Koreanerin verheiratet ist, die er bei einer Poker- Kreuzfahrt kennen lernte, versucht er, sich an den Gebrauch seiner Kreditkarte zu gewöhnen. Als sein Profikollege Erick Lindgren und er mal bei einem Turnier Erster und Zweiter wurden, betrug die Getränkerechnung an der Bar 22.000 Dollar. „Was sind denn schon 1000 Dollar?”, sagt er. „1000 Dollar sind ein Chip.”

Turniere spielt er nur zum Vergnügen. Zum Geldverdienen geht er zu privaten Zockern. „Damit bezahle ich meine Rechnungen.” Regelmäßig spielt er in „Bobby's Room” im „Bellagio” gegen Großzocker. „Nur so kannst du dich verbessern und überleben.” Aber auch gegen Millionäre spielte er, die ohne mit der Wimper zu zucken 100.000 Dollar pro Hand setzen. Spielgeld von einer Million ist nicht annähernd genug, um da mithalten zu können. „Wenn ich heute 100-Dollar-Spiele machen müsste, würde ich mich erschießen”, sagt Negreanu.

In San Diego saß er unlängst 31 Stunden nonstop am Spieltisch. Er war erst mit 1,3 Millionen Dollar im Minus, dann wendete sich das Blatt. 1,2 Millionen konnte er zurückgewinnen, den Rest musste er abschreiben. „Es geht nicht immer ums Gewinnen. Manchmal geht es nur darum, den Verlust zu minimieren.” Der extreme Schlafentzug, verbunden mit höchster Konzentration, führte ihn in eine Art Delirium. „Mein Hirn war ganz im Einklang mit dem Spielgeschehen. Ich war in einer anderen Welt. Es war sehr lustig, ich musste über alles lachen, als hätte ich Drogen genommen.” Fragt ihn in solchen Momenten jemand nach seinem Geburtsdatum, muss er passen.

Schon als Kind war Daniel ein Kartengenie. „Wir spielten immer um eine Cola und einen Hamburger.” Bei allem, was er machte, spürte er, dass er seinem Alter voraus war. Schnell kam er in eine Klasse für besonders Begabte, aber das war ihm unangenehm. „Ich schrieb so lange schlechte Noten, bis ich wieder zurückversetzt wurde.” Mit 16 Jahren flog er von der Schule, weil er in den Pausen Pokerspiele organisiert hatte. Es war ihm egal - fortan lebte er davon.

Wie gut er wirklich war, begriff er aber erst, als er mit 21 Jahren nach Las Vegas ging und sich dort als „Kid Poker” einen Namen machte. Ihn am Pokertisch zu beobachten ist ein Vergnügen. Er ist ein koboldhafter Spieler, der Witze reißt, Ratschläge gibt, ein Lied summt, mit der Kartengeberin flirtet und so die ganze Runde unterhält. Sein komödiantisches Talent, seine freundliche Art und sein perfektes Spiel machen ihn zum beliebtesten TV-Star der Pokerszene. Ganz bewusst versucht er, die Atmosphäre am Tisch so entspannt wie möglich zu halten. „Je lockerer die Mitspieler sind, desto mehr geben sie von sich preis und desto besser kann ich sie einschätzen.”

Gespielt wird „No limit Texas Hold'em”, die weltweit populärste, aber auch schwierigste Pokervariante. Es dauert eine Minute, die Regeln zu kapieren. Aber ein ganzes Leben reicht nicht, das Spiel zu beherrschen. „No limit” bedeutet: Jeder kann so viele Chips setzen, wie er will. Zu Beginn erhält jeder zwei verdeckte Karten. Anschließend legt der Dealer, der Kartengeber, fünf weitere offen auf den Tisch. Die Spieler können ihre eigenen Karten mit den offenen kombinieren. Wer die stärkste Kombination aus fünf Karten hat, gewinnt. Klingt einfach, ist aber kompliziert, denn es gibt mindestens 2,6 Millionen Kombinationen.

Auf der Basis von Wahrscheinlichkeitsrechnungen trifft der Spieler fortlaufend strategische Entscheidungen, muss aber andererseits von der mathematisch richtigen Spielweise abweichen und irrational spielen, um seine Gegner zu bluffen. Darin liegt der größte Reiz: Man kann gewinnen, ohne die besten Karten zu haben. „Die erhält man sowieso höchst selten”, stöhnt Negreanu. „Seit 14 Jahren bin ich Berufsspieler, aber noch nie hatte ich einen Royal Flush.” Es ist die höchste Hand - fünf Karten vom Ass bis zur 10 in einer Farbe -, die mit einer Wahrscheinlichkeit von 1 zu 649.740 gezogen wird.

Letztlich, meint er, sei es beim Pokern wie im richtigen Leben: man müsse Glück haben und vom Zufall profitieren. Um seine Mitspieler richtig zu lesen, analysiert Negreanu ihre Stimme, Körpersprache und Mimik. Letztere hilft ihm nur bei unerfahrenen Spielern. Die Profis tragen Pokerface. Er achtet auf alles. Ein Blick genügt, um zu sehen, ob sich die Iris im Auge des Gegners vor Freude weitet oder ängstlich zusammenzieht. Wie klingt seine Stimme, wenn er erhöht? Hat ein Mitspieler die Stöpsel eines iPod im Ohr, beugt sich Negreanu zur Seite, um ein paar Takte aufzufangen. Ob einer Beethoven oder kubanische Salsa-Musik hört, verrät etwas über seine momentane Stimmung. Vorher hat er sich die Biografien seiner Konkurrenten besorgt. „Jede Kleinigkeit zählt”, sagt er.

„Meine größte Stärke ist, zu erkennen, wie Menschen denken und handeln. Wenn ich mit dir 20 Minuten am Tisch sitze, habe ich eine ziemlich genaue Vorstellung von deiner Persönlichkeit und davon, wozu du als Pokerspieler fähig bist”, sagt er. Den Kern verstehen nur ganz wenige: Was denkt er, was ich denke, was er denkt. Negreanus Ziel ist es, die Kontrolle über seine Gegner zu gewinnen. Dann kann er sie führen und dazu bringen, zu erhöhen, obwohl er die besseren Karten hat. Oder sie dazu bringen, ihre Karten wegzuwerfen, obwohl er die schlechteren hat. „Wenn ich in ihrem Kopf bin, haben die Karten in ihrer Hand keine Bedeutung mehr.” Ein Hypnotiseur am Pokertisch. Sein Handy liegt immer griffbereit neben ihm. Es dient ihm als Notebook. Fortwährend macht er sich während des Spiels Notizen: gewonnene oder verlorene Hände, die Stärken und Schwächen der Mitspieler, besondere Vorkommnisse. „Habe heute in sechs Stunden 69.000 Dollar gemacht”, lautet eine typische Eintragung. Er ist längst vielfacher Millionär, aber er hat nicht das penible Geschäftsgebaren verlernt, das ihn an die Spitze brachte.

Der größte Pokerboom findet derzeit im Internet statt. Monatlich verzocken Online-Spieler auf Portalen wie www.888.com geschätzte 100 Millionen Dollar im Netz. PartyGaming, Englands größte Internet-Pokerfirma, kommt aktuell auf einen Börsenwert von 4,3 Milliarden Pfund - mehr als die Fluggesellschaft British Airways. „Um Erfolg zu haben, brauchst du zweierlei: Disziplin und emotionale Stabilität”, sagt Negreanu. Poker ist ein Spiel, in dem man alles richtig machen und trotzdem alle seine Chips verlieren kann.

Nach großen Verlusten ist Negreanu sein eigener Psychiater. Dann liegt er nachts wach im Bett und baut sein Ego wieder auf. „Okay, mit einem Schlag hast du 200.000 Dollar verloren, so was passiert. Wenn du aber anfängst, darüber nachzudenken, dass du dafür ein Haus hättest kaufen können, bist du erledigt.”

Las Vegas ist, nach Mekka, der meistbesuchte Ort der Erde. 35 Millionen Besucher pilgern jährlich dorthin. Negreanu würde am liebsten mit jedem Einzelnen von ihnen spielen. „Die meisten Pokerspieler sind nicht so gut, wie sie glauben. Sie geben mir am Kartentisch ihr Geld. Einfach so. Ich wäre verrückt, wenn ich aufhören würde.” Negreanu hat noch einige leere Reisetaschen zu Hause.

Rolf Kunkel ]
 
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