Portraits
Der Rock'n'Roller
Mit einer Rollen-Rüstung rast Jean-Yves Blondeau Pässe hinab. Als eine Art Mensch gewordener Silberpfeil - mit 120 km/h Spitze ...
 
Vor der Wohnanlage in Jung Dong fällt die Straße 250 Meter steil bergab. Bei der Coca-Cola-Werbung geht's scharf links. Dann ein kleiner Huckel. Ein Gullydeckel. An dieser Stelle hat Jean-Yves Blondeau bereits gut 70 km/h auf den Rollen.

Blind kennt er die Strecke zu seinem Atelier im Zentrum Busans. Es ist sein täglicher Arbeitsweg. Nur absolviert er den etwas anders als seine Mitmenschen. Der 36 Jahre alte Franzose rast in Froschperspektive durch die Stadt. Die Augen nur acht Zentimeter über dem Asphalt - mit dem Kopf voran.

In der südkoreanischen Metropole kennt fast jedes Kind den schmalen Blondeau, der mit seinem Rollen-Kostüm an einen Darsteller aus „Starlight Express” erinnert. „Buggy- Rollin-Pilot” nennen sie ihn hier. In den schreiend bunten Spielzeugläden stehen seine Figuren gleich neben den einheimischen Superhelden. Alles originalgetreue Kopien eines Menschen, der wie eine Comic-Phantasie aussieht: Die kleinen Buggy-Rollers tragen glänzende Rüstungen, an denen je 27 Rollen montiert sind. Viele solcher Spielfiguren stehen in den Regalen. Aber in der wirklichen Welt ist Blondeau bis heute ohne Konkurrenz - als eine Art Mensch gewordener Silberpfeil.

Im Jahr 1994, als Michael Schumacher erster deutscher Formel-1-Weltmeister wurde, hatte der damals 23 Jahre alte Blondeau auf einer Bergstraße in den französischen Alpen den ersten Prototyp seiner Rollen-Rüstung erprobt. „Ein Problem war und bleibt die Passgenauigkeit der Einzelteile”, sagt Blondeau. „Bei Geschwindigkeiten von mehr als 100 km/h wird alles instabil, was nicht fest am Körper sitzt.”

Die Idee mit den auf seinen Körper montierten Rollen entstand aus seiner Dip­lomarbeit über „Körper in Bewegung”. Finanzielle Unterstützung hatte Blondeau für sein Rüstungs-Projekt nicht. „Also schloss ich mich in den Keller meiner Eltern ein und fertigte aus Glasfasermatten alles selbst”, sagt er.

Die Downhill-Szene, bestehend aus Skateboardern und Inlineskatern, staunte nicht schlecht, als der 1,80 Meter lange Franzose erstmals auf einem ihrer Treffen in voller Rüstung auftauchte. „Ich wurde belächelt”, sagt Blondeau. Die Downhill-Fahrer, die sich mit abgewetzten Motorradanzügen vor Stürzen schützen, nahmen den Buggy-Roller in seinem strahlenden Chromanzug nicht ernst.

Bis sie ihn fahren sahen. Wer einmal erlebt, wie Blondeau mit dem Kopf nach vorn wie eine Cruise Missile den Berg hinunterschießt und dabei sogar Motorräder und Autos überholt, spart sich den Spott - und staunt nur noch.

Was Blondeau auf öffentlichen Straßen treibt, liegt an der Grenze zur Legalität. Brandgefährlich ist es sowieso. Ein Wunder, dass er sich bislang nie verletzte. „Auf viele wirkt mein Treiben wie das eines Lebensmüden”, sagt er. „Aber ich weiß genau, was ich tue.”

Technisch heißt das für ihn: Lenken und bremsen über Gewichtsverlagerung, den Rest erledigt das Gefälle. Ein großes Risiko liegt in der Mechanik. Denn überall, wo Reibung auftritt, entstehen Wärme und Verschleiß. Selbst die Spezialkugellager könnten dem Rollenmann zum Verhängnis werden. Sollten die Lager bei rund 10.000 Umdrehungen in der Minute wegen Überhitzung blockieren, wird das Blondeau-Geschoss unkontrollierbar.

Während der findige Franzose in Europa nie über den Status eines Sonderlings hinausgekommen ist, feiert ihn das Science-Fiction-verrückte Korea als große Attraktion. Wenn Blondeau in der Sonne steht, die verchromte Rüstung seine Fans blendet und er Autogramme gibt, träumt er von seinem eigenen Comic, den er gerade für Korea vorbereitet: die Heldengeschichten des Buggy-Rollin-Piloten.

Für das nächste Jahr plant er die 13. Generation seiner Roller-Rüstung. Rund 3000 Euro wird der verbesserte Anzug kosten. Insgesamt hat Blondeau bereits über 80.000 Euro in Computerberechnungen, Material und Fertigung seines Anzugs investiert. Ein Held zu sein ist eben eine teure Aufgabe.

Tim Gutke ]

Meine Favoriten
Speichern Sie diese Seite in Ihren Favoriten.
Geben Sie hier eine Bemerkung ein:

... zu meinen Favoriten
 
shopDie neue Kollektion ist da! Kult-T-Shirt „I Love Bad Boys” für nur 24,90 Euro
... zum Shop
Cyberclub . Freetour
freetour
Girls, Girls, Girls: Jede Woche neue erotische PLAYBOY-Bilder im XXL-Format: ab 4 Euro pro Monat ... zur Freetour