Surf-Profi . Marlon Lipke
Er ist Deutschlands bester Wellenreiter und misst sich jetzt mit der Weltelite. Wir haben ihn getestet – an Deutschlands einziger konstanter Welle
Der voll besetzte Bus hupt, es stinkt nach Benzin, Diesel und Abgasen. Die Luft ist feucht und dreckig, es schmeckt nach Großstadt. Zwei Autofahrer pöbeln sich durch die geschlossenen Scheiben ihrer Fahrzeuge an.
Irgendwo dazwischen: ein Mann mit einem Surfbrett unter dem Arm. Er hat sich in einen schwarzen Neoprenanzug gezwängt. Die ersten Sonnenstrahlen des Tages wärmen seine kalten Hände kaum. Das Thermometer zeigt zwei Grad an. Er findet, es ist ein guter Tag zum Wellenreiten.
Der Mann war schon auf Hawaii, Tahiti, den Malediven, in Australien, an den Küsten Amerikas, Frankreichs und Portugals. Überall, wo Wellen schlagen, war er schon im Wasser. Doch in München, an Deutschlands einziger konstanter Welle, war Marlon Lipke noch nie.
Im Olymp des Surfens
Die Stirn des 25-Jährigen ist gerötet, es sind die Spuren der Sonne. Gestern in Portugal waren es noch 22 Grad. Gestern hat er erreicht, wofür er so lange gekämpft hat: Lipke hat sich qualifiziert für die ASP (Association of Surfing Professionals) World Tour, die Weltmeisterschaft in den Wellen. Er ist der erste Deutsche, der sich ab Februar mit der Weltelite der Surfer messen darf: auf zehn Etappen rund um den Globus, die Top 45.
Am 28. Februar werden sich die Götter der Wellen wieder treffen, in Snapper Rocks, an Australiens Küste, zum ersten Kräftemessen im neuen Jahr.
Namen, vor denen jeder Hobbysurfer vor Ehrfurcht auf die Knie sinkt: Andy Irons aus Hawaii, Mick Fanning aus Australien oder Kelly Slater aus den USA. Gerade Letzterer ist auch ohne Brett ein Superstar: Neunmal wurde er Weltmeister, Affären mit Pamela Anderson, Gisele Bündchen und Cameron Diaz machten ihn zum Liebling der Boulevardpresse. Allein an Preisgeldern ersurfte sich Slater in seiner Karriere bereits 1.847.905 Dollar.
Von all dem ist Marlon Lipke noch ziemlich weit entfernt und doch ganz dicht dran. Schon als kleiner Junge hat er Slater bewundert. „Auf dem Brett ist er ein Gott. Ich hatte viele Poster von ihm an der Wand“, sagt Lipke. Nun wird er mit ihm um die Wette surfen.
Siebenmal wurde Lipke Deutscher Meister und einmal Europäischer Junior Champion. Nun die Qualifikation für die ASP. Geld hat er damit bisher kaum verdient. Denn bei allen Serien unterhalb der ASP muss der Sportler seine Anreise selbst zahlen. Bei knapp 300 Tagen, die Lipke vergangenes Jahr unterwegs war, ein teures Vergnügen: Pro Jahr kostet ihn sein Sport rund 50.000 Euro – wo die Sponsoren fehlen, muss er selbst einspringen.
Aber Lipkes Laufbahn sieht nacheinem soliden Investment aus: Zum ersten Mal seit der Gründung der ASP World Tour 1983 geht mit ihm nun ein Mann an den Start, der zumindest laut Pass aus einem Land stammt, das keine ordentlichen Wellen bietet.
„Die erste Welle war die beste meines Lebens“
Geboren wird Lipke am 13. Februar 1984 in Lissabon, Portugal. Sein Vater, aus Hamburg ausgewandert, hat es in dem Hafenstädtchen Lagos an der Algarve zu einer Surfschule gebracht. Mit acht Jahren darf Marlon, klein und drahtig, zum ersten Mal auf ein Brett. Diesen Tag hat er bis heute nicht vergessen. „Die erste Welle war die beste meines Lebens“, sagt er. Sein Deutsch ist akzentfrei, doch der 25-Jährige spricht sehr leise für einen, der etwas erreicht hat, das man ruhig etwas lauter erzählen dürfte. Auf Fragen antwortet er mit Ja, Nein, Weiß nicht oder Vielleicht.
Ist das Schüchternheit? Arroganz? Nein, es ist eher der Sprachwirrwarr in seinem Kopf. Die Surfszene ist ein kultureller Knobelbecher. Und so spricht Lipke gleich fünf Sprachen: Spanisch, Portugiesisch, Englisch, Deutsch und Französisch. Dabei hat er eines gelernt: „Bevor ich etwas Falsches sage, halte ich lieber den Mund“, sagt er.
Dieser Pragmatismus schadet nicht, wenn man sich vor Hawaii freiwillig in acht Meter hohe Wellen begibt und dann auf einem drei Kilo leichten Kunststoffbrett in die Wellentäler stürzt. Wer einen Fehler macht, dem droht ein Aufprall, vergleichbar dem Zusammenstoß eines Fußgängers mit einem Lkw.
„Das Besondere an meinem Surfstil sind mein Ehrgeiz und die Power aus den Beinen“, sagt Lipke. Um das zu verstehen, muss man ihn auf dem Brett sehen.
Eine Herausforderung: Der Eisbach
Konzentriert steht er unterhalb der Brücke an der Prinzregentenstraße. Der Münchner Eisbach bietet eine der wenigen stehenden Flusswellen in Europa. Wenn in den Bergen genug Schnee geschmolzen oder Regen gefallen und die Isar hinabgeschwemmt ist, baut sich eine Welle auf, 1,40 Meter hoch. Hier zu surfen ist eine Herausforderung, weil die Welle unberechenbar ist. Wie eine Buckelpiste in den Alpen. Man erzählt sich, dass Surflegende Kelly Slater es hier auch schon mal probiert hat, aber sehr fix das Weite suchte.
Marlon schließt den Reißverschluss am Rücken seines Neoprenanzugs, eng wie eine zweite Haut. Darunter kann man die Rippen einzeln zählen: Die vielen tausend Stunden des Paddelns auf dem Surfbrett haben sein Körperfett auf ein Minimum verbrannt. Die Schultern breit, die Arme kräftig – sonst keine besonderen Merkmale. „Kein Schwimmhäute zwischen den Fingern oder Kiemen hinter den Ohren“, bestätigt Lipke.
Mit einem Sprung steht er auf dem Brett und auf der Welle. Aber nicht lange. Nach einer Sekunde fällt er. Doch er gibt nicht auf. Immer wieder rappelt er sich zurück aufs Brett. Als nach Stunden die Dunkelheit über die Hausdächer kriecht, ist Marlon Lipke immer noch im Wasser. Er ist jetzt besser als viele, die schon seit Jahren an diesem Bach surfen.
Wenn er diesen Ehrgeiz mit in die ASP trägt, stehen seine Chancen gar nicht so schlecht, dass auch er irgendwann als ein Gott der Wellen an den Wänden der anderen Jungs hängt.
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