Vicente del Bosque

Graf der Bescheidenheit

Spaniens Trainer Vicente del Bosque kennt keine Eitelkeit - aber er weiß, wie man siegt. Wenn er jetzt auch noch den EM-Titel holt, wird der Anti-Mourinho des Weltfußballs endgültig zum Nationalheiligen. Seine Star-Truppe verehrt ihn bereits

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Spanien-Coach Vicente del Bosque

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Vicente del Bosque redet nicht gern. Der Trainer der spanischen Fußballnationalmannschaft ist ein Mann der Tat. Doch am 22. Oktober 2010, bei der Verleihung des begehrten Prinzvon-Asturien-Preises, ging es nicht anders. Del Bosque musste etwas Feierliches sagen. Zehn Spieler des Weltmeisterteams, das vier Monate zuvor im Finale von Johannesburg die Niederlande mit 1 : 0 bezwungen hatte, saßen mit ihm auf dem Podium. Schaute der Coach vom Rednerpult hoch, sah er direkt auf die königliche Loge und in die freundlich blitzenden Augen von Königin Sofóa.

Drei Minuten lang tappte der Weltmeistertrainer unbeholfen durch sein Redemanuskript, das von der Bedeutung des Fußballs im spanischen Alltag handelte, und zählte die wichtigsten Tugenden seines Sports auf. Anstrengung und Opferbereitschaft. Talent. Disziplin. Solidarität. Bescheidenheit. Ehre. Loyalität.

Man könnte diesen Katalog der Sekundärtugenden belächeln. Doch für den Einundsechzigjährigen aus Salamanca besteht aus ihrer richtigen Abmischung das Geheimnis des Fußballs. „Ich bin Praktiker“, sagt er. Und er misstraut selbst ernannten Motivationskünstlern auf der Trainerbank ebenso wie dem Glamour des Starwesens. In seiner Rede lobte er seine Truppe dafür, dass sie aus der Bescheidenheit eine Waffe gemacht habe, „so mächtig wie ihr bezwingendes Spiel“.

Bei anderer Gelegenheit sprach er in ähnlichem Ton auch von den Deutschen. Sie und ihr Trainer Jogi Löw hätten auf dem Platz und außerhalb Haltung gezeigt. Was für del Bosque heißt: im Sieg und in der Niederlage.

Er selbst hat schon früh erfahren, worauf es ankommt im Leben. Sein Bruder starb an Krebs. Seinen Vater nennt er „ritterlich, aufrecht und frei von Falschheit“. Fermón, ein Bahnbeamter wie so viele in der Familie, prägte Vicente tief. Der Sohn kam als Jugendlicher zu Real Madrid, wurde erst an kleinere Vereine ausgeliehen und erkämpfte sich 1973 im Real-Mittelfeld einen Stammplatz. Zu seinen Kollegen gehörten Günter Netzer, Paul Breitner und Uli Stielike.

Elf Jahre hat er den Job gemacht, zuverlässig und ohne Allüren. Fünfmal wurde er spanischer Meister. Wenn andere sich durch spektakuläre Aktionen den Beifall der Fans holten, hielt del Bosque ihnen den Rücken frei. 18-mal spielte er diese Rolle auch in der spanischen Nationalmannschaft. Ein Tor gelang ihm nur ein einziges Mal. Del Bosque nahm einen Abpraller auf und drosch ihn ins Netz. Auf den Fernsehbildern erinnern nur das kantige Kinn und der Quadratschädel an den Meistertrainer von heute. Schon damals war er besessen von den richtigen Werten auf dem Platz. Der legendäre Real-Präsident Santiago Bernabéu schätzte seine Einstellung so hoch, dass er ihm erlaubt haben soll, lange Haare und Schnauzer zu tragen.

Die zweite Karriere des Vicente del Bosque begann leise. Zunächst rutschte der Mann, der für die Jugendabteilung des Rekordmeisters zuständig war, nur ersatzweise auf die Trainerbank der Profis, 1994 für zwei Monate, 1996 für ein einziges Spiel. Aber weil sich das Karussell in Madrid so schnell dreht, war er 1999 abermals zur Stelle, als eines Novembertags der walisische Coach John Toshack gefeuert wurde.

Was als Übergangslösung gedacht war, erwies sich als beste Wahl seit der goldenen Ära von Di Stéfano. In dreieinhalb Jahren errang del Bosque mit Real zwei Champions-League-Titel, zwei Meisterschaften, den spanischen wie auch den europäischen Supercup sowie den Weltpokal. „Bei uns ging es korrekt und herzlich zu“, sagt er über diese Zeit. Seine Aufgabe sei es vor allem gewesen, „eine gewisse Einfachheit beizubehalten und die Welt des Marketings zu entdramatisieren“. Stars wie Zidane, Figo, Raœl und Ronaldo fühlten sich wohl mit diesem Trainer, dessen Autorität darin bestand, dass er sie nicht ständig zeigen musste. „Del Bosque ist ein Mann ohne Eitelkeit“, sagt der Journalist Santiago Segurola vom Sportblatt „Marca“. „Er ist klug, gerecht und hält sich selbst nicht für wichtiger als die Spieler.“

Das Ende kam im Sommer 2003. Es war schmählich für den Verein und eine kapitale Dummheit dazu. In einem Anfall von Neuerungswahn entließ Präsident Florentino PØrez kurz nach dem Gewinn des Meistertitels seinen erfolgreichsten Coach, weil er „modernere“ Trainingsmethoden und ein cooles Image anstrebte. Nach 35 Jahren im Club wurde del Bosque durch die Hintertür abgeschoben. Die Wunde schmerzt ihn bis heute. Nicht, dass er an seinem Posten geklebt hätte. Doch die Führung, sagt er, habe keine Manieren gehabt.

Viele Fans sehen in dem Rauswurf den Sündenfall ihres Vereins. Denn mit del Bosque verschwand der Erfolg. Seit 2003 hat Real neun Trainer verschlissen, wenige Titel und keine Champions League mehr geholt. Was dem berühmtesten Verein der Welt immer wieder fehlt - Gelassenheit -, demonstriert Vicente del Bosque seit zwei Jahren als Trainer der spanischen Nationalmannschaft. Das „Tiki-taka“ des genialen spanischen Mittelfelds ist zum Markenzeichen geworden. Als erstes europäisches Team überhaupt gewann Spanien 2010 auf einem fremden Kontinent die Weltmeisterschaft.

Dennoch verfolgt ihn Real Madrid auch in der selecciún. Seit der Anti-del-Bosque des Weltfußballs, der Portugiese JosØ Mourinho, zum allmächtigen Trainer der Weißen avancierte, werden die Clásicos zwischen Madrid und Barcelona von rüden Rangeleien und hässlichen Gesten begleitet. Die vergiftete Atmosphäre zwischen den beiden Erzrivalen könnte sogar den Zusammenhalt des Nationalteams bedrohen - wäre da nicht der versöhnliche Vicente del Bosque, die Vaterfigur mit dem Seehundschnauzer.

Zusammen mit Deutschland, Italien und Frankreich zählt Spanien zu den Favoriten der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine. Und doch gibt es unter del Bosques Männern keinen Superstar. Auch keine Maulhelden und Störer. Es sind verdächtig nette Jungs, und sie verehren ihren Trainer.

Der darf sich seit letztem Jahr mit dem Titel eines Markgrafen schmücken. König Juan Carlos I. erhob erstmals einen Sportler in den Adelsstand. „Vicente“, wie ihn alle nennen, heißt jetzt Marqués de Del Bosque. Zu Deutsch: Vinzenz Markgraf vom Walde.

Autor

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Paul Ingendaay, 51 lebt als Kulturkorrespondent der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ in Madrid. Bis zum Bernabéu-Stadion braucht er 15 Minuten. Zuletzt erschien sein Roman „Die romantischen Jahre“ (Piper, 19,99 Euro).
 

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