Der verfluchte Berg
Die Hölle auf fast 4500 Metern über dem Meeresspiegel - Zugedröhnt mit Schnaps und Coca, malochen die Arbeiter im Cerro Rico in Bolivien
Möge ihn die Heilige Mutter Erde behüten. Dass ihm keine Dynamitstange in der Hand explodiert, kein Zentner Berg auf den Kopf fällt. Und möge ihm – das Allerwichtigste – der „Onkel” seinen Schutz spenden.
Pedro Takuri hat kurz den Helm gelüftet, mit der Rechten drei Kreuze über die Brust gestrichen und hastig sein Gebet genuschelt. Ein letztes Blinzeln in die Sonne, ein paar Schritte, und schon hat ihn der Berg in seinen dunklen Schwitzkasten genommen.
Der Tag, der für Pedro gerade beginnt, wird für ihn am Ende nicht viel mehr übrig haben als ein Säckchen Silberstaub und einen ordentlichen Kombirausch aus Coca, Schnaps und Bier. Es ist für ihn ein ganz normaler Arbeitstag. Ein Tag, der – aus medizinischer Sicht – sein Leben um anderthalb Tage verkürzen wird.
Pedro ist 40 Jahre alt. Aber er könnte auch Mitte 50 sein, mit seinem matten, ausgelaugten Blick. Seine rechte Backe ist dick, wie aufgeblasen – von den Coca-Blättern, die den Hunger stillen und die Müdigkeit vertreiben sollen. Sie haben ihm da, wo normalerweise die Schneidezähne sind, ein schwarzes Loch in den Mund geätzt, wie bei so vielen „Mineros” hier am Cerro Rico, dem „Reichen Berg”, in Potosí, Bolivien.
Pedro ist Vorarbeiter in der „Cooperativa 10 de Noviembre”. So steht es in roter Farbe über dem Eingang gesprüht, hier auf 4367 Metern über dem Meeresspiegel. Es ist die höchste, älteste – und wohl gefährlichste Silbermine der Welt.
In seinen Gummistiefeln tappt Pedro durch die Staubschwaden. Am Boden wirre Schienenstränge, von der Decke zischt ein Luftschlauch. Die Funzel auf seinem Helm leuchtet einen blassen Streifen in das Dunkel.
Es gibt hier keine Wegweiser. Aber Pedro weiß: Nach der zweiten Schienenkreuzung geht es links, dann wieder nach der zweiten rechts. Mal aufrecht, mal gebeugt. Dann muss er durch ein Loch kriechen, einen Hang hinaufrobben und sich auf einem windschiefen Brett an einer Wand entlanghangeln.
In den Alpen wäre Pedros Arbeitsweg ein mittelschwerer Klettersteig. Nur wäre er dort 2000 Meter niedriger gelegen und mit Drahtseilen gesichert. Nach einer halben Stunde ist Pedro da, wo er hinwill. Da, wo dem Berg mit Hammer und Meißel noch ein kleines bisschen Silber aus den Eingeweiden zu kratzen ist.
Der „tio” hat das Sagen
Pedro glaubt nicht an fehlende Sicherheitsvorschriften. Er glaubt an die „Pachamama”, die Heilige Mutter Erde. Und an den „Onkel”, dem muss man opfern.
Der „tío”, der „Onkel”, hat hier unten das Sagen. Er ist die Dreifaltigkeit der Mineros: Teufel, Schutzgott und der beste Compañero überhaupt. Der „Onkel”, glauben die Arbeiter, bestimmt über Tod und Leben. Darüber, wer etwas findet – und wer leer ausgeht. Wer ihn nicht ehrt, der ist in Gefahr.
Einen skurrilen Schrein haben die Männer von der Cooperativa 10 de Noviembre ihrem „Onkel” errichtet: eine Fratze aus Steinen, umrahmt von Schnapsflaschen und überhäuft mit Luftschlangen. Pedro nimmt den Helm ab, gießt ein paar Spritzer Schnaps auf den Boden und gönnt sich dann selbst einen Schluck. Er stopft sich noch ein paar Coca-Blätter in die Backe, dann geht es weiter in den dunklen Schlund des Stollens.
So hat hier schon Pedros Vater malocht und auch seine Vorfahren, die Quechua-Indianer. Seit Jahrhunderten, genauer gesagt: seit dem 1. April 1545. An jenem sagenumwobenen Tag gehen einem Lamahirten am Fuß des Berges seine Tiere verloren. Er sucht und sucht, es wird Nacht, er zündet ein Feuer an. Und sieht aus dem Boden glänzende Flüssigkeit strömen: eine geschmolzene Silberader. Fortan heißt der Berg einfach nur „Reicher Berg”, Cerro Rico.
Der Fund spricht sich schnell herum, bis an den Hof Kaiser Karls V., Herrscher des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und König von Spanien. Auf sein Geheiß wird dem Berg eine Stadt zu Füßen gelegt, Potosí.
Keine drei Jahrzehnte nachdem sie in die Ödnis des Anden-Hochlands gepflanzt wurde, wird die Stadt zur größten und reichsten der damaligen Welt. 200.000 Einwohner, mehr als Paris, London oder Sevilla. Der Cerro Rico wird zum Dukatenesel des spanischen Kolonialreichs, Potosí zu einem frühen Las Vegas.
Die Minenbesitzer beten in 80 Kirchen, vergnügen sich in 14 Tanzhäusern und 36 Spielhöllen. Es gibt 800 professionelle Glücksspieler und 120 Huren. Die Pflastersteine, schwelgen Chronisten, seien aus purem Silber. Es werden Tapeten aus Flandern, Klaviere aus Wien, Glaspokale aus Venedig hierhergeschleppt, in den hintersten Winkel des bolivianischen Hochlands. „Ich bin das reiche Potosí, der Welten Schatztruhe; der König der Berge bin ich und der Könige Neid” – so heißt es bis heute protzig im Stadtwappen.
Staub wird mit Alkohol ertränkt
Pedro kniet im Stollen. Es ist eng. Zwei Schultern breit Platz, mehr nicht. Er beugt sich über den Meißel, treibt ihn mit dem Hammer in das dunkle Gestein. „Gute Ader”, sagt er und zeigt auf den silbern-rötlich schimmernden Faden, der sich an der Wand vor ihm entlangwindet.
Pedro schuftet hier, seit er 15 ist. Über die Jahre hat er gelernt, das Gestein zu lesen, den guten Berg vom schlechten Berg zu unterscheiden. Das brauchbare Silber von der Bronze zu trennen. In kleine Bröckchen hackt er den Stein, wie zerbröseltes Knäckebrot. Er wiegt den Staub mit der bloßen Hand. Der schwerere Teil – vielleicht ein Drittel – kommt in das blaue Säckchen. Der leichtere Rest bleibt liegen.
Rund 15.000 Menschen, sagt man, arbeiten hier, organisiert in Hunderten von Kooperativen. Ein Fußballstadion voll Menschen, das der Berg jeden Morgen verschluckt und abends wieder ausspuckt.
Pedros Gesicht glänzt golden im Licht der Funzel, nass vor Schweiß. Er legt den Hammer beiseite und dreht die Schnapsflasche auf. „96 Prozent Alkohol” steht auf dem Etikett und „Guter Geschmack” und „Nicht für den Export!”. Ein paar Schlucke kippt er auf den Boden. Die sind für die Pachamama, die Heilige Mutter Erde. Dann nimmt er selbst einen kräftigen Schluck. „Der Alkohol macht den Staub weg”, sagt Pedro.
Er zündet sich eine Zigarette an. Sein Atem rasselt. „Meine Lunge geht nicht mehr”, sagt er. Den einen Lungenflügel hat man ihm kaputtgeschossen. Vor ein paar Jahren war das, als zwei Räuber sein Fahrrad wollten. Den anderen Flügel schindet er selbst zu Grunde, Tag für Tag, durch die Arbeit in der Mine.
Es gibt keinen Mundschutz, keine Luftzufuhr, kein Wasser zum Binden des Staubs. Deshalb sterben die Mineros mit 40, 45 Jahren an Staublunge. Ein qualvoller Tod über Jahre: Die Kranken müssen im Sitzen schlafen. Im Liegen bekommen sie zu wenig Luft.
Rente gibt es, sobald die Lunge zu mehr als 75 Prozent von der Silikose zerfressen ist, per Attest vom Arzt beglaubigt. In der Regel ist es nach 15, 20 Jahren im Cerro Rico so weit. Dann muss man nicht mehr arbeiten. Dann kann man sich bereit machen zum Sterben. „Wir fressen den Berg”, sagt Pedro, „und der Berg frisst uns.”
Sein Vater ist so gestorben. Und auch er selbst wird wohl so sterben. Noch hat es keine Generation geschafft, vom Cerro Rico wegzukommen. Es gibt keine anderen Jobs in Bolivien, dem ärmsten Land Lateinamerikas.
Vielleicht haben Pedros Kinder mehr Glück. Wenn die Silberpreise stabil bleiben und nicht wieder einkrachen, wie es schon viele Male in der Geschichte des Cerro Rico geschehen ist, könnten Pedros drei Kinder vielleicht wirklich auf der Schule bleiben. Und müssten nicht hier niederknien, um im Dunkeln Steine zu klopfen.
Coca, Schnaps und Bier
Bevor die Mineros in den Berg gehen, greifen sie auf dem Bergarbeitermarkt in die Coca-Tonnen mit den grünen, trockenen Blättern und packen sich ein paar Handvoll ein. Eine Stunde, manchmal zwei hocken sie dann in ihren Bretterverschlägen oder auf einer alten Lore und kauen. Schieben sich ein Coca-Blatt nach dem nächsten hinter die Zähne. Bis die Backe ganz dick ist und pelzig. Dann gießen sie noch ein bisschen Schnaps und Bier hinterher. Erst dann gehen sie in den Berg.
Schon die alten Inkas kauten sich so in einen heiligen Rausch. Die spanischen Kolonialherren merkten schnell: Nur mit dem Kraut können die Mineros in der knappen Andenluft arbeiten. Ohne Coca kein Silber.
So haben Pedro und seine Vorfahren über die Jahrhunderte 3000 Kilometer Weg in den Cerro Rico gebohrt. Das ist so weit wie von Berlin nach Barcelona. Jenen perfekten Kegel, wie er auf alten Gemälden zu sehen ist, kann man nur noch aus der Ferne erahnen. Von Nahem ist der Cerro Rico zerschunden wie eine gigantische Müllhalde. Im wilden Zickzack kreuzen die Straßen über den Bergrücken, gesäumt von Abraumhügeln. Rostig braun, giftig grün, staubig grau: die Überreste von Zink, Zinn, Blei oder was die jeweilige Mine so hergibt.
Das Innere des Berges ist ausgehöhlt wie ein Termitenhügel. Keiner weiß, ob der Berg morgen zusammenkracht oder erst in hundert Jahren. Jede Kooperative gräbt, bohrt und sprengt, wie es ihr in den Sinn kommt. Nach oben, nach unten, nach links und nach rechts. Kommt ein Bergmannstrupp einem anderen in die Quere, wird er mit ein paar Sätzen Dynamit attackiert. Oder ausgeräuchert mit brennenden Autoreifen.
Seit zwölf Stunden kratzt Pedro jetzt im Berg herum. Es ist spät geworden, wieder einmal. Die Ader gibt nicht mehr viel her, morgen muss wieder ein Stück freigesprengt werden. Pedro und seine Compañeros klopfen sich den Dreck aus den Kleidern, schweigend hängen sie die Overalls in den kleinen Bretterverschlag. Müde und staubig trotten sie den Berg in steilen Serpentinen hinab. Jede Abkürzung ist ihnen recht, alles, was sie nur schnell wegkommen lässt von der Mine.
Über ihren Köpfen funkelt der Sternenhimmel, unter ihren Füßen Potosí. Die Grubenlampen spenden den Arbeitern ein spärliches Licht, wie glücklos verirrte Glühwürmchen kehren sie in der Nacht nach Hause. Sie gehen mit mattem Gruß auseinander und geben an einer der Kioskbuden ihre Lampen zum Aufladen ab. In elf Stunden müssen sie ihnen wieder den Weg leuchten. Den Weg ins Dunkel des Cerro Rico.
Pedro Takuri hat kurz den Helm gelüftet, mit der Rechten drei Kreuze über die Brust gestrichen und hastig sein Gebet genuschelt. Ein letztes Blinzeln in die Sonne, ein paar Schritte, und schon hat ihn der Berg in seinen dunklen Schwitzkasten genommen.
Der Tag, der für Pedro gerade beginnt, wird für ihn am Ende nicht viel mehr übrig haben als ein Säckchen Silberstaub und einen ordentlichen Kombirausch aus Coca, Schnaps und Bier. Es ist für ihn ein ganz normaler Arbeitstag. Ein Tag, der – aus medizinischer Sicht – sein Leben um anderthalb Tage verkürzen wird.
Pedro ist 40 Jahre alt. Aber er könnte auch Mitte 50 sein, mit seinem matten, ausgelaugten Blick. Seine rechte Backe ist dick, wie aufgeblasen – von den Coca-Blättern, die den Hunger stillen und die Müdigkeit vertreiben sollen. Sie haben ihm da, wo normalerweise die Schneidezähne sind, ein schwarzes Loch in den Mund geätzt, wie bei so vielen „Mineros” hier am Cerro Rico, dem „Reichen Berg”, in Potosí, Bolivien.
Pedro ist Vorarbeiter in der „Cooperativa 10 de Noviembre”. So steht es in roter Farbe über dem Eingang gesprüht, hier auf 4367 Metern über dem Meeresspiegel. Es ist die höchste, älteste – und wohl gefährlichste Silbermine der Welt.
In seinen Gummistiefeln tappt Pedro durch die Staubschwaden. Am Boden wirre Schienenstränge, von der Decke zischt ein Luftschlauch. Die Funzel auf seinem Helm leuchtet einen blassen Streifen in das Dunkel.
Es gibt hier keine Wegweiser. Aber Pedro weiß: Nach der zweiten Schienenkreuzung geht es links, dann wieder nach der zweiten rechts. Mal aufrecht, mal gebeugt. Dann muss er durch ein Loch kriechen, einen Hang hinaufrobben und sich auf einem windschiefen Brett an einer Wand entlanghangeln.
In den Alpen wäre Pedros Arbeitsweg ein mittelschwerer Klettersteig. Nur wäre er dort 2000 Meter niedriger gelegen und mit Drahtseilen gesichert. Nach einer halben Stunde ist Pedro da, wo er hinwill. Da, wo dem Berg mit Hammer und Meißel noch ein kleines bisschen Silber aus den Eingeweiden zu kratzen ist.
Der „tio” hat das Sagen
Pedro glaubt nicht an fehlende Sicherheitsvorschriften. Er glaubt an die „Pachamama”, die Heilige Mutter Erde. Und an den „Onkel”, dem muss man opfern.
Der „tío”, der „Onkel”, hat hier unten das Sagen. Er ist die Dreifaltigkeit der Mineros: Teufel, Schutzgott und der beste Compañero überhaupt. Der „Onkel”, glauben die Arbeiter, bestimmt über Tod und Leben. Darüber, wer etwas findet – und wer leer ausgeht. Wer ihn nicht ehrt, der ist in Gefahr.
Einen skurrilen Schrein haben die Männer von der Cooperativa 10 de Noviembre ihrem „Onkel” errichtet: eine Fratze aus Steinen, umrahmt von Schnapsflaschen und überhäuft mit Luftschlangen. Pedro nimmt den Helm ab, gießt ein paar Spritzer Schnaps auf den Boden und gönnt sich dann selbst einen Schluck. Er stopft sich noch ein paar Coca-Blätter in die Backe, dann geht es weiter in den dunklen Schlund des Stollens.
So hat hier schon Pedros Vater malocht und auch seine Vorfahren, die Quechua-Indianer. Seit Jahrhunderten, genauer gesagt: seit dem 1. April 1545. An jenem sagenumwobenen Tag gehen einem Lamahirten am Fuß des Berges seine Tiere verloren. Er sucht und sucht, es wird Nacht, er zündet ein Feuer an. Und sieht aus dem Boden glänzende Flüssigkeit strömen: eine geschmolzene Silberader. Fortan heißt der Berg einfach nur „Reicher Berg”, Cerro Rico.
Der Fund spricht sich schnell herum, bis an den Hof Kaiser Karls V., Herrscher des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und König von Spanien. Auf sein Geheiß wird dem Berg eine Stadt zu Füßen gelegt, Potosí.
Keine drei Jahrzehnte nachdem sie in die Ödnis des Anden-Hochlands gepflanzt wurde, wird die Stadt zur größten und reichsten der damaligen Welt. 200.000 Einwohner, mehr als Paris, London oder Sevilla. Der Cerro Rico wird zum Dukatenesel des spanischen Kolonialreichs, Potosí zu einem frühen Las Vegas.
Die Minenbesitzer beten in 80 Kirchen, vergnügen sich in 14 Tanzhäusern und 36 Spielhöllen. Es gibt 800 professionelle Glücksspieler und 120 Huren. Die Pflastersteine, schwelgen Chronisten, seien aus purem Silber. Es werden Tapeten aus Flandern, Klaviere aus Wien, Glaspokale aus Venedig hierhergeschleppt, in den hintersten Winkel des bolivianischen Hochlands. „Ich bin das reiche Potosí, der Welten Schatztruhe; der König der Berge bin ich und der Könige Neid” – so heißt es bis heute protzig im Stadtwappen.
Staub wird mit Alkohol ertränkt
Pedro kniet im Stollen. Es ist eng. Zwei Schultern breit Platz, mehr nicht. Er beugt sich über den Meißel, treibt ihn mit dem Hammer in das dunkle Gestein. „Gute Ader”, sagt er und zeigt auf den silbern-rötlich schimmernden Faden, der sich an der Wand vor ihm entlangwindet.
Pedro schuftet hier, seit er 15 ist. Über die Jahre hat er gelernt, das Gestein zu lesen, den guten Berg vom schlechten Berg zu unterscheiden. Das brauchbare Silber von der Bronze zu trennen. In kleine Bröckchen hackt er den Stein, wie zerbröseltes Knäckebrot. Er wiegt den Staub mit der bloßen Hand. Der schwerere Teil – vielleicht ein Drittel – kommt in das blaue Säckchen. Der leichtere Rest bleibt liegen.
Rund 15.000 Menschen, sagt man, arbeiten hier, organisiert in Hunderten von Kooperativen. Ein Fußballstadion voll Menschen, das der Berg jeden Morgen verschluckt und abends wieder ausspuckt.
Pedros Gesicht glänzt golden im Licht der Funzel, nass vor Schweiß. Er legt den Hammer beiseite und dreht die Schnapsflasche auf. „96 Prozent Alkohol” steht auf dem Etikett und „Guter Geschmack” und „Nicht für den Export!”. Ein paar Schlucke kippt er auf den Boden. Die sind für die Pachamama, die Heilige Mutter Erde. Dann nimmt er selbst einen kräftigen Schluck. „Der Alkohol macht den Staub weg”, sagt Pedro.
Er zündet sich eine Zigarette an. Sein Atem rasselt. „Meine Lunge geht nicht mehr”, sagt er. Den einen Lungenflügel hat man ihm kaputtgeschossen. Vor ein paar Jahren war das, als zwei Räuber sein Fahrrad wollten. Den anderen Flügel schindet er selbst zu Grunde, Tag für Tag, durch die Arbeit in der Mine.
Es gibt keinen Mundschutz, keine Luftzufuhr, kein Wasser zum Binden des Staubs. Deshalb sterben die Mineros mit 40, 45 Jahren an Staublunge. Ein qualvoller Tod über Jahre: Die Kranken müssen im Sitzen schlafen. Im Liegen bekommen sie zu wenig Luft.
Rente gibt es, sobald die Lunge zu mehr als 75 Prozent von der Silikose zerfressen ist, per Attest vom Arzt beglaubigt. In der Regel ist es nach 15, 20 Jahren im Cerro Rico so weit. Dann muss man nicht mehr arbeiten. Dann kann man sich bereit machen zum Sterben. „Wir fressen den Berg”, sagt Pedro, „und der Berg frisst uns.”
Sein Vater ist so gestorben. Und auch er selbst wird wohl so sterben. Noch hat es keine Generation geschafft, vom Cerro Rico wegzukommen. Es gibt keine anderen Jobs in Bolivien, dem ärmsten Land Lateinamerikas.
Vielleicht haben Pedros Kinder mehr Glück. Wenn die Silberpreise stabil bleiben und nicht wieder einkrachen, wie es schon viele Male in der Geschichte des Cerro Rico geschehen ist, könnten Pedros drei Kinder vielleicht wirklich auf der Schule bleiben. Und müssten nicht hier niederknien, um im Dunkeln Steine zu klopfen.
Coca, Schnaps und Bier
Bevor die Mineros in den Berg gehen, greifen sie auf dem Bergarbeitermarkt in die Coca-Tonnen mit den grünen, trockenen Blättern und packen sich ein paar Handvoll ein. Eine Stunde, manchmal zwei hocken sie dann in ihren Bretterverschlägen oder auf einer alten Lore und kauen. Schieben sich ein Coca-Blatt nach dem nächsten hinter die Zähne. Bis die Backe ganz dick ist und pelzig. Dann gießen sie noch ein bisschen Schnaps und Bier hinterher. Erst dann gehen sie in den Berg.
Schon die alten Inkas kauten sich so in einen heiligen Rausch. Die spanischen Kolonialherren merkten schnell: Nur mit dem Kraut können die Mineros in der knappen Andenluft arbeiten. Ohne Coca kein Silber.
So haben Pedro und seine Vorfahren über die Jahrhunderte 3000 Kilometer Weg in den Cerro Rico gebohrt. Das ist so weit wie von Berlin nach Barcelona. Jenen perfekten Kegel, wie er auf alten Gemälden zu sehen ist, kann man nur noch aus der Ferne erahnen. Von Nahem ist der Cerro Rico zerschunden wie eine gigantische Müllhalde. Im wilden Zickzack kreuzen die Straßen über den Bergrücken, gesäumt von Abraumhügeln. Rostig braun, giftig grün, staubig grau: die Überreste von Zink, Zinn, Blei oder was die jeweilige Mine so hergibt.
Das Innere des Berges ist ausgehöhlt wie ein Termitenhügel. Keiner weiß, ob der Berg morgen zusammenkracht oder erst in hundert Jahren. Jede Kooperative gräbt, bohrt und sprengt, wie es ihr in den Sinn kommt. Nach oben, nach unten, nach links und nach rechts. Kommt ein Bergmannstrupp einem anderen in die Quere, wird er mit ein paar Sätzen Dynamit attackiert. Oder ausgeräuchert mit brennenden Autoreifen.
Seit zwölf Stunden kratzt Pedro jetzt im Berg herum. Es ist spät geworden, wieder einmal. Die Ader gibt nicht mehr viel her, morgen muss wieder ein Stück freigesprengt werden. Pedro und seine Compañeros klopfen sich den Dreck aus den Kleidern, schweigend hängen sie die Overalls in den kleinen Bretterverschlag. Müde und staubig trotten sie den Berg in steilen Serpentinen hinab. Jede Abkürzung ist ihnen recht, alles, was sie nur schnell wegkommen lässt von der Mine.
Über ihren Köpfen funkelt der Sternenhimmel, unter ihren Füßen Potosí. Die Grubenlampen spenden den Arbeitern ein spärliches Licht, wie glücklos verirrte Glühwürmchen kehren sie in der Nacht nach Hause. Sie gehen mit mattem Gruß auseinander und geben an einer der Kioskbuden ihre Lampen zum Aufladen ab. In elf Stunden müssen sie ihnen wieder den Weg leuchten. Den Weg ins Dunkel des Cerro Rico.
Redaktion: Christian Thiele ]
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Kulturpool Musik
Kulturpool Musik 12.06 »
Jeden Monat die beste Akustik: Alles über die aktuellsten CDs und DVDs im Kulturpool Musik.
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ich war vor kurzer zeit da
Submitted by vor kurzer zeit dagewesen (not verified) on Sun, 05/25/2008 - 21:24.
ich war vor kurzer zeit da und finde es echt krass... hätte ich das vorher gelesen hätte ich warscheinlich kein fuß in diese mienen gesetzt.
www.myspace.com/nuevasluces
Submitted by Visitor (not verified) on Sun, 03/09/2008 - 01:13.
bitte vorbeischauen !!!
ein kinderzentrum für die ärmsten in POTOSI
Submitted by Visitor (not verified) on Sun, 03/09/2008 - 01:12.
HALLO LIEBE LESER!
BITTE SCHAUT AUF UNSERER SEITE VORBEI. Wir arbeiteten 7 Monate mit den Witwen welche ihre Männer in der Silbermine verloren haben und eröffneten ein Kinderzentrum. Hilfe wird benötigt...www.myspace.com/nuevasluces
Uwe Weu
Submitted by Visitor (not verified) on Thu, 02/28/2008 - 14:41.
Lebte über 2 Jahre in Paraguay (Bodenkontakte auch Brasilien und Uruguay). Als ich den Goldstaub einer Brasilianischen Goldmiene von "Falk" erbte, dachte mir das ist Gold wo ist der Glanz? In den o.a. Bericht wird auch ein Hauch der Realität übermittelt.
Eine riesen Schw...
Submitted by Visitor (not verified) on Sat, 02/16/2008 - 06:19.
Habe selber fast 2 Jahre im Berg gearbeit. Jedoch in Kolumbien.
Keiner unter Mineuren,die das "Bazukka" ins Essen bekommen haben!
Wir haben dort ein Wasserkraftwerk gebaut.
Gruss
Rudolfo
war vor 3monaten da, stammt
Submitted by Visitor (not verified) on Thu, 02/07/2008 - 21:47.
war vor 3monaten da, stammt wirklich alles haargenau wie es hier steht. die armen hunde verrecken im wahrsten sinne elendlich...vid for more information: http://www.youtube.com/watch?v=h9EX-Vvc348
Traurig,dass es so was
Submitted by Pascinho (not verified) on Sun, 02/03/2008 - 13:27.
Traurig,dass es so was gibt.Es sollte andere Möglichkeiten geben an Geld zu kommmen






ich war vor kurzer zeit da
www.myspace.com/nuevasluces
ein kinderzentrum für die ärmsten in POTOSI
Uwe Weu
Eine riesen Schw...
war vor 3monaten da, stammt
Traurig,dass es so was