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Die glorreichen Acht

Der Weg zum Erfolg ist für den Deutschland-Achter von unmenschlichen Schmerzen geprägt. Eine Leidensgeschichte

 
Eins, zwei, drei, vier, fünf. Mit aller Kraft ziehen die Männer an ihren Rudern. So präzise wie die Kolben in einem Motor verrichten sie ihre Arbeit. Auf den Schlag synchron - achtzehn, neunzehn, zwanzig Schläge.

Erst 250 Meter sind zurückgelegt, doch die besten acht Ruderer Deutschlands spüren nur noch Schmerzen. Ihre Muskeln sind übersäuert, ihre Kraftreserven fast am Ende. 1750 Meter liegen jetzt noch vor ihnen. Die körperlichen Qualen sind gewaltig. Aber hier geht es um den sportlichen Erfolg. Und vor allem darum, der Welt zu beweisen, dass niemand besser ist als diese acht Männer.

Deutschland ist Ruder-Weltmeister. In der Königsklasse, dem Achter mit Steuermann. Diesen Titel müssen die Männer ab dem 26. August bei der WM in München verteidigen. Und sie wissen ganz genau: Leicht wird das nicht.

Deutschland ist Ruder-Weltmeister

20 bis 22 Ruderer teilen sich die acht Plätze. Die Karten werden Jahr für Jahr neu gemischt. Jeder Achter wird am Ende einer Saison aufgelöst. Im Winter und Frühjahr tauscht Bundestrainer Dieter Grahn die Positionen durch. Immer auf der Suche nach dem idealen Team.

Schlagmann Bernd Heidicker ist auf jeden Fall dabei. Der 1,96 Meter große Maschinenbaustudent aus Bochum gibt den Takt vor. Mit 29 Jahren ist er der Chef im Boot. Heidicker ist kein Schreihals und kein Großmaul. Führen heißt für ihn, mit Leistung voranzugehen. Besonnen und klug - wie eigentlich alle an Bord. Denn im Deutschland-Achter sitzen fast ausschließlich angehende Akademiker. Die meisten studieren rund um Dortmund, dort ist der Trainingsstützpunkt der Ruderer. Zwei haben ihre Studienplätze im englischen Cambridge.

Schlagmann Heidicker sitzt hinten, auf dem Platz mit der Nummer acht. Sein Team hat er im Rücken. Im Mittelschiff sitzen die stärksten Männer, die Motoren des Bootes. Im Bug jene beiden Ruderer, die dafür Verantwortung tragen, dass die Balance hält. „Im besten Fall rollen wir nicht zum Heck, sondern das Boot zieht unter uns durch”, erklärt Philipp Stüer, die Nummer sieben im Boot.

Die richtige Choreografie entscheidet neben der Kraft und der mentalen Stärke über Sieg oder Niederlage. Denn Rudern ist ein bisschen verkehrte Welt: Die acht Mann, die mit voller Kraft an den Riemen reißen, treten mit ihren Füßen das Boot in die entgegengesetzte Richtung, bremsen es also eigentlich wieder ab. Diese Bremskräfte lassen sich nur durch absolute Synchronisation ausgleichen. So beschleunigen die Männer den 1000 Kilo schweren Achter mit bloßer Muskelkraft auf 25 bis 26 Stundenkilometer - schnell genug, um einen Wasserskifahrer ziehen zu können.

Zur Kopfsau werden

Achtundsechzig, neunundsechzig Schläge. Heidicker hat sich eingetaktet, die Maschine läuft wie ein Uhrwerk. 38 Schläge pro Minute. Aber immer noch zu viel, um den Organismus auf Normalwerte herunterzubringen. Ein Durchschnittsbürger kommt im Ruhezustand auf einen Laktatwert von 0,6 bis 1,6. Ab einem Laktatwert von vier beginnt der Körper zu übersäuern. Die Ruderer im Deutschland-Achter erreichen Werte um 25. Das ist ein Milchsäureanteil im Blut, der sonst auch bei 400-Meter-Läufern gemessen wird. Nur: Die 400-Meter-Läufer müssen diese Belastung bloß etwa 48 Sekunden aushalten - Ruderer rund fünfeinhalb Minuten.

„Da musst du zur Kopfsau werden”, sagt Schlagmann Heidicker, „den Kopf ausschalten, denn das Laktat im Blut ist unser größter Feind.” Und der größte Schmerz. Es dauert Jahre, bis Ruderer ihre persönliche Schmerzgrenze so verschoben haben, dass sie in der internationalen Spitze mitfahren können.

Hundertacht, hundertneun, hundertzehn, die 1000-Meter-Marke ist geschafft. „Der Kopf ist wie abgeschraubt”, sagt Schlagmann Heidicker. Kein Körperteil, der jetzt nicht schmerzen würde. Die Hände sind bedeckt von gelblich-brauner Hornhaut, Blasen platzen auf. Die Holzgriffe an den Riemen haben die Ruderer aufgeraspelt, damit die Finger halten. Ist der Riemen leicht verdreht, schneidet er ohne Vortrieb ins Wasser. Das kostet Zeit, die keiner hat.

Die Schinderei kennt nur einen Lohn: Erfolg. Geld ist mit dem Rudersport keines zu verdienen. Als amtierende Weltmeister bekamen die Athleten in den letzten Monaten 800 Euro Sporthilfe pro Monat. Sollten sie Ende August in München keine Medaille holen, rutschen sie auf 100 Euro ab.

Nur noch 500 Meter

Einhundertneunundachtzig, einhundertneunzig - Endspurt. Der Körper fühlt sich jetzt an, als sei er vergiftet. Vergiftet von der Milchsäure im Blut. „Es ist, als ob du besoffen an einem Abgrund balancieren müsstest. Du kannst jederzeit abstürzen, und der Kopf bekommt es kaum noch mit”, sagt Dirigent Heidicker. Der Steuermann brüllt Durchhalteparolen in sein Mikrofon. Jetzt kommt die Phase, für die der Deutschland-Achter berühmt ist. Und gefürchtet. Die letzten 500 Meter, der Schlussspurt.

Besonnen bleiben, ökonomisch arbeiten, das Pulver nicht zu früh verschießen. Fleißig weiter, aber nicht protzen. Tugenden, die auch in anderen deutschen Paradedisziplinen wie dem Biathlon das Geheimnis des Erfolgs sein könnten.

Die Schlagzahl geht jetzt auf das Niveau der Startphase hoch. Obwohl seit Minuten eigentlich nichts mehr geht. Maximale Power. Aus Angst vor der Niederlage. Aus Angst vor den Fragen danach - ob man sich nicht noch mehr hätte quälen müssen für den Sieg. Als ob das noch ginge.

Redaktion: Michael Gösele ]
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