Erzberg-Rodeo

Die Schlacht am eisernen Berg

500 Männer. Eine Pyramide aus Fels und Geröll. Ein Ziel: oben ankommen. Nur eine Hand voll wird es schaffen. Willkommen beim Erzberg-Rodeo - dem härtesten Motorrad-Offroad-Rennen der Welt

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Kletter-Tortur

Die Schlacht am eisernen Berg

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Jonny Walker ist nervös. Der 22-jährige Nachwuchsstar der Extrem-Enduro-Szene, der Prinz der Querfeldein-Raser also, sitzt am Fuß des Erzbergs auf seinem Motorrad und blickt angespannt in Richtung des Mannes, der gleich das Startsignal geben wird. Hinter Walker türmt sich, Terrasse um Terrasse, der gewaltige Erzberg auf. Der schneebedeckte Gipfel verschwindet in grauen Wolken. Um Walker herum: 499 weitere Motorradfahrer, akkurat aufgestellt in zehn Reihen wie eine römische Legion. Bis eben schnitt sich der schneidende Lärm ihrer Maschinen in die Gehörgänge, jetzt ist es völlig still. Die letzten Benzinschwaden verziehen sich, zu hören ist nur das leise Brummen eines Hubschraubers am Himmel. „Dead Motor-Start“ nennt sich, was gerade geschieht: Die Fahrer haben die Motoren ausgeschaltet, erst beim Startsignal dürfen sie sie wieder einschalten - und losrasen. Sie werden fast senkrechte Kieshänge hinauffahren, sich steile Abhänge hinabstürzen, sich über Wurzeln, Felsblöcke und durch Waldstücke kämpfen und sich auf ihren Bikes durch Geröllfelder quälen, die man selbst zu Fuß kaum durchsteigen kann. Aber das ist es nicht, was Walker Sorgen macht. Er hat das Rennen hier im vergangenen Jahr gewonnen. Er weiß, was auf ihn zukommt. Vor allem aber weiß er: Der Start entscheidet am Erzberg über Sieg und Niederlage. Und deshalb hat er jetzt vor allem diesen einen Gedanken im Kopf: Springt meine verdammte Maschine gleich an?

Eisenerz in der Steiermark, ein 5000-Einwohner-Dorf ziemlich genau in der Mitte von Österreich, eingepfercht zwischen den Felsen der Eisenerzer Alpen. Der Bergbau ließ den Ort einst aufblühen - und Ende des 20. Jahrhunderts wieder verblühen. Und er verwandelte den 1466 Meter hohen Erzberg durch stufenförmigen Tagebau in eine gigantische Pyramide, die aussieht wie eine rostrote Version des Inka-Monuments Machu Picchu. 1995 trugen hier zum ersten Mal 120 Fahrer, fast ausschließlich Österreicher, ein kleines wildes Rennen aus. Mittlerweile kommen jedes Jahr Ende Mai 1600 Fahrer aus über 40 Ländern und von allen Kontinenten, um das härteste Motorrad-Offroad-Rennen der Welt zu fahren: das Erzberg-Rodeo.

  • Spitzen-Rider: Graham Jarvis rast vorneweg - die hinteren Startreihen müssen noch warten

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Die limitierten Startplätze waren in den vergangenen Jahren jeweils schon nach wenigen Stunden vergeben. In zwei Qualifikationsrennen, dem sogenannten „Iron Road Prolog“, treten die 1600 Fahrer zunächst auf einem noch recht harmlosen 13,5 Kilometer langen Schotter-parcours gegeneinander an. Die 500 schnellsten Fahrer sind dann beim eigentlichen Haupt-Event dabei: dem „Hare Scramble“, einem selbst in der Welt des Extrem-Enduro einzigartig brutalen Querfeldeinrennen, bei dem es meist nur eine Hand voll Fahrer innerhalb des vorgegebenen Zeitlimits von vier Stunden ins Ziel schafft.

Das starke Aussieben in der Qualifikation ist auch deshalb nötig, weil sich beim Erzberg-Rodeo jeder anmelden kann, der bereit ist, die 189 Euro Anmeldegebühr zu zahlen. Mit Freude überwiesen haben diese Summe 2013 unter anderem: ein bierbäuchiger Mittfünfziger, dem es offenbar nichts ausmacht, seine Straßen-Enduro am eisernen Berg zu ruinieren, und ein hagerer Mittzwanziger, der seine alte Vespa zum halbwegs geländetauglichen Renn-Roller umgebaut hat. Beide gehören zur Spaß-Fraktion unter den Teilnehmern. Weitere Fraktionen sind: die ambitionierten Enduro-Amateure und dann die Profis - darunter Szene-Stars wie Graham Jarvis, erfolgreichster Extrem-Enduro-Fahrer der Welt, oder der zwölffache Trial-Weltmeister Dougie Lampkin. Und eben auch Jonny Walker, der Favorit.

Ihnen eifern die Amateure nach, die von Profi-Karrieren träumen. Gabriel Lister, 25, zum Beispiel, ist 8000 Kilometer weit gereist, um am Erzberg in eine bessere Klasse zu wechseln. Er will wie Youngster Jonny Walker Vertragsfahrer bei einem Werksteam werden und sich hier und heute dafür empfehlen. Lister kommt aus der Dominikanischen Republik, arbeitet dort als Fluglehrer und Pilot kleinerer Fracht- und Passagiermaschinen. Aber noch lieber, als im Flugzeug durch den karibischen Himmel zu fliegen, quält er sich auf dem Motorrad durch unwegsames Gelände. Sechs Monate lang hat er sich auf den Erzberg vorbereitet, verbrachte Hunderte Stunden im Fitnessstudio, raste zweimal in der Woche durch die Wälder seiner Heimatinsel und trainierte zudem auf einer Rennstrecke. Rund 10.000 Dollar für Flüge, Unterkunft und das von KTM geliehene Motorrad hat Lister, der von seinem Vater und seinem Bruder begleitet wird, in die Chance investiert, am Erzberg dabei zu sein. „Diesmal geht es für mich um alles oder nichts“, sagt er.

  • Festival-Stimmung: Fahrer und Fans campieren direkt an der Rennstrecke, auf der sich Jonny Walker Richtung Gipfel quält

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  • Überflieger: Jonny Walker aus England gewann 2012

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Als er im vergangenen Jahr zum ersten Mal in Eisenerz antrat, stürzte er im Qualifikationsrennen und brach sich einen Knochen in der linken Hand. Am übernächsten Tag, beim „Hare Scramble“, saß er vollgepumpt mit Schmerztabletten und mit einem neuen linken Motorradhandschuh - in den alten passte die angeschwollene Hand nicht mehr rein - trotzdem auf dem Bike. Als die Rennzeit nach vier Stunden abgelaufen war, hatte er sich immerhin bis zum elften von insgesamt 20 Checkpoints auf der Strecke durchgekämpft. Unten im Ziel ließ sich Jonny Walker zu diesem Zeitpunkt bereits seit über zwei Stunden als Sieger feiern. Walker hatte es geschafft: Er war durch seinen Sieg vom Talent zu einem der Stars der Szene geworden.

Drei, zwei, eins. Go! Walkers Maschine springt perfekt an, er schießt mit den anderen Fahrern der ersten Startreihe durch knietiefes braunes Wasser in Richtung des ersten Steilhangs. Der seit Tagen andauernde Regen hat den Startbereich in einen See verwandelt, die Brühe spritzt meterhoch. Walker ist vornedran, es sieht gut für ihn aus - dann stirbt sein Motor ab. Der Favorit steckt fest. Ersoffen im Schlammbad. Links und rechts rasen Fahrer an ihm vorbei, die ersten schaffen es den Steilhang hinauf, andere bleiben auf halber Höhe im schweren Kies stecken, kippen um, rutschen den Berg hinab. Dann legt auch schon die zweite Startreihe los, die nächsten 50 Fahrer rasen durch das Wasser, noch mehr Chaos am Steilhang, erste Karambolagen, unten stauen sich die Fahrer. Und während sich die Szenerie immer mehr in eine Art Schlachtengemälde verwandelt, darf auch Lister Gas geben, der sich mit seiner Zeit aus der Qualifikation einen Platz in Startreihe drei gesichert hat. Wenige Minuten und sechs Anläufe später hat er den ersten Steilhang geschafft. Und Jonny Walker? Ist irgendwo im Schlachtengemälde verschwunden.

 

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Mit einer extrem schwierigen Passage anfangen - und dann langsam steigern. So in etwa lautet der Plan, nach dem die Organisatoren die Rennstrecke konzipiert haben. Nur eine Hand voll Fahrer soll es innerhalb der vier Rennstunden ins Ziel schaffen. Letztes Jahr waren es gerade mal sieben. Die Strecke führt kreuz und quer den Erzberg hinauf, bevor es am Schluss auf einer langen Abfahrt zum Ziel ins Tal geht. Die Fahrer kämpfen sich durch verschiedene Terrains und Passagen, die Namen tragen wie „Badewanne“ (ein riesiges Becken, bei dem es auf der einen Seite fast senkrecht etwa 20 Meter einen Kiesabhang hinab geht und auf der anderen wieder hinauf), „Machine“ (wo sich die Fahrer, mehr schiebend als fahrend, eine abgegangene Geröll-Lawine hinaufkämpfen) oder „Zumpferlwald“ (ein enger Waldpfad, auf dem es über rutschige Wurzeln und schlammige Erde bergauf geht).

Bei vielen Fahrern verkrampfen sich irgendwann die Hände. „Manchmal musst du mit der einen Hand die andere von der Kupplung lösen“, erzählt der Deutsche Gerhard Forster, mit sieben Teilnahmen ein Erzberg-Routinier. Die Piloten sehen teilweise fast nichts, wegen des Schlamms auf der Brille, und immer wenn sie denken, es kann nicht noch schlimmer werden, wird es noch schlimmer. Als brutalster Teil des Rennens gilt die Passage „Carl’s Dinner“. Die meisten Fahrer schaffen es nicht einmal bis dorthin. Wer es doch schafft, muss sich und seine 100-Kilo-Maschine durch ein Feld von riesigen Geröllfelsen bugsieren. Auch die besten Fahrer steigen hier schon mal unfreiwillig vornüber ab. Für viele ist die Passage endgültig die Todeszone.

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Benannt ist „Carl’s Dinner“ nach Karl Katoch, dem Mann, der das Erzberg-Rodeo 1995 zum ersten Mal veranstaltet hat und es bis heute leitet. Im Hauptberuf ist Katoch, 52, als Beamter bei der Stadt Wien angestellt, wo er ausgerechnet für die Sicherheit der Motorradfahrer zuständig ist. Er muss selbst grinsen, als er das erzählt. Als er über das Risiko für die Teilnehmer am Erzberg-Rodeo spricht, wird er aber ernst: „Wir informieren die Fahrer über alles, was auf sie zukommt, und jeder muss das Risiko für sich selbst beurteilen. Es kommt immer wieder zu Vorfällen, von kleinen Blessuren bis zu lebensbedrohlichen Verletzungen, aber statistisch gesehen, ist das Verletzungsrisiko beim Erzberg-Rodeo geringer als beim Fußballspielen.“ Es wird nicht ganz klar, wer wann und wie diese Statistik erstellt hat, aber Katoch ist von ihrer Richtigkeit überzeugt. Etwa 30 Sanitäter und drei Ärzte sind am Berg im Einsatz. „Dieses Jahr hatten wir nur einen Schlüsselbeinbruch“, sagt Katoch am Abend vor dem „Hare Scramble“. Es wird 2013 bei dieser Bilanz bleiben.

Katoch, der sich für das Erzberg-Rodeo unbezahlten Urlaub genommen hat, machte den Event in fast 20 Jahren zu dem Spektakel, das er heute ist: bis zu 50.000 Zuschauer am Wochenende, Live-Übertragung im österreichischen Fernsehen, Sponsoring durch einen Brausehersteller. Er legt aber Wert darauf, dass die Veranstaltung weiterhin „vor allem ein Rennen von Fahrern für Fahrer ist“. Und wenn man ihn fragt, was sein irrstes Erlebnis in all den Jahren am Erzberg war, erzählt er auch eine Anekdote, die weniger mit dem Rennen als mit dem Drumherum zu tun hat: Einmal rief ihn eine Frau an und wollte den Namen des Fahrers wissen, der im Jahr zuvor mit Startnummer 312 angetreten war. Sie wolle ihm sagen, dass er einen Sohn hat. Katoch verriet den Namen zunächst nicht - der Behörde musste er ihn dann aber doch melden.

Jonny Walker ist zurück. Das Rennen ist etwa 45 Minuten alt, als der Youngster sich - trotz seiner Probleme am Start - plötzlich wieder an die vierte Position im Feld vorgekämpft hat. „Carl’s Dinner“ durchsteigt er so problemlos wie Reinhold Messner die Eiger Nordwand. Und an der letzten harten Passage des Rennens, einem steilen felsigen Stück namens „Dynamite“, holt er fast noch den drittplatzierten Spanier Alfredo Gomez Cantero ein, der seine Maschine beinahe kniend den Berg hochschiebt. Doch es reicht nicht ganz. Nach zwei Stunden und 28 Minuten kommt Walker als Vierter ins Ziel. Sieger und stolzer Inhaber eines aus dem Berg geschlagenen Mini-Felsens - er ist die einzige Belohnung für den Sieger, ein Preisgeld gibt es nicht - wird der Brite Graham Jarvis. Walker sieht geknickt aus, als er im Ziel in ein Mikrofon spricht und erklärt, dass nach dem missglückten Start einfach nicht mehr drin gewesen sei. Während er den letzten Satz sagt, knickt über ihm der aufblasbare Torbogen ein, der das Ziel markiert, und fällt ihm auf den Kopf. „Heute“, sagt er, „geht wirklich alles schief.“

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Als um 16 Uhr ein Tröten aus den Bergbau-Warnsirenen das Ende des Zeitlimits markiert, ist von Gabriel Lister im Ziel nichts zu sehen. Nur 14 Fahrer haben die Strecke in vier Stunden geschafft. Der Paradiesvogel aus der Dominikanischen Republik taucht erst eine halbe Stunde später wieder im Fahrerlager auf und sieht aus wie eine Moorleiche, von oben bis unten voll Schlamm. Auf wackligen Beinen steht er neben seinem Motorrad und scheitert fast daran, eine Banane zum Mund zu führen, er hat Krämpfe in beiden Armen. „Es war noch brutaler als letztes Jahr“, sagt er, „der Regen, der Schlamm, die Kälte.“ Er kam gut am Start weg, aber dann stand er an mehreren Passagen im Stau. Irgendwann blieb er mit der Schulter an einem Baum hängen, es fühlte sich an, als sei etwas kaputtgegangen, aber er fuhr weiter. Als das Tröten ertönte, hatte er es bis Checkpoint zehn geschafft, in der Gesamtwertung liegt er damit auf Platz 64. Immerhin. Die Hälfte der Fahrer hat nicht einmal Checkpoint fünf passiert. Aber zufrieden ist Lister nicht.

Er greift nach einer zweiten Banane, kaut, blickt ins Leere. „Wenn du mich jetzt fragst, würde ich sagen: Fuck Erzberg forever!“, sagt er dann. „Aber in einer Woche plane ich wahrscheinlich schon wieder für nächstes Jahr.“
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Alexander Neumann-Delbarre