Extrem-Ski

Am Berg der Götter

Der Schweizer Extremskifahrer Sébastien de Sainte Marie bezwingt als Erster die Todesflanke des Shisha Pangma im Himalaja – und findet doch seinen Meister: ein Bergmassiv mit dem Charakter eines Psychopathen, das ihm den Gipfel-triumph seiner Premiere mit aller Naturgewalt verwehrt

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Höllen-Ritt

Sébastien de Sainte Marie, 29, bei der Weltpremieren-Abfahrt an der Südwestwand des Shisha Pangma auf 6300 Meter Höhe

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Ne craque pas! Pas maintenant! Brich nicht ein! Nicht jetzt! Sébastien kann sich nicht leiden. Warum ist er sich dermaßen im Weg? Er hievt das rechte Bein nach oben. Hackt die Steigeisen ins Eis. Schiebt den Skistock rechts um eine Schrittlänge höher, setzt links den Pickel nach. Nun muss er das linke Steigeisen aus der Wand lösen und 20 Zentimeter weiter in Richtung Gipfel bewegen. Gipfel? Gipfel?! Verdammt noch mal – wer hat sich diesen verschissenen Gipfel ausgedacht? Sébastien rastet mit dem vorderen Steigeisen links ein. Passt. Er verlagert das Gewicht so, dass es am wenigsten weh tut. Er schließt kurz die Augen und gibt sich dem Japsen nach Luft hin. Dann zwingt er sich zu schauen. Es muss sein. Er darf hier oben nicht die Kontrolle verlieren. Obwohl das kaum möglich ist in dieser Wand, die sich irgendwo im sternklaren Eishimmel verliert. Willkommen am Shisha Pangma, dem „Gipfel über der Gras-Ebene“, wie er übersetzt heißt: ein 8027 Meter hohes Massiv im Himalaja, Tibet, 30 Kilometer nördlich der chinesisch-nepalesischen Grenze. Seit 1964 wurde es erst 300-mal erklommen. 250 kamen zurück. Allerdings nicht hier, über die Südwestflanke. Das haben erst zwei Pioniere geschafft. Und die hatten bei Weitem nicht dasselbe vor wie Sébastien: Er soll ganz oben die Ski anschnallen und abfahren, wo noch nie ein Mensch vor ihm . . . Nicht dran denken! Nicht jetzt! Bald ist die Nacht vorbei, dann werden die Berge wieder reden: Konturen zeigen, Wege – und grummelnd Schnee abschütteln. Doch noch ist Sébastien allein mit seinen Geräuschen. Mit dem stoßenden Atem. Dem Herzwummern unter der Schädeldecke. Dem Picken der Steigeisens.

Klar wusste Sébastien de Sainte Marie, 29 – Extremskifahrer aus Lausanne, Gipfelstürmer, hochgebirgserfahren, Ultra-trail-erprobt –, was auf ihn zukommen würde. Er ist einer von denen, die auf Brettern unbeschadet Wege nehmen, die sich normale Skifahrer schlichtweg nicht vorstellen können. Einer, der sich so lange mit einer Rinne befasst, bis das Risiko eines Erstversuchs minimiert ist – so weit das überhaupt geht an einer Bergflanke wie dieser: 45 bis 55 Grad steil, jeden Tag mehrere Lawinen. Seit er vor Jahren zum ersten Mal diese Wand von über 2000 Höhenmetern auf einem Bild gesehen hat, ist Sébastien de Sainte Marie davon besessen, sie zu befahren. Die Vorbereitungen haben ihn Jahre gekostet. Erst tastete er sich in den Westalpen langsam an das nötige Niveau heran. Dann lief er Bergmarathons für die Kondition. Öffnete neue Skirouten, zum Beispiel auf der Südseite des Montblanc, um sich an steilstes Gelände zu gewöhnen. Und er suchte so lange, bis er einen Sponsor fand. Ein Ausrüster hatte schließlich Vertrauen, und der Schweizer packte seine Sachen für den Berg, den er jetzt einige Wochen lang belagert hat. Sébastien ließ das Massiv nicht aus den Augen. Versuchte, es zu lesen. Und der Berg sprach: mal dröhnend mit Stein- und Eisschlag. Mal breit lächelnd und friedlich. Ein launischer Psychopath. Ab und zu meldete Sébastien sich über Satellitentelefon bei seiner Frau Juliette. Meist klang er zuversichtlich. Doch oft konnte er Anspannung, Zweifel und Ängste nicht verbergen.

N’arrète pas! Sang froid! Vas-y, vas-y! Nicht stehen bleiben! Kühles Blut! Weiter, weiter! Der Morgen graut. Passang und Pemba, die scheinbar grenzenlos belastbaren Sherpas, gehen jedes Tempo mit. Sie wissen, dass das ungestörte Steigen bald ein Ende hat. Doch Sébastien mahnt zur Eile. In einer knappen Stunde werden sie die Eisrinne erreichen, die in einer leichten Linkskrümmung zum Gipfelgrat führt. Noch ist das Klettern anstrengend, aber nicht zu schwierig. Das wird sich vor der Rinne ändern. Die wurde nur einmalig auf dem Weg zum Gipfel durchklettert. 1987 von zwei Polen. Sébastien kennt die Rinne vom wochenlangen Studium durchs Fernglas. Den Aufstieg hat er an die hundertmal simuliert: Er will versuchen, sich am Rand der Rinne zu halten und so dem Stein- und Eisschlag auszuweichen. Und natürlich hat er sich auch Gedanken über die Abfahrt gemacht. Seine Zweifel wurden immer bedrohlicher. Irgendwann hörte Sébastien einfach auf, die Lawinen zu zählen, die der Berg von sich warf. Es war kein System zu erkennen, nichts zu prophezeien: Plötzlich war einfach das Inferno da. Wie aus dem Nichts kanonierte der Shisha Pangma los. An anderen Tagen döste er stundenlang still in der Sonne. Die Rinne gehörte zum Gefährlichsten, was Sébastien je gesehen hatte. Vielleicht, denkt er jetzt, würde er früh genug am Gipfel stehen und sich auf den Rückweg machen können, bevor die Sonne zu lange in die Wand gelasert hätte. Vielleicht wäre ja der Schnee in der Rinne so hart, dass ein Skifahrer keine Lawine auslöste. Vielleicht käme er so flott voran, dass er zwischen zwei Steinschlägen durch die Rinne wischte. Vielleicht, vielleicht, vielleicht – hätte er einfach Glück.

Vas-y, vas-y! Weiter, weiter! Noch eine gute Viertelstunde, und sie haben die Rinne erreicht. Er kann sie über sich schon gut ausmachen. Es ist hell geworden. Die Sieben- und Achttausender in der Runde gleißen – Tribünen der imposantesten Arena des Globus. Winzig werkelt der Gladiator in der Wand. Über ihm blauer Himmel. Der Morgenstern ist weg. Im Osten zieht die Sonne auf. Sie bringt Wärme. Und Tod. Shisha Pangma – Gipfel der existenziellen Gefühle. Nicht umsonst nannten die Inder den Berg „Gosainthan“, „Platz der Heiligen“. Immerhin behielten die Götter bislang jeden sechsten seiner Besteiger bei sich. Höhenkrankheit, Stürze aus den steilen Wänden – manche wurden von Lawinen aus den Flanken gefegt, einige im Zelt begraben. Andere gingen einfach verloren, wie vor ein paar Tagen die chinesische Bergsteigerin, die sich an der Südflanke versuchen wollte. Sie campierte neben Sébastiens Crew und einer Gruppe koreanischer Extremsportler im Basislager. Von einer einsamen Exkursion in ein vorgeschobenes Höhenlager kam sie nicht mehr zurück. Man suchte nach ihr, gab sie schon auf. Dann war sie plötzlich wie aus dem Nichts wieder da, nachdem man schon die chinesische Armee erfolglos um Hubschrauberunterstützung gebeten hatte.

Die Suche nach der Frau hatte die Stimmung im Basislager brüchig werden lassen, selbst die stoischen Koreaner nebenan schienen verunsichert – da kam der Tag, an dem in Tibet die Erde bebte und die letzte Selbstgewissheit der Männer erschütterte. Der Berg schüttelte sich, und eine grollende Lawine wälzte sich vom Gipfelgrat bis zum Basislager. Dann kam der Schnee. Er fiel tagelang, ohne Unterbrechung, und versenkte die Zelte. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Als sich das Wetter beruhigt hatte, spannten Sébastien, seine Sherpas und die Koreaner Fixseile und richteten ein weiter vorgeschobenes Lager ein, das Advanced Base Camp, die letzte Start-station. Sébastien beobachtete den Berg. Diesen wahnsinnigen Riesen, der – wer sonst? – ihnen einen um den anderen Streich zu spielen schien. Aus dem vorgeschobenen Camp verschwanden die Skier. Spurlos. Einfach weg. Dann zerfetzte es ein Zelt – waren es Krähen? –, das sich durch die lecke Hülle mit Schneebrühe füllte. Die Ausrüstung röstete anschließend anderthalb trockene Tage lang in der Sonne. Und der Berg machte auf ruhig. Das Wetter schien stabil zu sein, die Vorarbeit war getan. Sébastien und sein Tross setzten sich in Bewegung. Jetzt musste es sein! Da kam dieser Anruf von zu Hause. Am Apparat war Sébastiens Frau. In Tränen aufgelöst.

Je le crois pas, c’est pas possible! Ich glaub’s nicht, das kann nicht sein! Sébastien lehnt in der Flanke und kratzt am Rand der Rinne. Der Schweiß in seinen Haaren ist gefroren, sein Atem geht schwer. In den Beinen hat er ein flaues Gefühl, ihm ist schlecht. Einer der Sherpas will ihm etwas zu trinken geben, Sébastien reagiert nicht. Er steckt den Pickelschaft tief ins Gemenge. Das ist kein Schnee. Das ist eine obere Schicht von Eisgriesel. Himalaja-Styropor. Darunter eine Lage halbwegs hart gefrorenen Wassers. Und noch eine Lage tiefer – scheinbar grundlos – lumpiger Firn. Der Schweizer, der mit seinen 29 Jahren schon so viel gesehen hat und der unbedingt auf diesen Gipfel will, blickt nach oben. Die Rinne ist breit wie eine vierspurige Autobahn. Nach etwa 300 fast senkrechten Metern verschwindet sie in einer Linkskrümmung.

Wieder kratzt der Mann, wieder schüttelt er den Kopf. „Gib!“, sagt er und nimmt endlich das Getränk. Er muss Kraft haben für die Rinne. „Also, los!“ Er setzt das erste Steigeisen. Sehr sicher fühlt sich das alles nicht an. Und so bleibt Sébastien in der Wand stehen. Wie festgefroren. Jetzt los, denkt er. Sonst wird das nix. Seine Frau Juliette hatte geweint. Zu Hause waren Einbrecher gewesen. Alles hatten sie mitgenommen: Computer, Fotoapparate, Schmuck und ein bisschen Bares. Das ganze Fotoarchiv. Die Originalbilder all dieser Husarenstücke des Extremisten Sébastien. Er tröstete sie. Hauptsache, alle seien gesund. Nein, ihm gehe es gut. Übermorgen werde er auf dem Gipfel stehen. Er freue sich auf sein Zuhause und werde das mit den Versicherungen schon regeln. Er liebe sie. Wirklich, es gehe ihm gut. Sie schniefte und wusste, dass etwas nicht stimmte. Er legte auf und wusste, dass sie ihm das nicht abgekauft hatte. Sébastien kauert am Wandfuß des grimmigen Gipfels im Schnee und versucht, ruhig zu werden.

Merde, merde, merde! So eine Scheiße! Wie festgefroren hockt er da. Er muss den nächsten Schritt tun. Jetzt! Doch er kann nicht. Wie in Zeitlupe zieht er den Schuh aus der Rinne. Blickt noch einmal nach oben. Dann schnallt er sich auf einer Höhe von 7050 Metern überm Meeresspiegel wortlos die Skier an – und fährt ab. Eine Weltpremiere. Doch ohne Glanz. Ohne Glück und Applaus. Wer bei dieser Steilheit auf Skiern überleben will, hat mit Anmut, Show oder Eleganz nichts im Sinn. Er konzentriert sich darauf, nicht aus der Wand zu fallen. Jede Kehre ist ein Kraftakt. Möglichst schnell muss die Kurve gesetzt sein. Die Kanten fressen sich in den steinharten Schnee. Ein Tanz auf 1000 Höhenmetern ohne Netz. Während der Abfahrt bleibt keine Zeit, über die Niederlage nachzudenken. Drei Schwünge, stehen bleiben, nach Luft japsen, die nächsten Meter sondieren. Konzentration! Wieder drei Schwünge. Dann ein Pfeifen in Sébastiens Rücken. Er blickt sich um: Die Steine, die durch die Rinne schießen, sind schrapnellscharfe kleine Zwölfer-Kaliber. Und alles zertrümmernde, medizinballgroße 32-Pfünder. Das Feuerwerk dauert zehn Sekunden. Dann ist wieder Ruhe.

Der Berg hat auf ihn geschossen. Aber er hat ihn nicht umgebracht. Im Basislager kommt der Blues. Der Gipfel blieb unerreicht. Aber er, Sébastien, ist am Leben. Scheiße, das ist irgendwie egal! Er mag nicht getröstet werden. Schließlich stoßen die Sherpas dazu, die heil wieder abgestiegen sind. Der Berg, sagen sie lächelnd, sei nächstes Jahr auch noch da. Sébastien hebt die Brauen.

Ils peuvent bien parler! Die haben gut reden!

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  • Schwung in den Abgrund: Sébastien de Sainte Marie, 29, bei der Weltpremieren-Abfahrt an der Südwestwand des Shisha Pangma auf 6300 Meter Höhe

    Schwung in den Abgrund: Sébastien de Sainte Marie, 29, bei der Weltpremieren-Abfahrt an der Südwestwand des Shisha Pangma auf 6300 Meter Höhe

  • Tee für die Träger: Sie haben die Ausrüstung auf 5400 Meter Höhe geschleppt, jetzt brauchen die Bauern eine Pause

    Tee für die Träger: Sie haben die Ausrüstung auf 5400 Meter Höhe geschleppt, jetzt brauchen die Bauern eine Pause

  • Nah am Limit: Sébastien de Sainte Marie steigt in die Todeszone (7000 Meter), wo der Körper nicht mehr regenerieren kann

    Nah am Limit: Sébastien de Sainte Marie steigt in die Todeszone (7000 Meter), wo der Körper nicht mehr regenerieren kann

  • Der letzte Marsch: Sébastien unterwegs ins Advanced Base Camp, wo die Ausrüstung startbereit deponiert ist

    Der letzte Marsch: Sébastien unterwegs ins Advanced Base Camp, wo die Ausrüstung startbereit deponiert ist

  • Das Basis-Camp: Hier startet die Expedition, hier gewöhnt sich das Team an die Höhe – und an die Launen der Natur

    Das Basis-Camp: Hier startet die Expedition, hier gewöhnt sich das Team an die Höhe – und an die Launen der Natur

  • Die Abfahrt beginnt: Auf den ersten Metern talab sichert sich Sébastien noch mit einem Seil – er muss die Schneebeschaffenheit testen

    Die Abfahrt beginnt: Auf den ersten Metern talab sichert sich Sébastien noch mit einem Seil – er muss die Schneebeschaffenheit testen

  • Gute Nachbarschaft: Das koreanische Team wärmt sich im Zelt auf, draußen hat’s minus 23 Grad

    Gute Nachbarschaft: Das koreanische Team wärmt sich im Zelt auf, draußen hat’s minus 23 Grad

  • Nach Plan: Der Schweizer und die Sherpas bereiten sich vor: eine Rechnung ohne den Wirt – den unberechenbaren Berg

    Nach Plan: Der Schweizer und die Sherpas bereiten sich vor: eine Rechnung ohne den Wirt – den unberechenbaren Berg

  • Letzte Station: Im Advanced Base Camp scheint der Gipfel schon nah – doch das täuscht ...

    Letzte Station: Im Advanced Base Camp scheint der Gipfel schon nah – doch das täuscht ...

  • Aufbruch: Die Ausrüstung wird ins letzte vorgeschobene Camp geschleppt. Die Skier werden dort abhandenkommen

    Aufbruch: Die Ausrüstung wird ins letzte vorgeschobene Camp geschleppt. Die Skier werden dort abhandenkommen

 

Detlef Vetten