Frauensuche

Protestbewegung

Gegen rechts, Tierversuche, Stuttgart 21: Selten wurde in diesem Land so häufig demonstriert. Die meisten Teilnehmer wollen etwas bewegen. Ich dagegen hatte mir vorgenommen, auf den Barrikaden eine Frau kennen zu lernen: ein Kampf für eine bessere Welt und tollen Sex

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Aufruf
  • Unser Reporter Maximilian Reich fand auf den Barrikaden keine Frau – interessierte Damen schicken daher ihre Bewerbung bitte an: m.reich@playboy.de

Demo statt Disco

Her mit den kleinen Wutbürgerinnen!

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Entschuldigung, ich suche 500 halb nackte Frauen. Weißt du, wo die sind?“, frage ich ein Mädel, das vor mir an einer Ampel wartet. Sie schaut mich an. Schweigen. Vielleicht eine Ausländerin. „Excuse me, I am looking for five hundred ... äh ... half naked women.“ Zur Verdeutlichung ziehe ich mein T-Shirt ein Stück hoch. „Ich hab dich schon verstanden. Aber was soll der Blödsinn?“
Nix Blödsinn. Um 15 Uhr war hier auf dem Münchner Goetheplatz Treffpunkt für einen Slutwalk. Dabei protestieren leicht oder wenig bekleidete Frauen dagegen, dass man Vergewaltigungsopfern eine Mitschuld gibt, wenn sie sich aufreizend kleiden. Doch weil meine S-Bahn Verspätung hatte, habe ich ihn verpasst – und nun weiß ich nicht, wohin die Damen marschiert sind. Man könnte doch meinen, mehrere hundert Frauen, die im BH durch die Straßen laufen und brüllen: „Jesus liebt Schlampen“, müssten irgendwie aufzu­spüren sein. Denkste.
Tatsächlich sind Demonstrationen ideal, um eine Frau kennen zu lernen. Man hat schnell ein Gesprächsthema, und Pluspunkte für das Engagement gibt’s gleich dazu. Ein Mann, der sich für seine Prinzipien einsetzt – auf so was stehen Frauen. Weitere Vorteile: Selten wurde in Deutschland so häufig demonstriert. Fast jede Woche finden sich ein paar Überzeugungstäter zusammen, um gemeinsam durch irgendeine deutsche Innenstadt zu latschen. Hauptsache: dagegen! In einer der letzten Augustnächte habe ich mir daher bei zwei Flaschen Bier folgende Prinzipien rausgesucht: nein zum Euro, nein zu Delfinarien und ja zum Recht auf bauchfrei.
Ich beginne in Frankfurt (wo sonst?) mit einer Demo gegen den Euro. Ich hatte im Vorfeld die Internet-Seite des Veranstalters überflogen und weiß, dass der Euro schuld am Untergang Deutschlands ist. Entsprechend unvorbereitet stoße ich zu der kleinen Gruppe von Teilnehmern.
Ein gut gefütterter Mittvierziger mit Baseballmütze verteilt Protestschilder. „Guten Tag, darf man sich Ihnen noch anschließen?“, frage ich. „Sicher, schnapp dir gleich mal ein Schild. Ich bin übrigens der Ralf“, sagt Ralf und drückt mir ein Schild in die Hand. Ich stelle fest: Demonstranten duzen sich. Das macht das Flirten leichter.
Bewaffnet mit Schild und Trillerpfeife, stelle ich mich neben eine Frau, die so sexy wie Kerstin Garefrekes ist, aber Gabi heißt. Ein Quietschen ertönt. Ralf hat sich ein Megafon gegriffen und lässt Begrüßungsfloskeln auf uns los. Anschließend übergibt er die Sprechtüte an einen Mann, den er mit Lutz vorstellt. Lutz soll uns als Einpeitscher ordentlich heißmachen. „Der Euro ist Diktatur“, ruft Lutz. Er sagt den Satz gleich noch mal, weil Sätze wichtig klingen, wenn man sie zweimal sagt.
Nun geht es los durch die Innenstadt. Ralf und der Lutz mit seinem Mikro vorneweg, wir anderen 50 brav hinterher. Den Abschluss bildet ein Streifenwagen. Nur einer. Die Behörden rechnen nicht mit Molotowcocktail-Straßenschlachten. Ich ordne mich neben Gabi ein. „Was ist der Euro?“, fragt unser Reiseleiter durch sein Mikrofon. Antwort im Chor: „Diktatur!“ Die Straßenpassanten schauen uns irritiert an, lachen oder zeigen den Vogel. Das letzte Mal habe ich mich so geschämt, als ich in der elften Klasse meinen Turnbeutel vergessen hatte und in einer langen Baumwollunterhose aus der Fundsachenkiste am Sportunterricht teilnehmen musste.
Ich versuche, das Publikum auszublenden und mein Ziel zu fokussieren: Frauen kennen lernen. „Meinst du, wir werden mit unserem Protest etwas bewegen?“, frage ich Gabi. „Ich hoffe es. Man sieht ja, dass wir mit jeder Veranstaltung mehr werden.“ „Aber ist Diktatur nicht übertrieben?“
„Überhaupt nicht. Oder hat man dich gefragt, ob du den Euro willst?“
„Äh, nein.“
„Eben. Es wurde einfach gemacht.“ Klingt logisch. Allerdings hat mich mein Bezirksabgeordneter auch nicht vorher gefragt, wie ich das fände, wenn die Tramgleise vor meinem Haus abgebaut werden. Trotzdem ist er für mich kein Mussolini.
Der Trupp bleibt stehen, und Lutz unterbricht meinen Flirt mit einer Durchsage. „Wir stehen vor dem Gebäude der Deutschen Bank“, teilt er uns durchs Mikro mit. Ich drehe mich zum Gebäude. Er hat Recht. Wir stehen vor einem Gebäude der Deutschen Bank. Dem Bösen, wie Lutz sagt. Dann erklärt er, wie das „verbrecherische System“ der Bank funktioniert. Großes Staunen in der Runde – mir ist das schnurz. Nach drei Minuten setzt sich unsere Rebellenkolonne wieder in Bewegung. Trillerpfeifenkonzert, Schmährufe, erneuter Stopp vor einer Bankfiliale. Für Lutz vermutlich der Teufel. Mir wieder egal. Mich interessiert nur die langbeinige Dame, die plötzlich vor mir steht und irgendwo zwischen dem Bösen und dem Teufel zu uns gestoßen sein muss. „Hi“, beginne ich das Gespräch.
„Grüß dich“, antwortet sie freundlich.
„Bist du auch das erste Mal dabei?“
„Oh nein, ich mache das immer wieder mal. Und, was ist dein Eindruck?“
„Lauter Spacken hier, die, gefrustet vom Leben, gegen alles und jeden wettern“, möchte ich antworten, tu es aber nicht. „Super. Es ist echt aufschlussreich, mal zu erfahren, was einem die Regierung so verschweigt.“
Meine Mutter würde mich hauen, wenn sie mich so lügen hören würde. Während wir zum Stadtpark laufen, berichtet Franziska von ihrer DDR-Jugend und dass es jetzt auch nicht viel besser ist. Ich nicke und schweige ansonsten, weil ich lieber über einen gemeinsamen Kaffee reden möchte. Aber während ich nach einem Bogen von Stasi-Regime zu Frappuccino suche, haben wir einen Park erreicht, und jemand verteilt ein DIN-A4-Papier, das Ralf ihr „Manifest“ nennt. Ein klassisches 08/15-der-Euro-ist-schuld-am-Untergang-der-westlichen-Welt-Manifest. Nachdem er es vorgelesen hat, stehen einige von uns und ich noch in einer Gruppe zusammen. Meinungsaustausch über den Euro für die einen, tolle Gelegenheit, viele Frauen gleichzeitig anzusprechen, für mich. Als gerade mal niemand spricht, werfe ich meine Stimme in den Kreis: „Das war heute meine erste Veranstaltung. Deswegen möchte ich mich für die Erfahrung bedanken und dass ihr mir die Augen geöffnet habt.“ Der Pöbel klatscht. „Und ich fänd’s toll, wenn ihr mit mir noch was trinken geht.“ Bei diesem Satz schaue ich direkt Franziska an. Die Stunden bis zu meiner Zugabfahrt verbringe ich in einem Restaurant mit Tobias, Werner, Klaus und André.
Eine Woche später. Der Tierpark in Nürnberg hat sein Delfinbecken vergrößert. Vielen Tierschützern reicht das aber nicht. Für sie gehören die Tiere in Freiheit. Deswegen haben die Tierfreunde ein Info-Zelt vor dem Zaun des Zoos aufgeschlagen. Und rechts daneben hält Iris ein selbst gemaltes Plakat mit Delfinen in der Hand.
„Cooles Bild“, lobe ich.
„Danke, hab ich selbst gemalt.“
„Wohl eine echte Tiernärrin?“
„Klar, ich habe daheim zwei Schlangen, zwei Hasen und eine Katze.“
„Tierfreunde sollen ja sehr zärtlich sein“, sage ich lächelnd zu ihr. Aber da unterbricht uns eine weitere Teilnehmerin, die sich selbst Bienchen nennt und für Iris’ Zärtlichkeit nichts übrig hat. Bienchen ist eher ein Brummer mit Brüsten. „Womit fütterst du deine Schlangen?“, fragt sie mit unheilvoller Stimme. Grundgütiger, sag jetzt nichts Falsches, Iris. Aber zu spät: „Mäuse“, antwortet das blonde Dummchen. „Und woher hast du die Mäuse?“, bohrt Bienchen weiter. Iris: „Aus dem Tierheim.“ Bienchen: „Durch dich werden Tiere als Futter gezüchtet.“ Ich bin ratlos, wie ich Iris da beistehen und in mein Bett bekommen kann. Aber in diesem Moment stellt sich ohnehin ein Mann neben Iris, den sie mit „Schatz“ anredet. Daher spare ich mir einen Rettungsversuch und schlage mich lieber auf die Seite der Stärkeren: „Finde ich auch. Nur Haustiere wie meinen Cocker Spaniel darf man sich halten“, sage ich, um Iris eins reinzudrücken, weil dieses Stück mir ihren Freund verschwiegen hat. Meinen Fehler bemerke ich schon, als ich Bienchens Bizeps zucken sehe. Aufgebracht wird mir erklärt, ich sei schuld, dass Hunde gezüchtet werden und in Heimen leiden.
Ein paar Meter weiter auf der anderen Straßenseite steht eine Frau einsam an der Tram-Endhaltestelle, um den aussteigenden Leuten Infobroschüren zuzustecken. Typ Öko, aber nicht total unattraktiv. Ich gehe zu unserem Infostand, nehme mir einen Packen der Broschüren, gehe zu ihr rüber und frage: „Hey, darf ich dir beim Verteilen helfen?“ „Sicher.“ Sie erzählt mir, dass sie Laura heißt und Veganerin ist.
Mir sind Veganer suspekt, aber es ist ein guter Anknüpfungspunkt. Ich stelle so ziemlich jede Veganer-Frage, die mir einfällt: Wie kamst du zum Veganertum („Durch ein Buch“), darfst du Süßigkeiten essen („Ja, da gibt es spezielle“) und, und, und. Sie redet viel, aber immer sachlich, nichts Erotisches. Einsetzender Regen stoppt unsere Unterhaltung. Demonstranten brechen allmählich auf, Laura macht auch Anstalten.
Ich muss in die Offensive: „Lust, was trinken zu gehen?“, frage ich sie. „Ich will mehr über vegane Ernährung erfah­ren.“ „Geht nicht. Mein Mann holt mich ab. Aber mail mir, wenn du Rezepte brauchst.“ Ihr Mann? Das ganze Gefasel über Veganismus – völlig umsonst. „Hmm, ne, danke, passt schon“, antworte ich gefrustet und dann: „Puh, Donnerlüttchen, jetzt muss ich aber echt dringend weg“, und steige in die Tram ein. Abfahrt in neun Minuten. Ich spüre ihren Blick. Neun Minuten lang.
Nächste Demo: der Slutwalk in Passau. Eine gute Sache. Das Beste daran: Die Frauen demonstrieren in BHs, Hotpants und artverwandter Kleidung. Trotzdem bin ich angespannt, als ich schon aus der Ferne einen Pulk Teilnehmerinnen sehe,
der „Nein heißt nein“ kreischt. 60 aufgebrachte Frauen, die rufen „Mein kurzer Rock hat nichts mit dir zu tun“ – und ich will sie anbaggern. Ich hatte schon bessere Ideen.
Als ich frage, ob ich mich anschließen darf, sind sie ganz friedlich. „Klar, schön, dass du da bist“, sagt eine kleine Asiatin auf Englisch zu mir, als wüsste sie nicht, was sie trägt. Sie hält mir zwei Schilder zur Auswahl hin. Auf dem einen steht: „Mein kurzer Rock hat nichts mit dir zu tun.“ Auf dem anderen: „Mein Körper gehört mir, egal, wie nackt ich bin.“ Das erste passt nicht zu mir, findet sie, und überreicht mir das zweite.
Wir starten, schwenken Schilder, schmettern Parolen, und mein erster Annäherungsversuch an eine Rothaarige läuft so vielversprechend, bis sie ihrer Freundin zärtlich den Nacken streichelt.
Also suche ich mir die Nächste und lande bei der Asiatin. Der übliche Small Talk, denn Small Talk mit Nackten unterscheidet sich nicht von dem mit Bekleideten. Sie ist 31 Jahre alt, und als ich sage, dass ich aus München komme, erzählt sie mir, dass dort bald ein Slutwalk stattfindet. Ich nicke, und sage: „Yes, yes.“ Dann sagt sie etwas, das ich nicht verstehe, und lasse ein weiteres „Yes, Yes“ folgen. Was ich so eifrig bejaht habe, erfahre ich, als es ein Gruppenfoto mit den Initiatoren gibt und die Asiatin mich hinzuruft. Die Erklärung für meine Aufnahme in den Nackedei-Zirkel nennt sie gleich mit: „Max wird den Münchner Slutwalk organisieren.“ Plötzlich wollen alle mit mir reden. Wo er stattfinden wird, wie die Vorbereitungen laufen und, und, und. Und ich habe nicht den leisesten Schimmer. Ich bekomme Panik, lieber weg hier. Ich verspreche, mich bald mit Infos zu melden, und verdufte.
Warum ich mich dennoch zum Slutwalk in München getraut habe? 500 Damen sollen laut Facebook-Zusagen heute daran teilnehmen. Unwahrscheinlich also, dass ich jemandem aus Passau begegnen werde. Zumal ich ohnehin zu spät gekommen bin. So stehe ich hier und warte noch immer auf die Antwort von dem Mädel an der Ampel: „Wieso Blödsinn? Hier soll doch heute der Slutwalk sein?“
„Ach so“, lächelt sie. „Nee, tut mir leid.“ Dann wünscht sie mir noch viel Erfolg und geht. Ich will auch weiter. Dann drehe ich mich doch noch mal um und sehe, wie sie ein Café betritt. Süßer Hintern. Ich folge ihr, spreche sie erneut an. „Ich dachte mir, ich warte hier, ob die Demonstranten noch mal auftauchen. Darf ich mich zu dir setzen?“ Ich darf. Es ist wunderbar. Mein Thunfisch-Sandwich schmeißt sie nicht an die Wand und brüllt „Mörder!“, und meine Deutsche-Bank-EC-Karte lässt sie auch erstaunlich kalt. Ich bin verliebt.
  • Unser Autor wollte bloß mit Frauen in Reizwäsche gegen Ungerechtigkeit kämpfen – und musste mit dem Versprechen bezahlen, einen Slutwalk zu organisieren

    Unser Autor wollte bloß mit Frauen in Reizwäsche gegen Ungerechtigkeit kämpfen – und musste mit dem Versprechen bezahlen, einen Slutwalk zu organisieren

 

Maximilan Reich