mehr Menschen

HA-HA-HA UND HO-HO-HO

Auch wenn wir in diesen Zeiten nicht viel zu lachen haben: Humor ist eine viel zu ernste Sache, als dass man ihn dem Zufall überlassen sollte. Eine Nachhilfestunde

 
Auf der Straße regiert der Schrecken. Bankenkrise. Aktien im freien Fall. Veronica Ferres trennt sich von Martin Krug, und der pannengeplagte Helmut Mehdorn lenkt noch immer die Geschicke der Deutschen Bahn. Alles zum Heulen. So kann es nicht weitergehen.
Da extreme Zeiten extreme Handlungen erfordern, mache ich mich auf, einen Ort der Freude zu suchen. Einen Flecken, wo die Welt noch im Saft steht. Dort, wo noch aus voller Kehle gelacht wird – im Notfall mit Gewalt.
Es gibt diese Orte. Es gibt diese Menschen. In abgelegenen Waldstücken, in Provinzturnhallen oder bei der Volkshochschule treffen sie sich in konspirativen Grüppchen: in Lachclubs. Ich habe mich eingeschmuggelt und ins gemachte Nest dieser Spaßvögel gesetzt.
Sie verstecken sich – und sie wissen, warum. Denn was sie treiben, hätte vor 100 Jahren direkt in eine weiße Jacke mit langen Ärmeln geführt. Eine, die man hinten schließt. Denn Lachen ohne Grund gilt noch immer als Vorzimmer zum verrückten Hinterstübchen.
Schon der Kursbeginn ist ein Zwerchfellreizer. Um 19.19 Uhr geht es los. Beim Lachclub in Ingolstadt. Und gleich zündet Frau Meier, die Leiterin, die erste Lachbombe. „Hämorrhoiden?“, fragt sie. „Ich?“, frage ich. „Hämorrhoiden können unter dem Druck des Lachens platzen“, sagt sie mit ernster Miene. Unweigerlich muss ich kichern wie ein Schuljunge, der zum ersten Mal das Wort „Pimmel“ laut gesagt hat. Frau Meier stimmt in meine Gackerattacke nicht ein, ich breche schlagartig wieder ab – es ist ihr ernst. Bierernst.
Schon der Gedanke an dieses Treffen amüsiert. Es ist wie in Chuck Palahniuks Buch „Fight Club“. Wo sich Männer zu illegalen Hauereien verabreden, um sich den Frust und die Erniedrigung des Alltags von der Seele zu prügeln.
53 Lachclubs gibt es in Deutschland – ohne Hauereien zwar, aber auch sie wollen die Seele vom Stress befreien.
Dass Lachen gesund ist, weiß selbst der Volksmund. Und sogar ein gezwungenes Lachen soll Endorphine, die sogenannten Glückshormone, freisetzen.
Die Bewegung organisiert sich weltweit in über 5000 Lach-Dependancen. Alle mit einer erklärten Mission: Lachen für den Weltfrieden. Eine halbe Stunde in der Woche soll schon reichen.
Das organisierte Lachen beginnt mit einer Begrüßung auf Ibberisch. „Ich spreche kein Ibberisch“, sage ich. Die anderen auch nicht. Ibberisch ist eine Fantasiesprache. Jeder brabbelt den anderen voll. „Dubi dubi dumm. Dilo hubo hamba dup“, sage ich. Und bekomme prompt eine Antwort: „Wip wup döt döt.“
Ich habe in Swingerclubs gefeiert, bei einem Schamanen mein Ich gesucht und mich im Jugendknast einbuchten lassen. Aber so etwas habe ich noch nicht erlebt.
Einer Broschüre entnehme ich, dass Lachen nicht so ungefährlich ist, wie man hinlänglich annimmt. Fröhlich sein kann tödlich enden. Für Menschen mit Hämorrhoiden oder Leistenbruch, mit Bypass oder Tuberkulose und für Schwangere gilt Lachverbot.
„Ho-Ho-Ha-Ha“, ruft Frau Meier. Der Rest der Gruppe stimmt mit ein. Ein Versicherungsmakler, ein Einzelhändler, zwei Hausfrauen, eine Rentnerin und ich sind die Mitglieder der heutigen Spaßgesellschaft. Wir stehen im Kreis und grinsen uns an.
Ich hatte angenommen, dass jemand einen Witz erzählt. So etwas wie: „Kommt ne Frau zum Arzt ...“ Aber nichts da.
Angefangen hat der organisierte Lachspaß am 13. März 1995 in Bombay. Der Inder Dr. Madan Kataria will herausgefunden haben, dass Kinder 400-mal am Tag lachen. Erwachsene hingegen nur 15-mal. Den Alten musste geholfen werden – fand Dr. Kataria.
Ingolstadt ist nicht Bombay. Und doch ist die Lachbewegung nun auch in der bayerischen Provinz angekommen und hat die Miesepetrigen unterwandert.
Plötzlich steht Frau Meier wenige Zentimeter vor mir, reißt die Hände hoch und den Mund auf, streckt mir die Zunge entgegen und lacht. Sie demonstriert damit das „Löwen-Lachen“. Eine von unzähligen Techniken, die allesamt bekloppte Namen tragen. Wie „das Handy-Lachen“, „das 1-Meter-Lachen“, „das Milchshake-Lachen“, „das Herz-zu-Herz-Lachen“.
Es kommt dabei auf das richtige Atmen an. Nach jeweils 45 Sekunden ist die Lachtechnik beendet. Dann heißt es: entspannen. Luft raus. Und den Oberkörper gaaanz weit nach vorn beugen.
Und tatsächlich: Es fällt einem erstaunlich leicht, diese Übungen mitzumachen. Weil alle mitlachen, käme man sich noch dümmer vor, wenn man es nicht täte. Grundloses Lachen ist so bescheuert, dass man es irgendwann lustig findet.
Nach einer halben Stunde schmerzen die Bauchmuskeln. Es fühlt sich an wie nach einer guten Einheit im Fitnesscenter. Bankenkrise, Mehdorn, alles vergessen. Ich fühle mich tatsächlich ein Stück glücklicher.
Mit einem Lächeln auf den Lippen kehre ich zu meinem Auto zurück und muss feststellen, dass mir irgendein Vollidiot seine Autotür in die Seite gerammt hat. Eine richtig schöne Delle – zum Heulen.

Tim Gutke ]

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