mehr Menschen
Die rosarote Armee
... oder wie ich hunderte von Frauen auf meiner Brautschau in der ukrainischen Provinz traf
 
Elena ist die Brünette mit dem kurzen Rock, die rote Unterwäsche mag. Ludmila ist die Langbeinige mit dem Playboy-Bunny im Bauchnabel, die mir gleich am Knie herumgespielt hat. Aber war Anastasia nun die große Blonde oder die süße ärztin? Spätestens bei Tisch Nummer vier habe ich den überblick verloren.

Das ist auch nicht einfach, schließlich muss ich mich alle 15 Minuten an einen neuen Tisch begeben, an dem nur Frauen sitzen. Macht zwanzig Frauen in der Stunde, 60 allein an diesem Abend. All die hübschen Aschenputtel strahlen mich an, als wäre ich der Traumprinz, der endlich gekommen ist, um sie aus Charkow zu befreien. Diesem trostlosen Ort irgendwo ganz tief hinten in der Ukraine.

Ich bin mit einer amerikanischen Reisegruppe unterwegs, von einer Firma, die First Dream heißt und heiratswillige Männer in abgelegene Provinzkaffs karrt, weil es da noch schöne, blutjunge und heiratswillige Frauen gibt.

„In Kiew, Moskau und Sankt Petersburg sind die Frauen schon verdorben”, sagt Reiseveranstalter Jack Bragg. Sie wollen junge, attraktive, reiche Typen. Genauso anspruchsvolle Bräute wie daheim in den USA oder Deutschland. Dafür muss man nicht Tausende von Kilometern fahren. Deshalb bringt Jack seine Kunden in bis zu zwölf ukrainische Provinznester. Diesmal geht es von Charkow über Saporoschje und Dnjepropetrowsk nach Herson und Lugansk: Mit den Partys und stündlichen Verabredungen können die Männer in drei Wochen bis zu 500 Frauen treffen. Extremdating im sozialistischen Hinterland.

Bei der ersten Party in Charkow fühle ich mich wie Robbie Williams. überall schmachtende Blicke. Drei Mädchen zerren an mir, um mich auf die Tanzfläche zu ziehen. „Treffen wir uns später noch?”, haucht mir eine ins Ohr. „Du bist der schönste Mann hier”, flüstert eine andere. Das passiert mir zu Hause nie.

Die Konkurrenz ist allerdings lausig. Ich bin deutlich jünger als die meisten anderen Männer. Larry ist 55, Ray 64, Ken 48. Sie alle suchen nach Frauen, die wenigstens 20 Jahre jünger sind.

Larry ist der Typ jung gebliebener Playboy, der sich für ein Waisenhaus in der Ukraine engagiert. Ken ein in Frauenfragen ebenso naiver wie erfahrungsloser Vizepräsident einer Bank. Ray hat sogar seinen Sohn mitgebracht, damit gleich beide eine Braut mitnehmen können. Sie alle eint nur eines: Daheim finden sie keine Frau.

„Ich gehe eben da angeln, wo die Fische beißen”, sagt Mark, 47, athletischer Körper, 1,75 Meter groß, 66 Kilogramm, Fabrikbesitzer. Einen guten Köder hat er mitgebracht: sein privates Fotoalbum.

Ein Feuerwerk materialistischer Phantasien: Mark und sein Rennboot. Mark und sein schwarzer Mercedes SLK. Der Blick über den Pool seines Hauses in Florida auf den Strand. Seine Fabrik für elektronische Halbleiter-Bauteile. Das geräumige Wohnzimmer. Und schließlich als absolute Klimax: ein Blick in die Schlafgemächer samt Himmelbett und dem grünen, frisch aufgebügelten Samtbezug.

Auf dieser Matratze könnte sich die 24-jährige Studentin Olga bald räkeln, mit den vollen Lippen und der perfekten Figur, wenn sie nur wollen würde. Dutzende Männer reisten eigens ihretwegen in die ukrainische Pampa. Angelockt von der betörenden Schönheit ihrer Bilder im Internet-Profil. 25 Euro verlangt die Agentur Allukrainebeauties dafür, dass sie ein Treffen mit Olga organisiert.

„Das Fotoalbum ist spitze”, sagt sie und lächelt selbstsicher. „Nur Mark gefällt mir nicht so.” Da sucht sie lieber weiter, so schlecht geht es ihr nicht, dass sie den Erstbesten heiraten würde. Die gute wirtschaftliche Entwicklung in der Ukraine ist negativ für die Heiratsvermittler und ihre Kunden. Hungrige Fische beißen besser.

Das Gesetze der Globalisierung gelten längst auch für zwischenmenschliche Beziehungen. Es gibt immer irgendwo auf der Welt jemanden, der besser ist. Die westlichen Frauen gelten als verhätschelt: Sie wollen sich selbst verwirklichen, und sie wollen Männer, die den Müll runterbringen, kochen und sich auf dem Klo hinsetzen. Männer wie Mark, Rob oder Ray wurden von ihren westlichen Frauen betrogen, im Scheidungskrieg gefleddert, oder sie haben erst gar keine gefunden. Deshalb fahnden sie nach Frauen, von denen es heißt, sie würden alles opfern, um ihrem Gatten das Leben zu versüßen.

Meine erste Verabredung habe ich mit Svetlana. Sie ist 23 Jahre alt und gerade mit dem Studium fertig geworden. Sie hat eine tolle Figur und unglaublich zarte, lange Finger. Wir schlendern gemeinsam durch den Park und versuchen Small Talk. „Was machst du?” „Was magst du?” „Wen suchst du?” Ihr Englisch ist armselig.

Ich kann mich nur schwer auf unser Gespräch konzentrieren. Wir spazieren durch Horden kurz berockter, gertenschlanker Mädchen. Ich verliebe mich im Minutentakt. Die Ukraine hat neben Weizen und Kohle vor allem einen wertvollen Rohstoff: schöne Frauen. Eine Nation von Playmates.

Vielleicht fällt es auch deshalb so auf, weil die Pracht so ungerecht verteilt ist. Die einheimischen Männer halten gern schon mittags eine Bierflasche in der Hand, tragen Trainingsanzüge und die Haare in die Stirn gekämmt wie bei uns die Buben in der Grundschule. Wenn man nur das Netz ins Wasser hängen muss und die Fische schwimmen hinein, dann werden die Fischer eben faul.

Svetlana und ich gehen mittagessen. Mein Salat „San Remo” besteht aus alten Hühnchenfetzen in Mayonnaise-Tunke, ein Salat, der in San Remo zur sofortigen Schließung des Lokals geführt hätte. Ich frage sie: „Magst du Kunst?” Sie antwortet: „Was ist Kunst?” Schließlich scherze ich, dass wir uns vielleicht mal oben auf dem World Trade Center in New York treffen könnten. Sie sagt: „Au ja, das wäre toll.” Wie soll ich es sagen: Das Date war so gut wie der Salat.

Danach treffe ich Julia, eine Englischlehrerin, die sich die Achseln nicht rasiert, was sie trotz scharfer Figur unmittelbar aus der Fraktion der ernsthaften Hochzeitsanwärterinnen katapultiert. Dann treffe ich Natalia, ein süßes 20-jähriges Model. Sie hört sich gern reden, ich nicht so.

Es folgen die zarte Elena, die lustige Ludmila und die lüsterne Anna. Erste Erkenntnis: Die Mädchen sind nicht dümmer als bei uns. Es ist nur noch schwerer, sich mit ihnen emotional zu verbinden. Die Sprachprobleme stören und die kulturellen Unterschiede: Sie haben andere Themen, andere Sorgen, andere Vorlieben, andere ängste. Wir teilen eigentlich nur den Traum vom Glück, dass irgendwie doch noch alles gut wird im Leben.

Dreimal im Jahr fährt Jack Bragg mit seinen Kunden in die Ukraine und nach Russland. Bragg ist ein cholerischer, 52-jähriger texanischer Koloss, der fast jeden Tag dasselbe Basketball-Shirt trägt und zu Hause immer ein Gewehr auf dem Beifahrersitz herumliegen hat. Er war selbst mit einer Ukrainerin verheiratet und ist inzwischen - frisch verlassen und geschieden - wieder auf der Suche.

Er verlangt rund 3000 Euro für Reiseleitung und Partys bei der 9-Städte-Tour - ohne Flüge, Essen und Unterbringung. Die deutschen Heiratsvermittlungsfirmen bieten solche Gruppenreisen nicht an. Das hat der Berufsverband verboten: zu unseriös. Die Heiratsvermittler setzen auf Einzelreisen, bei denen die Männer die Frauen im Internet auswählen und dann individuell treffen. Auch bei Jack dürfen die Männer bereits daheim aus Hunderten Profilen ihre Frauen-Wunschliste aufstellen. Im Kern sind die Inhalte der Profile gleich: „Romantische, treue, Kinder liebende, aufrichtige Sexbombe sucht reichen Mann.” Aber meinen es die Frauen auch ernst?

Ray war schon 20-mal auf Heiratstour in der Ukraine. Dabei ist der Besitzer einer Fabrik für Golfrasen-Besamungsmaschinen leider schon so mancher Betrügerin auf den Leim gegangen. Die eine traf er fünf Tage lang, abends gab es immer ein Küsschen. Dann bat sie ihn um neue Schuhe und kaufte gleich die teuersten für 300 Dollar, einen Tag später ein Handy für weitere 300 Dollar. Dann wollte sie Geld fürs Flugticket für die gemeinsame Reise nach ägypten und hat sich einfach nicht mehr gemeldet. Solche Geschichten können auch seine Mitstreiter erzählen.

Viele Mädchen haben die einst verfeindeten Ideologien Sozialismus und Kapitalismus auf wundersame Weise verschmolzen: ein Leben ohne Leistungsdruck, mit hoher Sicherheit und doch im Luxus. Geht nicht? Doch. Man muss nur einen reichen Westler heiraten.

„Ich will, dass mir mein Mann ein entspanntes Leben ermöglicht”, sagt Marina. Sie ist mein elftes Date. Eine große, dunkelhaarige Traumfrau, deren Brustwarzen sich auf dem Oberteil abzeichnen, weshalb ich nicht mit ihr sprechen kann, ohne in kalten Schweiß auszubrechen. „Wenn einer schreibt, er sei ein hart arbeitender Mann, ist das bei euch positiv, bei uns ist das kein erstrebenswerter Zustand”, sagt Marina. Sogar in den Märchen sei das so. Der ukrainische Nationalheld Ilja Muromez lag 33 Jahre gelähmt am Ofen, dann stand er auf und befreite Kiew. Die Moral der Geschichte: Auf den, der wartet, kommt alles mit der Zeit zu.

„Bei mir gibt es erst mal keinen Sex”, erklärt Marina. Sex sei schließlich ihr einziges Druckmittel. Wer ihr an die Wäsche will, sollte sich zumindest verloben. Da verfolgen die ukrainischen Frauen unterschiedliche Strategien. Ray etwa hatte Glück - er wollte die blonde Ludmila nach der Party zum Abendessen ausführen. Sie wollte nur noch den Koffer abstellen. „Kaum waren wir im Zimmer, schon machte sie meinen Hosenschlitz auf. Sie hat mich die Nacht so rangenommen, dass ich mich am nächsten Morgen fühlte wie Rocky in Rocky 1 nach seinem Kampf.” Ray und ein paar andere haben sich schon verliebt.

Doch dann geht der große Stress erst los. Es ist sehr kompliziert, die Traumfrau nach Hause zu holen: langwierige Visa-Verfahren, die Angst davor, dass sie sich doch nur in die Projektion ihrer Wünsche verliebt hat. Die ersten Probleme, wenn das Heimweh kommt. Es ist die Geschichte vom alten Mann und dem Meer. Vielleicht reicht die Kraft doch nicht, um den großen, schönen Fisch an Bord zu ziehen.

Noch will sich keiner der Männer festlegen: Die besten Frauen warten erst noch auf uns. Am sechsten Tag erreichen wir endlich Lugansk. Die gelobte Stadt am Ende der Welt, im östlichsten Zipfel der Ukraine. Unter Frauenliebhabern ist das Kaff längst ein Geheimtipp. Keiner kann sich erklären, warum es ausgerechnet in dieser Stadt eine solche Häufung schöner Frauen gibt. 40 Agenturen vermarkten die Beautys. Am Abend dann die große Party. Fast hundert Mädchen sind gekommen. Ein Defilee der Dekolletés, kurze Kleider in Pastellfarben, dazu hohe Schuhe und grelles Make-up. Es ist das letzte Aufgebot des Sozialismus: die rosarote Armee.

Die Männer haben sich in die besten Anzüge geworfen. Mit Einstecktuch und Siegelring. Drei Stunden, 15 Tische. 18 Namen habe ich mir notiert, von Frauen, die in Frage kommen würden. Darunter zarte Schönheiten wie die 27-jährige Sonia, die einen Mann sucht, „der mich mein ganzes Leben lang liebt und respektiert”. Welcher Mann der Erde würde sich nicht in dieses Reh verlieben? Danach gehen wir mit den besten Frauen in einen Club. Tatiana? Ludmila? War Natascha die große Blonde oder die süße Juristin? Ein Wodka-Schleier legt sich über die Erinnerungen. Die hehren Hochzeitsabsichten schleichen sich davon. Manche Amerikaner legen die Angel zur Seite und holen die Harpune heraus.

Ich glaube, für mich ist so eine Brautschau nichts. Vielleicht bin ich einfach zu romantisch für diese Form der Eheanbahnung. Oder noch nicht alt genug. Ich muss oft an den Satz denken, den mir mein Vater einst beim Angeln mitgab fürs Leben: Die schönsten Fische haben oft die meisten Gräten.

Oliver Kuhn ]
shopDie neue Kollektion ist da! Kult-T-Shirt „I Love Bad Boys” für nur 24,90 Euro
... zum Shop
 
Meine Favoriten
Speichern Sie diese Seite in Ihren Favoriten.
Geben Sie hier eine Bemerkung ein:

... zu meinen Favoriten