Fasten your seat belts
Einmal Astronaut sein, das wird für die breitere Masse immer wahrscheinlicher. Schon bald soll es mit den Touri-Flügen ins All losgehen
Die Szene könnte aus einem der vielen Hollywoodepen stammen: Ein Mann steht im Astronautenanzug in der Wüste, unter dem Arm trägt er einen Helm. Hinter ihm steht eine verchromte Boeing 747, Granitaugen blicken aus seinem ledrigen Gesicht in den metallicblauen kalifornischen Wüstenhimmel.
Mojave, ein 2000-Einwohner-Nest 100 Meilen nördlich von Los Angeles, lässt sich nicht viel anmerken davon, was hier geschehen soll. Gelegentlich fährt ein Güterzug vorbei, mit Enden bis zum Horizont. In „Mike’s Roadhouse Café” zeigen die Karaokesänger ihr Können – viel mehr gibt es hier nicht, im Westen der Mojave-Wüste. Manchmal braucht der Fortschritt eben Einsamkeit.
Aber er kommt, der Fortschritt, er steht praktisch schon vor der Tür. Und Brian Binnie ist der Mann, der ihn verkörpert. Denn hier, am Mojave Air and Space Port, wird in wenigen Tagen ein neues Kapitel der Menschheitsgeschichte aufgeschlagen: Hier starten die Testflüge für die ersten Jedermann-Reisen ins All.
Binnie wird die Maschinen testen. Und Binnie wird es sein, der die Touristen ins All bringen soll. So wie heute die Piloten Passagiere nach Mallorca oder sonst wohin verfrachten. Für zweieinhalb Stunden und 200.000 Dollar wird er mit ihnen ins All fliegen – und wieder zurück.
Der lebendige „Top Gun”-Pilot
Viele Raumfahrer haben hier in der kalifornischen Wüste als Testpiloten bei der U.S. Air Force begonnen, um den alten Traum vom Fliegen noch eins weiter zu drehen. Typen wie Chuck Yeager, der hier 1947 mit seiner Bell X-1 als erster Mensch die Schallmauer durchbrach. Oder Burt Rutan, 65, der eines Tages die Schnauze voll hatte vom Vietnamkrieg und davon träumte, Flugzeuge zu bauen, die mehr können als herkömmliche Flieger. Oder eben Typen wie den zehn Jahr jüngeren Brian Binnie.
Binnie interessiert sich schon als kleiner Junge für Flugbahnen: Es ist das Spiel Mensch gegen die Schwerkraft, das ihn fasziniert. Er macht ein Diplom in Luftfahrttechnik, dann ein zweites und schließlich ein drittes. Er geht zur Navy, legt dort eine steile Karriere hin, als Kampf- und als Testpilot, Ernstfall inklusive. Beim Golfkrieg 1990/91 ist er ab der ersten Angriffswelle dabei, in einer F-18 mit 2000 Kilo Gefechtsmunition unter dem Flügel.
„Nachts schwer bewaffnet vom Flugzeugträger starten, nicht wissen, was von unten kommt, und im Dunkeln bei Seegang wieder auf dem Schiff landen müssen – fliegerisch ist so etwas kaum zu toppen”, sagt Binnie. Bei allen 35 Einsätzen zählt er zu den zehn besten Piloten. Wenn es ein Vorbild für „Top Gun” gäbe, dann wäre das Binnie.
Ende der 90er-Jahre will man ihn, den Fliegerhelden, nicht mehr im harten Schalensitz der F-18. Man will ihn in einen gemütlichen Bürostuhl verpflanzen, ins Pentagon, ins ferne Washington. Doch das ist nichts für ihn. Binnie kündigt, nach 20 Dienstjahren. Da bleibt er doch lieber in Mojave und testet bemannte Trägerraketen.
Der verrückte Wettlauf ins All
Er hatte gehört von diesem verrückten Wettbewerb. Ein Wettlauf ins All, er beginnt 1996 mit der Auslobung eines Stiftungspreises: Es geht darum, ein wieder verwendbares Raumschiff zu bauen, mit dem man binnen zwei Wochen zweimal die 100-Kilometer-Grenze zum Weltraum überschreiten kann.
Brian Binnie und der Konstrukteur Burt Rutan schaffen das, mit ihrem SpaceShip-One, im Oktober 2004. Rutan betreibt dort am Flughafen seit mehr als 20 Jahren das Unternehmen Scaled Composites, eine kleine Firma für Leichtbauflugzeuge. Die Prämie für ihren Rekordflug: zehn Millionen Dollar.
Das Prinzip, mit dem Rutan seine 25 Konkurrenten schlägt, ist so genial wie einfach: Das Raumschiff startet nicht aus eigener Kraft vom Boden, sondern wird von einem Trägerflugzeug in rund 15 Kilometer Höhe gebracht. Von dort aus katapultiert es sich per Raketenantrieb zu einem Parabelflug in rund 110 Kilometer Höhe. Da mit zunehmender Höhe der Luftwiderstand abnimmt, verbraucht diese Methode vergleichsweise wenig Treibstoff. Das, erklärt Binnie, er hat ja schließlich drei Diplome in Luftfahrttechnik, mache die Sache einfacher, sicherer und flexibler.
Nach dem Rekordflug des SpaceShip-One, des SS1, steigt der Milliardär Richard Branson mit seiner Firma Virgin Galactic als Finanzier Rutans in das Projekt ein. Für Binnie „genau die richtige Mischung”, um die Stagnation in der bemannten Raumfahrt nach dem „Columbia”-Absturz 2003 endlich aufzulösen. „Um die bemannte Raumfahrt wieder nach vorn zu bringen”, sagt er, „brauchen wir etwas, das die Massen mitreißt. Einen Katalysator wie damals beim Sputnik-Schock.” Eine Mission, wie Binnie sie jetzt unternimmt, mit dem SpaceShip-Two, dem SS2, dem Raumgleiter der zweiten Generation.
Dass das SS2 den Sputnik-Effekt zünden kann, steht für Binnie außer Frage. Nach vier Jahren hermetisch abgeschirmten Entwerfens, Bauens und Programmierens in Mojave fiebert Binnie nun dem 29. Juli entgegen. Dann soll sich der Hangar öffnen und White Knight Two zum Vorschein kommen. Das neue Trägerflugzeug. WK2 ist mit einer Flügelspannweite von 43 Metern fast doppelt so groß wie der Prototyp WK1 und wird von vier kräftigen Pratt & Whitney-Turbinen angetrieben. Binnie soll das größte Karbonflugzeug der Welt sofort testen, so wie er den Vorgänger schon getestet hat. Einen größeren Traum für einen Piloten kann es nicht geben.
Bitte anschnallen
„Am Anfang ist es wie beim Rodeo”, sagt Binnie. „Du willst ins Freie, steckst aber fest. Dann explodiert es unter dir, und acht Sekunden entscheiden über Sieg oder Niederlage”, beschreibt er das irre Gefühl, sich mit einem Raumschiff aus Kohlefaser und Plastik schneller als eine Gewehrkugel in den Weltraum schießen zu lassen. Beim Testen eines solchen Prototyps, das weiß Binnie genau, gibt es viele Sachen, die schieflaufen können.
Die 90 Sekunden Beschleunigung, die nach Binnies Fingerdruck auf die Zündung des Raketenantriebs folgen, verändern die Sicht auf die Welt. Den Körper wie von einem Bulldozer in den Sitz gepresst, zieht Binnie das SpaceShip mit einer Steilkurve in die Senkrechte. In acht Sekunden beschleunigt es von 200 km/h auf Schallgeschwindigkeit (1234,8 km/h = Mach 1). Nach 60 Sekunden in einem ständig dunkler werdenden Himmel ist die Spitzengeschwindigkeit erreicht: Mach 3,2. Mehr als 1000 Meter pro Sekunde. Anderthalbmal so schnell wie eine F-18.
Der umwerfendste Moment aber wartet in 60 Kilometer Höhe, wenn die Rakete ausgebrannt verstummt. Das ist der magische Augenblick, für den man die Reise überhaupt macht.
„Der höllische Lärm und die Schockwellen, die dir die Sinne rauben, sind schlagartig weg”, sagt Binnie. „Und im selben Augenblick – noch bevor du erkennst, dass du im schwarzen All bist, dass die Erdatmosphäre zu einem dünnen, deutlich gekrümmten, elektrisch-blau leuchtenden Streifen geworden ist und du vergisst, dass gerade die dreifache Erdbeschleunigung auf dir lastete – merkst du, dass du nichts mehr wiegst. Dass du schwerelos bist.”
Rund fünf Minuten wird dieser Moment dauern, so lange können die Passagiere frei im SS2 herumschweben. Völlig schwerelos. Und völlig losgelöst von der Erde.
Dann geht es aus rund 110 Kilometer Höhe wieder nach unten, abgebremst durch senkrecht aufstellbare Seitenflügel. Beim Wiedereintritt in die Atmosphäre wird’s dann noch mal ruppig. „So, als wenn man durch einen Tornado fliegt”, sagt Binnie.
Mit 18 Meter Länge fällt auch das Shuttle-ähnliche SS2 viel größer aus als sein Prototyp. Der war eher ein riesiges Zäpfchen mit Flügeln. Das SS2 hat Platz für acht Personen statt zwei: zwei Piloten und sechs Passagiere. Nächstes Jahr soll der erste Tourist mit dem SS2 in die Luft gehen, vorher wollen Binnie und seine Pilotenkollegen etwa 50 Testflüge mit dem Raumschiff absolvieren.
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Mehr als 85.000 potenzielle Passagiere haben laut Virgin Galactic ihr Interesse am Flug bekundet, über 250 Trips seien bereits verkauft. Kate Moss und Captain-Kirk-Darsteller William Shatner, 77, stehen angeblich auf den ersten Passagierlisten. Einige Passagiere haben auch schon Medizin-Check und Zentrifugen-Test bestanden, wo Schwerkräfte bis 6,5 g simuliert werden. Damit kein Zweifel aufkommt, ob auch wirklich jeder mitfliegen kann, hat Branson angekündigt, seinen 90-jährigen Vater zum Astronauten zu machen. Schließlich geht es um ein Milliardengeschäft: Für die ersten zehn Jahre sind 50.000 Flüge geplant und zehn Milliarden Dollar Umsatz.
Nicht weniger kühn wirkt der Entwurf von Star-Architekt Norman Foster, nach dessen Plänen Branson in New Mexico für 225 Millionen Dollar den „Spaceport America” bauen lassen wird. Mindestens 15 Trägerflugzeuge sollen künftig dort parat stehen, um die neuen Globetrotter in den Himmel zu bringen. Bis dahin soll Mojave als Spaceport dienen.
Wenn die Suborbitalflüge erst mal laufen, könnte das sogar der Anfang für Linien-Weltraumflüge sein: Kontinente in ein oder zwei Stunden nach dem SpaceShip-Prinzip miteinander verbinden, das ist Binnies Vision.
Zunächst aber müssten erst mal die Allflüge für jedermann normal werden. „Ich wette, dass die meisten sich nach dem Flug mit dem SS2 sofort wieder unten anstellen”, sagt Brian Binnie. Er muss es ja wissen.
Mojave, ein 2000-Einwohner-Nest 100 Meilen nördlich von Los Angeles, lässt sich nicht viel anmerken davon, was hier geschehen soll. Gelegentlich fährt ein Güterzug vorbei, mit Enden bis zum Horizont. In „Mike’s Roadhouse Café” zeigen die Karaokesänger ihr Können – viel mehr gibt es hier nicht, im Westen der Mojave-Wüste. Manchmal braucht der Fortschritt eben Einsamkeit.
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Aber er kommt, der Fortschritt, er steht praktisch schon vor der Tür. Und Brian Binnie ist der Mann, der ihn verkörpert. Denn hier, am Mojave Air and Space Port, wird in wenigen Tagen ein neues Kapitel der Menschheitsgeschichte aufgeschlagen: Hier starten die Testflüge für die ersten Jedermann-Reisen ins All.
Binnie wird die Maschinen testen. Und Binnie wird es sein, der die Touristen ins All bringen soll. So wie heute die Piloten Passagiere nach Mallorca oder sonst wohin verfrachten. Für zweieinhalb Stunden und 200.000 Dollar wird er mit ihnen ins All fliegen – und wieder zurück.
Der lebendige „Top Gun”-Pilot
Viele Raumfahrer haben hier in der kalifornischen Wüste als Testpiloten bei der U.S. Air Force begonnen, um den alten Traum vom Fliegen noch eins weiter zu drehen. Typen wie Chuck Yeager, der hier 1947 mit seiner Bell X-1 als erster Mensch die Schallmauer durchbrach. Oder Burt Rutan, 65, der eines Tages die Schnauze voll hatte vom Vietnamkrieg und davon träumte, Flugzeuge zu bauen, die mehr können als herkömmliche Flieger. Oder eben Typen wie den zehn Jahr jüngeren Brian Binnie.
Binnie interessiert sich schon als kleiner Junge für Flugbahnen: Es ist das Spiel Mensch gegen die Schwerkraft, das ihn fasziniert. Er macht ein Diplom in Luftfahrttechnik, dann ein zweites und schließlich ein drittes. Er geht zur Navy, legt dort eine steile Karriere hin, als Kampf- und als Testpilot, Ernstfall inklusive. Beim Golfkrieg 1990/91 ist er ab der ersten Angriffswelle dabei, in einer F-18 mit 2000 Kilo Gefechtsmunition unter dem Flügel.
„Nachts schwer bewaffnet vom Flugzeugträger starten, nicht wissen, was von unten kommt, und im Dunkeln bei Seegang wieder auf dem Schiff landen müssen – fliegerisch ist so etwas kaum zu toppen”, sagt Binnie. Bei allen 35 Einsätzen zählt er zu den zehn besten Piloten. Wenn es ein Vorbild für „Top Gun” gäbe, dann wäre das Binnie.
Ende der 90er-Jahre will man ihn, den Fliegerhelden, nicht mehr im harten Schalensitz der F-18. Man will ihn in einen gemütlichen Bürostuhl verpflanzen, ins Pentagon, ins ferne Washington. Doch das ist nichts für ihn. Binnie kündigt, nach 20 Dienstjahren. Da bleibt er doch lieber in Mojave und testet bemannte Trägerraketen.
Der verrückte Wettlauf ins All
Er hatte gehört von diesem verrückten Wettbewerb. Ein Wettlauf ins All, er beginnt 1996 mit der Auslobung eines Stiftungspreises: Es geht darum, ein wieder verwendbares Raumschiff zu bauen, mit dem man binnen zwei Wochen zweimal die 100-Kilometer-Grenze zum Weltraum überschreiten kann.
Brian Binnie und der Konstrukteur Burt Rutan schaffen das, mit ihrem SpaceShip-One, im Oktober 2004. Rutan betreibt dort am Flughafen seit mehr als 20 Jahren das Unternehmen Scaled Composites, eine kleine Firma für Leichtbauflugzeuge. Die Prämie für ihren Rekordflug: zehn Millionen Dollar.
Das Prinzip, mit dem Rutan seine 25 Konkurrenten schlägt, ist so genial wie einfach: Das Raumschiff startet nicht aus eigener Kraft vom Boden, sondern wird von einem Trägerflugzeug in rund 15 Kilometer Höhe gebracht. Von dort aus katapultiert es sich per Raketenantrieb zu einem Parabelflug in rund 110 Kilometer Höhe. Da mit zunehmender Höhe der Luftwiderstand abnimmt, verbraucht diese Methode vergleichsweise wenig Treibstoff. Das, erklärt Binnie, er hat ja schließlich drei Diplome in Luftfahrttechnik, mache die Sache einfacher, sicherer und flexibler.
Nach dem Rekordflug des SpaceShip-One, des SS1, steigt der Milliardär Richard Branson mit seiner Firma Virgin Galactic als Finanzier Rutans in das Projekt ein. Für Binnie „genau die richtige Mischung”, um die Stagnation in der bemannten Raumfahrt nach dem „Columbia”-Absturz 2003 endlich aufzulösen. „Um die bemannte Raumfahrt wieder nach vorn zu bringen”, sagt er, „brauchen wir etwas, das die Massen mitreißt. Einen Katalysator wie damals beim Sputnik-Schock.” Eine Mission, wie Binnie sie jetzt unternimmt, mit dem SpaceShip-Two, dem SS2, dem Raumgleiter der zweiten Generation.
Dass das SS2 den Sputnik-Effekt zünden kann, steht für Binnie außer Frage. Nach vier Jahren hermetisch abgeschirmten Entwerfens, Bauens und Programmierens in Mojave fiebert Binnie nun dem 29. Juli entgegen. Dann soll sich der Hangar öffnen und White Knight Two zum Vorschein kommen. Das neue Trägerflugzeug. WK2 ist mit einer Flügelspannweite von 43 Metern fast doppelt so groß wie der Prototyp WK1 und wird von vier kräftigen Pratt & Whitney-Turbinen angetrieben. Binnie soll das größte Karbonflugzeug der Welt sofort testen, so wie er den Vorgänger schon getestet hat. Einen größeren Traum für einen Piloten kann es nicht geben.
Bitte anschnallen
„Am Anfang ist es wie beim Rodeo”, sagt Binnie. „Du willst ins Freie, steckst aber fest. Dann explodiert es unter dir, und acht Sekunden entscheiden über Sieg oder Niederlage”, beschreibt er das irre Gefühl, sich mit einem Raumschiff aus Kohlefaser und Plastik schneller als eine Gewehrkugel in den Weltraum schießen zu lassen. Beim Testen eines solchen Prototyps, das weiß Binnie genau, gibt es viele Sachen, die schieflaufen können.
Die 90 Sekunden Beschleunigung, die nach Binnies Fingerdruck auf die Zündung des Raketenantriebs folgen, verändern die Sicht auf die Welt. Den Körper wie von einem Bulldozer in den Sitz gepresst, zieht Binnie das SpaceShip mit einer Steilkurve in die Senkrechte. In acht Sekunden beschleunigt es von 200 km/h auf Schallgeschwindigkeit (1234,8 km/h = Mach 1). Nach 60 Sekunden in einem ständig dunkler werdenden Himmel ist die Spitzengeschwindigkeit erreicht: Mach 3,2. Mehr als 1000 Meter pro Sekunde. Anderthalbmal so schnell wie eine F-18.
Der umwerfendste Moment aber wartet in 60 Kilometer Höhe, wenn die Rakete ausgebrannt verstummt. Das ist der magische Augenblick, für den man die Reise überhaupt macht.
„Der höllische Lärm und die Schockwellen, die dir die Sinne rauben, sind schlagartig weg”, sagt Binnie. „Und im selben Augenblick – noch bevor du erkennst, dass du im schwarzen All bist, dass die Erdatmosphäre zu einem dünnen, deutlich gekrümmten, elektrisch-blau leuchtenden Streifen geworden ist und du vergisst, dass gerade die dreifache Erdbeschleunigung auf dir lastete – merkst du, dass du nichts mehr wiegst. Dass du schwerelos bist.”
Rund fünf Minuten wird dieser Moment dauern, so lange können die Passagiere frei im SS2 herumschweben. Völlig schwerelos. Und völlig losgelöst von der Erde.
Dann geht es aus rund 110 Kilometer Höhe wieder nach unten, abgebremst durch senkrecht aufstellbare Seitenflügel. Beim Wiedereintritt in die Atmosphäre wird’s dann noch mal ruppig. „So, als wenn man durch einen Tornado fliegt”, sagt Binnie.
Mit 18 Meter Länge fällt auch das Shuttle-ähnliche SS2 viel größer aus als sein Prototyp. Der war eher ein riesiges Zäpfchen mit Flügeln. Das SS2 hat Platz für acht Personen statt zwei: zwei Piloten und sechs Passagiere. Nächstes Jahr soll der erste Tourist mit dem SS2 in die Luft gehen, vorher wollen Binnie und seine Pilotenkollegen etwa 50 Testflüge mit dem Raumschiff absolvieren.
Bitte anschnallen
Mehr als 85.000 potenzielle Passagiere haben laut Virgin Galactic ihr Interesse am Flug bekundet, über 250 Trips seien bereits verkauft. Kate Moss und Captain-Kirk-Darsteller William Shatner, 77, stehen angeblich auf den ersten Passagierlisten. Einige Passagiere haben auch schon Medizin-Check und Zentrifugen-Test bestanden, wo Schwerkräfte bis 6,5 g simuliert werden. Damit kein Zweifel aufkommt, ob auch wirklich jeder mitfliegen kann, hat Branson angekündigt, seinen 90-jährigen Vater zum Astronauten zu machen. Schließlich geht es um ein Milliardengeschäft: Für die ersten zehn Jahre sind 50.000 Flüge geplant und zehn Milliarden Dollar Umsatz.
Nicht weniger kühn wirkt der Entwurf von Star-Architekt Norman Foster, nach dessen Plänen Branson in New Mexico für 225 Millionen Dollar den „Spaceport America” bauen lassen wird. Mindestens 15 Trägerflugzeuge sollen künftig dort parat stehen, um die neuen Globetrotter in den Himmel zu bringen. Bis dahin soll Mojave als Spaceport dienen.
Wenn die Suborbitalflüge erst mal laufen, könnte das sogar der Anfang für Linien-Weltraumflüge sein: Kontinente in ein oder zwei Stunden nach dem SpaceShip-Prinzip miteinander verbinden, das ist Binnies Vision.
Zunächst aber müssten erst mal die Allflüge für jedermann normal werden. „Ich wette, dass die meisten sich nach dem Flug mit dem SS2 sofort wieder unten anstellen”, sagt Brian Binnie. Er muss es ja wissen.
Redaktion: Ulf Lüdeke ]
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