Gott für 1,68
Ich kann Wunder wirken. Ich kann in die Zukunft blicken. Und ich kann dabei verdammt reich werden
Ich bin nervös. Es ist mein erstes Mal. Prophetenmäßig bin ich noch jungfräulich. Ich habe noch nie in die Zukunft geblickt. Noch kein bisschen.
Oft nervt mich die Zukunft sogar. Vorhersehung war noch nie so meine Stärke. Ich spiele seit zehn Jahren Lotto und hatte erst zwei Dreier.
So etwas sollte mir nun nicht mehr passieren. Denn ich bin jetzt nicht mehr kurzsichtig, sondern hellsichtig. Ich habe mich ganz offiziell bei Deutschlands größter Esoterik-Firma Questico als Hellseher und Wahrsager beworben. Ich habe denen geschrieben, ich sei eines Tages völlig unverhofft mit einem Medium namens Yuvutul in Kontakt getreten und besitze seither hellseherische Fähigkeiten. Man hat mir geglaubt.
Ich hatte befürchtet, dass Questico eine Art Test macht, bei dem ich die Bundesliga-Ergebnisse prophezeien müsste oder wenigstens das Wetter für nächste Woche. Aber nichts dergleichen.
Ein paar Tage später konnten die Ratsuchenden mich alias Shiv Ram Sojana (so mein nagelneuer spiritueller Name) telefonisch erreichen. Unter der Überschrift „Spiritueller Meister wirkt Wunder” stand da tatsächlich: „Oliver Kuhn tritt mit seinem Medium in Kontakt und erspürt, welche Wege für den Ratsuchenden die richtigen sind, um sein Seelenheil zu finden.”
Meine Spezialgebiete sind „Hellsehen ohne Hilfsmittel” (in der Tradition des Orakels von Delphi), „Engelkontakte” (ich nehme Kontakt mit dem Schutzengel der Anrufer auf) und „Aurasehen” (ich erörtere das Energiefeld der Person). Ich durfte mich mit folgendem Slogan selber verherrlichen: „Ich kann Menschen glücklich machen!”
Zumindest kann ich Menschen ärmer machen, denn jede Minute Plausch mit mir kostet nun zwischen 79 Cent und 2,57 Euro. Ich bin in Gesellschaft von 2500 anderen, die ebenfalls bei Questico arbeiten. Die Stars treten nebenbei bei Astro-TV auf, dem unfreiwillig komischen Fernsehsender von Questico. Dort erläutern sie mit höchst komplizierten Techniken fremde Schicksale. Mit Kaffeesätzen, Runen, Pendeln, Kristallkugeln und Göttinnengeflüster beispielsweise.
Esoterische Schreckschrauben
Mein erster Einsatz. Ich bin wirklich aufgeregt. Ich sitze mit schweißnassen Händen vor meinem Telefon. Schon seit zehn Minuten. Ich frage mein Medium, wann endlich jemand anruft. Aber es bleibt still (sowohl das Medium als auch das Telefon).
Dann klingelt es. Endlich. „Hallo, mein Lieber, ich wünsche Dir gaaaanz viel Licht und Liebe, hier ist die Iris”, ergießt sich der Wortschwall in mein Ohr. Iris bittet dringend um Botschaften. Sie plappert los, sie sei Heilerin, sie könne bereits in wenigen Sekunden in Trance gehen, sie habe „ein Herz voller Liebe” und den Kopf „voller geistiger Botschaften”. Sie fühle sich nun aber doch bereit für eine neue Partnerschaft und möchte von mir und meinem Medium wissen: „Wann kommt endlich ein neuer Mann?”
Tja. Gute Frage. Welcher Typ will schon mit so einer esoterischen Schreckschraube zusammenleben? Vermutlich ist sie eine dieser hennagefärbten, klimaktierenden Eigenurin-Trinkerinnen, die bei den meisten Männern einen sofortigen Fluchtreflex auslösen. Sie mag bestimmt Reiki, Astrologie, Kabbala und solche Sachen. Was Frauen eben so machen, wenn ihnen die Männer nicht mehr auf den Hintern schauen.
Ich antworte tapfer mit Schutzengelszungen: „Iris, mein Medium ist sehr eindeutig. Du wirst einen Partner finden. Du bist sehr stark. Die Zeit ist reif. Aber der letzte Schritt liegt an dir. Du musst jetzt hinausgehen und dich öffnen, dann wird er kommen. Schon in den nächsten Wochen.”
Iris ist glücklich. Und ich habe ein paar Euro verdient. Ein Drittel der Einnahmen geht an mich. Ich glaube, ich habe verstanden, wie Hellsehen funktioniert. Ich sage einfach, was die Leute hören wollen. Ich mache Mut. Gutes Schicksal, zufriedene Kunden.
Zufriedene Kunden
„Du hast das Gefühl, die Liebe in deiner Beziehung hat mit den Jahren abgenommen. Das Feuer fehlt.” So geht es jedem. „Du bist eine sehr leidenschaftliche Person.” Wer denkt das nicht von sich? „Du hast im Beruf oft das Gefühl, der Chef würdigt deine Arbeit nicht genug.” Das geht mir übrigens auch so.
Mit derlei Allerweltsbotschaften kann man sich ein kleines Vermögen erlabern. Die erfolgreichsten Wahrsagerinnen haben schon über 90.000 Anrufer bequatscht. Questico wird 2006 auf 60 Millionen Euro Umsatz taxiert, die gesamte Branche auf rund neun Milliarden Euro. Nur in Deutschland. Dafür deuten die Schamanen-Schabracken beispielsweise die Stirnfalten ihrer Kunden (Metopomantie). Sie interpretieren schmelzendes Wachs (Keromantie) oder lauschen dem Knurren des Magens (Gastromantie).
Nach einigen Telefonaten werde auch ich mutiger. Ich sehe immer mehr. Es gibt kein besseres Gefühl für einen Hellseher, wie wenn man zufällig richtig rät und dafür vom Kunden ehrfurchtsvoll als Autorität anerkannt wird. Doch dann verlässt mich das Glück.
Gerlinde will wissen, „wie es mit Jörg weitergeht”. Ich konzentriere mich stark auf mein Medium und sage: „Ich spüre eine sehr tiefe sexuelle Verbundenheit. Er wird zur dir zurückkommen. Ganz klar.”
Da stutzt Gerlinde und sagt: „Aber Jörg ist mein Bruder. Er hat Krebs.” So etwas ist Pech. Leicht irritiert konnte ich nur noch erklären: „Da kommt offenbar noch ein anderer Jörg in dein Leben, Gerlinde.”
PS: Aber nun kommen wir endlich zur Antwort auf die Frage, die Sie sich die ganze Zeit stellten: Wie wird das Jahr 2010? Mein Medium sagt: Sie bleiben gesund. Ihr Chef wird Sie lieben. Sie werden unglaublichen Sex haben. Es wird das beste Jahr Ihres Lebens. Kein Witz.
Oft nervt mich die Zukunft sogar. Vorhersehung war noch nie so meine Stärke. Ich spiele seit zehn Jahren Lotto und hatte erst zwei Dreier.
So etwas sollte mir nun nicht mehr passieren. Denn ich bin jetzt nicht mehr kurzsichtig, sondern hellsichtig. Ich habe mich ganz offiziell bei Deutschlands größter Esoterik-Firma Questico als Hellseher und Wahrsager beworben. Ich habe denen geschrieben, ich sei eines Tages völlig unverhofft mit einem Medium namens Yuvutul in Kontakt getreten und besitze seither hellseherische Fähigkeiten. Man hat mir geglaubt.
Ich hatte befürchtet, dass Questico eine Art Test macht, bei dem ich die Bundesliga-Ergebnisse prophezeien müsste oder wenigstens das Wetter für nächste Woche. Aber nichts dergleichen.
Ein paar Tage später konnten die Ratsuchenden mich alias Shiv Ram Sojana (so mein nagelneuer spiritueller Name) telefonisch erreichen. Unter der Überschrift „Spiritueller Meister wirkt Wunder” stand da tatsächlich: „Oliver Kuhn tritt mit seinem Medium in Kontakt und erspürt, welche Wege für den Ratsuchenden die richtigen sind, um sein Seelenheil zu finden.”
Meine Spezialgebiete sind „Hellsehen ohne Hilfsmittel” (in der Tradition des Orakels von Delphi), „Engelkontakte” (ich nehme Kontakt mit dem Schutzengel der Anrufer auf) und „Aurasehen” (ich erörtere das Energiefeld der Person). Ich durfte mich mit folgendem Slogan selber verherrlichen: „Ich kann Menschen glücklich machen!”
Zumindest kann ich Menschen ärmer machen, denn jede Minute Plausch mit mir kostet nun zwischen 79 Cent und 2,57 Euro. Ich bin in Gesellschaft von 2500 anderen, die ebenfalls bei Questico arbeiten. Die Stars treten nebenbei bei Astro-TV auf, dem unfreiwillig komischen Fernsehsender von Questico. Dort erläutern sie mit höchst komplizierten Techniken fremde Schicksale. Mit Kaffeesätzen, Runen, Pendeln, Kristallkugeln und Göttinnengeflüster beispielsweise.
Esoterische Schreckschrauben
Mein erster Einsatz. Ich bin wirklich aufgeregt. Ich sitze mit schweißnassen Händen vor meinem Telefon. Schon seit zehn Minuten. Ich frage mein Medium, wann endlich jemand anruft. Aber es bleibt still (sowohl das Medium als auch das Telefon).
Dann klingelt es. Endlich. „Hallo, mein Lieber, ich wünsche Dir gaaaanz viel Licht und Liebe, hier ist die Iris”, ergießt sich der Wortschwall in mein Ohr. Iris bittet dringend um Botschaften. Sie plappert los, sie sei Heilerin, sie könne bereits in wenigen Sekunden in Trance gehen, sie habe „ein Herz voller Liebe” und den Kopf „voller geistiger Botschaften”. Sie fühle sich nun aber doch bereit für eine neue Partnerschaft und möchte von mir und meinem Medium wissen: „Wann kommt endlich ein neuer Mann?”
Tja. Gute Frage. Welcher Typ will schon mit so einer esoterischen Schreckschraube zusammenleben? Vermutlich ist sie eine dieser hennagefärbten, klimaktierenden Eigenurin-Trinkerinnen, die bei den meisten Männern einen sofortigen Fluchtreflex auslösen. Sie mag bestimmt Reiki, Astrologie, Kabbala und solche Sachen. Was Frauen eben so machen, wenn ihnen die Männer nicht mehr auf den Hintern schauen.
Ich antworte tapfer mit Schutzengelszungen: „Iris, mein Medium ist sehr eindeutig. Du wirst einen Partner finden. Du bist sehr stark. Die Zeit ist reif. Aber der letzte Schritt liegt an dir. Du musst jetzt hinausgehen und dich öffnen, dann wird er kommen. Schon in den nächsten Wochen.”
Iris ist glücklich. Und ich habe ein paar Euro verdient. Ein Drittel der Einnahmen geht an mich. Ich glaube, ich habe verstanden, wie Hellsehen funktioniert. Ich sage einfach, was die Leute hören wollen. Ich mache Mut. Gutes Schicksal, zufriedene Kunden.
Zufriedene Kunden
„Du hast das Gefühl, die Liebe in deiner Beziehung hat mit den Jahren abgenommen. Das Feuer fehlt.” So geht es jedem. „Du bist eine sehr leidenschaftliche Person.” Wer denkt das nicht von sich? „Du hast im Beruf oft das Gefühl, der Chef würdigt deine Arbeit nicht genug.” Das geht mir übrigens auch so.
Mit derlei Allerweltsbotschaften kann man sich ein kleines Vermögen erlabern. Die erfolgreichsten Wahrsagerinnen haben schon über 90.000 Anrufer bequatscht. Questico wird 2006 auf 60 Millionen Euro Umsatz taxiert, die gesamte Branche auf rund neun Milliarden Euro. Nur in Deutschland. Dafür deuten die Schamanen-Schabracken beispielsweise die Stirnfalten ihrer Kunden (Metopomantie). Sie interpretieren schmelzendes Wachs (Keromantie) oder lauschen dem Knurren des Magens (Gastromantie).
Nach einigen Telefonaten werde auch ich mutiger. Ich sehe immer mehr. Es gibt kein besseres Gefühl für einen Hellseher, wie wenn man zufällig richtig rät und dafür vom Kunden ehrfurchtsvoll als Autorität anerkannt wird. Doch dann verlässt mich das Glück.
Gerlinde will wissen, „wie es mit Jörg weitergeht”. Ich konzentriere mich stark auf mein Medium und sage: „Ich spüre eine sehr tiefe sexuelle Verbundenheit. Er wird zur dir zurückkommen. Ganz klar.”
Da stutzt Gerlinde und sagt: „Aber Jörg ist mein Bruder. Er hat Krebs.” So etwas ist Pech. Leicht irritiert konnte ich nur noch erklären: „Da kommt offenbar noch ein anderer Jörg in dein Leben, Gerlinde.”
Redaktion: Oliver Kuhn ]
PS: Aber nun kommen wir endlich zur Antwort auf die Frage, die Sie sich die ganze Zeit stellten: Wie wird das Jahr 2010? Mein Medium sagt: Sie bleiben gesund. Ihr Chef wird Sie lieben. Sie werden unglaublichen Sex haben. Es wird das beste Jahr Ihres Lebens. Kein Witz.
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