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Abflug zu den Sternen

Im Cockpit einer Red Bull Air Race-Maschine

Abflug zu den Sternen

Die Formel 1 der Lüfte geht weiter: Die Red Bull Air Race-Weltmeisterschaft 2016 landet am Wochenende in Ascot. Unser Reporter stieg testweise selbst ins Cockpit. Jetzt weiß er: Nicht nur Comic-Figuren sehen manchmal Sternchen...

Als alles vorbei ist, führt mein erster Weg zur Bar. Kurzes Zeichen Richtung Bedienung, dann bestelle ich mit wenigen Worten genau den Drink, den ein Mann nach so einem Höllenritt nun mal braucht: „Einen Pfefferminztee, bitte.“

Vor mir dreht sich der Tresen, in mir dreht sich mein Frühstück. Vielleicht hätte ich das Lachsbrötchen vorhin nicht essen sollen, vielleicht hätte ich zu dem Piloten nicht sagen sollen, dass es „gern wild“ werden darf, vielleicht hätte ich mich einfach gar nicht erst auf die ganze Sache einlassen sollen. Aber das Angebot klang so verführerisch: ein Testflug in einem Rennflugzeug, mit 330 km/h knapp über den Boden rasen, Beschleunigungskräfte von 5 G spüren, mal nachfühlen, was die Piloten beim Red Bull Air Race erleben. Eine einmalige Chance. Da sagt man schon mal „Klar!“ in den Telefonhörer, bevor man anfängt nachzudenken.

Bitte lass die Hände von dem roten Hebel links, damit öffnest du die Cockpithaube

Ein paar Tage nach dem Telefonat sitze ich an einem Mittwochvormittag im Restaurant des Flugplatzes Ried-Kirchheim in Oberösterreich. Er besteht im Wesentlichen aus einem einsamen Asphaltstreifen auf grüner Wiese, einem Tower in der Größe einer Gartenlaube und einem Mini-Hangar, hinter dem ein idyllischer Bach fließt. In zwei Stunden startet mein Flug, jetzt beginnt meine Einweisung: „Du sitzt im Cockpit vorn. Bitte lass die Hände von dem roten Hebel links, damit öffnest du die Cockpithaube. Und bitte lass sie auch von dem roten Knauf daneben, das ist der Gashebel. Woran du dich festhalten darfst, sind die grauen Griffe links und rechts. Wir nennen sie: die ,Oh-Shit!-Handles‘.“

Der Mann, der das so charmant wie routiniert erzählt, ist Ser-gio Plá, 44, Head of Avia-tion des Red Bull Air Race und von der Statur her selbst einem Bomber ähnlich; einem Bomber, der mal beim FC Bayern gespielt hat und auf den Vornamen Gerd hört. Plá hat dem Air Race in den vergangenen drei Jahren eine Rundum-erneuerung verpasst. Im Jahr 2010, als die Rennserie zum bislang letzten Mal stattfand, stürzte ein Pilot beim Training im australischen Perth ab. Er erlitt nur leichte Verletzungen, aber die 56 Sekunden, die es dauerte, bis die Retter ihn aus dem Swan River gefischt hatten, dürften für die Veranstalter recht nervenaufreibend gewesen sein. Möglich, dass man den Unfall als eine Art Warnschuss verstand, jedenfalls entschied man sich bei Red Bull, die Rennserie nach dem Ende der Saison 2010 für einige Jahre auszusetzen, um an Sicherheitskonzept und Organisation zu feilen. 

Nun ist das Air Race zurück. Mit demselben Prinzip – zwölf Piloten, acht Städte, acht Rennen, bei denen ein mit luftgefüllten Pylonen abgesteckter Kurs durchflogen wird –, aber einigen Neuerungen: Die Piloten fliegen nun alle mit baugleichen Motoren (die Zeiten des Tuning-Wettrüstens sind also vorbei), und der Rennkurs wurde um fünf Meter nach oben verlegt. „Das bedeutet fünf Meter mehr Sicherheit“, sagt Plá. Falls mal was schiefgeht. „Wer in ein Flugzeug steigt, geht immer ein gewisses Risiko ein.“ So sei das nun mal. „Aber keine Sorge, heute wird nichts passieren.“ Schön zu hören, schließlich ist Plá heute mein Pilot.

Bis an die Grenzen der Belastbarkeit

370 km/h

Höchstgeschwindigkeit erreichen die Piloten, wenn sie beim Red Bull Air Race durch den Parcours jagen

10G

wirken dabei zeitweilig auf sie ein: Kräfte, die dem zehnfachen ihres eigenen Körpergewichts entsprechen 

Etwa eine Stunde später: Auf dem Weg zum Flugzeug fühle ich mich kurz wie 
Lieutenant „Maverick“, der gleich seine F-14 besteigt. In einem blauen Piloten-overall marschiere ich zu meiner in der Sonne glitzernden Maschine, während mir einige Fans – okay, gelangweilte Rentner aus den umliegenden Dörfern – anerkennend zunicken. Dann bekomme ich einen Fallschirm auf den Rücken geschnallt, setze mich auf den vorderen Platz im Cockpit und rücke lässig meine Pilotenkopfhörer zurecht. Fehlt eigentlich nur noch, dass „Iceman“ um die Ecke kommt und mir High five gibt. Beendet wird mein kleiner „Top Gun“-Moment abrupt von einem jungen Mann mit kräftigen Armen, der neben mir auftaucht. „Schrei, wenn es zu unangenehm wird“, sagt er und zurrt mich mit einem Bauchgurt immer stärker am Sitz fest. „Geht’s noch?“, fragt er.
„Ja, ja, easy.“
„Und jetzt? Immer noch?“
„Mm, na ja.“
„Und jetzt?“
„Jetzt wird es ziemlich unangenehm.“ Dann zieht er noch einmal so richtig fest an.

Mit gespreizten Beinen, die Finger an die „Oh-Shit-Handles“ gekrallt, hänge ich im Sitz, als müsste ich gleich ein Kind gebären. Der Mann, der mich festgezurrt hat, deutet auf eine Spucktüte, die rechts in der Wand steckt. „Tu mir einen Gefallen, falls du die Tüte irgendwie nicht erreichen kannst, mach einfach oben den Reißverschluss des Overalls auf, und spuck da rein – sonst muss ich hinterher eine Stunde putzen.“ 

Unbequem, robust, mechanisch

Alles im Cockpit sieht 30 Jahre älter aus, als ich es mir vorgestellt hatte. Es riecht sogar nach 70er-Jahre-VW-Bus. Keine Spur von Bordcomputern oder Digitalanzeigen. Wahrscheinlich sah das Cockpit, in dem Saint-Exupéry einst über die Sahara flog, ähnlich aus. Unbequem, robust, mechanisch. Vor mir sehe ich einen Höhenmesser und eine Geschwindigkeitsanzeige. Ich nehme mir vor, sie während des Fluges im Auge zu behalten. Ein naiver Plan.

Rot-tot-tot-tot – der Propeller unseres 325 PS starken Doppelsitzers springt an, und der Steuerknüppel zwischen meinen Knien bewegt sich plötzlich. Das macht Sergio von seinem hinteren Cockpitplatz aus. Vor dem Einsteigen hat er mir noch erklärt, dass ich immer den Horizont im Auge behalten soll. Dazu müsse ich nur tun, was er sage: nach links schauen, wenn er sagt links, nach oben, wenn er sagt oben. Easy, oder? Bevor wir auf die Startbahn hinausrollen, testet Sergio den Funk. Ich muss ihn ja hören, um seine Anweisungen zu befolgen.
„Okay, auf eht’s. Ka du mich hö?“
„Ich kann dich kaum hören, Sergio!“ Ich rüttle mit den Händen an den Kopfhörern.
„Kay, gut, perfekt.“
„Der Funk bricht immer wieder ab!“
„All klar, ingt gut!“
Mist.

Etwa 200 Meter Anlauf brauchen wir, dann ziehen wir sanft nach oben. Die Beschleunigung fühlt sich an wie auf einem Motorrad, nur hebt man da nicht irgendwann ab, zumindest nicht absichtlich. In etwa 20 Meter Höhe fliegen wir durch ein Tor aus zwei Pylonen. Im Rennen steuern die Piloten ihre kleinen wendigen Maschinen, Spannweite etwa 7,40 Meter, so präzise, dass zwischen Flügelspitzen und Pylonen wenige Zentimeter Platz sind. Der Abstand bei uns? Keine Ahnung, es geht alles viel zu schnell. Ruckhaft machen wir eine Drehung nach links, bei der es ich mich tief in den Sitz drückt, und schrauben uns in den blauen Himmel. Die Aussicht ist grandios. Leuchtend grüne Wiesen, weißer Hochnebel, dahinter die Alpen. Wie in einem Gemälde von Bob Ross. Nur kommt es mir vor, als würde jemand dieses Gemälde immer wieder unverhofft drehen: mal auf den Kopf, mal auf die Seite, dann wieder gerade.

Sergio Plá war mal Silbermedaillengewinner bei einer Kunstflug-Weltmeisterschaft. Er macht mit Flugzeugen ungefähr das, was Barkeeper mit Flaschen machen. Los geht es mit einem Looping: Wie in der Achterbahn drückt es mir den Kopf in den Nacken, als wir senkrecht in den Himmel schießen. Sekunden später fliegen wir kopfüber, was überraschenderweise recht angenehm ist, dann vollführt Sergio einige Drehungen, denen mein Gehirn nicht folgen kann. Womöglich gibt er mir währenddessen über Funk durch, wohin ich schauen soll, um den Horizont im Blick zu behalten. Nur höre ich: nichts. Dafür schreie ich umso lauter. Und lache ein bisschen irre. Was man halt so macht, wenn man von einer Situation völlig überfordert ist. 

Erst siehst du Sternchen, dann schwarze Ränder an den Seiten des Blickfelds, und dann kommt die Bewusstlosigkeit

Was ich überraschenderweise gar nicht spüre: Angst. Nicht einmal beim Sturzflug nach dem zweiten Looping. Senkrecht rasen wir in die Tiefe, und als das Manöver in eine Kurve mündet, zerren die G-Kräfte so stark an meinem Körper, dass es sich anfühlt, als würde sich meine Gesichtshaut langsam von den Knochen lösen und in Richtung Hals wandern. Vermutlich sehe ich gerade aus wie einer dieser Schlabberschnauzen-Hunde. 

Beim Air Race dürfen die Piloten maximal 10 G erreichen, was bedeutet, dass dann das Zehnfache ihres eigenen Körpergewichts auf ihnen lastet. Zum Vergleich: Formel-1-Fahrer müssen maximal 5 G aushalten. Was passiert, wenn man dem Körper zu viele Gs zumutet, hat mir vor dem Flug der deutsche Air-Race-Veteran Matthias Dolderer, 43, verraten: „Erst siehst du Sternchen, dann schwarze Ränder an den Seiten des Blickfelds, und dann kommt die Bewusstlosigkeit.“ Die dauert zwar meist nur wenige Sekunden, aber es sei „schon besser, wenn dir das auf dem Weg nach oben passiert – nicht auf dem Weg nach unten“. Dolderer, der einzige deutsche Pilot im diesjährigen Teilnehmerfeld, arbeitet schon seit Wochen daran, die „G-Kraft-Resistenz“ in seinem Körper zu stärken. „Das geht nur, indem du dich immer wieder starken G-Kräften aussetzt.“ Man könne da regelrecht spielen: „Du ziehst Gs, bis du die Sternchen siehst, dann gibst du nach, bis du wieder klar bist, dann beschleunigst du wieder…“

Dankenswerterweise verzichtet Sergio darauf, mir die Sternchen zu zeigen. Wir erreichen während meines Flugs maximal 
5 G. Für mich völlig ausreichend. Meine 
G-Kraft-Resistenz entspricht nämlich in 
etwa der eines welken Blumenstraußes.

Rund zehn Minuten dauert mein Flug. Acht Minuten lang macht alles irren Spaß: die Rollen um die eigene Achse, der Druck in den Kurven, das Gefühl, wenn das Blut in den Kopf schießt. In Minute neun wird mir etwas schummrig. In Minute zehn ist mir ziemlich schlecht. Ich bin erleichtert, als wir langsam wieder in Richtung Flughafen sinken. Pünktlich zur Landung funktioniert auch der Funk wieder. „Alles gut?“, fragt Sergio. „Ja, das war großartig. Aber ich bin froh, dass es vorbei ist.“ Der junge Mann, der mich wenige Minuten später abschnallt, beeilt sich merklich. Offenbar sagt ihm ein Blick in mein blasses Gesicht, dass ich ihm sein schönes Cockpit durchaus gleich noch versauen könnte.

Als ich auf wackligen Beinen zurück zum Restaurant wanke, sagt ein älterer Zuschauer zu mir: „Di hod a oba gscheid hergnumma!“ Ich lächle. Und während ich kurz darauf an meinem Pfefferminztee nippe, stelle ich fest: Besser kann man das Fazit dieses Fluges 
eigentlich nicht formulieren.

Autor: Alexander Neumann-Delbarre
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