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Wir laden schonmal das nächste Girl für Sie!

BMX-Profi Kevin Robinson

Per Fahrrad in den Himmel

Die BMX-Legende bei den X Games

Bei der Deutschland-Premiere der X Games Ende Juni in München darf ein Mann nicht fehlen: BMX-Legende Kevin Robinson. Keiner verkörpert das größte Action-Sport-Spektakel der Welt auf Rädern so wie er: die wilden Anfänge, die sensationelle Entwicklung, die irren Stunts - und die brutalen Stürze

Als Kevin Robinson mit dem Kopf aufschlägt, nutzt ihm das tolle Ambiente auch nichts. Ein paar Meter neben ihm donnern die größten Wasserfälle der Welt 80 Meter tief in den sogenannten Teufelsschlund. Doch K-Rob ist die dekorative Optik der Iguañu-Fälle in diesem Moment ziemlich egal.

Er war gerade dabei, mal wieder die X Games zu gewinnen, musste beim zweiten von vier Versuchen aber etwas riskieren. Wie so oft in 21 Jahren als BMX-Profi. Vor ihm hatte sich Steve McCann bei einem doppelten Vorwärtssalto gerade das Handgelenk zerstört, aber solche Bilder werfen Robinson nicht aus der Bahn.

Und so haut er sich mit seinem Hoffman-Bike die absurd steile Megarampe runter, zeigt zunächst einen herrlich langgezogenen Backflip, um beim zweiten Sprung einen „No-handed 540“ zu bringen: anderthalb Drehungen um die eigene Achse, ohne dabei die Hände am Lenker zu haben. Robinson sagt über den Sprung: „Manchmal geht er, manchmal nicht.“ Diesmal geht er nicht.

K-Rob muss mit der Bahre abtransportiert werden

Robinson überdreht, landet auf dem Schädel, bleibt liegen, muss mit der Bahre abtransportiert werden und lernt das örtliche Krankenhaus in der Avenida Parana kennen. Als später Zack Warden zum Sieger in der Disziplin Big Air gekürt wird, erinnert er die Fans an die verunglückten Kollegen: „Ich möchte, dass ihr an die denkt, die heute gestürzt sind. Vor allem an K-Rob.“

K-Rob

Kevin Robinson, 41, aus East Providence, Rhode Island. Jüngstes von sieben Kindern einer All-American-Arbeiterfamilie. BMX-Legende und Urgestein der X Games, dem größten und prestigeträchtigsten Extremsport-Spektakel der Welt. K-Rob war von Anfang an dabei, seit der Premiere der X Games 1995 - und er will bleiben.

Nach ein paar Röntgenbildern und einer Computertomografie seines Schädels verlässt er die Klinik in Foz do Iguañu mit nur einem Gedanken im Kopf: schnell fit werden für die nächsten X Games. Es müsste schon viel passieren, dass er Ende Juni bei der Deutschland-Premiere der X Games im Münchner Olympiapark nicht dabei ist.

Der brutale Sturz in Brasilien ist nur eine Fußnote in Robinsons Bilanz des Schreckens: 44 Operationen, 25 davon wegen Knochenbrüchen. Noch öfter war er nach einem Sturz bewusstlos, trotz Helm. Er sagt: „Bei mir war schon alles gebrochen, sogar mein Herz.“ Ha! Auch noch Späße machen.

"Verletzungen sind Teil des Jobs - und nie eine Ausrede!"

Kevin Robinson

Aber im Ernst: „Verletzungen sind Teil des Jobs - und nie eine Ausrede! Einmal konnte ich bei den X Games wegen eines verstauchten Knöchels kaum auf dem Rad sitzen. Der Knöchel war dick wie ein Ballon. Aber als Ausrede hätte ich das nie gelten lassen.“

Das Jahr 2011 verbrachte er komplett im Krankenstand - die Hölle für einen Bewegungsverrückten wie Robinson. „Klar gibt es dann Gedanken, was das alles für einen Sinn macht“, gibt der dreifache Vater zu, „aber die gehen schnell vorbei - sobald ich den Lenker wieder in der Hand habe. Mein Rad ist mein Rollstuhl. Und wenn ich auf meinem BMX sitze, ist es jedes Mal so, als würde ich mich frisch verlieben.“


Kevin Robinson ist ein Geschöpf der X Games

Er gewann bei 16 Teilnahmen viermal Gold, sechsmal Bronze und machte sich 2006 mit dem von ihm erfundenen „double flair“ in der Szene unsterblich. Als der US-Sportsender ESPN Mitte der Neunziger die „extremen Spiele“ erfand, hatte Robinson das Glück, dass der erste Event vor seiner Haustür stattfand. „Kürzlich war ich mal wieder in Fort Adams, wo die ersten Extreme Games stattfanden“, erzählt er, „wie klein das war! Nur eine Halfpipe und ein Dirt Jump. Die Megarampe von heute würde nicht in das komplette Areal von damals reinpassen.“

Vert und Dirt, also Sprünge in der Halfpipe und über Erdhügel, waren die ersten BMX-Disziplinen, Skateboard und Inlineskating kamen dazu, auch Bungee-Springen. „Man hat halt ausprobiert, was geht“, sagt K-Rob, „jedes Jahr wurden die X Games größer, zogen von Stadt zu Stadt: Providence, San Diego, Philadelphia, San Francisco. Aber als wir in Los Angeles vor dem Staples Center waren, wussten wir: Das ist es! Hier bleiben wir!“

Nach zwölf Jahren in Los Angeles ist es nun vorbei mit der Konstanz. „Global extension“ heißt die Zauberformel. Scott Guglielmino, Senior Vice President von ESPN, erklärt: „Wir hatten zwei prima funktionierende Events in den USA: Sommer Games in L. A., Winter Games in Aspen, dazu ein paar kleinere in Tignes, Shanghai und Brasilien. Doch wir haben uns gefragt, ob wir die Marke nicht wachsen lassen können.“

Plan, die X Games zu multiplizieren

Skifahren, Snowboarden, Motocross: Das sind in vielen Ländern große Sportarten. So entstand der Plan, die X Games zu multiplizieren. Nicht als Wettkampfserie oder Weltcup. Die Events in Foz do Iguañu, Barcelona, München und L. A. bauen nicht aufeinander auf. Sie sollen sich unterscheiden, den jeweiligen Charakter der Stadt aufnehmen. Im Tennis und Golf gibt es die Majors, die großen Turniere, die ganz unterschiedlich sind: verschiedene Beläge oder Kurse, verschiedene Atmosphären und Kulturen - „das wollen wir auch“, sagt der ESPN-Mann. Am deutschen Austragungsort München „hat uns vor allem die Historie des Olympiaparks beeindruckt. Er wird zum Mountainbike-Slopestyle-Parcours - das gibt’s nirgendwoanders!“ 

Robinson freut sich jedenfalls aufs deutsche Bier - vor allem aber darüber, dass es durch die Ausweitung der X-Games-Zone wieder mehr Wettkämpfe gibt. „Früher gab es fast 30 pro Jahr, jetzt nur noch eine Hand voll.“ Die marode Wirtschaft hat selbst die renommierte Dew-Tour, ein Action-Sport-Spektakel in den USA, auf zwei Stopps pro Jahr schrumpfen lassen. Dennoch: Das weltweite Interesse an Extremsport-Veranstaltungen ist riesig. „Action-Sport ist in einem Ausmaß gewachsen, dass Sommer- und Winter-X-Games so groß und wichtig sind wie der Super-Bowl“, sagt Robinson.

„Hier haben wir die Chance, unseren Sport auf das nächste Level zu bringen. Und die X Games beweisen den Fortschritt unseres Sports. Hier zeigt man die neuen Tricks, an denen man ewig gearbeitet hat.“ So wie K-Rob an seinem „double flair“, einem doppelten Rückwärtssalto mit 180-Grad-Drehung: „Jahrelang sagte jeder: ’Vergiss es! Unmöglich. Wird nie klappen.’ Zweimal habe ich mir das Handgelenk gebrochen, zweimal den Ellbogen und auch noch das Steißbein, dazu zwei Gehirnerschütterungen - nur für diesen einen Trick! Aber ich wusste: Ich kann das!“


 „Das war der Moment meines Lebens"

Bei den X Games 2006 war es so weit: Robinson schaffte als erster Mensch den „double flair“. „Das war der Moment meines Lebens. Du erfindest einen neuen Trick, segelst perfekt durch die Luft, und wenn dann die Reifen wieder den Boden berühren: Das ist es! Nichts geht über dieses Gefühl, keine Medaille, kein Batzen Geld. Diesem Moment jage ich ständig hinterher.“

Zwei Jahre später stellte er im Central Park von New York den BMX-Höhen-Weltrekord auf. Mit 70 km/h stürzte er sich eine riesige Rampe hinab, schoss unten über eine halbe Halfpipe acht Meter hoch senkrecht in den Himmel, drehte sich und landete wieder in der Halfpipe. Ein Sprung, so spektakulär, dass er ihm tags darauf eine Einladung zu David Letterman einbrachte.

Doch den „double flair“, seinen Sprung, ist er nicht mehr oft gesprungen: zu gefährlich. So locker-flockig die Sportler vom Überwinden der Angstbarriere auch reden, der Tod fährt jederzeit mit. Beim wahnwitzigen Ski-Doo-Contest in Aspen, bei dem die Athleten mit Schneemobilen über Rampen springen, mussten die X Games im vergangenen Januar den ersten Toten vermelden: Nach einem Rückwärtssalto war Caleb Moore gestürzt und von seiner mehr als 200 Kilo schweren Maschine erschlagen worden, live auf ESPN.

Vier Wochen später starb der japanische Motocross-Freestyler Eigo Sato an den Folgen eines Sturzes. Ein Jahr zuvor war die Freestyle-Skifahrerin Sarah Burke beim Halfpipe-Training für die X Games tödlich verunglückt. Shaun-White-Bezwinger Kevin Pearce lag monatelang im Koma, nachdem er mit dem Kopf auf die betonharte Kante der Halfpipe geknallt war. Die Rollstuhldichte unter den Zuschauern in den einschlägigen Sportarten ist enorm.

Mit 41 auf der Ehrenrunde seiner Karriere angekommen

Und dennoch sagt Robinson: „Ich liebe es, die Grenzen meines Sports immer weiter zu pushen.“ Er weiß aber auch, dass er mit 41 auf der Ehrenrunde seiner Karriere angekommen ist: „Ich kann nicht mehr so wie früher.“ Die Jungen, mit denen er auf der Rampe steht, sind oft halb so alt wie er. „Die sind stärker, athletischer und mit Sprüngen in die Schnitzelgrube aufgewachsen. Ich bin früher nach dem Prinzip ’Hau dich runter und hoffe’ gesprungen. Das ist zwar bekloppt, aber Teil des Spaßes und der Herausforderung.“

"Meine Frau kriegt jedes Mal einen Herzinfarkt, wenn ich mit unserem Siebenjährigen ’radfahren’ gehe"

Kevin Robinson

Als Kevin Robinson einmal verletzungsbedingt 18 Monate pausieren muss, sucht er sich neue Aufgaben. Er hält Motivationsreden und entwirft die Klamottenlinie Grindz, mit Polstern in stylischer Streetwear. „Mein Sohn wollte nie diese uncoolen Polster anziehen. Ich habe an jedem verdammten Tag meiner Karriere diese Polster getragen. Wer keine trägt, probiert’s nicht heftig genug.“

Und so trägt der Sohn nun die von Dad designte Schutzkleidung - und beschert seiner Mum schwere Stunden. „Meine Frau kriegt jedes Mal einen Herzinfarkt, wenn ich mit unserem Siebenjährigen ’radfahren’ gehe“, sagt K-Rob. „Er ist ein Verrückter - und mein bester Kumpel. Ich sage immer: ’Du musst das nicht machen. Nicht so wie ich.’ Aber er sagt: ’Ich will wie mein Dad sein. Ich werde auch mal die X Games gewinnen!’ Sein Name ist Programm: Kevin Robinson junior.

Autor: Thomas Becker
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