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Wir laden schonmal das nächste Girl für Sie!

Jan Delay

Das große Interview über Dicke-Titten-Sound & Piffelkram

"Die Deutschen können nicht zu ihren Gefühlen stehen"

Unverkennbar: Jan Delay bleibt sich und seinem Stil stets treu, egal, in welchem Genre, und egal, wie stark manchmal der Gegenwind bläst. Unser vielseitigster Musiker über Volksmusik, Fußballrivalen und Piffelkram

In letzter Zeit kommt Jan Delay selten zur Ruhe. Sein neues Album „Hammer & Michel“ ist gerade erschienen, der Tour-Kalender ist voll und die Boulevardmedien ebenso. Weil er kürzlich Heino 20.000 Euro Entschädigung zahlen musste, nachdem er ihn als Nazi bezeichnet hatte. Der 37-Jährige steht unter Strom. Immer bereit, auch mal laut zu werden. Auch jetzt im Hamburger Restaurant „Kleine Brunnenstraße 1“, 
wo wir uns treffen, weil die Straße runter sein Studio liegt. Er bestellt Bockwurst. Wir servieren vorab schon mal Fragen. 

Playboy: Herr Delay, auf Ihrem neuen Album singen Sie über unseren Chef: „Irgendwann mal eines Tages, dann nehm ich all mein Erspartes und schmeiß ne Party wie Hugh Hefner, nur viel größer und viel besser.“ Wen laden Sie ein?
Delay: Alle. Außer die ganze „Bild“-Zeitung. Sonst alle (lacht).

"Der Penis-Sound ist doof, und der Titten-Sound ist geil"

Delay

Playboy: Sie beschreiben Ihre neue Rock-Platte „Hammer & Michel“ als „Dicke-Titten-Sound“. Was heißt das genau? 
Delay: Das muss der Playboy natürlich fragen. Mein Produzent Tropf (Kaspar Wiens, d. Red.) und ich machen im Studio immer alles selber. Auch wenn wir uns an eine neue Musikrichtung wie dieses Mal eben Rock herantasten. Also haben wir verschiedene Gitarrenverstärker ausprobiert. Dabei stellte sich heraus, dass ich diese Marshall-Verstärker, die man immer mit Rock verbindet, überhaupt nicht mag. Das ist einfach so ein Penis-Sound. So „ich hab den geilsten Penis“, schrecklich. Dann habe ich gemerkt, dass Orange-Verstärker einen für uns viel passenderen Sound haben. Schön warm und satt, wie geile dicke Titten. Und das ist überhaupt nicht sexistisch, es ist das Gegenteil. Weil ich sage, der Penis-Sound ist doof, und der Titten-Sound ist geil. 

Playboy: Wie nahe sind Sie dem Rock-’n’-
Roll-Lifestyle gekommen? Etwa dem von Mötley Crüe, deren Band-Biografie Sie ziemlich fasziniert haben soll? 
Delay: Null. Aber das ist ja der Grund, weshalb mich diese Biografie so fasziniert. Das ist eine andere Welt. Ich habe noch keiner Frau einen Telefonhörer in die Muschi gesteckt, um dann damit ihre Eltern anzurufen und noch was beim Room Service zu bestellen. 

Playboy: Nicht? 
Delay: Nein, habe ich nicht. Will ich auch nicht. Hab ich auch nicht vor. Aber es ist trotzdem sehr, sehr lustig, sich das einmal durchzulesen. 

Playboy: Müssen Ihre Songs tanzbar sein? 
Delay: Wenn ich Songs mache, die jetzt nicht gerade eine Ballade sind, also neun von zwölf, dann kommt das von selbst. Bei meiner Band, der Disko Number One, ist auch immer so ein Groove da, dass man automatisch dazu tanzen und sich bewegen will. 

Playboy: Sie sind Werder-Bremen-Fan, aber der Song „St. Pauli“ geht auch durchaus als FC-St.-Pauli-Hymne durch. War das beabsichtigt? 
Delay: Nein, null. Ich würde mich freuen, wenn sie ihn benutzen, weil ich natürlich mit dem FC St. Pauli sympathisiere. Ist ja klar, wenn man Werder-Fan ist und den gleichen Erzrivalen hat. 

Verwandlungskünstler

Rap, Funk, Reggae, Rock: Jan Delay hat schon viele Genres umgekrempelt. 1976 in Hamburg als Jan Phillip Eißfeldt geboren und in einem besetzten Haus aufgewachsen, revolutionierte er mit seiner ersten Band, den Beginnern, unter dem Namen Eizi Eiz den deutschen HipHop. Seitdem sorgt der Vater einer Tochter und bekennende Schwarzfahrer für ausverkaufte Konzerthallen und mit politischen Äußerungen immer wieder für hitzige Diskussionen.

Playboy: Eigentlich ist der Song eine Hommage an das St. Pauli der 90er. Wie ist das heute, zum Beispiel beim Schlagermove. Gehen Sie da vor die Tür? 
Delay: Das ist das Allerschlimmste und mir so was von fremd. Das hat aber nichts mit St. Pauli zu tun, das ist einfach so. Die Deutschen können ja nicht zu ihren Gefühlen stehen und sich eingestehen, dass sie auch Volksmusik haben. Da heißt es dann Schlager, und weil diese Lieder meistens sehr bescheuert sind, können sie das nur genießen, wenn sie sich die Binde zuhauen und sich lustig verkleiden. Die können sich nicht ganz normal hinstellen und sagen: „Hey, das sind wir, und das finde ich irgendwie gut.“ 

Playboy: Sie sagen von sich, dass Sie nicht singen können, aber Sie erreichen trotzdem sehr viele Menschen. Wie machen Sie das? 
Delay: Das ist genauso wie mit Thomas Müller. Der ist der Allerallerallerderbste, aber er ist kein Fußballgott-Techniker, sagt er auch selbst. Aber er macht das Ding rein. Er ist halt besonders, er ist eigen, du erkennst ihn auf dem Platz unter Hunderten sofort raus. Weil er sich immer die Räume sucht. Der weiß, was er nicht draufhat, und sich auf das besinnt, was er kann. Und so mache ich’s auch. 

Playboy: 2010 hatten Sie eine Stimmband-OP. Wie war der Moment, als Sie wieder sprechen konnten? 
Delay: Du darfst nicht, das ist ja das Gemeine. Vier Wochen lang weißt du nicht, ob es funktioniert hat. Die Stimme von Miles 
Davis ist nur so kratzig, weil er sich nicht dran gehalten hat. Er hatte auch die OP, und dann haben die Ärzte gesagt, so, Miles, und jetzt hältst du mal drei Wochen die Fresse. Und er, Choleriker vor dem Herrn, hat sich gleich als Erstes über irgendwas aufgeregt, und dann war die Stimme für immer so. Bei mir ist aber alles gut gelaufen. 

Playboy: Sie sind einer der wenigen deutschen Prominenten, die sich oft politisch äußern. Ihr größtes Reizthema zurzeit? 
Delay: Zum Beispiel das Freihandelsabkommen, womit Europa den USA ermöglicht, uns ihre fast schon menschenverachtende Art des Nahrungshandels aufdrücken zu können. Da stecken so viele Unmenschlichkeiten, Ungerechtigkeiten und krank machende Dinge drin. Aber keiner regt sich auf. Wenn irgendeine Scheiße mit mir oder Markus Lanz oder sonstwem passiert, hängen sie am Rechner, diese deutschen Pöbelnasen, und kommentieren und sagen, das gibt’s doch nicht! Aber wenn schwerwiegende politische Dinge passieren, wo seid ihr dann? 

Playboy: Vielleicht ist es zu anstrengend, sich über so etwas Gedanken zu machen? 
Delay: Ja, natürlich. Aber es ist doch viel mehr wert und kann vielleicht wirklich was bewirken! 

Playboy: Ihr Vater ist Saxofonist, die Mutter Kunstprofessorin. Eigentlich müssten Sie Bankkaufmann sein. 
Delay: Ja, genau, und meine kurze rebellische Phase war dann auch so. Mit zehn oder elf habe ich „Wall Street“ gesehen und fand das alles geil. Dann habe ich gesagt, ey, ich werde Börsenmakler. 

Playboy: Wie fanden Ihre Eltern das? 
Delay: Meine Mutter hat einen Schock gekriegt. Ich habe meine Eltern damit in den Wahnsinn getrieben, dass ich mir morgens die Haare gegelt habe und das schöne Polohemdchen haben wollte. Und mit elf wollte ich BWL studieren, als ich im Übrigen noch nicht mal wusste, was Studieren ist. 

Playboy: Waren Sie im schicken Hamburg-Eppendorf ein Außenseiter? 
Delay: Ja, war ich. Aber das hatte eher mit den finanziellen Verhältnissen zu tun. Ich hab in der Schule nicht mit Irokesenschnitt und Nietengürtel gesessen. Damals war es manchmal hart, aber da geht man nur gestärkt draus hervor. Weil: Das Wichtigste ist die Liebe, Geld ist so was von scheißegal. 

Playboy: Was haben Sie von Ihrem Freund Udo Lindenberg gelernt? 
Delay: Vieles. Zum Beispiel bereit zu sein, für gewisse Dinge einfach ein bisschen mehr zu bezahlen und ein bisschen auf größerem Fuß zu leben. Aber dafür mit diesem ganzen Piffelkram und Alltags-pimmelimproblemchen nichts mehr zu tun zu haben. Das findet in Udos Kopf alles nicht statt, und darum hat er eine viel größere Festplattenkapazität für Musik und Kunst. Der malt seine Bilder, macht Stadionkonzerte, die in einem Tag ausverkauft sind, mit einer Show, die so gigantisch ist, dass sie sogar Rammstein in den Schatten stellt. 

Playboy: Was wäre das wichtigste Kapitel in Ihrer Autobiografie? 
Delay: Da gibt es viele. Ich finde Biografien immer langweilig, die mit der Kindheit anfangen. Meine würde nur einmal ganz kurz zeigen, wie ich als Kind im Sommer 1986 im Auto sitze, mit meinem Vater in den Urlaub über die Autobahn fahre, irgendein Kinderbuch lese und dann auf einmal „Walk This Way“ von Aerosmith und Run DMC im Radio läuft und ich komplett durchdrehe. Ich wusste nicht, dass das Rap ist. Aber ich weiß noch, wie ich gesagt habe: „Boah, ist das Schlagzeug geil und laut!“ Damit müsste es anfangen.

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Autor: Tim Geyer, Redakteur
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