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Wir laden schonmal das nächste Girl für Sie!

Deichkind

...über Bierduschen und Penisscham

"Drogen sind was für Erwachsene"

Deichkind, die ewig junge HipHop-Elektro-Band aus dem Norden, über Bierduschen, Penisscham und Spießertum

Kurz bevor sie mit ihrem neuen Album, „Niveau Weshalb Warum“, durch die Multifunktionshallen dieses Landes toben, irre Stunts und freakige Kostüme inbegriffen, treffen wir eine Hälfte von Deichkind zum Gespräch: Philipp Grütering alias „Kryptic Joe“, längst 40, und den kater- und zahnschmerzgeplagten Sebastian Dürre alias „Porky“, auch schon 37. Kumpelige Handschläge, ein paar Worte über die Vorzüge dentaler Runderneuerung unter Vollnarkose, dann sagt Grütering: „Lass mal einfach ’n bisschen schnacken, oder?“ Machen wir!

"Wenn wir beim Echo über den roten Teppich gehen, interessiert das kein Schwein. Das ist ja auch witzig"

Deichkind

Playboy: Wenn man sich wie Sie auf der Bühne verausgabt, braucht man da einen besonders spießigen Freizeitausgleich? 
Grütering: Zwei Stunden auszuflippen ist ja auch schon Routine bei uns. 
Dürre: Mich ziehen diese Gegensätze an. Weil wir so einen Remmidemmi-Job haben, suche ich mir zum Ausgleich eher eine Eckkneipe mit gelbbärtigen Typen. Ich sitze aber auch einfach gern im Keller. Ein Song auf dem neuen Album heißt „Hauptsache nichts mit Menschen“. Dazu haben wir uns von Cornelius Gurlitt inspirieren lassen . . . 

Playboy: . . . der in seiner Wohnung von den Nazis geraubte Kunstschätze hortete. 
Dürre: Eigentlich sollte die Nummer „No Existence“ heißen, weil es uns fasziniert hat, dass so jemand existiert, aber eigentlich nichts mit Menschen zu tun hat. Er ist das komplette Gegenteil von dieser ganzen WhatsApp-Generation. 

Playboy: Maskiert und unerkannt auf einer Bühne über die Stränge zu schlagen: Das hat ja was von Kinderkarneval. Ist das spießig? 
Dürre: Vielleicht, ja. 
Grütering: Das steckt bei uns natürlich drin. Meine Eltern haben mir auch gewisse Dinge vorgelebt und waren keine durchgeknallten Freaks. 
Dürre: Aber trotzdem hat man als Mittelschichtskind die Subkultur gesucht und Run DMC gehört. Sonst wären wir auch nicht dahin gegangen, wo wir sind. 
Grütering: Wir haben uns diesen Party-Aspekt von Deichkind ja nicht auf dem Reißbrett ausgedacht. Wir haben mit Musik angefangen und dann festgestellt, wenn wir den Beat noch ein bisschen schneller drehen und das und das auf der Bühne machen, kommen mehr Leute. Deichkind ist durchgeknallt, aber inhaltlich hat es auch was Realitätsnahes.

Playboy: In Ihrem Alter denken andere ans Häuslebauen. Sie hingegen nehmen sich schon eher jugendlich-unernst, oder? 
Grütering: Manchmal werden wir gefragt, wie lange wir das noch machen wollen, und es verwundert mich. Aber vielleicht liegt es auch daran, dass wir nicht wirklich das leben, was wir nach draußen darstellen oder inszenieren. Mir ist tatsächlich auch noch nie in den Kopf gekommen, einen Häuslebauer, wenn er schon sehr lange in seinem Häusle sitzt, zu fragen, wie lange er das noch aushalten will. 

Playboy: Wie kommen Sie darauf, sich live neonfarbene Müllsäcke überzustreifen, in Schlauchbooten über die Menge tragen zu lassen oder hektoliterweise Freibier ans Publikum zu verteilen? 
Dürre: Ja, die Bierdusche. Vor zehn Jahren hatten wir die Idee dazu: Hey, lass uns doch mal im Publikum eine Europalette Dosenbier verteilen, dann schütteln das alle und machen das gleichzeitig auf. Das gab einen Riesen-Bier-Atompilz. Ein absoluter Kick. 

Playboy: . . . den Sie abgeschafft haben. 
Dürre: Wir haben das zwei-, dreimal gemacht, aber da gab es Nasenbeinbrüche. 
Grütering: Weil Leute Bierdosen geschmissen haben? 
Dürre: Nein, aber wenn 2000 Bierdosen gleichzeitig geöffnet werden und es schießt nur so raus, hast du schnell mal einen Ellenbogen im Gesicht. Aber auch wenn wir das nicht mehr machen, können wir alles ausprobieren, was wir wollen. 

Playboy: Ist Deichkind eigentlich eine Band im klassischen Sinn? 
Grütering: Eigentlich ist Deichkind keine Band. Eigentlich ist es ein Clan. 
Dürre: Ein Monster-Clan! Eine Art Organismus. Irgendwo sind wir aber auch eine Band, die mal ein Bier trinkt, einen raucht, und dann hört man neue Musik. Aber das ist nur ein Baustein vom ganzen Rest.

Die Kindsköpfe

Ein überdimensioniertes Bierfass, Feuerlöscher, Daunen und eine Wodka-Zitze sind nur vier der ungezählten Requisiten einer Deichkind-Live-Show. Seit 1997 lotet die Hamburger HipHop-Elektro-Band in wechselnder Besetzung Genre- und Geschmacksgrenzen aus und prägt mit Hits wie "Leider geil" und "Arbeit nervt" die Alltagssprache. 

Playboy: Tragen Sie bei Auftritten Kostüme, weil Sie sich verstecken wollen? 
Dürre: Wir beide waren gerade auf einem Beatsteaks-Konzert in einer Riesenhalle. Da meinte der Sänger irgendwann: „Danke an Sido und danke an Deichkind!“ Wir standen da mit einem Bier im Publikum und sagten: „Hä? Meinte der gerade uns?“ 
Grütering: Wir müssen nicht unbedingt im Rampenlicht stehen. Ich finde es gut, dass ich mit den Öffentlichen fahren kann, das erdet einen auch wieder. Gerade wenn man danach vor 10.000 Leuten in der O2-Arena spielt. 
Dürre: Wenn wir beim Echo über den roten Teppich gehen, interessiert das kein Schwein. Das ist ja auch witzig. Wobei, in Österreich wird man komischerweise auch auf der Straße erkannt. 

Playboy: Woran liegt das? 
Grütering: Die Österreicher verstehen den Hamburger Humor. Im Gegensatz zu den Schweizern, da ist das immer ein bisschen schwierig. Ich habe letztens in einer Schweizer Zeitung über uns gelesen, „die seltsamste Band Deutschlands“. Das fand ich irgendwie bezeichnend. 

Playboy: Anscheinend mag Sie ja jeder. Ist das bedenklich? 
Dürre: Nein, das ist geil! 
Grütering: Deichkind hatte immer den Wunsch, Mainstream zu sein. Obwohl es vielleicht anarchisch aussieht, wenn wir live mit Feuerlöschern sprühen und die Daunen durch die Luft fliegen. Dabei wollten wir mit der dritten Platte eigentlich aufhören und haben gesagt „Fuck off! Wir gehen jetzt in Müllsäcken auf die Bühne.“ Aber plötzlich fanden das Leute interessant. 

Playboy: Sind die Live-Shows Ihre Kür? 
Grütering: Genau. Man ackert ohne Ende, bis es dann zu einer Tour kommt. Man muss die Tour auch gut vorbereiten, damit man sie körperlich und psychisch überstehen kann. 

Playboy: Nichts für ungut, aber trainieren Sie dafür auch Ihre Bierbäuche? 
Grütering: Ja (lacht). 
Dürre: Gestern haben wir trainiert. Deshalb bin ich auch noch etwas im Arsch. 

Playboy: Sollte man als Besucher Ihrer Shows auch betrunken sein? 
Dürre: Das muss nicht sein. Du kannst 15 Bier trinken oder gar keins. 

Playboy: Wie ist es bei Ihnen? 
Dürre: Früher habe ich mich schon nachmittags weggesmoked – mit Zigaretten . . . 

Playboy: Warum tragen Sie dann so ein T-Shirt voller Hanfblätter? 
Dürre: Okay, früher waren wir die Besoffensten von allen. Inzwischen hat sich das eingependelt. Früher haben wir in Clubs gespielt, wo nebenan noch eine Party war. Heute spielen wir in der Sparkassenarena Neu-Ulm im Industriegebiet. Da sitzen wir in einer Handball-Umkleidekabine mit Ikea-Sofa, einer Palme und einer Kiste Gatorade. 

Playboy: Wann war Ihre schlimmste 
Drogenphase? 
Dürre: Die hatte ich mit Anfang 20. Da habe ich viel Carlos Castaneda gelesen. 

Playboy: Hat der Sie inspiriert? 
Dürre: Genau. Der Playboy ist ja ein Erwachsenenmagazin, da kann man das sagen. Also für junge Leute und Kinder: Drogen sind wirklich was für Erwachsene. 

Playboy: Es geht bei Ihnen also ganz 
bürgerlich zu. 
Dürre: Trotz allem, was man bei Deichkind so vermutet, sind wir wirklich Bier trinkende Kiffertypen. Kein Kokain, kein irgendwas. 

Playboy: Klingt ungewöhnlich für eine Band, die sich in der Techno-Szene bewegt. 
Dürre: Ich habe immer Angst davor gehabt. 90 Prozent von denen, die auf der Strecke geblieben sind, hatten mit Kokain zu tun. Ich habe noch keinen getroffen, der gegen das Zeug gewonnen hat. 

Playboy: Ein anderes Rockstar-Klischee sind Groupies. Haben Sie viele? 
Dürre: Früher war es bei mir so: Hauptsache, ein Puls, oder Hauptsache, noch warm. Puls war dann auch irgendwann egal, aber mittlerweile esse ich zu Hause (Lachen). Aber ich weiß noch, als wir in Roskilde in Dänemark gespielt haben, liefen überall diese wunderschönen Menschen herum, nur Blondinen. Solche Frauen wie auf dem Playboy-Cover. Da war ich als Mann völlig überfordert. Am nächsten Tag haben wir in Hanau auf einer Techno-Party gespielt, und da lief so Sven-Väth-Zeug. Aber irgendwie habe ich mich da wohler gefühlt. Wenn du auf unsere Konzerte gehst, sind auch vom Sparkassen-Angestellten bis zum Kiffer-Punk alle da. 

Playboy: Bei allem, was Sie auf der 
Bühne so anstellen – wie überwinden Sie eigentlich Scham? 
Dürre: Ach! Das habe ich schon lange hinter mir. 
Grütering: Indem man sich maskiert. 
Dürre: Also wir treten manchmal auch im Slip auf, aber wir sind nie nackt auf der Bühne. Einmal habe ich beim Rappen gemerkt, dass mir mein Piedel raushing, und da habe ich mich auch sehr geschämt. 

Playboy: Inzwischen beschäftigen Sie um die 30 Leute. Setzt Sie das unter Druck? 
Dürre: Es geht immer irgendwie. Alle 
werden älter, weshalb wir versuchen, familienfreundlich zu sein. Eine Mitar-
beiterin kriegt jetzt ein Kind, und die will man dann auch mitnehmen. Nur weil 
sie jetzt irgendwie zur Mami wird, heißt das nicht gleich: Abstellgleis, Junge! (Lachen) 

Playboy: Kann man mit Deichkind reich werden? 
Dürre: Wenn wir im letzten Jahr Deichkind abgemolken hätten, dann wären wir jetzt wahrscheinlich reich. Aber wie Flake von Ramm-
stein mal gesagt hat: „Alle denken immer, wir sind reich, aber was meinst du, 
was der Dreck kostet, den wir da 
machen?!“ Keiner von uns hat finanzielle Not. Aber wir sind auch nicht Thurn 
und Taxis, die sich Wälder kaufen.

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Autor: Tim Geyer, Redakteur
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