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Sebastian Steudtner

Der Ritt seines Lebens

Surfen extrem

Deutschlands einziger Big-Wave-Surfer Sebastian Steudtner kannte jahrelang nur ein Ziel: die Monsterwoge, die ihm den Weltrekord zurückbringen soll. Jetzt fand er sie in Portugal: „Die größte Welle, die ich je gesurft bin“

Er kann noch nicht viel sehen in der Dämmerung, aber er weiß, dass sie da sind. Sebastian Steudtner kann sie hören. Dieses tiefe, tosende Donnern. Weit draußen bauen sich Wellen auf, knapp 20 Meter hoch, 500.000 Tonnen Wasser, die sich mit 70 Stundenkilometern der Küste nähern. Giganten der Meere. Kurz nachdem sie ihre volle Größe erreicht haben, ist es für einen Augenblick fast still. Nur der Wind ist zu hören. Dann brechen die Wassermassen in sich zusammen.

Eine Symphonie und ein Naturschauspiel von bizarrer Schönheit. Genau das, worauf Steudtner gewartet hat. Der 29-jährige Nürnberger steht um halb sieben Uhr morgens an der Küste des portugiesischen Fischerorts Nazaré und blickt auf den Atlantik. „Da draußen ist eine der größten Kräfte am Werk, die es gibt, und ich kann daran teilhaben“, sagt er. In ein paar Stunden wird er dort draußen sein, als kleiner schwarzer Punkt auf einer riesigen Wasserwand. „Auf der einen Seite fühlt man sich wahnsinnig mächtig, auf der anderen wahnsinnig klein.“

Er will den Weltrekord holen, er will die größte Welle der Welt surfen. Und heute ist der Tag dafür. Steudtner ist Big-Wave-Surfer, der einzige Deutschlands, einer der wenigen professionellen weltweit. Und: einer der besten. Die Wellen, die er reitet, sind groß wie Häuser. Er lässt sich von einem Jet-Ski in sie hineinziehen, koppelt sich am höchsten Punkt ab und rast die Wasserwand entlang, immer auf der Suche nach der perfekten Linie. Immer in der Hoffnung, nicht von der Welle eingeholt zu werden.

Wenn irgendwo die großen Brecher anrollen, ist er schon da

Dafür reist er um die ganze Welt. Hawaii, Chile, Irland – oder eben Portugal. Wenn irgendwo die großen Brecher anrollen, ist er schon da. Zwei Leute in seinem Team analysieren für ihn Wetterkarten, sagen die Monsterwogen voraus. Als sie ihn diesmal anriefen, klangen sie besonders aufgeregt: eine einmalige Wetterkonstellation, Wellen von bis zu 30 Meter Höhe. Keine 24 Stunden später saß Steudtner im Flugzeug. 

"Auf der einen Seite fühlt man sich wahnsinnig mächtig, auf der anderen wahnsinnig klein"

Sebastian Steudtner

Nazaré also, mal wieder Nazaré. Erst vor ein paar Jahren hat die Big-Wave-Szene den 10.000-Einwohner-Ort 100 Kilometer nördlich von Lissabon für sich entdeckt, mittlerweile ist er ihr Mekka. 2011 ritt der US-Amerikaner Garrett McNamara hier die größte Welle, die je gesurft wurde. 23,8 Meter hoch.

Noch beeindruckender als diese Zahl war nur das Foto des Rekordritts, das anschließend um die Welt ging: Nazarés Festung mit dem roten Leuchtturm im Vordergrund, dahinter eine gigantische Wasserwand – und McNamara ein Insekt daran. Heute sind in Restaurants Menüs nach dem 47-Jährigen benannt, und am Strand gibt es T-Shirts zu kaufen mit der Aufschrift: Nazaré – the biggest wave of the world.

Grund für die Riesenwelle ist eine der Küste vorgelagerte unterseeische Schlucht, die bis zu 500 Kilometer tief ist und an die 200  Kilometer weit ins Meer reicht. Ihretwegen türmt sich das Wasser. Wenn die Fischer im Ort von den Wellen reden, sprechen sie von „Witwenmachern“. Wenn Steudtner von den Wellen redet, spricht er von Glücksgefühlen. 

Als Neunjähriger hat Steudtner im Urlaub am Meer mit Windsurfen angefangen, mit 13 entschied er sich, Profi zu werden. Es dauerte drei Jahre, bis er seine Eltern überzeugen konnte, ihn aus Nürnberg nach Hawaii in ein Surf-Internat ziehen zu lassen. Viele belächelten den Jungen aus dem beschaulichen Franken damals. Doch ihm war das egal. Steudtner schaffte den Sprung unter die Windsurf-Profis, bekam Sponsoren. Er war angekommen, wo er hinwollte. Dann entdeckte er die großen Wellen für sich und erkannte: „Diese Kraft und Geschwindigkeit zu spüren ist ein pures Glücksgefühl.“ Weil er durch den Wechsel seine Windsurf-Sponsoren verlor, arbeitete er zunächst jahrelang als Pool-Bauer, während er die hohe Kunst des Big-Wave-Reitens erlernte. Sein Lehrmeister: Nelson Armitage Senior, einer der bekanntesten Surfer Hawaiis. Der brachte Steudtner bei, wie man die großen Wellen bezwingt – und gab ihm das nötige Selbstbewusstsein mit, um die Jagd nach ihnen zu seiner Profession zu machen. 

Am Abend vor dem Monsterwellentag von Nazaré sitzt Steudtner mit seinem Team in einem gemieteten Ferienhaus. Sicherheitsbesprechung. Sie gehen die Abläufe für den Fall eines Unfalls durch, legen die Funkfrequenz fest, einigen sich auf Sprachregelungen, um Missverständnisse auszuschließen.

Jahrelang hat Steudtner an der Optimierung seiner Technik gefeilt und sein Team zusammengestellt, zu dem neben einigen anderen der Militärarzt Axel Haber, Wellenspotter Jorge Leal und der 25-jährige Brite Tom Butler gehören, selbst ein talentierter Big-Wave-Surfer, aber ein noch besserer Jet-Ski-Fahrer. Er zieht Steudtner wie beim Wasserski mit einem Seil auf die höchsten Wellenkämme. 

Die zwei sind perfekt aufeinander abgestimmt – das ist überlebenswichtig. Die Ausrüstung haben sie schon am Nachmittag überprüft. Die Sitzpolster der Jet-Skis mit Gurten verstärkt, Beatmungsgeräte eingepackt, die Rettungsschlitten fest angebunden und die Seile mit Tape umwickelt, damit sie noch stabiler sind und sich nicht abreiben. „Es ist wichtig, dass man an alles denkt“, sagt Steudtner. „Später kommt es auf die Details an.“ Mit der Klischee-Lässigkeit des Wellenreitens hat Big-Wave-Surfen nichts zu tun. Steudtner arbeitet extrem diszipliniert, absolviert fast täglich mehrere Stunden Kraft-, Konditions- und Koordinationstraining. „Ich muss alles tun, um die physischen und technisch notwendigen Grundlagen zu schaffen. Das hilft, den Kopf frei zu haben. Am Ende entscheidet immer der Kopf.“ Er muss darauf vorbereitet sein, von einer Welle in die Tiefe gerissen zu werden. Regelmäßig taucht Steudtner Apnoe – mit einem Atemzug so weit in die Tiefe wie möglich. Im Ruhezustand kann er über vier Minuten die Luft anhalten. Das hilft, nicht in Panik auszubrechen, wenn der Körper um Sauerstoff ringt. Panik bedeutet: zappeln, Wasser atmen, sterben. Steudtner bereitet sich so akribisch auf seinen 30-Sekunden-Ritt vor wie kaum ein anderer. Er ist wohl der Einzige in der Szene, der mit einem Militärarzt über die Verbesserung der Ausrüstung und unterschiedliche Rettungsszenarien nachdenkt. Und er gehört zu den wenigen, die so oft in Nazaré sind, dass sie dort eine eigene Garage haben, in der sie Jet-Skis und Surfbretter lagern. Dort beginnt am Tag der Monsterwellen die finale Phase des Projekts Weltrekord. 

Es riecht nach Öl und Meer, als Steudtner wenige Stunden nach seinem morgendlichen Besuch an der Küste einen Anhänger mit silbernen Jet-Skis aus seiner Garage zieht und an einem Geländewagen befestigt. Die Surfbretter liegen neben dem Auto. Es sind spezielle Modelle für die großen Wellen. Kleiner, wendiger, robuster. Mit einem von ihnen gewann Steudtner als erster Europäer den Global Big Wave Award für den Ritt auf der größten Welle des Jahres. Am 7. Dezember 2009 war er in Hawaii eine 22 Meter hohe Wasserwand gesurft, das hatte vor ihm noch keiner geschafft, Weltrekord – bis McNamara kam. Am 1. Mai wird der begehrte „Surf-Oscar“ auch dieses Jahr wieder in Los Angeles vergeben – und Steudtner will ihn zurückhaben. Wegen der Ehre, wegen der Bestätigung – aber natürlich auch wegen der Vermarktungsmöglichkeiten, die ihm so ein Titel bringt. Denn seine Rekordjagd ist kostspielig. Flüge, Unterkunft, Material. Wenn Steudtner nicht auf dem Brett steht, kümmert er sich um die Finanzierung seines Sports. Große Sponsoren hat er nicht, aber gute Ideen: Über eine Crowdfunding-Plattform konnte er im Herbst 2014 rund 37.000 Euro für sein Projekt Weltrekord generieren. Seine zweite Haupteinnahmequelle: Vorträge. Er spricht über Willenskraft und den Umgang mit Extremsituationen – sein Spezialgebiet. 

Während sich die Fotografen in der Garage über ihre Standorte abstimmen, zwängen sich Steudtner und Jet-Ski-Fahrer Butler in ihre Neoprenanzüge und wärmen sich auf. Jeder für sich, jeder in seinem eigenen gedanklichen Tunnel. Die Funkgeräte werden verteilt, letzte Anweisungen gegeben. Nach ein paar Minuten schließt Steudtner die Holztür der Garage und stellt sich mit seinem Team im Kreis auf. Er sagt ihnen, dass sie eine Familie sind, dass sie Spaß haben und gesund zurückkommen werden. Stille. Dann brüllen sie gemeinsam: „Wohoo!“ Die Tür geht auf, einer nach dem anderen tritt ins Sonnenlicht. Kurz danach heulen die Motoren der Jet-Skis auf. 

An der Küste ist bereits alles voller Menschen, viele haben Ferngläser dabei. Dicht gedrängt stehen sie um den Leuchtturm. Dazwischen Kamerateams und Fotografen. Ein rothaariger Engländer schreit ins Telefon: „Alter, ich kann nicht fassen, dass ich hier bin! Die Wellen sind gigantisch! Die Surfer sehen aus wie Ameisen!“ Dann lacht er hysterisch. 

Steudtner bekommt von all dem nichts mit. Für ihn hat ein Strategiespiel begonnen. Wer es gewinnt, bekommt die größte Welle des Tages, vielleicht sogar die größte je gesurfte Welle überhaupt. Wellenspotter Jorge Leal steht an der Küste und schaut durch sein Kameraobjektiv, dann nimmt er sein Funkgerät und dirigiert Steudtner und Butler über das Meer. „First peak, second set. Take the third wave“, knarzt es.

Ganz oben auf den Kamm lässt Steudtner das Seil los

Leal gibt die Richtung und die Welle an, die er für die beste Wahl hält. Dann muss alles schnell gehen, denn auch die anderen Teams können Wellen lesen. Butler gibt Gas mit dem Jet-Ski, bis auf 80 Stundenkilometer, Steudtner hängt wie beim Wasserski hinten am Seil. Die zwei rasen Richtung Strand, vor der heranrollenden Welle her. Die holt sie ein, hebt sie empor. Und ganz oben auf den Kamm lässt Steudtner das Seil los. Ihre Wege trennen sich. Butler lenkt meerwärts hinaus. Steudtner schießt den Wasserberg strandwärts hinab, hochkonzentriert. Er muss das Gleichgewicht und die Geschwindigkeit halten, ein Boarder auf einem Berg, der sich rasend bewegt und verändert. Ein winziger Fehler, und der Surfer wird unter den Wassermassen begraben. 

Aus der Ferne sieht man nur einen kleinen schwarzen Punkt, der im Dahingleiten einen weißen Streifen hinterlässt. Immer bedrohlicher baut sich die Welle hinter und über ihm auf – und dann ist er plötzlich weg. Verschwunden im Tunnel. An der Küste halten die Zuschauer inne, recken die Hälse, unten am Strand laufen die Rettungssanitäter los. Hier wissen alle, was passieren kann. Die Brasilianerin Maya Gabeira, eine der wenigen Frauen in diesem Sport, musste hier 2013 am Strand reanimiert werden, nachdem sie gestürzt und von nachkommenden Brechern in die Tiefe gedrückt worden war.

Zehn Riesenwellen ist Steudtner an diesem Tag gesurft

Die Zuschauer werden unruhig. Aber da ist Steudtner plötzlich wieder. Er war schneller als die Lawine. Jubel bricht los – und aus Leals Funkgerät knarzt es: „Yeah!“ Als die Jet-Skis am Nachmittag zurück in die Garage rollen, ist die Stimmung ausgelassen. Zehn Riesenwellen ist Steudtner an diesem Tag gesurft. Umarmungen, Gelächter. Militärarzt Haber klopft Steudtner auf die Schulter, erleichtert, dass er nicht zum Einsatz kam. Butler steht bei ihnen.

Und dann gehen sie Welle für Welle durch – auf Bildern, in Worten. Jede hat für Steudtner einen anderen Charakter gehabt, manche waren sehr unruhig, manche extrem schnell. Jeden einzelnen Ritt hat das Team dokumentiert. Die Fotos und Videos wird die Jury des Big Wave Award nutzen, um festzustellen, ob Steudtner tatsächlich die größte Welle des Jahres bezwungen hat. Er selbst ist da zuversichtlich. Die Nummer drei an diesem Tag könnte Weltrekord gewesen sein. „Das war“, sagt er und tippt auf das Bild, „auf jeden Fall die größte Welle, die ich in meinem Leben gesurft bin.“

Autor: Anna Dreher
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