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Wettmafia in Brasilien

Die Spielverderber

Wettmafia in Brasilien

Ist es denkbar, dass in Brasilien Spiele manipuliert werden? Worauf Sie sich verlassen können, sagtWettmafia-Experte Declan Hill. Warum die Glaubwürdigkeit der WM in Gefahr ist und wie Wettbetrüger vorgehen...

Südafrika, 5. Juni 2010, wenige Tage vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft. Ein Freundschaftsspiel steht an, Südafrika gegen Dänemark. Das Stadion ist voller Fans, Fernsehteams aus aller Welt sind da, die Spieler wärmen sich auf. Alles ist bereit, alles scheint perfekt. Es gibt nur ein Problem: die Schiedsrichter. Sie wurden engagiert von einer Bande internationaler Wettbetrüger – unter ihnen der wegen Betrugs vorbestrafte Singapurer Wilson Raj Perumal.

Laut einem geheimen Fifa-Untersuchungsbericht stehen mindestens sechs Testspiele, die vor der WM 2010 ausgetragen wurden, unter Verdacht, von Wettbetrügern, sogenannten Match-Fixern, organisiert worden zu sein. Es ist ein Skandal. Ein Skandal angesichts dessen sich eine Frage aufdrängt: Wird sich so etwas bei der WM in Brasilien wiederholen? Werden wir rund um das größte Sportereignis der Welt verschobene Spiele sehen? Um die Wahrheit zu sagen: Ich weiß es nicht. Es gibt wenige Leute, die die Zukunft vorhersagen können, Journalisten gehören nicht dazu. Lassen Sie es mich also anders formulieren: Ist es denkbar, dass in Brasilien Spiele manipuliert werden? Wo-rauf Sie sich verlassen können. Ich erkläre Ihnen gern, warum. 

An der Fußball-WM nehmen Spieler teil, die befürchten müssen, keinen einzigen Cent dafür zu erhalten

Punkt eins: An der Fußball-WM nehmen Spieler teil, die befürchten müssen, keinen einzigen Cent dafür zu erhalten. Klingt unglaublich, ich weiß. Die WM wird schließlich in fast jedem Land der Erde ausgestrahlt, allein für die Vergabe der Sponsoren- und TV-Rechte fließen Milliarden von Euro. Und natürlich zahlt die Fifa als Organisator des Turniers den Fußballverbänden jedes Teilnehmerlands mehrere Millionen Euro, um die Ausgaben zu decken und die Spieler zu entlohnen. Das Problem ist: Nicht in jedem Land werden vor WM-Beginn ordentliche Verträge zwischen Spielern und Verbänden geschlossen. Stattdessen gibt es immer wieder Teams, die bis zum Schluss um ihre Bezahlung kämpfen müssen. 

Bei der WM 2010 konnte sich zum Beispiel Gastgeber Südafrika erst wenige Tage vor dem Eröffnungsspiel zu einer Einigung bezüglich der Spielergehälter und Prämien durchringen. Immerhin bekamen die Spieler überhaupt Geld. 2006 in Deutschland drohten die Spieler Togos während der WM mit Streik und beschuldigten die togoischen Funktionäre, sie um ihr Geld zu prellen. Erst nachdem sich hochrangige Fifa-Mitglieder einschalteten und den Spielern versprachen, sie direkt auszubezahlen, lief die Mannschaft aus Togo ins Stadion ein. 

Die Liste solcher Beispiele ließe sich beliebig fortsetzen: Durch den internationalen Fußball zieht sich eine Reihe von Finanzskandalen, die belegen, dass immer wieder Spieler um eine angemessene Vergütung fürchten müssen.

Organisiert, intelligent, geduldig, gnadenlos

Behalten Sie das im Hinterkopf, während wir uns dem zweiten Punkt zuwenden, der befürchten lässt, dass es in Brasilien zu Manipulationen kommen wird: Auf vielen großen internationalen Fußballturnieren sind Leute anzutreffen, die bereits wegen Wettbetrugs vorbestraft sind. Sie reisen zu Wettkämpfen in Afrika, Australien, Asien, Nordamerika, Lateinamerika und Europa. Oft residieren sie in denselben Hotels wie einige der unterbezahlten Spieler. Das heißt nicht, dass Spieler oder Funktionäre dieser Teams sich tatsächlich kaufen lassen. Doch die Match-Fixer haben schon vielen Mannschaften, Spielern, Funktionären und Schiedsrichtern Geld dafür geboten, bei der WM zu manipulieren.

Wie die Wettbetrüger vorgehen? Organisiert, intelligent, geduldig, gnadenlos. In der Regel arbeiten sie in Netzwerken. Bei Wettbetrug auf lokaler Ebene, wenn also beispielsweise Spiele europäischer Fußball-Ligen manipuliert werden, läuft das Ganze – stark vereinfacht – wie folgt ab: Match-Fixer aus Asien gehen Bündnisse mit europäischen Wettbetrügern ein. Die Europäer sind dafür zuständig, den Kontakt zu den Spielern oder Schiedsrichtern herzustellen, die das Spiel letztlich manipulieren. Dazu setzen sie selbst wiederum oft Mittelsmänner ein (sogenannte Runner), die Zugang zu den Spielern haben: beispielsweise Ex-Profis, Freunde von Spielern, Club-Offizielle oder Spieler-Agenten.

Die asiatischen Wettbetrüger kümmern sich derweil darum, Wetten auf die manipulierten Spiele so zu platzieren, dass sie möglichst viel Gewinn abwerfen – und dabei möglichst wenig Verdacht erregen. Dazu arbeiten sie wiederum mit sogenannten Betting Agents zusammen, die die Einsätze bei den Wettanbietern platzieren. Die Wettanbieter selbst sind in der Regel die finanziell Leidtragenden, denn sie müssen die Wettgewinne ja auszahlen. Sich Zugang zu einzelnen Spielern zu erarbeiten ist eine Möglichkeit für Wettbetrüger, Spiele zu manipulieren – eine andere besteht darin, sich gleich Zugriff auf ganze Spiele zu verschaffen. So wie Wettbetrüger Wilson Raj Perumal im Vorlauf der WM in Südafrika. Er gründete einfach eine Fußball­-Agentur namens Football 4U International. Diese Agentur bot dem Südafrikanischen Fußballverband an, die Organisation sämtlicher Testspiele zu übernehmen. Dann luden die Wettbetrüger andere Nationalteams zu Testspielen nach Südafrika ein, kümmerten sich um Hotels und Logistik – und schleusten ihre eigenen Schiedsrichter ein. 

Die Fifa weiß um das Problem mit dem Wettbetrug im Fußball. Als ich im Februar 2008 für mein erstes Buch zu diesem Thema Fifa-Präsident Sepp Blatter interviewte, begrüßte er mich mit den Worten: „Ach ja, Herr Hill, Sie möchten mit mir über die asiatischen Wettbetrüger sprechen. Mir ist dieses Problem seit Jahren bekannt.“ Auch der Präsident des nationalen ghanaischen Fußballverbands, Kwesi Nyantakyi, war nicht überrascht zu hören, dass es Versuche gegeben hatte, ein Länderspiel seines eigenen Teams zu manipulieren. „Bei jedem Wettbewerb gibt es Zocker“, sagte Nyantakyi. „Egal, welches Turnier, sie sind da. Bei den wichtigen Turnieren gehört das zum Alltag. Sie kommen zur Weltmeisterschaft, zur Afrikameisterschaft. Die Zocker sind keine Afrikaner, sie stammen aus Europa und Asien. Darum haben sie auch das Geld für diese Wetten.“

Selbst internationale Top-Spiele in Europa sind nicht vor Manipulationen gefeit

Lange verhielt sich die Fifa so, als handle es sich bei diesen Wettbetrügern um die bemitleidenswertesten Touristen der Welt: Sie fliegen von Kontinent zu Kontinent, besuchen Turnier um Turnier, wenden sich an zig Spieler, Trainer und Funktionäre – immer ohne Erfolg. Und obwohl sie überall auf Granit bissen, setzen sie ihre Reise unermüdlich fort. Endlich, im Januar dieses Jahres, änderte sich diese Haltung. Der Ex-Polizist und heutige Fifa-Sicherheitschef Ralf Mutschke sagte in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ offen, dass „die organisierte Kriminalität versucht, auch WM-Spiele zu manipulieren“. Und im Mai gab er via ARD sogar bekannt: „Es gab bereits Festnahmen von Match-Fixern, die behauptet haben, auf dem Weg nach Brasilien zu sein.“ Es sei wichtig, Spieler und Schiedsrichter für die Gefahr des Wettbetrugs zu sensibilisieren. Darauf weist Mutschke oft hin. Doch den wichtigsten Punkt, die Bezahlung der Spieler, erwähnt er kaum. Schade, denn sonst stünde es heute besser um die Glaubwürdigkeit des weltgrößten Sportereignisses. 

Um eines klarzustellen: Es besteht kein Zweifel daran, dass internationale Spiele bereits erfolgreich manipuliert wurden. Laut eigenen Angaben deckte die Sonderkommission gegen organisierte Kriminalität und Wettbetrug in Bochum allein in den letzten drei Jahren über 150 Fälle von Wettbetrug auf. Skeptiker mögen nun denken, dass sich solche Manipulationen auf unwichtige Turniere beschränken, auf Freundschafts- und Testspiele, auf obskure Teams in obskuren Ländern bei obskuren Turnieren. Doch das ist ein Trugschluss. Selbst internationale Top-Spiele in Europa sind nicht vor Manipulationen gefeit. Als die Bochumer Sonderkommission vor einigen Jahren ihre Erkenntnisse zum Fußball-Wettskandal 2009 veröffentlichte – und damit die Fußballwelt erschütterte – wurde bekannt, dass auch bei zwölf Spielen der Europa League und drei Champions-League-Partien „konkret der Verdacht besteht, dass es zu versuchten oder vollendeten Manipulations- und Betrugshandlungen gekommen ist“. 

Und das ist lange noch nicht alles. Laut vertraulichen Fifa-Dokumenten, die dem Autor dieses Artikels vorliegen, hat der Wettbetrüger Wilson Raj Perumal wenige Tage vor Anpfiff der letzten WM in Südafrika nicht nur Spiele zu manipulieren versucht, er wurde dabei zudem von einem – bisher unbekannten – südafrikanischen Fußballfunktionär unterstützt. 

Kurz bevor Chris Eaton, Mutschkes Vorgänger bei der Fifa, zum International Centre for Sport Security (ICSS) in Katar wechselte, reiste er nach Südafrika, um die dortigen Funktionäre unter die Lupe zu nehmen – eben jene Offiziellen, die die Fußball-WM 2010 organisiert hatten. Die Befragten räumten ausnahmslos ein, dass Perumals Team den Südafrikanischen Fußballverband bei der Organisation einiger Spiele unterstützt hatte – Spiele, von denen hochrangige Fußballfunktionäre heute annehmen, dass sie manipuliert werden sollten. Die Südafrikaner gaben weiter an, dass Perumal und seine Mitarbeiter für ihre Arbeit die Räumlichkeiten des nationalen Fußballverbands nutzten. Wozu sich allerdings niemand äußern wollte, war, wer Perumal dorthin eingeladen hatte. 

Viel Glück, liebe Fifa, bei der Wahrheitsfindung!

Wie die südafrikanische Regierung nun verlauten ließ, will sie keine polizeilichen Ermittlungen aufnehmen. Sie hat die Untersuchungen an die Fifa zurückverwiesen. Die Fifa kann keine Verhaftungen vornehmen, sie kann niemanden zu einer Aussage zwingen, sie kann keine Zeugen schützen und keine Herausgabe von Unterlagen verlangen – viel Glück, liebe Fifa, bei der Wahrheitsfindung!

Immerhin eines aber ist dem vertraulichen Fifa-Bericht klar zu entnehmen: Bei mindestens sechs Spielen im Vorfeld der WM 2010 geht die Fifa von Manipulationen aus. Bei der eingangs geschilderten Partie zwischen Südafrika und Dänemark ging die Rechnung der Match-Fixer allerdings nicht auf: Als die von den Wettbetrügern angeheuerten Schiedsrichter den Rasen betreten wollten, wurden sie daran gehindert. Von Steve Goddard, dem damaligen Chefschiedsrichter des Südafrikanischen Fußballverbands. Er hielt einen der Referees auf. „Sie können das Spiel von der Tribüne aus beobachten“, sagte er, „sie werden es nicht leiten.“ Goddard war bei früheren Spielen Zeuge von Mauscheleien geworden und hatte unabhängige Schiedsrichter engagiert, die nun einsprangen. Als Goddard an diesem Abend nach Hause fuhr, erhielt er eine Morddrohung. Er erinnert sich noch gut an den Wortlaut: „Dieses Mal bist du zu weit gegangen. Wir werden dich ausschalten.“ 

Vier Jahre später ist Steve Goddard der Einzige, der seinen Posten beim Südafrikanischen Fußballverband verloren hat. Unter solchen Umständen fällt es schwer zu glauben, dass die Wettbetrüger nicht auch in Brasilien versuchen werden, das größte Sportturnier der Welt nach ihrem Gutdünken zu manipulieren. 
 

Autor: Declan Hill
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