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Wir laden schonmal das nächste Girl für Sie!

Gary Oldman „Wir sind alle verfluchte Heuchler“

„And the Oscar goes to“... Gary Oldman! Für die Darstellung des Winston Churchill holt sich Gary Oldman seinen ersten Oscar und setzt sich dabei gegen die starke Konkurrenz seiner Landsleute Daniel Kaluuya und Daniel Day-Lewis durch.Dracula, JFK-Killer Oswald, Waffenhändler Zorg: Kein Kinostar verlieh dem Bösen bislang mehr Charakter als Gary Oldman. Klar, dass der Mann auch mal böse werden kann. Worauf? Das bekamen wir in einem erstaunlichen Gespräch zu hören...

Zwei Tage lang ungestört reden – das war unser Plan, um den von Kino-Kollegen zurzeit meistbewunderten Schauspieler Hollywoods kennen zu lernen. Schließlich hat Gary Oldman seinen Filmcharakteren Denkmäler gesetzt, die weitaus berühmter wurden als er selbst. Ihm fehle zum Berühmtsein die Energie, ließ er gern wissen.Wer ist dieser sagenhafte Mime, den wir jetzt in „Planet der Affen: Revolution“ wiedersehen? In einer Suite des „L’Ermitage“-Hotels in Beverly Hills gingen wir in Klausur. Zwei Tage, zwei Männer – plus Gary Oldmans Manager und Geschäftspartner Douglas Urbanski, der das Gespräch aber kein einziges Mal unterbrach. Die einzige Ablenkung: Das Hotel weckte beim 56-jährigen Oldman unkeusche Erinnerungen...

Playboy: Fangen wir mit einer beeindruckenden Tatsache an. Mit zahlreichen Haupt- und Nebenrollen gelten Sie als einer der bestbezahlten Schauspieler in der Geschichte des Kinos. Ihre Filme haben knapp zehn Milliarden Dollar eingespielt. Das muss ein überwältigendes Gefühl sein. 
Oldman: Sollte man meinen, ja. 

Playboy: Von so einer Karriere träumt jeder aktive Schauspieler. 
Oldman: Außer mir. 

Playboy: Moment mal. Sie sind mit Ihrem beruflichen Werdegang nicht zufrieden? 
Oldman: Das wäre zu viel gesagt. Aber ich bin nun mal Perfektionist. 

Playboy: Bei welchen Filmen denken Sie: „Das hätte ich besser machen können”? 
Oldman: Bei den meisten. 

Playboy: Im Ernst? Sie mögen Sid und Nancy nicht? 
Oldman: Ich gefalle mir in dem Film nicht, nein. Ehrlich gesagt, wollte ich den Part gar nicht erst übernehmen. Doch dann habe ich mich breitschlagen lassen. Wenn ich heute beim Zappen darüber stolpere, denke ich: „Scheiße! Sid und Nancy”, und schalte weiter. Ich finde nicht, dass ich Sid Vicious besonders gut gespielt habe. In Das stürmische Leben des Joe Orton gefällt mir mein Aussehen nicht. Und für Beethoven war ich einfach nicht die richtige Besetzung. Ich hatte die Rolle zuvor schon ein Dutzend Mal abgelehnt. 

"Meistens vergesse ich, dass ich Schauspieler bin, bis mich jemand daran erinnert"

Gary Oldman

Playboy: The Dark Knight? Harry Potter? 
Oldman: Ich habe meine Arbeit gemacht. 

Playboy: Äh, Das fünfte Element? 
Oldman: Oh nein. Kann ich nicht ausstehen. 

Playboy: Es ist Ihnen aber bewusst, dass Sie als einer der größten Schauspieler überhaupt gelten, oder? 
Oldman: Das ist doch alles vollkommen subjektiv, finden Sie nicht? Gut, ich sollte mich wohl nicht beschweren. Im Laufe der Jahre habe ich die Erfahrung gemacht, dass es nicht gut ankommt, wenn einem jemand zu einem Film gratuliert und man erwidert: „Im Ernst? Dieser Scheiß hat Ihnen gefallen?” So was würde Sean Penn sagen. Heute antworte ich einfach: “Danke, das ist toll”, und gehe weiter. Wissen Sie, John Lennon hat einmal gesagt, wenn er könnte, würde er die meisten Beatleslieder verbrennen. Er sagte, er würde die ganzen verdammten Songs am liebsten neu aufnehmen, und dieses Gefühl kenne ich gut. Bei den meisten meiner Sachen würde ich kurzen Prozess machen und komplett von vorne anfangen. 

Playboy: Jetzt hören Sie aber auf. Auch Bram Stoker’s Dracula? 
Oldman: Klar, zwischendurch gab es schon einige gelungene Szenen, gute Augenblicke. Bei manchen Filmen denke ich: „Ah, hier war ich gar nicht übel” oder „Das kommt der Sache schon ziemlich nahe“. Mich das erste Mal in JFK zu sehen, war zum Beispiel irre aufregend. Ich konnte es kaum fassen, dass ich dabei sein durfte – Oliver Stone auf dem absoluten Höhepunkt seiner Kunst, die schiere Energie des Ganzen, seine Hingabe. Als ich den fertigen Film sah, musste ich mich kneifen. Ich dachte: „Wow, ich spiele wirklich mit. Das ist grandios!” Toll war auch, eine Rolle wie die des George Smiley in Dame, König, As, Spion zu spielen und mit jemandem wie John Hurt zu arbeiten, der mich seit meinen Anfangstagen extrem beeindruckte. Ich war sein absoluter Fan. Ich habe ihn angehimmelt. Aber ich bin jetzt 56, und wenn man es so lange geschafft hat, merkt man, dass diese Rollen, um die alle so ein Trara machen, nur ein Beruf sind. Sie sind nicht das Leben. Schauspielen ist ein ganz normaler Job. Man hat finanzielle Verpflichtungen, man hat Kinder, man schlägt sich mit den gleichen Problemen herum wie jeder andere auch. Im Ernst, meistens vergesse ich, dass ich Schauspieler bin, bis mich jemand daran erinnert. 

Playboy: Sie bekommen sicher genügend Rollenangebote. Warum haben Sie sich für Planet der Affen entschieden? 
Oldman: Ich stehe auf die Filmreihe, und wie jeder andere auch war ich ein Fan der alten Originalfilme. Außerdem hat mir das Drehbuch gefallen. 

Playboy: Zweifellos war die Sache auch ziemlich lukrativ. 
Oldman: Sicher, aber bei vielen anderen lukrativen Angeboten frage ich mich: „Will ich da mitmachen? Nein, danke.” Dieser Film hat eine traditionsreiche Vergangenheit.

Playboy: Wie ist es, mit einem Haufen verlauster Affen zu arbeiten? 
Oldman: Gar nicht so leicht. Man ist umgeben von Schauspielern in komischen Taucheranzügen mit Punkten im Gesicht und Kameras auf dem Kopf, die sich wie Affen benehmen und Grimassen schneiden. Ziemlich merkwürdiger Anblick. Der Affe, den die Zuschauer sehen, entsteht ja erst später durch Rendering und Spezialeffekte. Ich weiß noch, dass ich bei Dracula und Hannibal jeden Morgen stundenlang beklebt und geschminkt wurde. Bei Dracula dauerte allein die Frisur endlos. Aber bei Planet der Affen hatte ich während des Drehs keine Ahnung, wie meine Kollegen später aussehen würden. Charlton Heston, der hat noch mit Affen gedreht. Ich liebe die alten Fotos von den Dreharbeiten: Immer steht irgendwo ein Affe mit einer ellenlangen Zigarettenspitze oder einer Flasche Cola in der Hand herum. Da spürt man noch den Zauber der alten Filme. Das ist heute anders. 

Playboy: Um was geht es beim neuen Planet der Affen? 
Oldman: Der Film spielt zehn bis 15 Jahre nach der letzten Folge. Die Affengrippe hat die Bevölkerung fast ausgerottet, nur wer immun ist, hat überlebt. Die wenigen Überlebenden stehen vor einem Scherbenhaufen, die Gesellschaft ist total zusammengebrochen. Die reinste Apokalypse. Ich wurde zum Anführer einer kleinen Menschengruppe gewählt, und versuche, wieder etwas Ordnung ins Leben zu bringen, und habe auch selbst eine persönliche Tragödie erlebt. Zwischen Mensch und Affe herrscht ein zerbrechlicher Friede und meine Figur hofft auf eine friedliche Koexistenz. Sie können es sich vorstellen wie das Leben nach Hiroshima oder einer anderen Katastrophe. 

Playboy: Das klingt ziemlich trist. 
Oldman: Die eigentliche Botschaft des Films ist eher positiv, aber, ja, es ist eine recht düstere Zukunftsvision. 

Playboy: Wie stellen Sie sich die Zukunft vor? Glauben Sie, die Gesellschaft ist auf einem guten Weg? 
Oldman: [Macht eine Pause] Das fragen Sie mich? 

Playboy: Ja. 
Oldman: Ich glaube, wir stecken bis zum Hals in der Scheiße. 

Playboy: Inwiefern? 
Oldman: Kulturell, politisch, in jeglicher Hinsicht. Wenn ich mir die Welt ansehe, die Politiker, unsere Gesellschaft, dann frage ich mich, wie man sie retten kann. Ich muss gestehen, ich weiß es nicht. Man muss nur mal eine halbe Stunde Nachrichten schauen, Zeitung lesen oder ins Internet gehen. Unsere Welt ist am Ende. Im Radio habe ich neulich von einer Highschool-Volleyballtrainerin gehört, die sich bemüßigt gefühlt hat, zwei Schüler zur Undercover-Recherche im Drogenmilieu anzustiften, um ein paar Marihuana-Dealer hochgehen zu lassen. Hallo? Du bist eine verfluchte Volleyballtrainerin! Wir sind hier nicht bei 21 Jump Street. Oder diese überbehütenden Eltern, die den Tag ihrer Kinder von A bis Z durchplanen. Wo bleibt da die Zeit für unbeaufsichtigtes Spielen, um sich weiter zu entwickeln, Gruppenhierarchien auszuprobieren oder teilen zu lernen? Diese Kids glauben doch, sie sind der Mittelpunkt des verfluchten Universums. Wenn sie dann irgendwann in die Welt hinaus ziehen, merken sie: „Scheiße, vielleicht dreht sich doch nicht alles nur um mich“. Und entwickeln sich zu Narzissten oder bekommen Depressionen und Angstzustände. Das alles sind nur kleine Beispiele, Sandkörner in der riesigen Wüste von Missständen unserer modernen Welt. Was die Leute angeht, die heute in der Unterhaltungsbranche hofiert werden, davon fange ich lieber erst gar nicht an. 

Playboy: Tja, wenn Sie nun schon mal dabei sind … 
Oldman: Kennen Sie das Sprichwort über die Mittelmäßigkeit? „Nur wer mittelmäßig ist, liefert immer sein Bestes – und wird allen Erwartungen gerecht.“ Das Reality TV ist geradezu ein Paradebeispiel für den gesellschaftlichen Niedergang. Und was heute als „Musik“ durchgeht, ist keinen Deut besser. Wer ist denn der Held der Jugendlichen? Irgendeine Pappnase, die weder singen noch texten kann, oder eine Tussi, die sich vor Elfjährigen herumräkelt und mit dem Arsch wackelt. Ich habe zwei Söhne im Teenageralter, die mir ab und zu ein paar Lieder vorspielen – Arcade Fire, HipHop, oder was gerade in ist. Ich sage dann nur: „Wow, sehr interessant.” Eigentlich sehe ich gern fern. Ich bin ein großer Fan von Fernsehserien wie Mad Men oder True Detective. Matthew McConaughey wird besser und besser. Boardwalk Empire, The Americans, House of Cards – mein Gott, großartig. Es juckt mich in den Fingern, selbst eine Serie zu schreiben. Dann könnte ich mich gemütlich zurücklehnen und die Tantiemen einstreichen. Ich habe den Ehrgeiz, meinen Söhnen gutes Kino nahezubringen. Manchmal schauen wir gemeinsam eine Komödie an, sagen wir „Meine Frau, ihre Schwiegereltern und ich" mit Robert De Niro. Dann erkläre ich ihnen, dass dieser Kerl früher als bester Schauspieler der Welt galt. Meine Jungs sehen mich an und fragen: „Machst du Witze? Dieser Typ? Der ist doch schon uralt!“ Also versuche ich, ihnen die großen Filme aus den 1970ern näher zu bringen: Der Pate, Hexenkessel, Die durch die Hölle gehen, Hundstage, die Arbeit von Lindsay Anderson, Francis Ford Coppola, Martin Scorsese, Gene Hackman, Al Pacino, John Cazale, Peter Sellers. Ich möchte ihnen vermitteln, wie das Kino war, als es nicht nur Blockbuster von der Stange gab. Verstehen Sie mich nicht falsch – mit manchen Regisseuren würde ich liebend gerne zusammenarbeiten, mit Wes Anderson etwa oder Paul Thomas Anderson. Auch John Sayles liebe ich sehr. Ich habe auch noch nie mit Todd Haynes zusammengearbeitet oder mit Martin Scorsese. Ein großer Regisseur ist ein großer Künstler. Das habe ich erst bei Alfonso Cuarón wieder festgestellt, beim Dreh von Harry Potter und der Gefangene von Askaban. Man merkt sofort, dass er ein Meister seines Fachs ist, auch deshalb, weil er keine Scheu hat, Fehler zuzugeben. Ich erinnere mich an eine Szene, bei der er zwei Tage damit verbrachte, die Blicke von elf Leuten zu koordinieren. „Also, Harry und Hermine schauen hier rüber, dann steht da Snape, dort Ron und da drüben Sirius.“ Zu allem Überfluss musste er die Bewegungen mit einem Set abgleichen, in dem sich die Wände bewegten und atmeten. Er hatte kein Problem, zu sagen: „Himmel, da habe ich mich ja in was reingeritten.“ Und er fand schließlich immer eine Lösung. Ich mag es, wenn ein Regisseur sagt: „Da bin ich überfragt.“ Was man auf keinen Fall hören will, ist: „Oh, genau so habe ich es mir vorgestellt.“ Die wirklich guten Regisseure sind Genies. Ich habe neulich wieder das Playboy-Interview mit Stanley Kubrick gelesen. Es ist einfach unglaublich, was der Mann alles wusste. Man muss einen Doktor haben, um seine Ausführungen zu verstehen. Sein Namensgedächtnis war unglaublich – er konnte nicht nur jede Theorie erläutern, er wusste auch, an welchem Institut derjenige arbeitete, von dem die Theorie stammte. Für einen Cineasten wie mich ist dieses Interview eine großartige Lektüre. 

Playboy: Welcher Film hat Sie als Erstes fasziniert? 
Oldman: Bei mir ging es eher um die Schauspieler. Leute wie Malcolm McDowell, Richard Harris, Albert Finney, Alan Bates, Peter Sellers. Und Tom Courtenay in Filmen wie Die Einsamkeit des Langstreckenläufers. Wenn ich einen Film nennen soll, dann war es wohl Der wütende Mond unter der Regie von Bryan Forbes. Malcolm McDowell spielt einen jungen Haudegen, einen Sportler, der auch etwas von einem Schürzenjäger hat. Durch eine Krankheit – war es Polio? – ist er plötzlich gelähmt. Weil er seine Beine nicht mehr bewegen kann, ist er an den Rollstuhl gefesselt und wird in ein Behindertenheim abgeschoben. Ich hatte in der Schule nie Theater gespielt, aber als ich diese darstellerische Leistung sah, war das eine Art geistiges Erwachen. Ich dachte, das will ich auch machen. 

Playboy: Wie sind Sie Schauspieler geworden? 
Oldman: Meine Familie hatte kein Geld, also musste ich mir immer etwas einfallen lassen. Ich wollte Klavier lernen, also habe ich mein Taschengeld gespart, ein billiges gebrauchtes Klavier gekauft und Unterricht genommen. Ich wollte eine Gitarre, also habe ich mir von meinen Ersparnissen eine gekauft. Manchmal wünschte ich, meine Söhne hätten mehr von dieser Einstellung. Vielleicht ist es eine Generationenfrage. Auf jeden Fall interessierte ich mich für die Schauspielerei und habe mich an meiner Schule danach erkundigt. Mein Mathelehrer erzählte mir von einem Jugendtheater bei uns im Ort und ich traf mich mit dem Intendanten. Ich erzählte ihm, dass ich Schauspieler werden wollte, und er sagte: „Tja, da musst du auf die Schauspielschule gehen. Und dafür lernst du am besten ein paar Texte fürs Vorsprechen.“ Auf diese Weise habe ich mich zum ersten Mal wirklich mit einer Figur auseinandergesetzt. Seltsamerweise entschied ich mich für eine Rolle aus einem Stück von Joe Orton. Ich wusste gar nichts über Orton, war aber zufällig auf einen Text aus Seid nett zu Mr. Sloane gestoßen. Ich hatte keine Angst vor dem Rampenlicht. Mir wurde nichts geschenkt, das können Sie mir glauben. Meine Mutter hat für mich getan, was sie konnte, aber ich wusste, ich muss es allein schaffen. Ich musste da raus. 

Playboy: Was war mit Ihrem Vater? 
Oldman: Tja, googeln Sie’s doch einfach. Da steht: „Gary Oldman, Sohn eines Schweißers.“ Als ich nach Amerika ging, um Werbung für Sid und Nancy zu machen, habe ich den Fehler begangen, bei Interviews zu viel zu erzählen. Ich wusste nicht, wie das läuft. Ich war vollkommen unbedarft. Ich war glücklich am Theater und dachte, der Film wäre eine einmalige Sache. Ich hätte einfach sagen sollen: „Ich spreche nicht über Familienangelegenheiten. Nächste Frage bitte.” Aber in Zeiten des Internets schreibt jeder von jedem ab: „Sohn eines Schweißers, Ex-Mann von Uma Thurman.“ Ich bin es leid. Manchmal würde ich am liebsten sagen: „Haha, das hab ich mir alles nur ausgedacht. Ihr werdet nie erfahren, wer mein Vater wirklich war. Er war kein verfluchter Schweißer. Ich hab euch alle verarscht.” 

Playboy: Was ist falsch daran, der Sohn eines Schweißers zu sein? 
Oldman: Darum geht es gar nicht. Es geht darum, dass man keine Kontrolle mehr über seine Lebensgeschichte hat. [Näselnd] „Über Ihr Regiedebüt Nil by Mouth heißt es, der Film sei autobiografisch und Ihr Vater habe Ihre Mutter geschlagen.“ 

Playboy: Und das stimmt nicht? 
Oldman: Nein, tut es nicht! Hier erfahren Sie es aus erster Hand: Diese Figur ist nicht mein Vater, und meine Mutter wurde nie geschlagen. Die Figur ist teils Erfindung, teils beruht sie auf dem Vater eines ehemaligen Schulkameraden. Sie hat nichts mit mir zu tun, auch wenn es die Medien gerne so hätten. Entschuldigen Sie, aber so was bringt mich einfach auf die Palme. 

Playboy: In den meisten Rollen schreien Sie sich die Seele aus dem Leib. Ist Wut in Ihrem Leben ein Thema? Sind Sie der Typ Gast, der den Kellner anbrüllt, wenn das Essen nicht schnell genug auf dem Tisch steht? 
Oldman: Ich weiß, was Arbeit heißt. Ich war Verkäufer, ich war Lagerist und habe viel gefegt. Ich war Fabrikarbeiter. Ich habe große Hochachtung vor Leuten, die im Dienstleistungsgewerbe arbeiten. Womit ich weniger umgehen kann, sind Leute, die sich respektlos verhalten. Gerade an einem Ort wie Hollywood sieht man die absurdesten Verhaltensweisen. Geld und Macht zeugen kleine Monster. 

Playboy: Immerhin haben Sie einen Beruf, bei dem Sie Ihre Wut in geordnete Bahnen lenken können. Die Szene in Leon - Der Profi, in der Sie brüllen: „Bringt sie mir. Alle!“, ist ein Klassiker. 
Oldman: Kann schon sein. Im Grunde war das Ganze nur ein Witz. Ich wollte Luc Besson, den Regisseur, zum Lachen bringen. In den Takes davor hatte ich die Stelle ganz normal gesprochen. Doch dann habe ich dem Tontechniker bedeutet, die Kopfhörer abzusetzen, und so laut geschrien, wie ich nur konnte. Diesen Take haben sie dann genommen. Wenn ich auf der Straße angesprochen werde, dann meist mit diesem Zitat. Oder mit etwas aus True Romance. 

Playboy: Noch so eine tolle darstellerische Leistung. Sie spielen Drexl Spivey, einen Zuhälter mit Dreadlocks, der als der coolste Drogendealer in der Geschichte des Kinos gilt. Geben Sie zu, dass Ihnen diese Rolle Spaß gemacht hat. 
Oldman: Es war eine nette kleine Geschichte. 

Playboy: Wie haben Sie sich in einen weißen Rasta-Gangster verwandelt? 
Oldman: Als sie mir sagten: „Also, da ist so ein Weißer, der glaubt, er sei schwarz, und noch dazu ist er ein Zuhälter“, dachte ich: „Yeah, das würde ich gern machen.“ Mit den verfilzten Haaren, dem blinden Auge und den falschen Zähnen kommt der Rest von selbst. Über Drexls Stimme stolperte ich eines Tages in New York. Ich saß in meinem Trailer, als ich einen jungen Kerl sprechen hörte. Ich habe ihn hereingezerrt, ihm das Drehbuch in die Hand gedrückt und gesagt: „Lies den Dialog da und sag mir, was du davon hältst.“ Er las also ein paar Zeilen und meinte: „Nicht übel, aber es groovt nicht richtig. So würd' ich das nie sagen.” Ich: „Wie würdest du es denn sagen?” und dann haben wir den Dialog umgeschrieben, bis er authentisch war. 

Playboy: Wie oft haben die Leute schon zu Ihnen gesagt: „Verlassen Sie mein Flugzeug“, wie Harrison Ford in Air Force One? 
Oldman: Nicht nur ein Mal. Da fällt mir eine amüsante Anekdote vom Dreh ein. Im Studio war das Cockpit aufgebaut, und darüber hing ein großes Schild: TRINKEN, RAUCHEN UND ESSEN AM SET VERBOTEN. Einmal schau ich rüber und sehe, wie Harrison direkt unter dem Schild im Türrahmen lehnt, in der einen Hand einen Burrito, in der anderen eine Zigarre und einen Kaffee. Ich habe mich totgelacht. Ich sehe die Szene noch genau vor mir. Heute würde jeder sofort sein iPhone zücken und das Foto auf Instagram posten. 

Playboy: Reden wir über Regisseure. Wie unterscheidet sich jemand wie Francis Ford Coppola, ihr Regisseur bei Dracula, von Christopher Nolan, der die Dark Knight-Trilogie gedreht hat? 
Oldman: Francis ist mein absoluter Held. Er ist nicht nur der wohl beste amerikanische Regisseur sondern auch ein brillanter Drehbuchschreiber. Die Wenigsten wissen, dass er für Patton – Rebell in Uniform einen Oscar für das beste Drehbuch gewonnen hat. Kürzlich habe ich auch wieder Der Dialog angeschaut. Es ist unglaublich, wie gut dieser Film ist. Angehenden Drehbuchschreibern oder Regisseuren rate ich regelmäßig, sich zu allererst Der Pate II vorzunehmen. Bei diesem Film stimmte einfach alles: Kamera, Licht, Filmtechnik, Komposition, Produktion, Design, Kostüme, Storytelling, Drehbuch und darstellerische Leistung. Ein richtiggehender Lehrgang übers Filmemachen. Wir waren bei Dracula nicht immer ganz einer Meinung, aber ich habe großen Respekt vor ihm. Er ist sehr energisch und hält mit seinen Ansichten nicht hinterm Berg. Chris Nolan gibt eher Ratschläge. Bei The Dark Knight drehte er eine Szene und sagte danach vielleicht: „Da ist ein bisschen mehr drin.“ Francis schreit dich mitten in der Szene an: „Da ist mehr drin! Du liebst sie! Nein! Liebe sie noch mehr!” Er ist wie D. W. Griffith. 

Playboy: Nach diesem Film haben Ihnen die Gothic-Mädels sicher die Bude eingerannt.
Oldman: Es ist schon komisch. Ich hatte ein kleines Büro in der Melrose Avenue und manchmal stöberten die Leute mich dort auf. Eines Tages stand eine gutaussehende junge Frau in der Tür, die ein Dracula-Tattoo auf der Brust hatte und wollte, dass ich mein Autogramm darunter setze. Dann zog sie los und ließ sich meine Unterschrift stechen. Ich hatte nichts dagegen. 

Playboy: Gab es viele Groupies in Ihrem Leben? 
Oldman: Zufällig habe ich genau in diesem Hotel ein paar wilde Nächte verbracht. Hier liefen die verrücktesten Geschichten, als ich jünger war. Hef wäre stolz auf mich. Ich hatte wahrscheinlich weniger Frauen als manch einer, aber doch mehr als andere. Ich muss zugeben, ich verstehe diese ganze Autogrammjägerei nicht, oder wozu man Selfies mit berühmten Persönlichkeiten macht. Aber jedem das seine. Die Leute schmeicheln einem, aber ich bin da vorsichtig. Ich wünschte fast, ich könnte es mehr genießen. Ich sehe in den Spiegel und denke: „Mein Gott, wie habe ich je auch nur einen verfluchten Film zustande gebracht?“ Aber ich habe definitiv ein paar wilde Geschichten erlebt. 

Playboy: Wollen Sie uns eine davon verraten? 
Oldman: Einmal machten wir einen Trip rauf nach San Francisco, der unter extremem Wodka-Einfluss stand und genau mit dem großen Beben von 1989 zusammenfiel. Wir befanden uns im wahrsten Sinne des Wortes im Epizentrum. Hinterher fragte ich sie: „Hat es dir gefallen, Darling? Für mich jedenfalls hat die Erde gebebt.“ In dieser Branche ist man von attraktiven Menschen umgeben, man ist jung und eines führt zum anderen. Die wenigsten sind immun dagegen. Ich weiß noch, wie ich vor Jahren in New York zu einem Dinner eingeladen war. Neben mir saß Arthur Miller. Nach ein paar Gläsern Wein beugte ich mich zu ihm hinüber und fragte: „Gehen Sie manchmal die Straße runter, halten plötzlich inne und denken: „Scheiße, ich war mit Marilyn Monroe verheiratet!“? Er sagte: „Yeah“. 

Playboy: Hatten Sie bei manchen Filmen mehr intus als bei anderen? 
Oldman: Es war ja nicht so, dass ich jeden Abend am Tresen gesessen oder am Set getrunken hätte. Ich habe meine Arbeit immer ernst genommen, war immer pünktlich am Set. Ich bin vorbereitet, ich kann meinen Text, und es regt mich auf, wenn das bei anderen nicht so ist. Aber gegen Ende habe ich einen Film gedreht, Der scharlachrote Buchstabe, das war schon ziemlich heikel. Ich war gar nicht mal schlecht. Allerdings kann ich mich kaum mehr an die Dreharbeiten erinnern.

"Diese ganze Political Correctness ist doch Scheißdreck"

Gary Oldman

Playboy: Ihre Kollegin Demi Moore hat Ihnen aus Ihrer Sucht herausgeholfen, oder? 
Oldman: Ja, Demi, bezaubernde Demi. Ich bin ihr immer noch dankbar. Diesen März ist es 17 Jahre her, dass ich das letzte Mal einen Drink angerührt habe. 

Playboy: Wie schafft man es, mit dem Trinken aufzuhören? 
Oldman: Ganz einfach: Sie müssen es wirklich wollen. Das Programm besteht aus zwölf Schritten, aber der einzige, den Sie wirklich drauf haben müssen, ist der erste: Anzuerkennen, dass man ein Problem hat und dass das Leben aus dem Ruder gelaufen ist. Es ist furchtbar, in diesem Zustand zu sein. 

Playboy: Was halten Sie von der Legalisierung von Marihuana? 
Oldman: Ich halte nichts davon, das ist Unfug. Drogen waren noch nie mein Ding. Ich habe es ausprobiert und es hat mir nichts gebracht, obwohl ich – anders als Bill Clinton – inhaliert habe. Das größte Problem ist meiner Meinung nach das Autofahren. In Colorado ist es erlaubt, bekifft Auto zu fahren. Das macht mir Sorgen. Gut, wenn jemand Kokain, Heroin oder Marihuana konsumieren will, von mir aus. Doch wenn es um junge Leute am Steuer geht, hört bei mir der Spaß auf. 

Playboy: Hätte die Filmgemeinde den Tod von Philip Seymour Hoffman verhindern können? 
Oldman: Es ist einen Versuch wert, aber man kann niemanden aufhalten. Du musst es selber wollen. Das ist der einzige Weg. Ich hatte schon gehört, dass er Probleme mit Heroin und Alk und so hatte, sodass es nicht vollkommen überraschend kam. Als Tony Scott sich das Leben nahm, hat es mich umgehauen. Genauso bei Heath Ledger. All diese lächerlichen Geschichten darüber, dass er sich so mit seiner Rolle als Joker identifizierte – zu Heath Ledger, wie ich ihn kannte, passt das nicht. Das ist einfach albern. Die Leute reimen sich irgendetwas zusammen. Über die Schauspielerei wird viel Unsinn erzählt, gerade von den Schauspielern selbst. Manchmal ist man versucht zu sagen: „Ach, haltet doch alle den Mund." Auch wenn man noch so eng mit jemandem zusammenarbeitet, weiß man nicht, wie es privat um ihn steht. Nach außen machte Philip Seymour Hoffman einen zufriedenen Eindruck. Er hatte Kinder, arbeitete mit interessanten Leuten. Aber man weiß nie, wie es dem anderen wirklich geht. Irgendwann nehmen der Alkohol oder die Drogen eine zu große Rolle ein. Er war fraglos ein guter Schauspieler, aber wer weiß, wie es wirklich in ihm aussah. Ich meine das auf keinen Fall respektlos, aber vielleicht sah er beim Blick in den Spiegel immer nur ein blasses Dickerchen. Für seine Familie ist es eine große Tragödie. 

Playboy: Sie waren vier Mal verheiratet, darunter, wie Sie bereits erwähnten, mit Uma Thurman. Was haben Sie aus dieser Erfahrung gelernt? 
Oldman: [Stöhnt] Sehen Sie, Beziehungen sind etwas sehr, sehr Schwieriges. Daran gibt es nichts zu rütteln. Ich meine, vier Mal! Ich bin nicht stolz darauf. Eine dieser Ehen hat nur zehn Minuten gedauert. Ich glaube nicht, dass sie einem von uns viel bedeutete. Was habe ich über die Ehe zu sagen? Keine Ahnung. In puncto Beziehungen lief es bei mir ziemlich katastrophal. Bei der Kunst habe ich einen guten Riecher, auch beim Geld liege ich meist richtig. In der Liebe – weniger erfolgreich. Aber wenn jemand sagt: „Hier ist dein Drehbuch. Ab jetzt bist du Beethoven”, das kann ich. 

Playboy: Das war kein leichter Job. Sie haben die Klavierszenen selbst gespielt, oder? Wie haben Sie das gemacht? 
Oldman: Na ja, ich spiele Klavier, und im Film habe ich nur bestimmte Sequenzen gespielt. Aber klar, die Kadenz zu Beethovens fünftem Klavierkonzert musste ich mir erst draufschaffen. Schon allein dafür habe ich sechs Wochen lang fünf Stunden täglich geübt. Im Grunde war das meine Vorbereitung auf diesen Film – ich, an einen Steinway gekettet. Ob man nun Beethoven oder Lee Harvey Oswald spielt, oder sonst eine Persönlichkeit aus dem echten Leben – man kann sich nicht in diese Figur verwandeln, egal was immer alle erzählen. Man kann nur versuchen, durch Fleiß und Recherche den Geist der Figur so gut wie möglich zu treffen. 

Playboy: Sind Sie in anderen Lebensbereichen ähnlich akribisch? Ist die Kleidung in Ihren Schränken nach Farben geordnet? 
Oldman: Doch, in meinen Schränken schaut es recht ordentlich aus, ja. 

Playboy: Was ist mit Ihrem Auto? Sind Sie da ein Pedant? 
Oldman: Ja. Ich kann nichts dafür. Ich besitze einen Nachbau von einem Porsche Beck 550 Spyder, den ich hege und pflege. Das Original stammt von 1955, meiner ist Baujahr 1976. Und ich sammle alte Plakate. Wenn ich ein Bild rahmen lasse, bringe ich es manchmal drei Mal zurück, bis auch der letzte winzige Fussel unter dem Glas entfernt ist. Ich sehe einfach alles. Neulich habe ich mir ein Bücherregal bauen lassen. Ich sagte zu meinem Schreiner: „Ja, es ist toll geworden, aber hier oben links ist es ein bisschen schief.“ Er: „Nein, das kann nicht sein.“ Aber ich hatte recht. Es handelte sich um etwa 15 Millimeter. Er fragte: „Verdammte Scheiße, wie machen Sie das?“ 

Playboy: Wie entspannen Sie sich? 
Oldman: Ich kann mich nicht entspannen, beim besten Willen nicht. Ich muss immer etwas zu tun haben. Wenn ich nicht arbeite, lerne ich ein Instrument oder beschäftige mich mit Fotografie. [Hebt die Hände] Ich habe Silbernitrat an den Händen, weil ich gerade mit einer alten Kamera herumspiele, die ich bei eBay ersteigert habe. Eine Dallmeyer Plattenkamera von 1865. Ich habe mir im Keller eine kleine Dunkelkammer eingerichtet, da gibt es immer etwas zu tun. Hält mich weg von der Straße. 

Playboy: Wie gehen Sie mit Geld um? Planen Sie Ihre Investitionen bis ins kleinste Detail? 
Oldman: Nein, eigentlich nicht. Ich besitze kein Portfolio. Wahrscheinlich habe ich weniger Geld als gemeinhin angenommen. 

Playboy: Von den eingespielten zehn Milliarden Dollar bleibt also nicht so viel hängen? 
Oldman: Ich komme zurecht. Einmal habe ich meinen Porsche ein paar Tage in George Clooneys Garage untergestellt. Als ich ihm dankte, entgegnete er: „Kein Problem. Es macht immer einen guten Eindruck, zwei Porsche zu besitzen.“ Wissen Sie, das ist es, wofür man bezahlt wird. Aber ich sahne nicht so ab wie andere bei The Dark Knight oder Harry Potter. Daniel Radcliffe, also der hat so viel Asche, dass er nie alles ausgeben kann. 

Playboy: Was würden Sie mit so viel Geld anstellen? 
Oldman: Ich behaupte manchmal im Scherz, dass ich mich nach Palm Springs verziehen, alles verrammeln und mich verstecken würde. Momentan zum Beispiel ist eine total verrückte Zeit. Ich versuche, einen Film zu finanzieren und die Studios dazu zu bringen, mir Geld zu geben und das zu tun, was Studios so machen. Ich habe ein Drehbuch mit dem Titel Flying Horse geschrieben. Es handelt von Eadweard Muybridge, einem Fotografen aus dem 19. Jahrhundert, der als Erfinder des Kinos gilt und ein ziemlich interessantes Leben führte. Seit fast zwei Jahren versuche ich nun schon, Geld dafür aufzutreiben. Die Besetzung steht mehr oder weniger, aber mit der Finanzierung hapert es noch. Das liegt unter anderem am Thema. Wenn es um Zombies ginge und Leonardo DiCaprio mitspielen würde, würden mir die Leute die Bude einrennen. Haben Sie Seduced and Abandoned gesehen? Absolut empfehlenswert. Ein Dokumentarfilm, in dem Alec Baldwin auf dem Filmfest in Cannes versucht, Geld für einen Film aufzutreiben, der ein bisschen an Der letzte Tango in Paris erinnert. Da bekommt man eine Ahnung, wie durchgeknallt diese Leute sind. Ein Typ sagt im Ernst zu Alec: „In diesem einen U-Boot-Film waren Sie toll. Meinen Sie, Sie könnten in Ihren Film auch eine U-Boot-Szene einbauen?“ Ich verstehe vollkommen, warum jemand wie Mel seine Filme selbst finanziert. Es ist alles so verrückt geworden. 

Playboy: Mel Gibson? 
Oldman: Ja. 

Playboy: Wie stehen Sie zu dem, was er in den letzten Jahren durchgemacht hat? 
Oldman: [Rutscht auf seinem Stuhl herum] Diese ganze Political Correctness ist doch Scheißdreck. Das ist meine Meinung. Wenn mal ein Witz auf deine Kosten fällt, krieg dich wieder ein. Ich hörte neulich von einem Naturwissenschaftslehrer, der im Unterricht erzählt hat, dass Gott die Erde und alles andere erschaffen habe, und wer etwas anderes glaube, sei dumm. Einen buddhistischen Schüler brachte das so aus der Fassung, dass sich die Eltern einschalteten und die Schule verklagten. Und was macht die Schule? Ändert den Lehrplan. Gut, von mir aus kann man sich ja bei der Schule beschweren. Aber gleich klagen? Keiner versteht heute mehr Spaß. Was Mel angeht, keine Ahnung. Er war betrunken und hat ein paar unschöne Sachen gesagt, aber das ist jedem von uns schon passiert. Wir sind alles verfluchte Heuchler. So sehe ich das. Der Polizist, der ihn verhaftet hat, dem ist wohl noch nie ein „Nigger“ oder „Scheißjude“ herausgerutscht, oder? Ich lehne mich hier gerade ziemlich weit aus dem Fenster. Aber diese ganze Scheinheiligkeit stinkt mir. Oder sollten wir diese Ausdrücke lieber streichen? Es gibt ja heute auch noch andere Tabuwörter. 

Playboy: Zum Beispiel? 
Oldman: Alec geht aus dem Haus, und bezeichnet jemanden als „Schwuchtel“, weil er sauer ist, dass er ihm so nah auf die Pelle rückt. Das kann ich ihm nicht verdenken. Und schon wird er verklagt. Mel Gibson wohnt in einer Stadt, die von Juden regiert wird, und hat etwas Falsches gesagt. Offensichtlich hat er die Hand gebissen, die ihn gefüttert hat – und die er nicht mehr braucht, weil er inzwischen selber genug Asche hat. Er wird wie ein Paria behandelt, wie ein Aussätziger, wissen Sie? Meinen Sie wirklich, dass noch kein Jude in seinen vier Wänden auf die „verdammten Krauts“ geschimpft hat? Wir ziehen die Köpfe ein und achten darauf, nur ja politisch korrekt zu sein. Das regt mich auf. Es ist die reinste Heuchelei, wir machen alle mit und rufen im Chor: „Ist das nicht schockierend?“ [Lächelt schief] Gut. Ich hör ja schon auf. Über was wollen wir noch sprechen? 

Playboy: Was halten Sie vom Papst? 
Oldman: Ach, scheiß auf den Papst! [lacht und verbirgt den Kopf in den Händen] Oh Gott, dieses Interview ist total daneben gegangen. Sie müssen die Hälfte von dem, was ich gesagt habe, herausschneiden, sonst klinge ich noch total bigott und intolerant. 

Playboy: Sind Sie das nicht? 
Oldman: Nein. Mein Fehler ist, dass ich die falschen Leute in Schutz nehme. Ich habe gesagt, dass Mel okay ist und Alec ein netter Kerl. Also, wie komme ich rüber? Wütend? 

Playboy: Auf alle Fälle leidenschaftlich. Die Leser werden sich selbst eine Meinung bilden müssen. 
Oldman: Es ist die Verlogenheit, die mich am meisten nervt. Doppelmoral macht mich krank. Sie regt mich mehr auf als alles andere. 

Playboy: Wer sagt Ihrer Meinung nach in der heutigen Gesellschaft die Wahrheit? 
Oldman: Da fallen mir schon ein paar Namen ein. Jemand, den ich sehr verehre, ist [der Kolumnist und Publizist] Charles Krauthammer. Ich finde ihn extrem klug. Noch dazu ist er fair, ausgebufft und gut informiert. Ich mag seine Beiträge. Auch einige Künstler wie David Bowie schaffen es, unabhängig zu bleiben. Sein letztes Album produzierte er ohne jegliche Vorankündigung. Er kann es sich leisten, zu sagen: „Hey, ich habe seit zehn Jahren keine Songs mehr aufgenommen. Wenn das Album nichts wird, lege ich es in eine Schublade und niemand braucht je davon erfahren.“ Doch er schrieb seine Songs und kümmerte sich um das Cover. Ich habe David schon immer bewundert. Ich kenne ihn seit 30 Jahren, wir sind Freunde. David kann sich immer wieder neu erfinden, er ist wahnsinnig talentiert. Und er hat einen Standpunkt. Einer meiner Söhne möchte Fotograf werden. Ich fragte ihn: „Warum willst du jemandem in die Tasche greifen, bei dem nichts mehr zu holen ist?" Mit der Fotografie lassen sich heute keine Brötchen mehr verdienen. Ich kenne großartige Fotografen, die immer noch mit ihren Mappen herumlaufen. Ich sagte ihm also: „Ich kann mir zwar nicht vorstellen, wie du davon leben willst, aber wenn das deine Leidenschaft ist und du es unbedingt machen willst, Junge, Junge, dann brauchst du einen eigenen Standpunkt. Willst du Modefotograf werden? Willst du Pressefotograf werden? Es ist leicht, zu sagen ,Ich will einfach nur Fotos machen, Mann’, und sich dann zwei Jahre aufs College zu verpissen, das ich bezahle. Oder Hochzeitsfotograf? Du musst dich entscheiden.“ Wollen Sie hören, was mich sonst noch aufregt? 

Playboy: Bitte. Sie sind gerade so schön in Schwung. 
Oldman: Die Leute verstecken sich heute zunehmend hinter Comedy und Satire, um Meinungen zu äußern, die sie sich aus Gründen der Political Correctness nicht zu sagen trauen. 

Playboy: Denken Sie da an etwas Bestimmtes? 
Oldman: Sagen wir, ich würde Nancy Pelosi als „Fotze“ bezeichnen, oder ich setze noch einen drauf, als „beschissene nichtsnutzige Fotze“, dann wäre ich unten durch. Aber Leute wie Bill Maher und Jon Stewart könnten das, und niemand würde ihnen einen Strick daraus drehen. Bill Maher könnte jemanden als „Schwuchtel“ bezeichnen und damit durchkommen. Zu Seth MacFarlane sagte er neulich: „Ich dachte, dass dieses Jahr wieder Sie die Oskar-Verleihung moderieren. Stattdessen haben sie eine Lesbe genommen.” Der darf das. Ist das etwa weniger beleidigend, als jemanden „Schwuchtel“ zu nennen, wie Alec Baldwin? Das ist doch unlogisch. 

Playboy: Sie finden, dass mit zweierlei Maß gemessen wird? 
Oldman: So ist unsere Gesellschaft heute, definitiv. Wer bei der Oscarverleihung nicht für 12 Years a Slave gestimmt hat, galt als Rassist. Man muss aufpassen, was man sagt. Ich vertrete ein paar Ansichten, die in dieser Stadt unüblich sind. Das heißt noch lange nicht, dass ich ein Faschist oder Rassist bin. Damit habe ich nichts zu tun. 

Playboy: Wie würden Sie Ihre politische Ausrichtung beschreiben? 
Oldman: Wenn ich mich irgendwo einordnen müsste, dann würde ich mich am ehesten als libertär bezeichnen. Doch aus naheliegenden Gründen spricht man über so etwas besser nicht. 

Playboy: Aber es gibt haufenweise Konservative in Hollywood, und auch Freidenker. Bill Maher hat sich als libertär bezeichnet. 
Oldman: Ich glaube, das würde einer genaueren Überprüfung nicht standhalten. Wie dem auch sei, im Unterschied zu Bill Maher haben Konservative in Hollywood keine Plattform. 

Playboy: Gut. Wir bieten Ihnen eine. Wie würde Amerika mit Hillary Clinton als Präsidentin aussehen? 
Oldman: Was soll ich dazu sagen? Ich habe das Gefühl, wir brauchen echte Führungspersönlichkeiten, doch die sind nirgends in Sicht. Gerade jetzt, zum Beispiel, ist John Kerry auf dem Weg nach China, um über Nordkorea zu sprechen. Was soll das bringen? Das ist doch absurd, die reinste Geldverschwendung. Da kann man genauso gut den Puppenspieler fragen: „Kannst du mir mal mit der Marionette helfen?“. Was Hillary betrifft, geht es mir wohl wie Shelly Runyon, den ich in Rufmord spiele. Er ist gegen die Präsidentschaft von Joan Allen, weil er meint, dass sie nicht die Richtige für den Job ist. Es hat nichts damit zu tun, dass sie eine Frau ist, er will sie einfach absägen. 

Playboy: Apropos Rufmord, wie war das damals eigentlich? Sie sollen die Endversion angeblich wegen liberaler Tendenzen abgelehnt haben. Was war da los? 
Oldman: Die Geschichte ist unnötig aufgeblasen worden. Ich habe lediglich erwähnt, dass mir ein anderer Cut besser gefallen hat. Ich weiß gar nicht mehr, welcher es war, wir haben so viele Versionen gesehen. Auf jeden Fall gab es eine um gut eine Minute längere Version, die einen Tick anders geschnitten war und die ich einfach lieber mochte. Ich bin sehr stolz auf diesen Film. Ich habe ihn mitproduziert. Dennoch hing der Sache plötzlich der Ruch eines Skandals an. Wie ich später erfuhr hat mich das möglicherweise die Oskar-Nominierung als bester Nebendarsteller gekostet. So läuft das eben. 

Playboy: Würde Ihnen ein Oskar etwas bedeuten? 
Oldman: Ich glaube schon. Aber wer weiß? Bedeutet es etwas, einen Laurence Olivier Award oder einen Tony zu gewinnen? Es geht einfach um die Anerkennung von Kollegen oder Publikum. Was ich sicher weiß, ist, dass der Golden Globe nichts wert ist.

Playboy: Warum nicht? 
Oldman: Es ist eine Veranstaltung ohne jegliche Bedeutung. Die Hollywood Foreign Press Association gaukelt den Leuten vor, dass etwas passiert. Das Ganze ist vollkommen lächerlich, in Wirklichkeit passiert überhaupt nichts. Neunzig Niemande holen sich einen runter. Alle saufen sich zu und jeder kriecht jedem in den Arsch. Boykottiert diese verdammte Show. Sagt, wir machen bei dieser albernen Geschichte nicht mehr mit. Beim Oscar ist das was anderes. Klar, es ist Showbiz. Alles ist Showbiz. Jetzt klinge ich wie der Fuchs mit den sauren Trauben, oder? 

Playboy: Finden Sie? 
Oldman: Was weiß ich? Immerhin habe ich keinen Oscar. 

Playboy: Man stellt sich Hollywood gerne als einmütige Glamourwelt der Stars vor, aber es klingt, als fühlten Sie sich nicht ganz zugehörig. 
Oldman: Da mag etwas Wahres dran sein. Das Ganze ist eine Art Club. Ich werde respektiert, aber ein wenig komme ich mir wie ein Zaungast vor. Verstehen Sie? Als würde ich durch den Vorhang in die erste Klasse gebeten. Ich erhasche einen Blick aufs Büffet, aber dann muss ich wieder auf meinen Platz zurück. Die wenigsten Leute wissen, dass das Berühmtsein harte Arbeit erfordert. Damit meine ich nicht das Schauspielen. Man muss einen Wahlkampf in eigener Sache führen. Das ist ein wichtiger Teil der Karriere und ich wünschte, ich hätte ihn etwas geschickter geführt. Dann hätte ich jetzt vielleicht einen Oskar zu Hause. 

Playboy: Halten Sie sich für erfolgreich? 
Oldman: Unbedingt. Da hege ich keine Zweifel. Dieser Erfolg rührt wahrscheinlich daher, dass ich recht gut in dem bin, was ich tue. Ich lege viel Wert auf Disziplin und Fleiß. Und ich hatte Glück – das ist nicht zu unterschätzen. Manchmal stellt sich eine Absage im Nachhinein als etwas Positives heraus. Wenn sich ein Projekt zu einem Desaster entwickelt, denkt man: „Puh, grade noch mal davongekommen." Natürlich gibt es auch den umgekehrten Fall: Man lehnt eine Rolle ab und jemand anderes feiert große Erfolge damit. Aber alles in allem hatte ich einen guten Lauf. Ich liebe meine Arbeit. Ich wünschte, das würde reichen. Doch heute wird alles, was hinter den Kulissen geschieht, analysiert und seziert. Ich persönlich will lieber gar nicht wissen, wie der Zauberer das Kaninchen aus dem Hut holt. Ich mag keine neugierigen Blicke. Vielleicht bin ich auch nur schüchtern, keine Ahnung. Nehmen wir einen Film wie Hannibal: Trotz all der Schminke – oder vielleicht gerade deswegen – habe ich mich so frei gefühlt wie selten. Die aufreibendste Rolle und auch die mühsamste war die des Smiley in Dame, König, As, Spion. Ich konnte mich hinter keiner Maske verstecken, war total exponiert. Man muss das Langweilige so spielen, dass es wieder interessant ist. Nicht dass Smiley eine langweilige Figur wäre, aber er ist eher der schlichte Typ. Ich musste mein Spiel extrem reduzieren. Ganz anders meine Rollen in León – Der Profi, True Romance oder sogar Im Vorhof zur Hölle: Das sind Figuren voll Energie, Wildheit und Feuer, die immer am Anschlag sind. Ich verstehe, warum Alec Guinness vor dem Dreh der ursprünglichen Serie eine Art Nervenzusammenbruch erlitt und die Rolle absagen wollte. Ich bin auch kurz zusammengeklappt. 

Playboy: Wirklich? Was ist passiert? 
Oldman: Ich hatte die Rolle anfangs abgelehnt, doch dann bekam ich sie nicht mehr aus dem Kopf. Sobald ich unterschrieben hatte, dachte ich: „Scheiße! Das wird der totale Reinfall. Jeder wird sehen, was für ein Hochstapler ich bin. Jetzt fliege ich auf. Was meint er, wer er ist? Er hält sich wohl für Alec Guinness, oder was? Normalerweise quäle ich mich nach einem Film, nicht davor. Ich gehe irgendwo spazieren und plötzlich fällt mir eine Szene ein, die ich vor zwei Jahren gedreht habe. Dann denke ich: „So hätte ich den Satz bringen sollen.“ Vielleicht hatte ich bei Smiley Angst, dass die Leute Charakterzüge an mir entdecken, die ich selbst nicht mag. Und wenn ich sie schon nicht mag, mögen die anderen sie erst recht nicht. Die Rolle vereinte alles, was ich an mir bemängele. Peter Sellers hat einmal gesagt, dass er am glücklichsten war, wenn er spielen durfte. Alles andere war Nebensache – der Gedanke ans Spielen, die Vorbereitung, das Taschenpacken, der Abschied, das Fliegen, die Hotels. So glamourös dieses Leben auch klingen mag – selbst nach zig Jahren im Geschäft wollte Sellers einfach nur zum Drehort und loslegen. Mir geht es genauso. Wenn ich vor der Kamera stehe, ist alles in Butter. Sobald ich mein Kostüm trug und als George Smiley das Set betrat, war ich so entspannt wie ich es überhaupt sein kann.

Autor: David Hochmann
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