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Schutzhunde: Made in Germany

Einblicke in ein Geschäft mit einer begehrten Waffe

Schutzhunde: Der beste Freund des Menschen, aber auch sein schlimmster Feind

Sie werden abgerichtet zu Soldaten, Leibwächtern, Killern: Elite-Schutzhunde können Menschen das Leben retten. Und sie töten. Ausgebildet in Deutschland, werden sie in die ganze Welt verkauft. Für ein Vermögen. Einblicke in ein Geschäft mit der begehrtesten Waffe made in Germany - dem Schäferhund.

Selbst als seine Zunge blau anläuft, hört er nicht auf. Vero zerrt an der Leine, fletscht die Zähne, das Maul zur Fratze verzogen. Hass in Kopf und Gliedern. Speichelfetzen fliegen, das Halsband schnürt ihm die Luft ab. Doch Vero, Deutscher Schäferhund, vier Jahre alt, 34 Kilo, stockhaarig, mit dunklem Fell und braun befleckten Pfoten, rast ohne Rücksicht. Er will an diesem kalten, stillen Winterabend nur eines: beißen, töten.

Vor ihm steht ein schwarz gekleideter Mann mit Dockermütze, am linken Arm eine dicke Manschette, in der rechten Hand einen Schlagstock aus Schaumstoff. Er reizt das Tier mit einschüchternden Gebärden, deutet Schläge an, droht und provoziert. So stehen sie sich feindselig gegenüber, Mann und Hund, auf einem morastigen Wiesengrund in Kirtorf, einer Gemeinde nahe Marburg. Plötzlich ein Schrei: „Platz!“ Scharf wie eine Ohrfeige schallt das Wort von Werner Kebernik, der hinter Vero am anderen Ende der Leine steht. Und Vero kauert mit einem Mal auf dem Boden, den Kopf auf die Vorderläufe gelegt, die Ohren aufgestellt. Ein treuer Blick aus braunen Augen. Er hechelt.

„Das können nur ganz wenige: so von einer Sekunde auf die andere umschalten. Vom Killer zum lieben Haustier. Vero aber kann das. Er ist mein aktueller Star“, sagt Kebernik. Er lockert die Leine, beugt sich zu dem Hund hinunter und steckt ihm ein Leckerli ins Maul. Vero nimmt es mechanisch an wie ein Soldat eine Belobigung. Kühle Distanz zwischen Herr und Hund. Ihr Verhältnis ist beruflich geprägt. Denn hier, auf dem Ausbildungsplatz des Hundetrainers Werner Kebernik im Nirgendwo Nordhessens geht es ums Geschäft. Ein Geschäft, in dem Hunde zu Waffen werden. Es ist ein verschwiegenes, weltweites Business. Kebernik züchtet den Deutschen Schäferhund, richtet ihn ab, vom Welpen zum Elite-Schutzhund. Seine Kunden: reiche Unternehmer in den USA, Großgrundbesitzer in Venezuela, Geldverleiher in Malaysia, Militärs in China, Hollywood-Stars, Zuhälter. Die wachsende Zahl wohlhabender Menschen und ihr seit Jahren zunehmendes Sicherheitsbedürfnis lassen den Schutzhunde-Markt zurzeit boomen wie nie und treiben die Preise in die Höhe.

Zwischen 20.000 und 50.000 Euro kostet ein ausgebildeter Elitekämpfer auf vier Pfoten. Der beste, begehrteste, beliebteste: der Deutsche Schäferhund. 120 Jahre nach seiner ersten Zuchtbuch-Eintragung ist er weltweit ein Symbol für größten Schutz und Status seiner Halter. Weil er gehorsamer ist, wachsamer, fester zubeißt als seine Artgenossen. Mit größerem Jagdtrieb, Beute- und Schutztrieb. Höchste Belastbarkeit, ausgeglichenes Wesen: ein Arbeitstier mit Soldatencharakter. Deutsche Wertarbeit. Solche Hunde können als Leibwächter des Menschen bester Freund sein. Aber auch: sein schlimmster Feind.

Das erste Treffen mit Kebernik am Vortag. Eine Sackgasse, das vorletzte Haus, an der Fassade prangt überlebensgroß ein Schäferhund aus Gusseisen. Kebernik, ein Hüne von 1,98 Metern, Halbglatze, Brille, Rolex am linken Handgelenk, ansehnlicher Schnauzbart, grüßt in rauem Ton: „Kebernik! Guten Tag!“ Er bittet in ein Wohnzimmer voll dunkler Möbel und Schäferhund-Devotionalien - kleine Skulpturen, Pokale, Bilder, Uhren. „Sie sehen, ich habe eine Connection zu den Hunden“, sagt der 64-Jährige und lässt sich schwer in einen Sessel fallen. Er sei noch etwas müde, vor einigen Tagen erst kam er aus China zurück, wo er Vorträge über Hundeausbildung hielt. Sie empfingen ihn wie einen Staatsgast, flogen ihn quer durchs Land. Das schlaucht. Er war zum ersten Mal dort, obwohl er schon seit den 80er-Jahren Geschäfte mit den Chinesen macht. Doch heute suchen sie vermehrt, wie andere Länder auch, nach Hunden für Polizei- und Militäreinheiten. Schnelle, wendige Hunde, die keine Angst kennen, keinen Schmerz, die immer nach vorn gehen, bei Demonstrationen, Schlägereien, bei Sondereinsätzen.

Gerade in den heikelsten Fällen der jüngeren Geschichte gingen Schäferhunde vorneweg. Etwa am 2. Mai 2011 in Abbottabad/Pakistan in der finalen Nacht der Jagd auf Osama bin Laden. Den 23 Navy Seals eilte der Schäferhund Cairo voraus. Am Ende war der Terrorpate tot, und General David Petraeus, damaliger Kommandeur der US-Armee in Afghanistan, erklärte: „Die Fähigkeiten, die solche Hunde mit in den Kampf einbringen, können nicht kopiert werden, weder von Menschen noch von Maschinen.“ Auch Keberniks Hunde kämpfen. Sie kämpften in Afghanistan und Pakistan, in Vietnam und in Kambodscha. Sie marschierten mit durch die Weltgeschichte, Krieger aus Kirtorf.

Hunde mit besonders aggressiven Trieben werden zu reinen Kampfmaschinen abgerichtet

Das Geschäft mit den Militärs läuft gut, doch lukrativer ist ein anderes. Kebernik hievt sich aus seinem Sessel und geht zur Kommode, darauf eine Reihe gerahmter Bilder: Kebernik und George Foreman, Kebernik und John Forsythe, Kebernik und Bo Derek. „Die haben alle Hunde von mir gekauft.“ Das große Geld in diesem Business zahlen Privatleute, manchmal berühmt, manchmal nicht. Immer reich.

In den USA machte 2011 Julia von sich reden, eine Deutsche Schäferhündin von drei Jahren. Ein Geschäftsmann aus Minnesota hatte den ausgebildeten Schutzhund als persönlichen Bodyguard erworben, nachdem er für mehrere Millionen Dollar seine Inkasso-Firma verkauft hatte. Kurz bevor die Aktienmärkte kollabierten. Julia war ihm da 190.000 Euro wert.

Um solche Preise zu erzielen, müssen die Tiere zuvor im sogenannten Schutzhundesport auf sich aufmerksam gemacht haben. Dabei treten sie in mehreren Prüfungen wie Gehorsam, Fährtenarbeit und Schutzdienst gegeneinander an. Je besser sie abschneiden, desto wertvoller werden sie. Deshalb wird hart trainiert. Bereits im Alter von sechs Wochen beginnen die Welpen mit ersten Übungen, sie lernen den Verkehr kennen, Kinder, verschiedene Untergründe. Später lernen sie, mit ihrer ganzen Kieferkraft zuzubeißen, potenzielle Angreifer zu stellen und ein Revier zu verteidigen. Fehlverhalten wird mit einer sogenannten Korrektur bestraft, einem Stockstoß in die Rippen etwa. Hunde mit besonders aggressiven Trieben werden zu reinen Kampfmaschinen abgerichtet.

Sie lernen, durch Glasscheiben zu springen und in Autofenster. Sie lernen, so fest zuzubeißen, dass man ihnen mit einem Hartholz den Kiefer aufhebeln muss, wenn sie sich verbissen haben. Sie lernen aber auch, auf Kommando augenblicklich umzuschalten, vom wahnhaften Raubtier zum weichmütigen Haustier. Die Hunde müssen funktionieren, sonst nichts.

„Einer mit echtem Killerinstinkt“

Wer braucht solche Killer? „Leute, die Angst um ihr Leben haben. Oder mit viel Cash hantieren“, sagt Kebernik. Leute wie der Kredithai aus Kuala Lumpur, der den Ärmsten der Armen Geld lieh, Wucherzinsen verlangte und ständig überfallen wurde. Leute wie der Großfarmer aus Venezuela, der sich vor den Indigenen schützen wollte, auf deren einstigem Land er residierte. Leute wie der Spielhöllenbesitzer aus Florida, der mit dem Auto seine Läden abklappert, um das Bargeld einzusammeln, und jemanden braucht, der während seiner Abwesenheit den Wagen bewacht. Ihnen allen hat Kebernik Hunde verkauft, die auf Befehl einen Menschen töten würden.

Startbahn-Rex war auch so einer. Am Abend sitzt Kebernik in seinem Stammlokal, deutsche Küche, deutsche Gemütlichkeit, und erzählt, den ersten Kurzen gerade ausgetrunken, Geschichten von früher. „Startbahn-Rex war was Besonderes“, sagt er, Stolz in der Stimme. „Einer mit echtem Killerinstinkt.“

Die Achtziger sind gerade angebrochen, Deutschland ist noch geteilt, Helmut Schmidt Kanzler, und in Frankfurt am Main blüht das Milieu: Raub, Betrug, Hehlerei, Rauschgifthandel, Zuhälterei. „Ich hatte zu dieser Zeit einen guten Freund, der acht Jahre lang für die GSG 9 im Einsatz war und dann die Seiten wechselte“, erzählt Kebernik. Der Freund habe im Milieu eine Sicherheitsfirma gegründet, für die er Hunde benötigte. Kebernik verkauft sie ihm, auch seinen besten: Rex.

Die Firma sei sofort gut gebucht gewesen. Ein Haufen harter Jungs, Luden, Kampfsportler, mit scharfen Hunden an der Seite: Sie räumten fortan auf in Frankfurt. Fast täglich ein Einsatz - und einer tat sich jedes Mal besonders hervor: Rex, aggressiv wie keiner sonst. Einmal habe Rex, erzählt Kebernik, die Staatsgewalt unterstützend, Gegner der Startbahn West aufgemischt. Obwohl durch einen Molotowcocktail halb verbrannt, habe er immer weiter nach vorne gezerrt und attackiert, was es zu fassen gab. Ein Kämpfer, wie sie ihn auch im Milieu schätzten. Er sei stadtbekannt geworden und sein Name durchs Rotlichtviertel gegeistert: Startbahn-Rex. Der Besitzer eines Frankfurter Bordells habe ihn schließlich erworben, und er, Kebernik, sei zu ihm gefahren, um Herr und Hund aneinander zu gewöhnen. Seitdem wurde, wann immer es Ärger gab auf den Puff-Fluren, Rex rausgeschickt. Danach herrschte Ruhe.

Der Mensch verströmt, wenn er Angst bekommt, mit seinem Schweiß eine kaum wahrnehmbare Note von Buttersäure. Hunde riechen das. Sie riechen die Angst. Die Konsequenz: Sie ordnen sich nicht mehr in die natürliche Hierarchie ein, in der ihr Besitzer über ihnen steht. Vor allem bei ausgebildeten Schutzhunden hätte Angst vor dem eigenen Tier daher fatale Folgen. Kebernik reist deshalb öfter zu seinen Kunden und trainiert mit ihnen den Umgang mit dem neuen Gefährten. Er zeigt, wie der Hund sich kontrollieren lässt, wie er gehorcht, wie er attackiert. Aber lässt sich solch ein Tier überhaupt beherrschen?

„Nein“, sagt Dr. Udo Gansloßer, Zoologe und einer der namhaftesten Hundeexperten der Republik. „In Privathand haben diese Tiere nichts zu suchen.“ Das Problem sei die Psyche, die chemische Verwandtschaft der im Hundehirn ansässigen Selbstbelohnungssysteme zum sogenannten Kampfhormon Noradrenalin, Auslöser für Aggressionen. Da bei Schutzhunden Aggressivität aktiv gefördert wird, könne sie sich mit der Zeit sehr leicht mit dem Selbstbelohnungssystem verknüpfen. Aggression würde dann, ähnlich wie eine Droge, selbstbelohnend und damit suchtgefährdend werden. Solche Hunde also würden leicht zu Lustbeißern.

Er griff plötzlich den Trainer an, biss in dessen Unterarm, riss Hautfetzen heraus, biss ins Handgelenk, zertrümmerte den Daumenknochen...

Auch Kebernik musste bereits erfahren, dass seine Hunde keine Automaten sind. 2007 hatte er mit einem Rüden trainiert, leicht gestört im Verhalten. „Ich habe ihm wohl eine überzogene Korrektur gegeben, die etwas schmerzte“, sagt Kebernik. Da drehte der Hund durch, griff plötzlich den Trainer an, biss in dessen Unterarm, riss Hautfetzen heraus, biss ins Handgelenk, zertrümmerte den Daumenknochen, biss ein weiteres Mal, zerriss Bänder und Nerven. Kebernik blieb, so sagt er, ruhig. Streichelte und besänftigte den Rasenden. Und der ließ irgendwann von ihm ab. Kebernik wurde notoperiert, hatte zwei Wochen Klinikaufenthalt. Die Hand aber war nicht mehr vollständig zu retten, ist seitdem teilweise steif.

Seit 50 Jahren trainiert Kebernik bereits Hunde, doch nur an diesen einen Angriff kann oder will er sich erinnern. Sein härtester Kampf: der Einstieg ins Geschäft. „Mit fünf Jahren begannen mich diese Tiere zu faszinieren, aber mein Vater hatte was dagegen“, sagt er. Der Vater, einst Hitler-Verehrer und SS-Mitglied, nun Malocher, herrscht zu Hause mit harter Hand. Von einem Hund will er nichts wissen, das sei kein Nutztier, koste nur. Die Familie hat Kühe, Schweine, die geben Milch, Fleisch, was gibt ein Hund? „Also musste ich mich selbst darum kümmern.“ Als Kebernik 14 Jahre alt ist, keine Mädchen, nur Hunde im Kopf, spart er monatelang und kauft schließlich Rex, einen Langhaar-Schäferhund, für 50 Mark von einem Bauern aus der Umgebung. Er trainiert täglich mit ihm, bildet ihn zum Schutzhund aus, Rex wird der beste weit und breit, und nach wenigen Jahren bietet die Bundeswehr 800 Mark für den Vierbeiner. „Da erkannte mein Vater, dass man mit meiner Hundegeschichte mehr Geld verdienen kann, als wenn man drei Jahre lang eine Kuh melkt, und stieg ins Geschäft mit ein.“

Fortan klappert Kebernik die Nachbardörfer auf der Suche nach geeigneten Hunden ab. „Denn nicht jeder ist zum Schutzhund geeignet. Manche sind verängstigt, wenn sie einen Schuss hören oder mit dem Stock bedroht werden. Die kriechen dann zitternd in ihre Hütte. Ich muss gucken, ob der Hund belastbar ist, Kampftrieb hat, ob er zubeißen kann.“ Mit 20 wird Kebernik eingezogen, Bundeswehr, erst widerwillig, dann frei-willig, 15 Jahre, Ausbildung zum Einzelkämpfer, zum Fallschirmjäger, zum Schießlehrer für Panzerabwehr-Lenkraketen. Er steigt zum Hauptfeldwebel auf. Nebenbei kümmert er sich um sein Hunde-Business.

Ein Hund für Heldengeschichten

Die ersten größeren Geschäfte macht er Anfang der 70er-Jahre mit der US-Air-Force. Die Amerikaner kommen im Kampf gegen den Vietcong nicht voran, von den Hunden erhoffen sie sich Hilfe in den Wäldern Vietnams. Später bedient sich auch die französische Armee, der Bundesgrenzschutz kauft bei Kebernik Hunde zum Schutz des damaligen Kanzlers Helmut Kohl. Eine Delegation der chinesischen Regierung kommt in drei VW-Bussen nach Kirtorf, um die Volksbefreiungsarmee mit Elite-Hunden auszurüsten. Mittlerweile verkauft Kerbernik die meisten Tiere aber an Privatpersonen, gerade wurden zwei auf die Bahamas geschickt, übermorgen soll eine Hündin nach Kanada überführt werden.

Besonders in Nordamerika lieben sie den Deutschen Schäferhund. Ein Teutone, der beschützt, der aufs Wort gehorcht, der auf Befehl aber auch zur Bestie wird. Ein Hund für Heldengeschichten. Wie jener vom 28. November 2014.

An diesem Tag parkt ein Mann sein SUV vor einer Mall in Atlanta, eilt in den Laden, er will ein neues Hundehalsband kaufen. Seine Frau, drei Kinder und Noah, Deutscher Schäferhund und das Haustier der Familie, warten im Auto. Dann biegen zwei weitere Wagen auf den Parkplatz. Deren Insassen waren zuvor nach Polizeiangaben aneinandergeraten, ein Streit unter Autofahrern. Unvermittelt eröffnet einer der Fahrer das Feuer. Doch er trifft statt des eigentlichen Ziels das SUV mit Frau und Kindern darin. Die erste Kugel durchschlägt die Scheibe, es fallen weitere Schüsse, acht insgesamt.

In Sekundenbruchteilen, so wird sich die Frau später erinnern, springt Noah auf den Vordersitz und wirft sich vor sein Frauchen. Ein Projektil trifft das Tier in den Hals, doch Noah, unermüdlich, springt aus dem Auto, folgt dem Täter. Ein Überwachungsvideo zeigt ihn, schwer verwundet, wie er sich die Mall entlangschleppt. Hinter dem Gebäude bricht der Hund zusammen und stirbt. Die Familie bleibt unverletzt.

In den USA ist der Deutsche Schäferhund nach dem Labrador die beliebteste Hunderasse. Auch Kebernik verkauft einen Großteil seiner jährlich rund 100 exportierten Tiere in die Vereinigten Staaten. Derzeit hat er 25 Hunde in seiner Zucht. Es könnten aber bald wieder mehr sein. „Denn morgen wird gedeckt“, sagt Kebernik und verabschiedet sich.

Der nächste Tag beginnt mit einer kontrollierten Vergewaltigung. Es ist Samstag halb zehn in Kirtorf, und an einer verlassenen Grillhütte abseits asphaltierter Straßen sagt Kebernik zu Karl D., Geschäftspartner seit Jahren: „Hol sie raus!“ D. geht zu seinem Kombi, öffnet den Kofferraum, und heraus klettert vorsichtig Funny, gewandet in hellen Pelz. Auch Kebernik geht zu seinem Wagen, einem umgebauten Van mit sechs transportablen Zwingern auf der Ladefläche, sperrt die Luke auf, und mit Getöse kommt Vero zum Vorschein, der aktuelle Star im Hause Kebernik, der mit seinen vier Jahren schon 200-facher Vater ist. Er springt mit einem Satz aus seiner Box und spannt die Leine Richtung Funny. Er weiß, was jetzt kommt.

Vero gilt als exzellenter Deckrüde, temperamentvolles Wesen, feste Nervenverfassung, reine Blutlinie, muskulös, mit kräftig entwickelten Hoden. Gute Gene also. Eine vortreffliche Ahnentafel treibt den Preis in die Höhe. Er schlägt seine Vorderpfoten um Funnys Unterleib und besteigt sie. Funny, umringt von drei Männern, versucht sich des Potentaten erst zu erwehren, doch erkennt sie schnell die Ausweglosigkeit der Situation und ergibt sich ihrem Schicksal. Ein Naturvorgang, in dieser Form schon Jahrtausende alt.

Vor 15.000 Jahren lernte der Mensch den Wolf als Jagd- und später als Hütehelfer schätzen. Sie taten sich zusammen, und der Mensch experimentierte, begann den Wolf per Zucht nach seinen Vorstellungen zu formen. Aus dem Canis lupus wurde der Canis lupus familiaris, der Haushund. 800 Rassen entstanden mit der Zeit, 1895 auch die heute bekannteste, der Deutsche Schäferhund. Rittmeister Max von Stephanitz hatte ihn aus Schlägen des Hütehundes gezüchtet, den ersten taufte er auf den Namen Horand von Grafrath. Die Tiere waren damals noch weniger muskulös als ihre heutigen Nachfahren, etwas leichter, über die Jahre wurden sie optimiert wie Sportwagen: gute Hinterhandwinkelung, größere Widerristhöhe, tiefer gelegte Hüfte, wodurch der Rücken nach unten abfällt.

Auch Veros Hüfte sitzt tief, es scheint ihn aber gerade nicht weiter zu stören. Und nachdem er gekommen ist, darf er ein wenig über Feld und Wiesen spazieren, rennen ohne Leine, ohne Maulkorb. Keine Gefahr für Spaziergänger?

„Der würde so weitermachen, bis er umkippt“

Hier komme niemand vorbei, sagt Kebernik. Aber was würde passieren, wenn? Dann könne es sein, dass Vero, großes Selbstbewusstsein, großer Beschützerinstinkt, schon mal zubeißt. Doch, er sagte es bereits, hier komme niemand vorbei.

Es beginnt zu dunkeln, und Kebernik will noch etwas mit Vero trainieren. Er fährt auf seinen Ausbildungsplatz, dort warten bereits einige seiner Mitarbeiter. Einer von ihnen, schwarz gekleidet mit Dockermütze auf dem Kopf, zieht sich einen wattierten Beißarm über, nimmt den Schlagstock. Kaum in seinem Blickfeld, beginnt Vero wie wahnhaft zu bellen und die Zähne zu fletschen. Umgestellt auf Kampfmaschine, als gäbe es dafür einen Knopf.

Kebernik lässt ihn mehrmals auf den Mann zurennen, ihn anbellen, auf Kommando zubeißen. Dann muss Vero, an einer Eisenstange festgebunden, seinen Herrn verteidigen. Nach vorne gehen, angreifen, selbst als ihm das Halsband die Kehle zuschnürt. „Der würde so weitermachen, bis er umkippt“, ruft Kebernik in das Gebell hinein.

Vor Kurzem hat ein Interessent einen mittleren fünfstelligen Betrag für Vero geboten. Ist das angemessen? Werner Kebernik scheint die Frage nicht zu hören. Er ruft „Platz!“, und Vero legt sich hin, schnappt nach Luft, ein zahmes Haustier wieder. Kebernik aber schaut über die Wiese. Maulwurfshügel übersäen sie. Früher, knurrt er, habe er da etwas Gift verstreut, und die Sache sei erledigt gewesen. Doch diese neuen Tierschutzgesetze . . . Dann hetzt er Vero wieder auf den Mann mit der Mütze.

Hundeangriff: Was tun?

Zoologe Udo Gansloßer empfiehlt: Nicht wegrennen, nicht wehren. Stattdessen: stillstehen. Den Hund ignorieren. Keinen Blickkontakt aufbauen. Falls kein Hundehalter in der Nähe ist, die Polizei rufen - aber ohne das Handy hochzunehmen. Die Armbewegung kann der Hund missverstehen. Ansonsten hilft nur Beten.

Autor: Moritz Aisslinger
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