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Wir laden schonmal das nächste Girl für Sie!

Mike Tyson

Meine Jugend als Verbrecher

Der Ex-Boxer spricht über seine kriminelle Vergangenheit

Weltmeister, Ohrenbeißer, Häftling: Am 30. Mai wird der skandalöseste Boxer aller Zeiten 50 Jahre alt. Hier erzählt Mike Tyson, wie ihn seine Kindheit auf den Straßen Brooklyns zu dem Kämpfer gemacht hat, den die Welt fürchtete

Wir lagen mit den „Puma Boys“ aus meiner Nachbarschaft im Clinch. Es war 1976, und ich lebte in Brownsville, Brooklyn. Ich hatte mich einer Gang aus der Rutland Road angeschlossen, den „Cats“. Wir waren eine Bande von Einbrechern. Einige unserer Gangsterfreunde hatten einen heftigen Streit mit den „Puma Boys“, also liefen wir zum Park, um sie zu unterstützen. Gewöhnlich hatten wir mit Waffen nichts im Sinn, aber es ging um unsere Freunde. Also stahlen wir einen .357-Magnum-Revolver und ein langes, halbautomatisches M1-Gewehr aus dem Ersten Weltkrieg. Wenn man einen Bruch machte, wusste man nie, was man vorfand.

Wir marschierten ungeniert mit unseren Gewehren durch die Straßen. Niemand hielt uns auf, kein einziger Cop war unterwegs.

„Da drüben rennt er“, rief mein Freund Haitian Ron. „Der Kerl mit den roten Pumas und dem roten Halseinsatz!“

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Ron hatte den Typen, hinter dem wir her waren, erspäht. Als wir losrannten, teilte sich die Menschenmenge im Park wie das Rote Meer vor Moses. Das war sehr vernünftig, weil einer meiner Freunde das Feuer eröffnete. Ich sah, dass einer der „Puma Boys“ zwischen zwei geparkten Autos in Deckung gegangen war. Ich trug das M1-Gewehr, schnellte herum und sah, wie der lange Kerl seine Pistole direkt auf mich gerichtet hielt.

„Was zum Teufel machst du da?“, herrschte er mich an. Es war mein älterer Bruder Rodney.

„Verpiss dich, Nigga.“ Ich lief nach Hause.

Ich war zehn Jahre alt.

Meine erste Wohngegend war Bed-Stuy in Brooklyn gewesen, seinerzeit ein anständiges Arbeiterviertel. Jeder kannte jeden. Es lief alles recht normal. Aber Ruhe gab es keine. Jeden Freitag und Samstag herrschte im Haus ein Tumult wie in Las Vegas. Meine Mom lud all ihre Freundinnen, von denen viele im horizontalen Gewerbe arbeiteten, zum Kartenspielen ein. Sie schickte dann ihren Freund Eddie los, Schnaps zu besorgen, und sie kippten den Alkohol nur so hinunter. Den Gewinn jedes vierten Spiels musste die Gewinnerin in den Topf werfen, der Mom gehörte. Dann bereitete sie Hähnchenflügel zu. Mein Bruder erinnert sich, dass in unserem Haus neben den Nutten auch Gangster, Detectives der Polizei, die unterschiedlichsten Menschen verkehrten.

"Als ich die Knast-Cafeteria betrat, war das wie beim Klassentreffen"

Mike Tyson

Als ich sieben Jahre alt war, wurden wir aus unserer hübschen Wohnung in Bed-Stuy geworfen. Schließlich landeten wir in Brownsville. Es war eine grauenhafte, brutale Umgebung. Ständig fuhren Polizeiautos unter dem Heulen von Sirenen vorbei, pausenlos waren Krankenwagen unterwegs, immer wieder hörte man Schüsse oder das Geräusch berstender Scheiben. Wir sagten: „Wow, das ist also das wahre Leben.“

Meine Mutter tat, was immer sie tun musste, um uns ein Dach über dem Kopf zu beschaffen. Das bedeutete oft, dass sie mit jemandem schlief, der ihr zuwider war. Aber so war das eben. Ich war ein dickliches Kind, sehr schüchtern, fast wie ein Mädchen, und beim Sprechen lispelte ich. Manchmal konnte meine Mutter mich nicht zur Schule begleiten, da sie am Abend zuvor zu viel getrunken hatte. Dann traktierten mich die anderen Kids mit Schlägen und Fußtritten.

In der ersten Klasse eine Brille tragen zu müssen war der wahre Wendepunkt in meinem Leben. Meine Mutter brachte mich zum Augenarzt, und es stellte sich heraus, dass ich kurzsichtig war, also ließ sie mir eine Brille anfertigen. Die war wirklich übel. Eines Tages kam ich zur Mittagszeit aus der Schule. Ich holte mir in der Cafeteria ein paar Fleischbällchen. Ein Kerl sprach mich an:

„Hey, hast du ein paar Cents für mich?“

„Nein.“

Er fing an, meine Taschen zu durchsuchen, fand aber nichts. Also versuchte er, mir die verdammten Fleischbällchen wegzunehmen. Ich wehrte mich und schrie: „Nein, nein, nein!“ Ich ließ zwar zu, dass die Dreckskerle mein Geld raubten, aber nicht mein Essen. Er schlug mir gegen den Kopf, dann riss er mir die Brille herunter und warf sie in den Tank eines Lastwagens. Ich rannte nach Hause, aber er hatte meine Fleischbällchen nicht bekommen. Es war mein letzter Schultag. Ich war sieben Jahre alt und ging fortan nicht mehr zum Unterricht.

Damals war es in Brooklyn total angesagt, Tauben fliegen zu lassen. Jeder, vom Mafiaboss bis zu den Ghetto-Kids, tat es. Es ist nicht zu beschreiben, es geht einem einfach unter die Haut.

Eines Tages ging ich nach Crown Heights und brach mit einem älteren Jungen in ein Haus ein. Wir fanden 2200 Dollar Bargeld, und er gab mir 600 Dollar. In einer Tierhandlung kaufte ich davon für 100 Dollar Vögel, und jemand aus meiner Nachbarschaft half mir, die Kiste zu dem Abbruchhaus zu schleppen, wo ich meine Tauben versteckte. Aber dieser Junge erzählte einigen Kids, dass ich all diese Vögel hatte. Plötzlich tauchte ein Kerl namens Gary Flowers mit ein paar Freunden auf, um meine Tauben zu klauen. Meine Mutter beobachtete, wie sie sich an den Vögeln zu schaffen machten, und rief mich sofort. Sie sahen mich kommen und ließen von den Tauben ab, nur Gary hatte immer noch einen meiner Vögel unter dem Mantel versteckt.

„Gib mir meinen Vogel zurück“, protestierte ich. „Willst du den Vogel? Willst du den verdammten Vogel wirklich?“, sagte er. Dann drehte er der Taube den Kopf ab und warf ihn auf mich, sodass mein Gesicht und mein Hemd voller Blut waren.

„Geh auf ihn los“, drängte mich einer meiner Freunde. „Hab keine Angst, geh einfach auf ihn los!“

Also sagte ich mir „scheiß drauf“. Meine Freunde waren überrascht. Ich hatte keine Ahnung, was ich tat, schlug einfach wie wild um mich. Ein Schlag traf ihn, und er ging zu Boden. Der ganze Block schaute dabei zu. Alle jubelten und klatschten. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, mein Herz raste.

Jetzt erntete ich auf der Straße eine ganz neue Art von Respekt. Die Jungs fragten jetzt meine Mutter nicht mehr: „Kann Mike mit uns spielen?“, sondern: „Kann Mike Tyson mit uns spielen?“ Andere Jungs schleppten ihre Kumpels an, damit sie gegen mich antraten, und schlossen Wetten ab. Ich hatte jetzt also eine weitere Einnahmequelle. Sie strömten auch aus anderen Bezirken herbei. Obwohl ich noch ein Kind war, trat ich gegen ältere Jungs an und gewann viel Geld. Selbst wenn ich verlor, sagten die Jungs, die mich geschlagen hatten: „Verdammt, bist du wirklich erst elf?“

"Sie kehrten mit gebrochenen Nasen, kaputten Zähnen, geplatzten Lippen und gebrochenen Rippen heim"

Mike Tyson

1977 lungerte ich am Times Square herum, als ich ein paar Jungs aus meinem alten Wohnviertel in Bed-Stuy entdeckte. Wir unterhielten uns, und einer von ihnen schnappte sich die Geldbörse einer Nutte. In dem Augenblick tauchten die Bullen auf. Auf der Wache studierte man mein Strafregister; ich hatte entschieden zu viele Verhaftungen aufzuweisen, und so wurde ich nach Spofford gebracht, das Jugendgefängnis im Hunts-Point-Viertel der Bronx. Ich hatte Horrorgeschichten über Spofford gehört. Aber als ich in die Cafeteria zum Frühstück ging, war das wie ein Klassentreffen. „Entspann dich“, sagte ich zu mir. „All deine Jungs sind hier.“ Nach diesem ersten Mal ging ich in Spofford ein und aus. Es wurde für mich zur Zweitwohnung.

Ich erlebte nie, dass meine Mutter mit mir glücklich oder stolz auf mich war. Ich bekam nie die Chance, mit ihr zu reden oder mehr über sie zu erfahren. Emotional und psychisch war es vernichtend für mich. Wenn ich mit meinen Freunden zusammen war und deren Mütter vorbeischauten, bekamen sie einen Kuss von ihnen. Ich wurde von meiner Mutter nie geküsst. Da mich meine Mutter bis zum 15. Lebensjahr in ihrem Bett schlafen ließ, hätte man annehmen können, sie würde mich mögen, dabei war sie die ganze Zeit nur betrunken.

Ein paar Monate vor meinem 13. Geburtstag wurde ich erneut wegen des Besitzes von Diebesgut festgenommen. Inzwischen wusste man nicht mehr, wo man mich hinschicken sollte, da man alle Institutionen um New York City herum ausprobiert hatte. Man beschloss, mich zur Tryon School for Boys zu schicken, einer Einrichtung für jugendliche Straftäter im Hinterland von New York. Die Tatsache, dass sie mich in eine staatliche Besserungsanstalt schickten, war keineswegs cool, denn dort war ich mit den großen Jungs zusammen. Ich bekam sofort Schwierigkeiten. Und man schickte mich nach Elmwood, ein abgeriegeltes Cottage für die unverbesserlichen Kids.

An den Wochenenden verschwanden alle Kids von Elmwood, die sich einwandfrei verhalten hatten, für ein paar Stunden. Sie kehrten mit gebrochenen Nasen, kaputten Zähnen, geplatzten Lippen und gebrochenen Rippen heim. Ich nahm an, sie seien von den Wärtern so vermöbelt worden. Aber je intensiver ich mich mit diesen schlimm zugerichteten Kids unterhielt, desto bewusster wurde mir, dass sie keineswegs unglücklich waren. „Verdammt, fast hätten wir ihn drangekriegt“, lachten sie. Ich hatte keine Ahnung, was sie meinten, und dann klärten sie mich auf. Sie kämpften gegen Mr. Stewart, einen der Gefängnisberater. Bobby Stewart war ein robuster Ire, ungefähr 77 Kilo schwer, ein ehemaliger Profiboxer. Ein paar Wochen später, als ich abends in meinem Zimmer war, klopfte es laut und kräftig an die Tür. Ich öffnete, und es war Mr. Stewart.

„Hi, Arschloch, du willst mich sprechen?“, brummte er. „Ich will Boxer werden“, erwiderte ich. „Das wollen die anderen Jungs auch. Aber sie haben nicht den Mumm, daran zu arbeiten“, erwiderte er. „Wenn du dein Sündenregister in Ordnung bringst, dich nicht wie ein Arschloch aufführst und etwas mehr Respekt zeigst, arbeite ich vielleicht mit dir.“

Ich gab mir wirklich alle Mühe und benahm mich wie ein Musterschüler. Ich brauchte einen Monat, um genug Pluspunkte zu sammeln, damit ich boxen durfte. Ich war mir ziemlich sicher, dass ich ihn besiegen würde. Sofort fing ich an, wild auf ihn einzuschlagen, ihn mit Hieben zu traktieren, und er ging in Deckung. Ich bearbeitete ihn mit Schlägen und Hieben. Doch plötzlich schlüpfte er an mir vorbei und rammte mir - bumm - seine rechte Faust in den Magen. Ich versuchte verzweifelt Luft zu holen, aber ich konnte lediglich kotzen. Es war grauenhaft.

„Steh auf und krieg dich wieder ein“, bellte er.

Nachdem alle gegangen waren, näherte ich mich ihm in aller Demut. „Entschuldigen Sie, Sir, können Sie mir bitte beibringen, wie ich das richtig mache?“, fragte ich. Also fingen wir an, regelmäßig zu trainieren, und bald sagte Bobby zu mir: „Ich will dich Cus D’Amato vorstellen. Er kann dich ein Stück weiterbringen.“

Cus galt als Legende und hatte Boxer wie Floyd Patterson, Rocky Graziano und JosØ Torres trainiert. An einem Wochenende im März 1980 fuhren Bobby und ich nach Catskill, New York. Cus’ Trainingshalle war ein umgebauter Versammlungsraum und befand sich über der städtischen Polizeiwache. Cus sah genau so aus, wie ein hartgesottener Boxtrainer aussehen sollte. Er war klein und stämmig, weißhaarig und strahlte Stärke aus. Aber er blickte sehr ernst und zeigte keinerlei Lächeln.

„Hallo, wie geht’s? Ich bin Cus“, stellte er sich mit starkem Bronx-Akzent vor.

Bobby und ich gingen in den Ring und begannen mit dem Sparring. Ich ging gleich in die Vollen, jagte Bobby durch den Ring. Ich wollte Cus beeindrucken. Und ich glaube, es gelang mir.

Nach dieser Sparring-Session gingen wir zu Cus nach Hause zum Lunch. Er wohnte in einem großen viktorianischen Haus auf einem vier Hektar großen Grundstück. Von der Veranda aus konnte man auf den Hudson River blicken. In meinem ganzen Leben hatte ich noch nie ein solches Haus gesehen.

Wir nahmen Platz, und Cus meinte, er könne kaum glauben, dass ich erst 13 sei. Und dann malte er mir meine Zukunft aus. „Wenn du auf mich hörst, kann ich dich zum jüngsten Schwergewichtsweltmeister aller Zeiten machen.“

Fuck, wie konnte er einen solchen Scheiß verzapfen? Ich hielt ihn für einen Perversen. In der Welt, aus der ich kam, geben die Leute solchen Bullshit von sich, wenn sie dir einen blasen wollen. Noch nie zuvor hatte jemand etwas Nettes über mich gesagt. Später erkannte ich, dass das Cus’ Masche war. Man redet einem schwachen Mann ein, stark zu sein, und dieser wird süchtig danach.

Ich fing an, jedes Wochenende zum Training zu Cus zu gehen. Anfangs ließ er mich nicht boxen. Wir unterhielten uns über meine Gefühle und Empfindungen und über die Psychologie des Boxens. Als Erstes sprach Cus mit mir über Angst und wie man sie überwindet. „Die Angst ist das größte Lernhindernis, ist aber auch dein bester Freund. Die Angst ist wie Feuer. Wenn du lernst, sie unter Kontrolle zu halten, machst du sie dir nutzbar. Wenn du nicht lernst, sie zu kontrollieren, wird sie dich und alles um dich herum zerstören“, sagte Cus. „Mike, kennst du den Unterschied zwischen einem Helden und einem Feigling? Nun, was ihre Empfindungen angeht, besteht kein Unterschied, nur in dem, was sie tun. Der Held und der Feigling empfinden genau dasselbe, aber du musst die Disziplin besitzen, das zu tun, was ein Held tut, und darfst nicht wie ein Feigling handeln.“

Damals war ich erst 14, aber ich glaubte fest an Cus’ Philosophie. Ständig trainieren, denken wie ein römischer Gladiator, sich geistig in einen ständigen Kriegszustand versetzen, aber nach außen hin ruhig und entspannt wirken - darauf kam es an.

Cus war ein Meister in Sachen Eigenmotivation. Er besaß ein Buch des französischen Apothekers und Psychologen Emile CouØ: „Autosuggestion: Wie man die Herrschaft über sich selbst gewinnt.“ CouØ empfahl seinen Patienten, sich immer wieder vorzusagen: „Ich werde jeden Tag in jeder Beziehung besser und besser“ - immer wieder. Also ließ Cus mich aufsagen: „Ich bin der beste Boxer der Welt. Niemand kann mich schlagen. Der beste Boxer der Welt. Niemand kann mich schlagen“ - immer und immer wieder. Ich tat es gern und hörte mich gern über mich reden.

Ich war dieser nutzlose Nigga, bei dem nicht mal das Psychopharmakon Thorazin wirkte, und galt als geistig zurückgeblieben, und da kommt dieser alte Mann, ein Weißer, und verpasst mir ein Ego.

Cus wünschte sich den gemeinsten Boxer, den Gott je erschaffen hatte, jemanden, der seine Gegner zu Tode erschreckte, noch bevor diese in den Ring stiegen. Er brachte mir bei, mich innerhalb und außerhalb des Rings wild und brutal zu verhalten. Zu der Zeit brauchte ich das. Ich war so unsicher, so ängstlich. Als ich ein kleines Kind war, hatten Menschen auf mir herumgehackt. Ich hasste diese Demütigung, ich hasste es, schikaniert zu werden. Dieses Gefühl lässt einen den Rest des Lebens nicht mehr los.

Ich glaube nicht, dass Cus noch daran geglaubt hatte, in absehbarer Zeit einen Weltmeister präsentieren zu können, auch wenn er das vielleicht hoffte. Dann tauchte ich dort auf, jemand, der noch zu formen war. Cus war glücklich. Ich konnte nicht begreifen, warum sich dieser Weiße dermaßen über mich freute. Wenn er mich ansah, fing er hysterisch zu lachen an. Dann griff er nach dem Hörer und erzählte aller Welt: „Das Wunder ist zum zweiten Mal geschehen. Ich habe einen neuen Champ im Schwergewichtsboxen.“

Autor: Mike Tyson
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