Direkt zum Inhalt
Wir laden schonmal das nächste Girl für Sie!
Reporterlegende Marcel Reif

Happy Birthday, Franz Beckenbauer

Marcel Reif gratuliert der Lichtgestalt zum Geburtstag.

Der Kaiser der Lässigkeit

Lichtgestalt, Glückskind, Weltstar: Er wandelt durchs Leben, als sei es ein Sonntagsspaziergang. Und das seit 73 Jahren. Wie macht er das nur? Reporterlegende Marcel Reif über den schwerelosen Franz Beckenbauer.

Es war bei der WM 2002 in Japan und Südkorea: Franz und ich berichteten über die Spiele für den damaligen Sender Premiere. Wir waren in einem Hotel nahe dem Bahnhof irgendeines japanischen Kaffs untergebracht. Am Abend mussten wir zu einem Spiel fahren. Nur wie? Der Verkehr war, wie immer, furchtbar. Also schlug ich vor, den Zug zu nehmen, statt drei Stunden nur 15 Minuten.

"Okay, Franz?"

"Wenn du das sagst, machen wir das so", antwortete er.

Wir betraten also den Bahnhof, liefen zum Gleis. Plötzlich stürzten 50, 60, 70 Japaner auf ihn zu und wollten Autogramme, Fotos. Mir wurde mulmig: Superidee mit dem Zug. Ohne Reservierung, ohne Schutz. Ich fühlte mich wie der größte Idiot unter der Sonne.

Drinnen wurde es noch schlimmer: wieder 50, 60, 70 Japaner, Autogramme, Fotos, alles eng, laut, heiß. Und Franz? Der stand in aller Seelenruhe mitten im Gang - an Sitzen war gar nicht zu denken -, lächelte in sich hinein, schrieb Autogramme und ließ sich fotografieren.

Als wir endlich ankamen, wartete ein VW-Bus auf uns für die letzten Kilometer. Wir stiegen ein, Franz mir gegenüber. Nach einer Weile guckte er mich an und sagte: "Du, morgen fahren wir wieder Zug, oder?"

"Ich kenne keinen Menschen, der weniger abgehoben, weniger arrogant ist als er."

Marcel Reif über Franz Beckenbauer

Ich glaube, jener Moment in Japan beschreibt diesen Mann in all seiner Glorie am besten. Franz Beckenbauer ist wirklich ganz oben, einer der Allergrößten, die auf unserem Planeten herumspazieren. Und doch kenne ich keinen Menschen, der weniger abgehoben, weniger arrogant ist als er. So oft sind wir zu gemeinsamen Sendungen fast zu spät gekommen, weil er noch Autogramme gegeben hat. Ich sagte dann immer: "Franz, prima, aber jetzt müssen wir wirklich weiter." Und er, fast hilflos: "Ja, aber die Leut’, schau doch."

Er kann nicht nein sagen. Innerlich ist er der Junge aus München-Giesing geblieben, vor 70 Jahren als Sohn eines Oberpostmeisters und dessen Frau Antonie geboren, der niemanden vor den Kopf stoßen will. Gäbe es nicht Menschen um ihn herum, die ihn schützen, würde er noch heute auf jedem Geburtstag in Giesing vorbeischauen. Warum? Ich denke, weil er eine tiefe Demut hat vor seinem eigenen großartigen Schicksal. Daraus resultiert auch sein ungemeines Verantwortungsgefühl.

Ich erinnere mich, als er 2009 die Präsidentschaft beim FC Bayern an Uli Hoeneß abgab. Franz rief auf der Mitglieder-Vollversammlung seinen Nachfolgern Hoeneß und Rummenigge zu: "Ihr seid jetzt am Zug. Es ist eure Sache, wie ihr es von nun an macht. Aber eines müsst ihr mir versprechen: Ihr kümmert’s euch um den Gerd!" Gemeint war Gerd Müller, der Bomber der Nation, dem das Leben manchmal zu schwer wurde und der das dann mit Alkohol versuchte auszublenden. Und von dem Beckenbauer sagt, ohne den Gerd würden wir alle, der Uli, der Kalle, der Sepp, ich, heute nicht hier sitzen.

Dieses Pflichtbewusstsein, diese Gelassenheit, Bescheidenheit, Demut, kurz, dieses Menschsein macht ihn auch zu einem der wenigen in der Branche, die mir ans Herz gewachsen sind. Ich freue mich jedes Mal, wenn wir uns sehen. Obwohl unsere Beziehung alles andere als verheißungsvoll gestartet ist.

Angefangen hat es vor 30 Jahren mit einer Hinrichtung. Ich arbeitete für das ZDF und war gerade vom Politik-Ressort in den Sport gewechselt, um Beiträge fürs "aktuelle sportstudio" zu produzieren. An einem Abend war Franz zu Gast, seit einem Jahr Teamchef der Nationalmannschaft. Ich saß zu Hause, schaute mir die Sendung an in der fröhlichen Gewissheit, das größte Talent der Sportberichterstattung diesseits des Äquators zu sein und auch gleich entsprechend gewürdigt zu werden. Und dann sprach Beckenbauer.

"Jetzt habt ihr ja da noch so einen Zauberer. Wie heißt der? Reif oder wie? Der spricht wunderbare politische Kommentare, aber bitt’ schön lasst’s ihn vom Fußball weg!"

Das saß. Ich bin fast aus meinem Sessel gerutscht. Ich dachte, meine Karriere als Sportreporter sei zu Ende, ehe sie begonnen hatte. Es kam dann doch anders.

Später habe ich ihn mal auf die Szene angesprochen. "Du hättest mich vernichten können“, warf ich ihm vor. Er meinte nur trocken: „Ja mei, wenn ich dich nicht gemocht hätte, hätte ich gar nichts gesagt."

Es gibt in Deutschland einige Legenden. Und nicht wenige haben ihren Legendenstatus schon zu Lebzeiten beschädigt, manche sogar zerstört. Beckenbauer nicht. Weil: Er hat nichts Ordinäres an sich. Wie wir alle war auch Franz vielen Dingen des menschlichen Lebens nicht abgeneigt. Doch egal, ob das Frauengeschichten waren, andere Affären - nie ist es ordinär geworden, nie unappetitlich. Das schaffen die wenigsten, dazu braucht es Größe und Klasse.

"Ich bin zwar nicht mit allem d’accord, was er tut und sagt. Aber käuflich ist Franz ganz sicher nie gewesen"

Marcel Reif über Franz Beckenbauer

Vielleicht gelingt es auch nur, wenn man in jungen Jahren von den richtigen Menschen richtig angeleitet wurde. Franz hatte das Glück: seine geliebte Mutter, die ihn an die Hand nahm, ihn auf den richtigen Weg führte; gewiss auch seine erste Frau, um einiges älter als Franz. Er heiratete sie, da war er gerade 21. Ich glaube, dass sie ihm erstmals das Leben abseits des Fußballs gezeigt hat.

Und schließlich: Robert Schwan, der erste hauptberufliche Manager im deutschen Fußball und der persönliche Berater des jungen Franz Beckenbauer. Schwan war sein Ziehvater, sein Freund, er erzog den Jüngling und jungen Mann noch einmal - und schloss hochattraktive Werbeverträge für ihn ab. Überhaupt: Wenn es ums Geld ging, hielt sich der Franz immer raus. Das regelte Schwan für ihn.

Deshalb ist es für mich auch absoluter Schwachsinn, dass Franz im Rahmen der WM-Vergabe nach Katar 2022 in Korruption verwickelt sein soll, wie manche raunen. Ich bin zwar nicht mit allem d’accord, was er tut und sagt. Aber käuflich ist Franz ganz sicher nie gewesen. Und es war auch nicht das Geld, das ihn zum FC Bayern brachte. Sondern sein Stolz.

Die Geschichte gehört ja längst zum Allgemeinwissen: Bei einem Spiel seines Jugendvereins SC 1906 München gegen die Jugend vom TSV 1860 soll Franz, damals 13 Jahre alt, mit einem Spieler aneinandergeraten sein, der Streit endete mit einer Watschn für den späteren Kaiser. Sie trieb Beckenbauer zum FC Bayern statt zu 1860. Eine Geschichte, zu schön, um nicht wahr zu sein. Und damit begannen zwei Weltkarrieren - die eines Vereins und die eines Spielers.

Wer Beckenbauer hat spielen sehen, vergisst das nicht. Eine Lichtgestalt von der ersten Ballberührung an, und von der ersten Ballberührung an wusste man sogleich: Mehr Licht geht nicht. Nach nur sechs Bundesliga-Spielen wurde er Nationalspieler. Er gab sein Debüt am 26. September 1965 beim WM-Qualifikationsspiel gegen Schweden: eine Offenbarung. Beckenbauer hatte auf dem Platz diese unfassbare Leichtigkeit - eine Leichtigkeit, die zuvor nie deutsch war und die erst heute unter Jogi Löw wieder herangewachsen ist.

Damals schauten wir neidisch auf die Brasilianer und fragten uns: Warum können die alle so mit dem Ball tanzen? Warum müssen wir so stampfen? Alle fragten sich das. Außer Beckenbauer. Er war völlig unabhängig von diesem Was-macht-der-Ball-mit-mir. Denn der Ball machte, was Franz wollte. Der Ball war da unten, an seinem Fuß, und oben guckte sich der Franz die Welt an. Wahnsinn. Das kann man nicht trainieren, das ist gottgegeben.

Dabei ist Franz brutal ehrgeizig. Aber es ist ein Ehrgeiz, getragen von Leichtigkeit. Ohne Verbissenheit.

Folgerichtig also, dass er als Spieler alles gewonnen hat. Weniger logisch allerdings, dass er auch als Trainer so erfolgreich war. 1984 ließ er sich breitschlagen, Teamchef der Nationalmannschaft zu werden. "Warum hast du das gemacht?", fragte ich ihn einmal. "Ich konnte doch nicht anders", antwortete er. Stichwort Pflichtbewusstsein.

Franz führte das DFB-Team bei der WM 1986 gleich ins Finale. Trotz schlimmem Gekicke und mieser Stimmung. Nachdem er Torwart Uli Stein nicht zur Nummer eins gemacht hatte, beschimpfte der den einstigen Knorr-Werbeträger Beckenbauer als "Suppenkasper". Ich kann mir genau vorstellen, wie Franz daraufhin zu Stein ging und ihm ganz gelassen mitteilte: "Mei, dann fährst halt heim."

An wem er sich als Trainer orientierte? Ganz klar: an Branco Zebec und vor allem an Ernst Happel. Wenn Franz auf Happel angesprochen wird, bekommt er - genau wie Günter Netzer übrigens - feuchte Augen. Der kauzige Holland-Österreicher war für ihn Vorbild und höchste Autorität. Vieles von Happels Fußball-Philosophie - das erst heute so geheiligte Pressing und Gegenpressing, der totale Fußball, waren bei ihm schon damals selbstverständlich - nutzte der Trainer Beckenbauer schließlich für den ultimativen Triumph: Weltmeister 1990 in Italien.

Unvergessen, wie er nach dem 1 : 0-Sieg über Argentinien allein unter einem unglaublichen Vollmond über den Platz in Rom wandelte. Ich glaube, in diesem Moment ist selbst ihm, diesem erfolgsverwöhnten Sonnenkind, mulmig geworden bei dem Gedanken, ob es nicht doch zu viel ist, was eine höhere Macht da über ihn ausschüttet.

Aber nein. Es gibt halt einige wenige Menschen, die irgendwie höher sind als ich und du. Franz ist so einer. Er wandelt seit 72 Jahren immer irgendwie richtig über die Plätze des Lebens. Und tut das hoffentlich noch sehr lange.

Abgehoben: G-Flight beim Red Bull Air Race
Newsletter

Jede Woche neu:
die spannendsten Themen,
die schönsten Frauen

Jede Woche neu: die spannendsten Themen, die schönsten Frauen

The was an error. Please try again later.