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Leslie Mandoki

So tickt einer der größten deutschen Musikproduzenten

Der Kapellmeister der Republik

Einst war er Front-Mongole der Band „Dschinghis Khan“. Doch die Erinnerung daran verdeckt, was Leslie Mandoki in Wirklichkeit seit Langem ist: der Mann für die Soundtracks der Industrie, der Kanzlerin, des FC Bayern - einer der größten deutschen Musikproduzenten

Hatte er das alles auf sich genommen, nur um schließlich hier auf dieser Bühne zu landen? Er, der am renommierten BØla-Bartúk-Konservatorium in Budapest studiert hatte, ein politischer Musiker mit Jazz-Wurzeln, unter abenteuerlichen Umständen aus Ungarns Gulaschkommunismus nach Deutschland geflohen, stand plötzlich in einer samtenen Pluderhose auf der Bühne des Eurovision Song Contest und sprang mit fünf „Dschinghis Khan“-Bandkollegen um die Wette. Zeittypischer Spaß-Mainstream, Karneval mit sinnfreien Konsekutivsätzen: „Lasst uns Wodka holen, denn wir sind Mongolen.“ Hu! Ha!

Mehr als 30 Jahre später sitzt Leslie Mandoki, 60, in seinem Tonstudio in Tutzing am Starnberger See und runzelt die Stirn. Seine zusammengekniffenen Augen liegen tief in den Höhlen, das Haar ähnelt noch immer einem verwüsteten Vogelnest. Er denkt ungern an diese Zeit zurück, in der Deutschland ihn kennen lernte: als Spaß-Mongolen, vierter Platz beim Grand Prix 1979 - ein Bild, mit dem er noch heute oft öffentlich identifiziert wird. Dabei erzählt es im Grunde nur sehr wenig von ihm, vom wahren Mandoki, dem klugen Künstler, einem der mittlerweile erfolgreichsten Musikproduzenten Deutschlands. Wer kennt ihn wirklich? Wer registrierte, dass es seine Melodien waren, die die No Angels einst an die Chartspitze katapultierten? Dass er mit Künstlern wie Lionel Ritchie und Phil Collins zusammenarbeitete?

Durch den Hintereingang auf die Weltbühne

Im Widerspruch zu seinen Krach-Mongolen-Auftritten steigt Leslie Mandoki schon seit Jahrzehnten immer wieder durch den Hintereingang auf die Weltbühne - als still agierender Drahtzieher. Sein Netzwerk ist mittlerweile global. In Los Angeles war er jüngst auf der Auto Show zu Gast, traf sich mit dem Studiochef von Walt Disney, besuchte Toto-Sänger Steve Lukather. In Wolfsburg sitzt er in Meetings mit den mächtigen Automanagern von VW. In Hannover lud ihn Angela Merkel im Rahmen des CDU-Parteitags zum Abendessen ein, an dem eigentlich nur Regierungsbeamte teilnehmen. Er telefonierte lange mit Victor Orbán, seines Zeichens ungarischer Ministerpräsident. Einige Tage später war er beim FC Bayern München zur Weihnachtsfeier eingeladen.

Das alles kommt nicht von ungefähr, betrachtet man seine Geschichte einmal ohne Fokus auf das Zerrbild des tanzenden Pluderhosenträgers. Es ist die Geschichte eines Mannes, der im kommunistischen Ungarn aufwächst, der als Jugendlicher in einer studentischen Oppositionsband spielt, was ihm einige Verhaftungen einbringt. Und dem das eines Tages endgültig reicht. Mit zwei Freunden kriecht Mandoki 1975 durch einen Tunnel nach Österreich in die Freiheit. Schließlich landet er in München.

Mandoki als tanzender Schlachtruf-Mongole beim Grand Prix

Dort möchte sich der Mann mit dem Walross-Schnauzer als Musiker profilieren, ernst genommen werden - und schafft es auch beinahe auf Anhieb. Doch dann kommt Ralph Siegel dazwischen. „Wissen Sie“, erzählt Mandoki in seinem knurrigen Puszta-Slang, „ich war damals kurz vor der Vertragsunterschrift für ein Rockalbum.“ Plötzlich aber donnert der Schlagerimpresario mit dem untrüglichen Gespür für Hit-Interpreten in Mandokis Welt und verkündet, er habe andere Pläne mit ihm. Und im Nu findet sich Mandoki als tanzender Schlachtruf-Mongole beim Grand Prix wieder.

Während allerdings seine Bandkollegen anschließend sang- und klanglos in der Bedeutungslosigkeit der One-Hit-Wonder verschwinden, legt Mandoki nun richtig los. Er nimmt im Akkord illustre Kontakte auf, um sich als Solokünstler und Produzent einen Namen zu machen. Er schließt Bekanntschaft mit Thomas Gottschalk, Frank Elstner und Monti Lüftner. Michail Gorbatschow klärt ihn beim persönlichen Gespräch über die Zensur im Kommunismus auf, Michael Jackson lädt ihn auf die Neverland-Ranch ein, um mit ihm über Musik zu reden.

„Eine Empfehlung kam schließlich zur anderen“, resümiert Mandoki. Kein Wunder: Der studierte Musiker versteht es gut, den richtigen Ton anzuschlagen, und hat ein Ohr für den passenden Soundtrack zum Leben der Künstler und Geschäftspartner, die sich deshalb gern um ihn versammeln. Ein positiver Stimmungsverstärker. Und da eine solche Gabe auch nicht die schlechteste Voraussetzung für effektive Werbung und steigende Umsatzzahlen ist, mausert sich Mandoki flugs zum Liebling der Wirtschaft.

Krise? Von wegen

Seine Dur-Harmonien erzeugen die Aufbruchstimmung, mit der Firmen ihren Kunden suggerieren: Ist doch alles gar nicht so schlimm. Krise? Von wegen. Der Ton macht die Musik, und Mandoki macht den Ton. Im tristen Mecklenburg-Vorpommern baute man für eine Tourismusmesse auf seine Dienste, um die düstere Moll-Landschaft wenigstens akustisch aufzuhellen.

Besonders zur deutschen Wirtschaftselite pflegt der Ungar enge Kontakte. Dank seiner Qualitäten auf dem Gebiet des „Branded Entertainment“ (der - in seinem Fall klanglichen - Inszenierung von Produkten), ist Mandoki inzwischen Musikdirektor von Volkswagen. Kaum ein VW-Event, der ohne seine Mischpultmusik auskommt. Kein TV-Spot, in dem nicht die gefühligen Sounds dieses Orpheus der Ökonomie ertönen. Der gelernte Schlagzeuger ist zu einem der begehrtesten Werbetrommler Deutschlands aufgestiegen - das aber voll betonter Demut: „Es ist ein ehrenvolles Privileg, in der Aura von Persönlichkeiten wie dem Jahrhundert-Genius Ferdinand Piºch arbeiten zu dürfen“, sagt er in beinahe barock überhöhter Dankbarkeit.

Es ist der Ton eines Dirigenten, in dessen Orchester Entscheider die erste Geige spielen. Er bringt sie zur Geltung - auch dadurch, dass er dank seiner Künstlerkontakte Weltstars um sie schart, die auf Unternehmensfeiern für den entsprechenden Glamour sorgen. Als VW den Bau des 25-millionsten Golf feierte, holte Mandoki seine Freunde Bonnie Tyler, Paul Young und Peter Maffay auf die Bühne. Zur 100-Jahr-Feier von Audi ließ er eine pompöse Sinfonie erschallen, die Karl-Heinz Rummenigge derart aus dem Sitz gehauen haben muss, dass er prompt nachfragte, ob Mandoki nicht auch mal für den FC Bayern den Taktstock schwingen wolle. Daraus entstand das Album „Stimmen des Südens“ - ein Titel, der vor allem auf Mandoki selbst zutrifft.

Die vielleicht gewaltigste Stimme des Südens

Er ist die vielleicht gewaltigste Stimme des Südens, die musikalische Klangfarbe Bayerns. Er liebt das weiß-blaue Märchenland mit CSU-Prägung wie sonst nur Edmund Stoiber. Kein Wunder also, dass der Ex-Ministerpräsident ebenfalls zu seinen Amigos zählt. Stoiber ist gern gesehener Gast bei Mandoki in Starnberg und mutiert dort schon mal selbst zum Musikus.

Auf die CDU/CSU lässt Mandoki denn auch nichts kommen. Für Angela Merkel würde er sein Mischpult ins Feuer legen. Im vergangenen Wahlkampf schrieb er für sie die Hymne „Wir sind wir“. Seitdem ist er Kapellmeister der Kanzlerin. Und auch im kommenden Wahlkampf wird er sie musikalisch quer durch die Republik begleiten. Mit dem Spaßmacher von „Dschinghis Khan“ in schrillen Pluderhosen hat dieser Bundes-Kapellmeister nahezu nichts mehr gemein. Falls er es je hatte.

Autor: Moritz Aisslinger
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