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Marius Müller-Westernhagen

…über Groupies und Kiffen mit Uschi Obermaier

"Die Beatles wären heute nicht mehr möglich"

Marius Müller-Westernhagen über Megastar-Krisen, seine Rückkehr zum Rock, unattraktive Groupies und Kiffen mit Uschi Obermaier

Er erscheint im eng sitzenden dunklen Anzug in der Lounge des Berliner Restaurants „Borchardt“. Die drahtige Mick-Jagger-Figur zeugt von regelmäßigen Fitness-Einheiten. Entschlackt hat der 66-Jährige aber auch musikalisch. Blues durchzieht den aktuellen Westernhagen-Sound - eine Rückkehr zu seinen Wurzeln. Begleitet wird der „Sexy“-Sänger, der sich zuletzt in der deutschen Rockszene rar gemacht und 2014 von Ehefrau Romney getrennt hat, von der Afropop-Sängerin Lindiwe Suttle, mit der er in Kapstadt lebt. Auch bei der bevorstehenden Tournee wird sie auf der Bühne an seiner Seite stehen.

Playboy: Herr Müller-Westernhagen, in den 90er-Jahren gab es nichts Größeres in der deutschen Musikszene als ein Westernhagen-Konzert. Sie haben die Fußballstadien gefüllt wie die Rolling Stones. Wie blicken Sie darauf zurück?
Müller-Westernhagen: Ich war zu einer riesengroßen Figur geworden. Es nahm schon gefährliche Züge an. Wer da nicht alles in meinem Hintern herumkroch - da wurde es ganz schön eng. Und ich wurde zu allem befragt, eben weil ich Millionen Platten verkaufte und die Stadien füllte. Dabei mag ich es nicht so wahnsinnig, der Öffentlichkeit ausgesetzt zu sein. Mir ist es wichtig, dass ich bei mir bleibe. Diese ständige Projektion, jemanden darstellen zu sollen, den andere in mir sehen, damit muss man klarkommen. Als ich 1999 meinen Abschied von den Megakonzerten verkündete, wurde es höchste Zeit, denn ich konnte selbst meinen eigenen Namen nicht mehr hören.

Playboy: Aber es ist doch ein schönes Gefühl, wenn einem die Massen zujubeln.
Müller-Westernhagen: Sicher, dein Ego wird unheimlich aufgeblasen. Und Macht ist sexy. Deshalb wusste ich, dass ich mit meinem Entschluss auch Macht aus den Händen gebe. Aber ich stand vor der Entscheidung: Wirst du jetzt ein alternder Popstar und machst das noch so lange weiter, wie es irgendwie geht? Oder besinnst du dich darauf, dass du ein Künstler bist, der bis ans Ende seiner Tage etwas Neues lernen kann? Und das tue ich. Die letzten zwei Alben haben wir live im Studio aufgenommen. Da passiert viel Überraschendes, da wird improvisiert wie bei Jazzmusikern. Das ist das genaue Gegenteil von dem, wie berechnend und kühl heute die meiste Popmusik im Studio zusammengebaut wird.

Playboy: Viele Ihrer Fans trauern dem alten Marius hinterher, und nicht jeder konnte mit den Experimenten der vergangenen Jahre etwas anfangen.
Müller-Westernhagen: Darum habe ich mich nie gekümmert. Ich wollte nie bestimmte Erwartungen erfüllen. Sobald du dir überlegst, wer deine Platten kaufen könnte, arbeitest du mit Kalkül. Dann bin ich kein Künstler mehr, sondern ein Verkäufer.

Playboy: Haben Sie denn eine Vorstellung, wer zu Ihren Konzerten geht?
Müller-Westernhagen: Wir haben im vergangenen Jahr eine Clubtour gemacht, um die Songs meines letzten Albums „Alphatier“ live zu testen. Dieses Publikum sah sehr nach den Fans der frühen Tage aus, viele Studenten und absolut kein Grölpublikum. Ein Stadionkonzert ist eigentlich kein richtiges Konzert, sondern mehr ein Spektakel, bei dem sich die Leute vor allem selbst feiern.

Playboy: In den Tiefen des WDR-Archivs gibt es ein Filmdokument namens „Harakiri Whoom“ aus dem Jahr 1969: Es ist eine wilde Polit-Satire, in der eine gleichnamige Rockband auftritt. Dem dünnen Sänger klatschen die langen Haare ins Gesicht . . .
Müller-Westernhagen: Wir haben die Posen der Stones kopiert und so etwas wie frühen, zufälligen Punk gespielt. Die Energie war entscheidend. Und wir haben uns ausprobiert, wir wollten alles, nur nicht so werden wie unsere Eltern. Die Vorstellung, mit der Musik Geld zu verdienen, erschien uns damals absurd.

Playboy: Und heute?
Müller-Westernhagen: Heute leben wir in extrem hedonistischen Zeiten. Alles definiert sich über wirtschaftliche Macht und Erfolg, es gibt nur noch Gewinner oder Verlierer. Wenn du früher in einem schlechten Film mitgespielt hast, galtest du trotzdem weiter als guter Schauspieler. Heute geht das ganz schnell abwärts mit dir. Auch die grandiosen Beatles wären heute nicht mehr möglich, die konnten nur aus dem damaligen gesellschaftlichen Klima und der Protestkultur entstehen.

Playboy: Würden Sie sich immer noch als Rebell bezeichnen?
Müller-Westernhagen: Ich bin noch nicht einmal ein richtiger Linker, bestenfalls ein Liberaler. Doch ich sehe gerade im Alltag in Südafrika in einer viel größeren Klarheit als in Deutschland, wie sehr die Schere zwischen Arm und Reich immer größer auseinandergeht und wie sich heute alle Konflikte, hinter denen letztlich Gier steckt, sofort internationalisieren. Es ist ein Tanz auf dem Vulkan, ich befürchte Schlimmstes, dennoch lasse ich mir meine 60er-Jahre-Naivität nicht nehmen: Ich möchte diese Welt irgendwann verlassen und mir sagen können, dass ich mein Umfeld etwas menschlicher gemacht habe.

Playboy: Was war früher da, Ihr Interesse an der Musik oder an der Schauspielerei?
Müller-Westernhagen: Das lief genau parallel. Ich habe mit 14 zum ersten Mal in einer Band gespielt, meinen ersten Film gedreht, und den ersten Kuss gab es auch mit 14.

Playboy: Wer war sie?
Müller-Westernhagen: Das schönste Mädchen in meiner damaligen Clique. Sie hatte einen festen Rockerfreund und war viel größer als ich. Aber einmal habe ich beim Flaschendrehen gewonnen. Da kam sie auf mich zu und wurde immer größer und größer. Der Kuss war überwältigend.

Playboy: Wann haben Sie das erste Mal mit einer Frau geschlafen?
Müller-Westernhagen: Ich war auf jeden Fall ein sexueller Spätzünder. Das erste Mal ging sehr schnell: wupp..., wupp..., wupp..., vorbei. Man war einfach zu aufgeregt. Zuvor war ich lange Zeit in das Gefühl des Verliebtseins verliebt, und Frauen haben mich schon als kleiner Junge fasziniert. Mein Vater brachte ab und zu Schauspielerinnen oder Sängerinnen mit nach Hause: schön geschminkt in ihren aufregenden Kleidern. Da stand ich in der Tür, wollte immer noch einen Blick erhaschen und konnte später nicht einschlafen.

Playboy: Ihr Vater Hans war Theaterschauspieler, eine Künstlerseele. Konnte man gegen ihn überhaupt richtig rebellieren?
Müller-Westernhagen: Nein. Ich habe ihn heiß und innig geliebt. Er hat mir alles erlaubt, während meine Mutter sehr konservativ und streng war. Ich weiß noch: Als großer Eishockey-Fan wollte ich die WM-Spiele im Fernsehen schauen, meine Mutter aber schickte mich ins Bett. Dann hat mich mein Vater immer geweckt: „Komm, Junge, die Alte schläft.“ Das waren unvergessliche Abende.

Playboy: Ihr Vater starb, als Sie 15 waren. Wie groß war die Lücke nach seinem Tod?
Müller-Westernhagen: Sehr groß. Erst habe ich es verdrängt, doch nach der Pubertät wurde es für mich zum Problem. Ich musste sehr früh erwachsen werden und Entscheidungen für mich treffen. Daher rührt sicher mein Einzelgängerwesen, aber nach dem Aufwachsen mit meiner Mutter und meiner älteren Schwester auch meine große Nähe zu Frauen.

Playboy: Haben Sie nach anderen Vaterfiguren gesucht?
Müller-Westernhagen: Ich hatte sehr früh ältere Freunde, von denen ich lernen konnte. Selbst als mein Vater noch lebte, hat er die Vorbildrolle nur bedingt ausgefüllt. Er kam sehr krank aus dem Krieg zurück. Und dann war er in seinem Beruf sehr exzessiv. Er hat geschuftet, getrunken und 100 Zigaretten am Tag geraucht. Zu Hause konnte er nicht aus seinen Rollen aussteigen. Als Kind habe ich instinktiv gespürt, dass das der falsche Weg ist. Es gab deshalb bei mir sogar erst einmal eine Abwehr gegen alles Künstlerische.

"Ich musste sehr früh erwachsen werden. Daher rührt sicher mein Einzelgängerwesen"

Marius Müller-Westernhagen

Playboy: Wie haben Sie das kompensiert?
Müller-Westernhagen: Zum Beispiel mit viel Sport. Und obwohl ich so ein dünner Hering war, konnte ich mich beim Fußball durchsetzen. Ich war so ein verrückter, kreativer Mittelfeldstratege.

Playboy: Es heißt, Sie wurden wegen Ihrer Statur und der langen Haare auch schon mal als mädchenhaft verschrien.
Müller-Westernhagen: Das kam vor, aber ich konnte bald mit meinem frechen Mundwerk punkten. Und ich denke, dass ich in meinen Entscheidungen und auch in meiner Ästhetik eine maskuline Entwicklung durchlaufen habe.

Playboy: Es gibt den Rocker und den Schauspieler Westernhagen. Stimmt es, dass Sie auch mal Journalist waren?
Müller-Westernhagen: Mit 18 habe ich als TV-Reporter für eine Produktionsfirma in Köln gearbeitet, die produzierten eine satirische Sendung namens „Express“. Als eine Sendung über die aufkommenden Hippie-Kommunen geplant war, sagte der Redaktionsleiter zu mir: „Du hast die längsten Haare, fahr da mal hin nach München.“ Ich habe dann ein paar Wochen mit Rainer Langhans und Uschi Obermaier zusammengelebt. Uschi, dieses wunderschöne Mädchen, lief immer splitternackt in der Wohnung herum und steckte mir schon in der Früh einen Joint zwischen die Kiemen.

Playboy: Und? Angenommen?
Müller-Westernhagen: Ja, aber nur den Joint. Uschi war lieb zu mir wie eine Schwester. In der Zeit hatte sie etwas mit Mick Jagger, verschwand zwischendurch immer mal wieder, kehrte zurück und sah aus, als sei ein Lastwagen über sie gefahren. Rainer sagte dann zu mir: „Die Uschi gehört mir ja nicht.“ Aber du spürtest, dass er gelitten hat wie ein Hund. Und ich war immer noch dieses sehr verunsicherte Kerlchen. Dass ich wiederum für Frauen attraktiv bin, habe ich in den ersten Jahren überhaupt nicht mitbekommen.

Playboy: Wie steht es mit Sex ohne Liebe?
Müller-Westernhagen: Heute kann ich mir das nicht mehr vorstellen. Aber früher war es schon wichtig, weil man dauernd diese Bestätigung gebraucht hat. Was ich nie mochte, wenn Frauen sich mir offensichtlich angeboten haben, war dieses ganze Groupie-Ding. Diese Frauen verlieren sofort ihre Attraktivität - genau wie dumme Frauen. Es geht nur um Eroberung.

Playboy: Nachdem Sie 1999 Ihr Ende als Stadion-Rocker verkündet hatten, gaben Sie nur noch sporadisch Konzerte. Ist die Hallen-Tournee im Herbst eine Rückkehr?
Müller-Westernhagen: Ich habe zu keiner Zeit die Lust am Spielen verloren. Aber im Moment ist der Spaß ungemein groß, was vor allem mit meiner Band zu tun hat. Sie wurde ursprünglich für meine „Williamsburg“-Tour vor fünf Jahren geformt, und schon nach kurzer Zeit stellte sich dieses Gefühl ein, als ob wir schon ganz lange zusammenspielen. Ob Larry Campbell, der lange bei Bob Dylan gespielt hat, oder Peter Stroud, der Gitarrist von Sheryl Crow: Diese amerikanischen Musiker kommen alle vom Rock und Blues. Da gibt es eine nun noch weiter gewachsene Chemie zwischen uns, fast Brüderlichkeit, in der mich sehr frei fühle.

Playboy: Jetzt kommen Sie gerade aus Südafrika- die neue Westernhagen-Heimat?
Müller-Westernhagen: Ich pendle nach wie vor, verbringe den Sommer in Berlin und den Winter möglichst in Kapstadt, wenn dort Sommer ist. Dort habe ich auch mehr Ruhe, um zu mir zu kommen und zu schreiben. Die Songs von „Alphatier“ sind fast komplett in Südafrika entstanden.

Playboy: Die Stücke sind sehr rau und rockig geraten . . .
Müller-Westernhagen: Ja, Rock, Blues, sehr viel Gefühl und Seele. Ich empfinde eine Unbeschwertheit wie in meiner ganz frühen Amateurzeit. Außerdem fühle ich mich privat so wohl wie lange nicht.

Playboy: Ihre Freundin Lindiwe Suttle ist Musikerin. Auch eine neue Erfahrung, oder?
Müller-Westernhagen: Ich hatte generell das Glück, in meinen verschiedenen Lebensphasen immer die richtigen Frauen getroffen zu haben, die mir auch sehr viel Selbstbewusstsein gegeben haben. Aber es stimmt, diese Beziehung ist etwas Besonderes. Ich war es gewohnt, so allein vor mich hinzuspielen, auf der Gitarre oder dem Klavier. Jetzt kommt sie ins Zimmer und schaltet plötzlich den Aufnahmeknopf ein. Wir inspirieren uns gegenseitig, und das sind sehr euphorische Gefühle.

Autor: Uwe Killing
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