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Die Gefängnisstadt

Ein Besuch im wohl ungewöhnlichsten Knast der Welt

Im bizarrsten Knast der Welt

Kokain-Partys und Luxus- Apartments, blankes Elend und Lynchjustiz: In der bolivianischen Gefängnisstadt San Pedro gibt es alles - außer Wärtern. Die Regeln hier drinnen bestimmen die Häftlinge selbst. Unser Autor ließ sich für drei Monate einsperren. Ein Abenteuer, das sein Leben veränderte

Es ist Mitternacht in Bolivien, meine erste Nacht im Gefängnis, und wir tappen durch die düsteren Gänge, die zum gefährlichen Trakt der Kokainraucher führen. “Überlass mir das Reden“, flüstert Thomas, mein Guide und einziger Vertrauter hier. Er ist mittelgroß und stämmig, hat kurzes krauses Haar und ein rundes, sympathisches Gesicht. Gegen Geld zeigt er mir die ärmeren Zellen, in denen die Drogenabhängigen leben. Mein Herz rast, und ich zittere - teils wegen der durchdringenden Kälte, doch vor allem vor Nervosität. Nicht wenige der Häftlinge tragen Waffen. Und weil es hier drinnen keine Wärter gibt, sind wir völlig auf uns allein gestellt.

Plötzlich liegt beißender Geruch in der Luft, der an verschmortes Plastik erinnert. Thomas wirkt angespannt. „Basé-Rauch“, erklärt er knapp. Rauchbares Kokain. Vor uns lehnt eine Gruppe Bolivianer an der Wand. Ihr Anführer versperrt uns den Weg. „Gib ihm etwas Kleingeld“, weist Thomas mich an. Der hagere Kerl nimmt meine Münzen und verschwindet im Dunkel der Gänge. „Er kauft BasØ. Wir können nicht lange bleiben. Die Typen sind unberechenbar.“ Gleich darauf kommt der Anführer zurück und zieht eine kleine Pfeife aus der Tasche. Er stopft Tabak hinein und streut weißes Pulver darüber. Der Funke seines Feuerzeugs glimmt auf, dann schlägt eine Flamme hoch. Als er ausatmet, füllt beißender Rauch die Luft. Hustend schieße ich ein paar Fotos, während er die Pfeife an seine Freunde weiterreicht.

Augenblicklich werden ihre Augen glasig. Sie fuchteln herum und brechen in kurze Redeschwälle aus. Schließlich umringen sie uns, zupfen an meiner Jacke und fordern mehr Geld. Aus der Nähe sieht man, wie eingefallen ihre Gesichter sind. Vielen fehlen Zähne, ihr Zahnfleisch ist schwarz und verfault. Plötzlich greift einer von ihnen nach meiner Kamera. Ich halte den Riemen fest, und wir zerren beide daran. Da zieht er ein Messer. Ich springe zurück. Doch anstatt mich anzugreifen, beginnt er, sich den Bauch aufzuritzen, bis Blut aus der Wunde quillt. Dann streckt er mir die Hand hin, als wolle er Geld. „Zeit abzuhauen!“, sagt Thomas und zerrt mich am Arm durch die aufgebrachte Menge. So beginnt die erste Nacht meiner drei Monate im Cárcel de San Pedro - dem krassesten Knast der Welt.Das Kokain ist so billig, weil es im Gefängnis selbst hergestellt wird 

Das Kokain ist so billig, weil es im Gefängnis selbst hergestellt wird 

Ich heiße Rusty Young und bin kein Krimineller, sondern ein 25-jähriger Tourist aus Australien, der gerade sein Jurastudium abgeschlossen hat. Es ist das Jahr 2000, ich reise mit dem Rucksack durch Südamerika, und dass ich nun in diesem Gefängnis sitze, habe ich dem „Lonely Planet“ zu verdanken. Der Knast sei eine „bizarre Touristenattraktion“, habe ich dort gelesen und beschlossen, mir ein Bus-Ticket nach La Paz zu kaufen. Dass diese Entscheidung mein Leben verändern würde, dass meine Erlebnisse dort einmal den Stoff für einen Hollywood-Film abgeben würden, weiß ich zu diesem Zeitpunkt nicht. Für mich ist es zunächst nicht mehr als ein weiteres kleines Abenteuer auf meinem Südamerika-Trip.

Es beginnt mit der Fahrt in einem Taxi, das mich von meinem Hostel zu einem großen cremefarbenen Gebäude mit 15 Meter hohen Wänden bringt. Kein Stacheldraht. Keine Wachtürme. Kein bewaffnetes Personal. „Falsche Adresse“, sage ich mir, doch dann bemerke ich Hunderte Gesichter hinter den Gitterstäben. Sie brüllen zu mir runter: „Hola, Gringo! Tour? Kokain?“ Ein Polizist in grüner Uniform winkt mich heran. Ich zögere. Soll ich wirklich da rein? Aber er lässt mir keine Zeit zu überlegen und schiebt mich durch den hohen Steinbogen am Eingang. Er nimmt mir den Pass ab, drückt einen Stempel auf mein Handgelenk und führt mich durch ein Metalltor. Mein Adrenalin schießt in die Höhe, als das Tor mit einem Klicken hinter mir ins Schloss fällt.

Ich sehe mich um. In einem von Bäumen gesäumten Hof erblicke ich Dutzende Frauen in ihren traditionellen bunten Röcken, manche von ihnen stillen, andere kochen. Ich sehe lachende Kinder, eine Coca-Cola-Reklame und mehrere Schilder mit der Aufschrift „Restaurante“. Meine Angst macht ungläubigem Staunen Platz: Das Ganze erinnert eher an ein verschlafenes Städtchen als an eine Haftanstalt.

Für fünf Dollar Eintritt darf man einen Tag im Knast verbringen 

„Hi, ich bin Thomas, der Guide“, begrüßt mich ein Schwarzer lächelnd. Er trägt Jeans und T-Shirt und hat eine freundliche Stimme. „Keine Angst, du bist hier sicher. Ich hab einen Leibwächter.“ Thomas McFadden ist 30 Jahre alt, Engländer und San Pedros offizieller Fremdenführer. Er ist es auch, der mich später zu den kokainabhängigen Insassen begleiten wird. Thomas wurde bei dem Versuch geschnappt, fünf Kilo Koks in einem Koffer mit doppeltem Boden außer Landes zu schmuggeln. Die Richter verurteilten ihn zu sechs Jahren und acht Monaten Haft. Seit über vier Jahren sitzt er ein. Um sich hier drinnen seinen Lebensunterhalt zu verdienen, bietet er Touren durch San Pedro an.

Nachdem ich ihm fünf Dollar Eintritt gezahlt habe, schließe ich mich einer Gruppe nervöser Traveller an und trotte Thomas hinterher. „In San Pedro müssen sich Neuankömmlinge ihre Zellen kaufen“, erzählt er gleich zu Beginn. „In einem der besseren Trakte kosten die Zellen zwischen ein- und fünftausend Dollar.“ Wie bitte? Das kann nicht sein. Zumindest ist es nicht legal. Doch später zeigt mir Thomas eine maschinengeschriebene „Eigentumsurkunde“, unterzeichnet von Käufer und Verkäufer. Bei der Entlassung verkauft der Insasse seine Zelle wieder - je nach Marktlage mit Gewinn oder Verlust. „Die Regierung übernimmt keine Kosten. Wir müssen alles selbst kaufen, von Kleidung über Essen bis zu Strom. Jeder muss also irgendwie Geld verdienen.“

Während wir uns durch das Labyrinth aus Gängen zwischen den Trakten schlängeln, bleiben wir immer wieder stehen und beobachten die Häftlinge bei der Arbeit. Viele betreiben in ihren Zellen kleine Geschäfte - Obststände, Copyshops, Tante-Emma-Läden -, andere haben Restaurants eröffnet oder arbeiten als Taxistas, also Boten, die für ein paar Münzen Kurierdienste erledigen. Sogar einen Arzt gibt es - verurteilt wegen Mordes an seiner Frau, die er mit 52 Messerstichen getötet hatte.

In einem der Restaurants trinken wir Tee aus Koka-Blättern, und Thomas erklärt, dass die Polizei am Handel im Gefängnis mitverdient: Da alle Besucher und Waren den Haupteingang passieren müssen, kassieren die Beamten gute Provisionen. Bei über 2000 Häftlingen kommt da einiges zusammen. Am Ende der Tour besuchen wir verschiedene Zellen. Im 1-Sterne-Trakt schlafen vier oder fünf Gefangene Schulter an Schulter in kalten Betonkammern, sogenannten „Särgen“. Thomas’ Zelle dagegen, die im 4-Sterne-Trakt liegt, ähnelt eher einem Studentenzimmer: zwei Fenster, Teppichboden, Kochnische, Fernseher. „Wir müssen keine Gefängniskleidung tragen“, erklärt er stolz. „Und wir verwahren den Schlüssel zu unseren Zellen selbst. Es gibt keine Sperrstunde, und die Wärter kommen nur einmal täglich zum Anwesenheitsappell.“

Dann ist die Tour vorbei. Sieben von uns zehn lassen sich am Tor ihre Pässe aushändigen und verlassen das Gefängnis. Mich und zwei andere aus unserer Gruppe lädt Thomas ein, in seiner Zelle zu bleiben. Er zieht eine CD-Hülle hervor, schüttet ein Häufchen weißes Pulver darauf und zerhackt es zu dicken Lines. „Will jemand probieren? Das hier ist das reinste Koks der Welt.“ Keiner von uns regt sich. Ist das eine Falle? Stürmt gleich die Polizei herein und verhaftet uns? Thomas rollt einen Geldschein zusammen, zieht eine Line und lacht. „Keine Angst! Das ist nämlich auch der sicherste Ort der Welt, um zu koksen. Was sollen sie tun, wenn sie euch erwischen? Euch ins Gefängnis stecken?“

Wir lachen, und die CD-Hülle macht die Runde. Nicht lange, und wir unterhalten uns angeregt. Thomas erzählt Geschichten aus dem Gefängnis und verkauft uns Koks zu drei Dollar das Gramm. Anscheinend ist es so billig, weil es in kleinen Labors hier im Gefängnis hergestellt wird. Plötzlich schrillt eine Glocke. „Fünf Uhr“, sagt er. „Ende der Besuchszeit.“ Doch wir wollen nicht gehen. Ich für meinen Teil kann gar nicht gehen. Zum Glück gibt es etwas, das nicht im „Lonely Planet“ steht: Für nur fünf Dollar extra können Touristen im Gefängnis übernachten.

Die Polizei betritt den Knast nicht, die Insassen legen ihre eigenen Regeln fest 

Die beiden anderen verabschieden sich. Thomas besorgt uns Bier und kommt auf die dunkleren Seiten von San Pedro zu sprechen. „Die meisten Touristen besuchen das Gefängnis tagsüber, wo es fast wie eine Ferienanlage wirkt. Aber es gibt viel Elend hier. Und eine Menge Korruption und Gewalt.“ Um Mitternacht fühle ich mich mutig genug, um mit Thomas in die Tiefen des Gefängnisses einzutauchen, wo ich Fotos machen will. Die Männer, die hier leben, sind in einem hoffnungslosen Zustand. Viele haben sogar ihre letzten Decken gegen Drogen getauscht. Als der eine Kerl sich den Bauch aufschneidet, beeilen wir uns, in Thomas’ Zelle zurückzukommen.

Noch auf dem Weg wundere ich mich, dass noch niemand einen Film über diesen unglaublichen Ort gedreht hat. Und als am nächsten Morgen die Sonne aufgeht, ist es beschlossene Sache: Ich bleibe hier und schreibe ein Buch über Thomas und San Pedro.

Während meiner drei Monate dort schlafe ich auf einer Matratze in Thomas’ Zelle. Meine Interviews nehme ich auf Mikrokassetten auf, die ich in meiner Unterhose rausschmuggele und in einer nahe gelegenen Wohnung verstecke. Weil ich kein richtiger Gefangener bin, kann ich kommen und gehen, wann ich will, allerdings muss ich jedes Mal die Wachen schmieren. Nach einer Woche fühle ich mich relativ sicher und habe mich an den Gefängnisalltag gewöhnt. Da die Polizei das Innere des Knasts nicht betritt, legen die Insassen ihre eigenen Regeln fest: In jedem Trakt werden einmal im Jahr ein Vertrauensmann und ein Schatzmeister gewählt, denen das jährliche Budget für Reparaturen und Wartungsarbeiten untersteht. Schlägereien werden mit Putzdienst oder Einzelhaft bestraft.

In den folgenden Wochen werde ich Zeuge zahlreicher Gräueltaten, erlebe aber auch bewegende Momente. Bei Weitem das Rührendste an San Pedro ist die Fürsorge, mit der die Insassen ihre Frauen und Kinder behandeln. „Ich bin der glücklichste Mann der Welt“, sagt Juan Carlos aus dem San-Martón-Trakt. Auf seinen Knien sitzt sein zweijähriger Sohn. „Ich hab meine Frau hier drin kennen gelernt. Sie kam oft, um einen Freund zu besuchen. Wir sind in der Gefängniskirche getraut worden. Jetzt habe ich einen Sohn, und das nächste Kind ist unterwegs.“ Die 150 Kinder von San Pedro können das Gefängnis jederzeit verlassen. Die meisten ziehen um acht Uhr morgens mit dem Schulranzen los, um draußen in die Schule zu gehen. Nachmittags kommen sie zurück und erledigen in der Zelle ihres Vaters die Hausaufgaben, während die Mütter kochen.

In einem Interview begründet ein Regierungsbeamter den Aufenthalt der Kinder im Gefängnis so: „Im Gegensatz zu anderen Ländern, in denen es Teil der Strafe ist, soziale Kontakte zu kappen, wollen wir diese Familien nicht trennen. So haben die Gefangenen bessere Chancen, sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern.“ Ich bezweifle, dass dies der wahre Grund ist. Schuld sind wohl eher Armut und Korruption. Da es in Bolivien keine staatliche Fürsorge gibt, hätten allein erziehende Mütter kaum eine Chance, sich und ihre Kinder durchzubringen. Sie im Gefängnis wohnen zu lassen ist schlichtweg die billigste Lösung.

Nach einigen Wochen in San Pedro gewinne ich langsam das Vertrauen der Häftlinge. Unser Zellennachbar ist Luis Amado Pacheco alias „Barbachoca“ (Rotbart), Boliviens berüchtigtster Drogendealer. Er wurde in Peru geschnappt, an Bord seiner DC-10 befanden sich 4,2 Tonnen reinstes Kokain. Straßenverkaufswert: 420 Millionen Dollar. Rotbart lebt zurückgezogen. Er hat Angst, dass die anderen an sein Geld wollen. Erst nach mehreren Anfragen stimmt er einem Treffen zu. Ich erwarte einen hartgesottenen Drogenboss, der zu Gewaltexzessen neigt. Stattdessen heißt mich ein höflicher Mann mit blasser Haut und rotem Bart in seinem Luxus-Apartment willkommen. Er gießt uns Tee auf, und wir plaudern. „Sie sind also Anwalt?“, fragt er. „Ich mache selbst gerade ein Jura-Fernstudium. Nächstes Jahr bin ich fertig.“ Vor ein paar Wochen hätte ich bei der Vorstellung, dass ein verurteilter Straftäter während seiner Haftzeit Anwalt werden könnte, gelacht. Aber inzwischen überrascht mich kaum noch etwas.

Lynchjustiz ist nichts ungewöhnliches hier. Am schlimmsten trifft es Vergewaltiger und Kinderschänder 

"Wie versteckt man eigentlich 4,2 Tonnen Kokain?", frage ich ihn. "In Holzlieferungen", antwortet er und bläst den Rauch seiner Zigarette in die Luft. "Aber das ist noch die leichteste Übung. Viel schwieriger ist es, das Geld nach Bolivien zurückzuschmuggeln. Hast du eine Ahnung, wie viel Platz 100 Millionen Dollar brauchen?" Ich muss lachen, und das Eis ist gebrochen. 

Nicht alle Insassen sind so umgängliche Zeitgenossen wie Rotbart. Bei einer unschönen Begebenheit lerne ich den gewalttätigsten Häftling kennen, den erst 18-jährigen Danilo Vargas alias „Fantasma“ (das Gespenst). Er sitzt ein, weil er seinem besten Freund mit dem Gewehr ins Gesicht geschossen hat. Auch im Gefängnis zettelt er betrunken und im Drogenrausch immer wieder Prügeleien und Messerstechereien an. Eines Tages klopft es, und ich missachte Thomas’ goldene Regel, nie jemanden in die Zelle zu lassen. Die Tür fliegt auf. Es ist Vargas. „Hier, nimm!“, sagt er gehetzt und drückt Thomas etwas in die Hände, bevor er wieder verschwindet. Es ist eine in ein Handtuch gewickelte Pistole. Thomas wird kreidebleich und tigert im Zimmer auf und ab. Ist das eine Falle? Hat „das Gespenst“ jemanden umgebracht? Doch die Sache geht gut aus, Vargas kommt am nächsten Tag vorbei, um die Waffe abzuholen. Nur wenige Monate später aber bringt er tatsächlich zwei Häftlinge um. Bald wird er von anderen Insassen getötet - mit seiner eigenen Pistole.

Diese Lynchjustiz ist nichts Ungewöhnliches hier. Am schlimmsten trifft es Vergewaltiger und Kinderschänder. „Die können wir nicht brauchen“, erklärt mir einer der Gefangenen. „Nicht, wo unsere Frauen und Kinder bei uns leben.“ Wenn ein Sexualtäter ankommt, wird er zu La Piscina gezerrt - einem runden, zwei Meter tiefen Wasserbecken. Dann wird er ausgezogen, mit Elektrokabeln ausgepeitscht, mit Messern traktiert und schließlich ins Wasser gestoßen, wo er ertrinkt. Schafft er es rauszuklettern, trampeln die anderen so lange auf seinem Kopf herum, bis er tot ist.

Als mir Thomas erzählt, wie er einmal bei einem dreifachen Lynchmord zugesehen hat, zittert er und muss sich übergeben. „Es war der blanke Horror. Der Boden war übersät von Hirnmasse, Haarklumpen und Schädelsplittern. Überall war Blut. Ich konnte zwei Monate kein Fleisch mehr essen.“

Extreme Gewalt und ein fast normaler Alltag, tiefe Verzweiflung und leise Hoffnung - all das existiert in der von Selbstjustiz, Korruption und dem schieren Kampf ums Überleben geprägten Parallelwelt von San Pedro gleichzeitig. Und ob du stirbst oder überlebst, ist manchmal nur eine Frage von Pech und Glück.

Für Thomas und mich hat diese Geschichte ein Happy End. Kurz nachdem ich San Pedro verlassen habe, wird Thomas nach vier Jahren und acht Monaten Haft aus dem Gefängnis entlassen - zuvor haben wir ein hohes, mühsam zusammengeliehenes Schmiergeld an zwei Richter bezahlt. Gemeinsam schreiben wir ein Buch, das 2003 erscheint und zu einem internationalen Bestseller wird. Später verkaufen wir sogar die Filmrechte an Hollywood. Thomas hört auf, Drogen zu konsumieren, und kehrt zurück nach England. Unsere zufällige Begegnung in San Pedro hat unser Leben dramatisch verändert - doch nicht jeder hat so viel Glück.

Für die Häftlinge und ihre Familien ändert sich durch unser Buch nichts. 2011 wird bekannt, dass ein zwölfjähriges Mädchen in San Pedro geschwängert wurde. Über fünf Jahre lang soll sie von männlichen Verwandten systematisch vergewaltigt worden sein. Die Regierung verspricht, das Gefängnis zu schließen und die Insassen zu verlegen. Doch 2015, vier Jahre später, herrschen in San Pedro dieselben Zustände wie immer: Der Konsum von Drogen ist an der Tagesordnung, die ohnehin schon hohe Belegungsrate wächst auf 2500 Häftlinge an, und für die Touren bezahlt man inzwischen 100 Dollar. Auch heute noch leben über 2000 Kinder in bolivianischen Gefängnissen.

Als ich San Pedro zum ersten Mal betrat, war ich 25 Jahre alt. Heute bin ich älter und hoffentlich auch ein wenig weiser. Mein Ehrgeiz, mit einem Buch die Missstände dort aufzudecken und die Welt zu verändern, mag naiv gewesen sein. Aber ich bin stolz, immerhin das Leben eines Menschen zum Besseren gewendet zu haben. Thomas arbeitet heute als Rezeptionist in einem Hotel. Er hat seinen ersten Sohn Rusty genannt.

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