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Auf der Spur des Bösen

Wie Deutschlands bekanntester Profiler Killer jagt

Im Kopf des Mörders

Profiler Axel Petermann klärt Verbrechen auf, indem er sich in den Täter hineinversetzt. Jetzt rollt der Ermittler einen 13 Jahre alten Mordfall neu auf

Der Täter kommt durch den Garten und nimmt die Hintertür. Sie ist unverschlossen. Während der Lichtkegel seiner Taschenlampe durch die Dunkelheit wandert, hört er bei jedem Schritt, wie sich seine Schuhsohlen von dem klebrigen Linoleumboden lösen. Sein Blick fällt auf eine geschlossene Tür links von ihm, er öffnet sie und leuchtet in den dunklen Raum. Am anderen Ende steht ein Sofa, auf dem eine reglose Gestalt liegt. Er geht auf sie zu, beugt sich über sie – und öffnet plötzlich mit einem Ruck eines der dahinterliegenden Rollos. Tageslicht erhellt abrupt das Zimmer. „Das bringt nichts, ich muss nachts wiederkommen, wenn es komplett dunkel ist, um die Tat authentisch nachzustellen“, sagt er und blickt zu der Gestalt auf dem Sofa. Es ist eine Puppe, die in einem zerfetzten, mit getrockneten Blutflecken übersäten T-Shirt steckt. Es ist das T-Shirt, das die Rentnerin Irene Feineis trug, als sie vor 13 Jahren auf diesem Sofa starb. Durch 47 Messerstiche in Brust und Rücken.

"Der Täter trifft bei der Tat ständig Entscheidungen – jede sagt etwas über ihn aus"

Axel Petermann, 62, hat in über 1000 Mordfällen ermittelt

Der Mann, der an diesem Tag durch das alte Haus im fränkischen 8000-Seelen-Dorf Arnstein streift und versucht, Licht in den bis heute mysteriösen Mordfall Feineis zu bringen, heißt Axel Petermann und ist Deutschlands wohl bekanntester Profiler. Er klärt Verbrechen auf, indem er in den Kopf des Täters schlüpft: Warum hat der Mörder sich so verhalten, wie er sich verhalten hat - und welche Rückschlüsse auf ihn lässt das zu? Petermanns Spezialgebiet sind die sogenannten Cold Cases - die ungeklärten Verbrechen. Fast 40 Jahre lang hat er bei der Bremer Kriminalpolizei gearbeitet, war Leiter der Mordkommission und ermittelte in mehr als 1000 Fällen. Im vergangenen Jahr wurde der 62-Jährige pensioniert, doch nach Antworten sucht er noch immer. Als privater Ermittler rollt er jetzt Verbrechen auf, die seit Jahrzehnten ungeklärt sind. Fälle, deren Täter noch frei herumlaufen - oder im Gefängnis sitzen und immer noch ihre Unschuld beteuern. So wie im Fall Irene Feineis. Nach dem Mord an der damals 79-jährigen Rentnerin geriet deren Tochter Olivia Hartung schnell unter Verdacht. In einem Indizienprozess wurde sie wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt und sitzt seitdem in Haft. Bis heute streitet die mittlerweile 67-Jährige die Tat ab. Nun hat sich Petermann ihres Falles angenommen, er ist so was wie ihre letzte Hoffnung. Zwei Tage lang wird er sich in dem Haus aufhalten, in dem in der Nacht vom 6. auf den 7. September 2002 der Mord geschah. Er wird danach nicht mit Sicherheit sagen können, was dort geschehen ist, aber er wird einen Verdacht haben und ihn offen aussprechen.

Was geschah in arnstein? Es gibt zwei Versionen

Als Petermann, beiger Trenchcoat, kinnlanges weißes Haar, buschiger Schnauzer, am Tatort eintrifft, sind die Fenster des Gebäudes mit Rollläden verschlossen. An einem klebt ein „Zu verkaufen“-Schild, es sieht aus, als hänge es dort schon eine Weile. Der Garten hinter dem Haus ist verwildert. Petermann läuft einmal um das Anwesen herum, fotografiert Türen und Fenster mit seinem Handy. Auf seinem Rundgang hält er immer wieder inne und betrachtet das Gebäude, als könnte ihm schon das alte Gemäuer etwas über die Tat erzählen.

Im Prinzip gibt es zwei Versionen dessen, was sich dort in der Mordnacht zugetragen hat. Version eins ist die von Olivia Hartung: Sie sagte aus, sie sei in jener Nacht zu Besuch bei ihrer Mutter gewesen und habe in einem Zimmer im ersten Stock des Hauses geschlafen. Als sie am nächsten Morgen gegen sieben Uhr in die Wohnküche gekommen sei, wo ihre Mutter auf der Couch zu übernachten pflegte, habe sie diese, von Kopf bis Fuß mit einer Decke verhüllt, auf dem Sofa liegend vorgefunden. Sofort habe sie gemerkt, dass etwas nicht stimme, und sei, nachdem sie die Decke im Kopfbereich kurz angehoben habe, sofort zum Hausarzt ihrer Mutter gelaufen, der in der Nähe wohnt. Sie gehe davon aus, dass der Täter durch die Gartentür, die sie in dieser Nacht vergessen hatte abzuschließen, ins Haus gelangen konnte. Ein Einbrecher, der zufällig vorbeikam - oder jemand, der es bewusst auf Irene Feineis abgesehen hatte.

In der zweiten Version ist Olivia Hartung die Täterin, die ihre schlafende Mutter gegen etwa drei Uhr morgens mit einem langen Küchenmesser tötete. Sie soll die Waffe zuvor aus der Vorratskammer des Hauses geholt haben. Nach der Tat habe sie das Messer hastig abgewaschen, wieder in den Messerblock in der Vorratskammer gesteckt und bis zum Morgen gewartet, ehe sie den Hausarzt rief.

Das Gericht hielt Version zwei für die richtige. Und Petermann? Hat er schon eine Tendenz? „Nein“, sagt er, „ich will möglichst neutral an den Fall herangehen. Deshalb habe ich auch noch nicht die ganze Akte gelesesen, nur den Teil über den Tatort und den Obduktionsbericht.“

Als Petermann die verwitterte Holztüre öffnet und das Haus betritt, verfangen sich Spinnweben in seinem weißen Haar. Seit der Mordnacht wurde in dem Gebäude fast nichts verändert. Dicke Schichten Staub liegen über den Möbeln. Das Mordopfer Irene Feineis hatte eine Vorliebe für Flohmärkte, es scheint, als hätte sie einige davon komplett aufgekauft. Alles ist vollgestellt mit Porzellandackeln, Kerzenständern, Büchern, die Wände sind übersät mit Spruchtafeln, Bildern, Masken. Im Badezimmer steht noch die Zahnbürste des Opfers in einem Plastikbecher, in der Wohnküche türmen sich verrostete Töpfe und dreckiges Geschirr. Nach einem Rundgang durch das Haus bleibt Petermann in der Wohnküche vor einem durchgesessenen Sofa mit einem tellergroßen, vertrockneten Blutfleck auf der Sitzfläche stehen. Auf einem Beistelltisch daneben liegt eine aufgeschlagene Fernsehzeitung vom 6. September 2002: Jemand hat darin den Film “12 Monkeys“ um 22.15 Uhr angestrichen. Ein Fernsehabend, ein Streit zwischen Mutter und Tochter, ein Mord - oder war alles ganz anders?

vorgehen nach fbi-methoden

Während bei der normalen Polizeiarbeit „auf der Spur“ gearbeitet wird, wie Petermann es nennt, also nach Fingerabdrücken gesucht wird, nach Sperma, nach DNA, und so Erkenntnisse über den Täter gewonnen werden sollen, gehen Profiler wie Petermann anders an einen Fall heran. Sie rekonstruieren den Tathergang und insbesondere das Verhalten des Täters so präzise wie möglich und versuchen, daraus Hypothesen über dessen Motiv und Profil abzuleiten. „Der Täter trifft vor, während und nach der Tat ständig Entscheidungen: Welches Tatwerkzeug benutze ich, welche Verletzungen füge ich dem Opfer zu, wie lasse ich die Leiche zurück? Jede dieser Entscheidungen sagt etwas über den Täter aus.“

Entwickelt wurde diese Methode in den 70er- und 80er-Jahren vom FBI. Erst Jahre, nachdem der Film „Das Schweigen der Lämmer“ die Figur des Profilers, des querdenkenden, in die Gedanken des Täters eintauchenden Spezialermittlers, weltweit populär gemacht hatte, wurden Ende der 90er-Jahre auch in Deutschland die ersten Profiler ausgebildet. Heute arbeiten in allen 16 Landeskriminalämtern sogenannte Fallanalytiker. Petermann, einer der ersten Profiler hierzulande, ist so etwas wie der Star unter ihnen. 2010 veröffentlichte er ein Buch, in dem er anhand von wahren Fällen von seiner Arbeit erzählte. Es wurde ein Bestseller, genauso wie seine beiden Nachfolger. Mittlerweile wurden mehrere seiner Fälle als Vorlagen für „Tatort“-Drehbücher verwendet, und wann immer es irgendwo zu einem mysteriösen Verbrechen kommt, ist Petermann als Experte in den Medien gefragt. Wegen seines hohen Bekanntheitsgrads kommen oft Angehörige von Opfern auf ihn zu, in der Hoffnung, dass seine Fallanalyse ihnen endlich Klarheit bringt. Geld nimmt er für seine Arbeit nicht - dafür darf er dann die Fälle für seine Bücher verwenden. Das ist der Deal.

petermann sticht zu – so wie es der Mörder getan haben muss

Petermann legt seinen Aktenordner mit der Aufschrift „Mordfall Feineis“ auf einen Tisch in der Wohnküche und schlägt die Seiten mit den Polizeifotos des Tatorts auf. Dann beginnt er mit der Rekonstruktion des Verbrechens. Nachdem er die Möbel so in Position gerückt hat, wie sie beim Fund der Leiche standen, breitet er sogar eine Tischdecke auf dem Esstisch in der Mitte des Raumes aus und stellt eine Vase mit Kunstblumen darauf. „Für die Atmosphäre“, wie er sagt. „Das hilft, mir die Situation besser vorstellen zu können.“ Er zieht weiße OP-Handschuhe über und drapiert eine mitgebrachte Puppe, die das Opfer darstellen soll, auf dem Sofa. Zuvor hat er ihr das schwarze Spitzenmieder und das T-Shirt des Opfers übergezogen. Beides sind die echten Kleidungsstücke. Die Polizei hatte die beschlagnahmten Asservate nach Olivia Hartungs Verurteilung an die Adresse des Mordopfers zurückgeschickt. Mit kleinen Papierpfeilen markiert Petermann die Einstichstellen auf dem T-Shirt, dann nimmt er ein Messer in die Hand und stellt nach, wie der Mörder zugestochen haben muss. Sein Fazit: Es gibt kaum Abwehrverletzungen am Körper des Opfers, was darauf hindeutet, dass es von der Attacke überrascht wurde, möglicherweise im Schlaf. In der Lehne des Sofas finden sich ebenfalls einige Einstiche, was für einen Kontrollverlust des Täters spricht. Aus der Akte weiß er, dass einige der 47 Messerstiche mit einer solchen Wucht ausgeführt wurden, dass sie sogar die Wirbelsäule und einige Rippen durchstoßen hatten. „Der Fachmann nennt das einen ’Overkill’, eine Übertötung“, sagt Petermann, „sie ist oft ein Merkmal von Beziehungstaten, aber auch, wenn Wut, Hass, Aggressionen das Handeln bestimmen.“

Nun möchte Petermann den Weg nachgehen, den der Mörder genommen haben muss, um zum Opfer zu gelangen. Da es an keiner der Türen Einbruchsspuren gab, bleiben nur zwei Möglichkeiten: Der Täter kam durch die in der Mordnacht unverschlossene Hintertür oder - falls es Olivia Hartung war - aus dem ersten Stock die Treppe hinab. Doch trotz verschlossener Rollläden ist es im Haus zu hell, um die Situation, in der sich der Täter nachts befand, authentisch nachzustellen. Petermann beschließt, in der Nacht wiederkommen.

Er hat in mehr Abgründe geblickt, als für einen Menschen gut sein kann

Am frühen Abend sitzt er in seinem Zimmer im Gasthaus „Zum Goldenen Engel“ in Arnstein und blickt auf die Zimmerwand. Dort hängt eine Bahn braunes Packpapier, auf der er Fakten zur Tat notiert hat. „Obduktionsprotokoll“ steht dort, „Stiche: 28 Rücken, 17 Brustkorb, 2 Arm - Todesursache Stiche in Herz/Lunge, Verblutungsschock. Abwehrverletzungen fehlen. Todeszeit: < 3 Uhr.“ Darunter hat er Fotos vom Tatort geklebt. Auf einem davon ist die Leiche von Irene Feineis so zu sehen, wie sie am Morgen gefunden wurde: verhüllt mit einer Decke, durch die der Täter beim Mord hindurchgestochen hatte. Nach der Tat zog er sie so weit hoch, dass sie auch den Kopf des Opfers verdeckte. Petermann sieht das Bild eine Weile an. „Mir gefällt das Abdecken der Leiche nicht“, sagt er schließlich. So etwas sei oft eine unterbewusste Handlung des Täters, um seine Tat nicht mehr sehen zu müssen, sie gewissermaßen ungeschehen zu machen. Auch das spreche für eine Nähe zwischen Täter und Opfer.

Axel Petermann hat in seinem Leben in mehr Abgründe geblickt, als für einen Menschen gut sein kann, aber er strahlt die Ruhe und Abgeklärtheit eines Mannes aus, der mit sich und der Welt im Reinen ist. „Ich grüble zwar gerne und mag es, mit meinen Gedanken alleine zu sein, aber psychisch hat mich meine Arbeit nie belastet.“ Er hat nie daran gedacht, nach der Pensionierung das Ermitteln aufzugeben. „Ich weiß aus dem Freundeskreis, wie es ist, wenn einem Angehörigen etwas passiert, und man das Gefühl hat, dass einem keiner beisteht. Da möchte ich helfen.“

Ob seine Hilfe im Fall Olivia Hartung zu ihrer Entlastung führen wird? Es gibt einige Ungereimtheiten, die für die Verurteilte sprechen: Zum Beispiel wurden an dem Tatmesser, das aus dem Haus stammt, weder DNA-Spuren von ihr gefunden noch konnte an ihrer Kleidung Blut nachgewiesen werden. Und falls es zu einem Streit kam, der eskalierte: Warum sollte sie dann nicht sofort, sondern erst Stunden später die schlafende Mutter erstochen haben?

die szenarien der mordnacht

Inzwischen ist es 22.30 Uhr. Petermann ist zurück am Tatort und geht mit einer Taschenlampe langsam den Weg vom Hintereingang des Hauses in die Wohnküche ab. Immer wieder stößt er gegen Gegenstände. Sich still in dem vollgestellten dunklen Haus zu bewegen scheint unmöglich zu sein. Dann öffnet er die Tür zur Wohnküche und leuchtet hinein. Esstisch, Stühle und Beistelltisch verdecken die Couch fast vollständig. „Man sieht überhaupt nicht, dass hier jemand liegt“, sagt er sofort. „Warum sollte sich ein fremder Täter da durchzwängen?“

Nachdem er auch den Weg abgegangen ist, den Olivia Hartung aus dem Zimmer im ersten Stock hätte zurücklegen müssen, setzt Petermann sich in der Wohnküche auf einen Stuhl. Es ist dunkel, nur die Taschenlampe, die er auf den Tisch vor sich gelegt hat, wirft etwas Licht in den Raum. Für eine Weile schweigt Petermann. Dann beginnt er die möglichen Szenarien der Mordnacht durchzugehen. Szenario eins: Es war ein Einbrecher. So recht will Petermann daran nicht glauben. Zu schwer hätte es ein fremder Eindringling, sich durch das Haus zu bewegen, ohne jemanden aufzuwecken. Die schlafende Frau auf der Couch hätte er womöglich gar nicht gesehen, geschweige denn getötet. Zudem wies nach der Tat nichts darauf hin, dass das Haus durchsucht oder etwas gestohlen worden war. Szenario zwei: Es war eine Tat der Nähe, der Mörder also ein Bekannter oder Freund des Opfers. „Würde jemand, der so etwas plant, wirklich keine Waffe mitbringen, sondern darauf vertrauen, vor Ort eine zu finden?“, sagt Petermann. „In der Regel bringt jemand, der einen Mord plant, seine Waffe selbst mit - und entsorgt sie danach woanders.“ Und falls der Mord ungeplant geschah und das Resultat eines Streits mit einem Bekannten war? „Dann hätte Olivia das oben ja hören können.“ Es sind keine fertigen Analysen, die Petermann präsentiert, nur erste Gedanken. Aber sie weisen klar in eine Richtung: War es doch Olivia Hartung? Petermann blickt kurz in die Dunkelheit. „So viel kann ich sagen: Mir gefällt das alles nicht.“

"Diese Handlung hat mir viel über den Täter verraten"

Drei Wochen später. Axel Petermann klingt gehetzt, als er an sein Handy geht. Er ist wieder auf Reisen. Mittlerweile hatte er aber Zeit, sich nochmals eingehend mit der Akte Feineis zu beschäftigen, und er ist jetzt bereit, ein Fazit abzugeben: „Die heftige Attacke, das komplette Abdecken der Leiche und der Umstand, dass man sich so schwer in dem Haus zurechtfindet, lassen mich einen Fremdtäter mit ziemlicher Sicherheit ausschließen“, sagt er.

„Und ein Detail lässt mich nicht los, und zwar dass Irene Feineis am Tatmorgen, als ihr Hausarzt eintraf, noch immer komplett zugedeckt war. Wenn man seine Mutter leblos auffindet, würde man doch zumindest an ihr rütteln, sie aufdecken, nachsehen, was passiert ist. Diese Handlung hat mir viel über den Täter verraten, und ich muss sagen: Es sieht nicht gut aus für Olivia.“ In einigen Wochen will er die Verurteilte im Gefängnis besuchen, er möchte persönlich mit ihr sprechen. Für ihn ist der Fall noch nicht abgeschlossen. Axel Petermann kann einfach nicht aufhören, nach Antworten zu suchen.

Autor: Alexander Neumann-Delbarre
Autor: Alessa Kästner
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