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"Terror"-Autor Ferdinand von Schirach

Uns verriet er, wie er entschieden hätte

Ferdinand von Schirach: „Letztlich sind wir alle schuldig“

Schuldig oder unschuldig - am Montag, ab 20.15 Uhr, sind die Zuschauer des Ersten gefragt. Denn dann müssen sie sich am Ende der Verfilmung von Ferdinand von Schirachs Erfolgstheaterstück „Terror" entscheiden, ob der Angeklagte im Film verurteilt oder freigesprochen werden soll. Wir haben den Bestseller-Autor und Strafverteidiger schon 2013 gefragt, wie sein Urteil in einem solchen Fall ausfallen würde
 

Darum geht es in "Terror – Ihr Urteil": Darf man 164 Menschen töten, um 70.000 zu retten? Durfte der Kampfpilot Lars Koch ein Passagierflugzeug abschießen, um zu verhindern, dass ein an Bord der Maschine befindlicher Terrorist diese auf ein vollbesetztes Fußballstadion stürzen lässt? Hinter der rein rechtlichen Problematik verbirgt sich eine ethisch-sittliche Frage, die an diesem besonderen Fernsehabend zur Debatte steht. Das Publikum fungiert sozusagen als Schöffe. Die Entscheidung der Zuschauerinnen und Zuschauer bestimmt den Ausgang des Films. (Quelle: Das Erste)

Er ist Deutschlands bekanntester Strafverteidiger. Seine auf wahren Fällen basierenden Bücher sind weltweit Bestseller. Sein Name: Ferdinand von Schirach. Mit Playboy sprach er schon 2013 über das Szenario aus "Terror" – und verriet uns, wie er entscheiden würde...

Playboy: Gibt es Situationen, in denen ein Mensch töten darf?
von Schirach: Zum Beispiel aus Notwehr. Aber es gibt auch andere Gründe, über die man diskutieren kann. Das ist eine rechtsphilosophische Frage. Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Ein volles Passagierflugzeug wird von einem Terroristen entführt. Er zwingt den Kapitän, zum Potsdamer Platz zu fliegen. Das Flugzeug ist voll betankt. Wenn es am Potsdamer Platz abstürzt, sterben 25.000 Menschen, die dort gerade arbeiten. Darf ich das Flugzeug abschießen?

Playboy: Schwierige Frage.
von Schirach: Die Antwort ist einfach. Und sehr merkwürdig. Philosophen von Karneades bis Kant haben sich darüber Gedanken gemacht. Und alles endet bei der Frage: Was ist der Mensch? Müssen wir den Menschen als Subjekt begreifen oder als Objekt? In unserer Verfassung steht der berühmte Satz: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Aber was heißt Würde? Das Bundesverfassungsgericht sagt fast wortgleich mit Kant, der Mensch dürfe nicht zum Objekt gemacht werden. Er darf nie bloßer Gegenstand staatlichen Handelns sein. Das heißt: Ich darf diese 300 unschuldigen Menschen im Flugzeug nicht töten. Denn in diesem Moment wären sie nur noch Objekt staatlichen Handelns. Ich kann also nie 25.000, die ich rette, aufwiegen gegen die 300, die ich dafür töten müsste.

„Was ist also das richtige Handeln? Die Kanzlerin, die den Knopf drücken könnte, wird es nicht tun.“

Ferdinand von Schirach

Playboy: Nachvollziehbar. Aber unbefriedigend.
von Schirach: Sie haben Recht. Was ist also das richtige Handeln? Die Kanzlerin, die den Knopf drücken könnte, wird es nicht tun. Weil sie sich an das Recht halten muss, sonst taugt sie nicht als Kanzlerin. Aber der Pilot im Kampfjet schießt das Flugzeug ab. Er handelt in dem Moment gegen das Recht, aber vielleicht handelt er als Held. Helden gehen unter: Er muss ins Gefängnis, verliert seine Stellung, seine Pension. Er scheitert, aber er hat uns gerettet.

Playboy: Gab es mal einen Moment, in dem Sie am deutschen Rechtssystem gezweifelt haben?
von Schirach: An Urteilen ja, aber nicht am Rechtssystem. Die Strafprozessordnung ist eines der besten Gesetze der Welt. Sie ist nicht immer so spannend wie das amerikanische Recht, aber sie ist sehr fair.

Playboy: Sie haben vorhin gesagt, dass Sie sich für das Strafrecht interessieren, weil es um Schuld geht. Wie verändert sich ein Mensch durch Schuld?
von Schirach: Im strafrechtlichen Sinn ist Schuld, dass Sie eine Tat einem Menschen persönlich vorwerfen können. Aber die eigentliche, die tägliche Schuld ist etwas ganz anderes. Sie ist das, was wir uns selbst vorwerfen.

Playboy: Wir gehen also am strengsten mit uns selbst ins Gericht?
von Schirach: Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, dann können wir jedem verzeihen, selbst unseren Feinden. Wem wir nicht verzeihen können, das sind wir selbst. Das kann Menschen zerstören. Man muss mit der eigenen Schuld umgehen können. Denn letztlich sind wir alle schuldig, es geht nicht anders. Durch Leben werden wir schuldig.

Playboy: Wie meinen Sie das?
von Schirach: Sie fahren später zurück zum Flughafen. Sie haben gerade dieses 2-Stunden-Interview mit diesem anstrengenden Schirach gehabt, sind müde, der Taxifahrer riecht komisch und fährt auch noch einen kleinen Umweg. Deshalb sagen Sie irgendwas Gemeines zu ihm - schon sind Sie schuldig. Die Schwierigkeit im Leben ist, das in den Griff zu bekommen und sich nicht immer für alles und für immer schuldig zu fühlen.

Playboy: Mit wem reden Sie, wenn Sie zum Beispiel beruflich etwas belastet?
von Schirach: Es belastet mich nicht, was ich als Anwalt erlebe. Aber es ist trotzdem nicht so, dass ich cool bin. Ich kann zum Beispiel Filme wie „Sieben“ nicht ertragen.

Playboy: Was ist das Wichtigste, das Sie in all den Jahren als Strafverteidiger über Menschen gelernt haben?
von Schirach: Dass Verbrecher menschlich sind.

Playboy: Was hatten Sie denn vorher angenommen?
von Schirach: Das, was alle annehmen: dass Menschen, die Verbrechen begehen, anders sind, eine andere Spezies sozusagen. Aber das stimmt nicht. Sie sind genauso wie wir. Der Unterschied ist minimal. Wir wissen heute, dass die Mechanismen, die zu einem Mord führen, genau die gleichen wie bei einem Selbstmord sind. Die Situation scheint ausweglos, die Verzweiflung, die Einsamkeit, das Dunkle . . . Bei einem Selbstmörder und bei einem Mörder finden vor der Tat im Gehirn genau die gleichen Prozesse statt.

Playboy: Ist ein Mord nicht viel aggressiver?
von Schirach: Nein. Es ist doch enorm aggressiv, sich selbst in den Kopf zu schießen oder aufzuhängen.

Playboy: Und diese Aggressionen gehören zu uns Menschen?
von Schirach: Ja. Als ich anfing mit der Strafverteidigung, war ich oft schockiert von den Taten, weil man zunächst nur die Bilder sieht: den blutverschmierten Kühlschrank, das abgetrennte Bein. Aber nicht das ist das Entscheidende, sondern dass man es begreift: Dieser Mann oder diese Frau, die das getan hat, ist ein Mensch.

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