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Tag des Cocktails

Charles Schumann spricht Bar-Text

"Jeder Zweite nennt sich Mixologe oder Bar-Consultant. Da bekomme ich das Kotzen"

Wer wüsste mehr zum "Tag des Cocktails" zu sagen als Deutschlands Bar-Star Charles Schumann? In seinem „Schumann's“ am Münchner Odeonsplatz treffen sich Abend für Abend Politik, Wirtschaft, Medien. Sie kommen, weil der Mann hinterm Tresen seit mehr als 20 Jahren eine klassische amerikanische Bar betreibt — die einzige in Deutschland, die diesen Namen verdient: Kellner in Krawatte und Blendamed-weißen Kitteln servieren klassische Drinks nach klassischen Rezepten. Ohne bunte Papierschirmchen, ohne Happy Hour.

PLAYBOY sprach 2008 mit ihm. Nicht nur über Cocktails.

"Wenn Sie nachts um elf Latte Macchiato wollen, werde ich sauer"

Playboy: Erklären Sie uns: Was ist eine Bar?

Schumann: Eine Bar ist ein Ort, den man als Wohnzimmer betrachtet. Wo man zu Hause ist und trotzdem gehen kann, wann man will.

Playboy: Was unterscheidet eine gute Bar von einer schlechten?

Schumann: Dass man als Gast nicht merkt, dass Geld verdient werden muss. Wenn die Bar überschaubar ist, kann man mit dem Barkeeper reden, muss aber nicht. Eine gute Bar ist sicher nicht Cocktails mixen. Das steht für mich nicht einmal an zweiter Stelle.

Playboy: Woran erkennt man einen guten Barkeeper?

Schumann: Ein guter Barkeeper ist da und doch nicht da. Er ist aufmerksam, aber nicht aufdringlich, ist ein guter Handwerker. Er macht Sie nicht betrunken oder verkauft Ihnen irgendwelche teuren Spirituosen.

Playboy: Mit welcher Bestellung kann man den Respekt des Barkeepers verlieren?

Schumann: Also, der Barkeeper soll sich mal nicht so wichtig nehmen! Heute nennt sich jeder zweite Mixologe oder Bar-Consultant. Da bekomme ich das Kotzen.

Playboy: Als Gast darf ich alles bestellen?

Schumann: Wenn Sie bei mir nachts um elf Latte Macchiato wollen, werde ich schon mal sauer. Denn für Latte Macchiato brauche ich wirklich nicht in eine Bar gehen.

"Man braucht nicht viele Freunde, wenn man jeden Abend unter Menschen ist"

Playboy: Kann ein Barbesuch Probleme lösen?

Schumann: Ja! Denn wenn ich jemanden habe, der merkt, dass es mir schlecht geht, und mit mir dementsprechend umgeht, dann ist das wunderbar.

Playboy: Man sieht in Ihrer Bar oft ziemlich bekannte Leute, die Ihnen um den Hals fallen. Fühlen Sie sich selbst als Promi?

Schumann: Weiß ich nicht. Bekannt, würde ich sagen. Aber ich gehe normalerweise auf keine Vernissage und auf keinen Wohltätigkeitsball. Da treffe ich eh nur die Leute, die ich auch hier sehe.

Playboy: Werden langjährige Gäste irgendwann Freunde?

Schumann: Ich habe nicht die Zeit, Freundschaften aufzubauen, denn die muss man ja pflegen. Man braucht nicht viele Freunde, wenn man jeden Abend unter Menschen ist.

Playboy: Wie würden Sie das typische „Schumann's“-Publikum beschreiben?

Schumann: Das gibt es überhaupt nicht mehr. Wir haben immer gern Leute dagehabt, die mit dem Kopf arbeiten. Jetzt haben wir auch die Fußballspieler, unser Laden ist demokratischer geworden. Früher gab es eine Schicht von Leuten, die gehegt und gepflegt wurden, die zum Teil nach dem IQ ausgewählt wurden. Aber nur mit ein paar alten Nostalgikern, die einfach rumsitzen, läuft eine Bar nicht.

"Eine Regel für eine gute Bar lautet: Gäste nicht abfüllen"

Playboy: Brauchen Sie zum Überleben eine Mindestquote an Hardcore-Trinkern?

Schumann: Die gibt es leider nicht mehr. Aber wir haben immer aufgepasst auf unsere Gäste. Eine Regel für eine gute Bar lautet: Gäste nicht abfüllen. Aus, fertig, Stopp sagen. Wenn Betrunkene kommen — und das checkt man ja, wenn man lange genug in dem Job ist —, sind sie schnell wieder weg.

Playboy: Wer singt, fliegt raus?

Schumann: Nein, wenn jemand in einer superguten Laune ist und singt, ist das okay. Aber hier singt niemand, weil er besoffen ist. Eine Bar ist ein Ort, wo man das nicht macht. Barleute sind Respektspersonen.

Playboy: Was muss man machen, um bei Ihnen Hausverbot zu bekommen?

Schumann: Sehr viel. Es gibt vielleicht zwei oder drei Leute, bei denen wir das gemacht haben.

Playboy: Wie werfen Sie jemanden raus?

Schumann: Das läuft ganz anständig, wir bringen den Gast einfach zur Tür. Das ist meine Arbeit — wenn ich da bin.

Playboy: Gab es schon mal eine Schlägerei?

Schumann: Gott sei Dank nicht.

"Wenn sich die Leute besser anziehen würden, wär's stilvoller"

Playboy: Darf man in Jeans eine Bar betreten?

Schumann: Heute geht doch eh jeder so, wie er will.

Playboy: Klingt nicht gerade begeistert ...

Schumann: ... wenn sich die Leute besser anziehen würden, wär's stilvoller. Im Süden macht man sich halt noch elegant für den Abend, auch wenn man nur in die Bar geht.

Playboy: Stehen Sie nach wie vor selbst am Tresen und mixen?

Schumann: Nur manchmal.

Playboy: Für bestimmte Gäste?

Schumann: Nein, deshalb hatte ich ursprünglich aufgehört. Weil dann Gäste kamen, die sagten: „Ich will vom Herrn Schumann einen Drink haben.“ Das geht nicht, damit würde ich meine eigenen Mitarbeiter diskreditieren.

"Heute trinkt mittags keiner mehr alkohol"

Playboy: Wie wichtig sind Cocktail-Moden? Nehmen wir Caipirinha, eigentlich doch ein widerliches Zeug, oder?

Schumann: Stimmt nicht, Caipirinha ist kein widerliches Zeug! Das ist ein klassisches brasilianisches Getränk. Nein, vorsichtig sein muss man mit Gemüse und Obst und Kräutern. Wenn eine Bar nur noch Gemüsestand ist, kann man gleich zum Viktualienmarkt gehen.

Playboy: Trinkt man heute anders als früher?

Schumann: Ja. Gesünder, bewusster, die Leute haben mehr Ahnung. Früher hatte niemand Ahnung, der Barkeeper nicht und die Gäste natürlich noch weniger. Da gab es die, für die Gin Tonic ein Wasser war. Heute trinkt mittags keiner mehr Alkohol: Fünf Leute teilen sich ein Mineralwasser.

Playboy: So schlimm?

Schumann: Zum Beispiel Journalisten wie ihr, die trinken doch kaum noch — ihr schreibt doch nur noch über das Trinken. Neulich habe ich einen alten Stammgast in New York angerufen, den ich lange nicht mehr gesprochen hatte. Er sagte: „Ich trinke eigentlich nichts mehr, Charles: zwei Whiskey am Tag und zwei Martinis, die brauch ich. Und abends natürlich ein bisschen Wein. Mehr nicht.“

"Als Barkeeper habe ich viel getrunken"

Playboy: Heißt das für Sie in Würde altern?

Schumann: Wenn man dann nicht doch betrunken ist und Leute belästigt, ist das doch prima.

Playboy: Was trinken Sie selbst?

Schumann: Ziemlich stillos: viel zu viel Kaffee. Mittlerweile mehr Wein und viel Wasser.

Playboy: Klingt gesund. Waren Sie nie gefährdet?

Schumann: Doch, doch. Als Barkeeper habe ich viel getrunken, wegen meiner körperlichen Konstitution aber nie viel vertragen. Dann habe ich gemerkt, dass meine Kasse nicht mehr stimmte, und aufgehört. Wer Kasse machen muss, kann nicht trinken!

"Ein Mann muss nicht trinken"

Playboy: Finden Sie, dass ein echter Kerl viel vertragen muss?

Schumann: Quatsch, ein Mann muss nicht trinken, und er muss nicht rauchen. Das heißt Männlichkeit ganz sicher nicht.

Playboy: Was dann?

Schumann: Dass man selbstbewusst und gut mit sich umgeht. Ich bin doch ein Beispiel dafür. Man kann eine Kneipe führen, ohne mit 60 schon am Arsch zu sein.

Playboy: Sie kommen aus einer Oberpfälzer Bauernfamilie. Wird man alt in Ihrer Familie?

Schumann: Ja, mein Vater ist erst mit 95 Jahren gestorben.

"Auf dem Sterbebett brauche ich keinen Drink"

Playboy: Da haben Sie ja noch einiges vor sich ...

Schumann: Weiß nicht, ob das an den Genen liegt. Ein Wirt gibt jedenfalls 20 Jahre seines Lebens weg, wenn er nachts arbeitet. Dann müsste ich mit 75 sterben, also habe ich noch zehn Jahre ...

Playboy: Und bis dahin?

Schumann: ... mache ich mir keine Gedanken. Es kommt, wie's kommt.

Playboy: Hätten Sie auf dem Sterbebett noch gern einen letzten Drink?

Schumann: Da brauche ich keinen Drink mehr. Da würde ich lieber Fußball spielen gehen. Oder in den Boxring steigen.

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