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„Ich gehöre in die Hölle. Im Himmel ist es sicher langweilig"

Das Playboy-Interview mit Karl Lagerfeld

„Ich gehöre in die Hölle. Im Himmel ist es sicher langweilig"

Er war der größte Modeschöpfer der Welt. Im Jahr 2011 fotografierte er nicht nur Schauspielerin Natalia Wörner für uns, wir trafen Karl Lagerfeld auch zum Gespräch über guten Männer-Stil, Obamas Hemden und warum er nicht Mutter Teresa ist.

Paris, Rue de Lille. Ein ziemlich banaler Hauseingang – wenn es denn hier, drei Schritte von der Seine, so etwas gibt wie banale Hauseingänge. Ein Hummer ist davor geparkt, 100 Meter weiter ein zweiter. Das heißt: Lagerfeld ist da. Wir gehen durch einen Buchladen, im Hinterzimmer sitzt ein Mann mit weißem Zopf, schwarzer Sonnenbrille, ein bisschen Schmuck um den Hals und engen schwarzen Jeans an den Beinen. Sieht aus wie Karl Lagerfeld. Spricht wie Karl Lagerfeld. Ist Karl Lagerfeld. Der weiß livrierte Butler serviert Pepsi Light in einem Kelch, die Assistentin zeigt den Gästen auf Lagerfelds Geheiß den neuen Pirelli-Kalender – weltexklusiv, wir müssen ein Schweigegelübde über Form und Inhalt ablegen.

Playboy: Herzlichen Dank, dass wir die Ehre haben, das zu sehen! Grandios. Sind Sie zufrieden?

Lagerfeld: Nee, ich bin nicht zufrieden, aber ich find’s gut.

Was ist da der Unterschied?

Wenn ich was gemacht habe, ist es okay, aber ich möchte immer wieder von vorn anfangen, man könnte es noch besser machen. Aber irgendwann muss man ja aufhören. 

Wann hören Sie auf?

Eigentlich ja nie. Aber es gibt Umstände. Man muss sich an Deadlines halten. Dann muss man eben eine Sache beenden und wieder neu anfangen. 

Es gibt ja berühmte Maler, die haben nie aufgehört zu malen. Die haben ihre Bilder immer wieder übermalt, weil sie nie zufrieden waren.

Nein, nein, ich habe keine solche Beziehung zu dem, was ich mache. Da bin ich sehr frei. Wissen Sie, ich bin kein Maler, aber im Grunde wollte ich ja ursprünglich Illustrator werden und Karikaturist. Ich kann ganz gut zeichnen.

Das hört man so.

Ja, es gibt Schlimmeres.

"Ich hasse das Wort stolz"

Warum sind Sie nicht Maler geworden?

Die besten Bilder gibt es schon. Und heute ist die Kunst ja ganz was anderes als früher. Das Bild fürs Wohnzimmer, das ist ein bisschen überholt.

Und in der Fotografie gibt es noch nicht alles?

Die Fotografie ist ja noch ein neues Medium.

Wenn schon vom Fotografen Lagerfeld die Rede ist, schlägt Lagerfeld vor, dann sollen die Gäste doch auch bitte schön einen Einblick in dessen Arbeit bekommen. Auf Lagerfelds Geheiß bekommen wir das Fotostudio zu sehen: So groß und hoch wie eine kleine Schulturnhalle, voll gestellt mit Büchern, Büchern, Büchern. Wände voller Bücher. Die riesigen Fotolampen, die Leinwände, die Kontrollmonitore verschwinden fast in diesem Meer aus Kunstbänden, Fotobänden, Folianten. Beeindruckt kehren wir an den Gesprächstisch zurück. Und man wird das Gefühl nicht los, dass Lagerfeld bei aller gespielten Nonchalance genau das will: dass man beeindruckt ist vom Fotografen Lagerfeld.

Ihren Ruf als Fotograf mussten Sie sich erst erarbeiten.

Ja, das kommt nicht von einem Tag auf den anderen. Als ich diesen Preis gekriegt habe von der deutschen Fotogesellschaft, da haben gewisse Leute ihren Preis und ihre Mitgliedschaft zurückgegeben: Das sei ja unerhört, dass man einen Modemenschen auszeichne, hieß es da. Aber wissen Sie, das ist mir egal.

Hat Sie das nicht verletzt?

Nein, nein. Wenn die Leute meinen, man könnte nicht anständige Fotos machen, das ist deren Problem. Nein, wissen Sie, Richelieu hat gesagt, eine Frau, die man im Puff gesehen hat, ist normalerweise eine Nutte. Richelieu, nicht ich.

Es ist das erste Mal, hatte Lagerfeld zu Beginn des Interviews gesagt, dass er heute Deutsch spricht. Sein Deutsch ist makellos, präzise, nuanciert. Und doch merkt man immer wieder, an kleinen französischen oder englischen Einsprengseln: Da ist einer nicht mehr ganz in seiner Muttersprache zu Hause.

Worauf sind Sie eigentlich stolz?

Ich hasse das Wort stolz. Ich gebe mir selber keine Prädikate. Ich sag mir immer, das kann man noch besser machen, ich betrachte mich selbst als faul. 

Wenn jemand nicht gerade einen faulen Eindruck macht, dann sind das Sie. Was Sie an Kollektionen noch jedes Jahr produzieren . . . 

Was heißt „noch“? Ich habe sogar einen Weltrekord: Es gibt keinen Stylisten, der 45 Jahre lang die gleiche Kollektion für die gleiche Firma gemacht hat – Fendi. Falls ich möchte, kann ich an die 50 Jahre kommen. Bei Chanel werden es auch nächstes Jahr 30. Unglaublich, nicht?

Und es fällt Ihnen immer was Neues ein?

Ja, natürlich. Das Gehirn ist ein Muskel. 

Und Sie haben keine Angst, dass dieser Muskel . . .

Nein, da habe ich keine Angst, der wird ja hart trainiert.

Das ist der Preuße, der Protestant in Ihnen!

Ich bin kein Protestant.

Aber in einem protestantischen Umfeld erzogen.

Ich war ursprünglich katholisch, aber meine Eltern sind aus der Kirche ausgetreten. Ich habe keinerlei religiöse Erziehung gehabt. Ich kenne gut die Geschichte der Religionen. Ich frage mich, ob die Idee von Gott eine gute Idee war. 

Ist sie das?

Wenn man sieht, was in der Welt passiert, nicht. Vor allen Dingen zu glauben, die Ungläubigen kämen in die Hölle – das ist grotesk.

Kämen Sie denn in den Himmel oder in die Hölle?

Ich gehöre in die Hölle. Im Himmel ist es sicher langweilig.

Gäbe es jemanden, den Sie gern treffen würden in der Hölle?

Oh, es gibt viele Leute, die ich nicht wiedersehen möchte. 

"Eine gewisse Hässlichkeit kann aber auch eine gewisse Schönheit in sich haben. Das ist nicht so simpel" 

Zum Beispiel?

Nein, da geben wir keine Beispiele.

Was soll denn von Ihrem Werk, von Ihnen übrig bleiben?

Ist mir egal, da bin ich ja nicht da, ist mir wurst. Ich arbeite in den Tag hinein, wie man sagt. Und damit hat es sich. Die anderen heben alle ihre alten Klamotten auf, als ob das Kunstwerke wären – das ist Quatsch. Ich mache ein Verbrauchsgut.

Lassen Sie uns über Schönheit reden. Herr Lagerfeld, was ist schön?

Schön ist, was mir gefällt. Was ich in meinem ästhetischen Konzept als schön empfinde. Das sind Menschen, es können Objekte sein, es können Landschaften sein. Auf jeden Fall ist das im Grunde eine ziemlich klassische Ästhetik. 

Was ist hässlich?

Hässlich ist normalerweise, was einem nicht gefällt. Eine gewisse Hässlichkeit kann aber auch eine gewisse Schönheit in sich haben. Das ist nicht so simpel. 

Was muss eine Frau haben, damit Sie sie schön finden?

Das Gleiche wie die Männer. Es gibt eine Basis einer gewissen Ästhetik, und dann gibt es auch das modische Element, das sich mit den Zeiten ändert. Also, das ist eine Art Doppelleben. In der Beziehung, was menschliche Schönheit anbetrifft, ist meine Ästhetik ein Doppelleben. 

Erklären Sie das noch mal.

Man muss mit der Zeit gehen, aber auch eine Basis haben, eine Grundästhetik, die auf klassischen Elementen basiert. 

Ist Jugend immer schön, Alter immer hässlich?

Nein, das ist eine Obsession unserer Zeit. Was grauenhaft ist, ist forcierte Jugend und auf jung machendes Alter. Das ist grauenhaft. 

Welchen körperlichen Makel haben Sie?

Da muss ich mir die Röntgenbilder angucken. 

Findet man da einen?

Das weiß ich nicht, ich guck die nicht an. Ich meine, ich hab das ganz gut hingekriegt, ist nicht alles ausgeartet, das ist okay. Größe 48 bis 46 in der Konfektion bei Dior.

Wie stehen Sie denn zu Schönheits-OPs?

Das darf man nicht sehen, es muss schon gut gemacht sein. Sonst sehen die nämlich älter aus als vorher. Als hätten die eine Tür an den Kopf gekriegt.

Bei welcher Frau oder bei welchem Mann werden Sie schwach?

Ich werde nicht schwach, ich habe genug Charakterstärke, bei niemandem schwach zu werden. Gott sei Dank. Das ist mir erspart geblieben.

Schwach werden: Man merkt Lagerfeld an, dass ihn das anwidern würde. Der immer noch weiß livrierte Kellner räumt den halb leeren Kelch weg und bringt einen neuen mit Pepsi Light. Mit schmaler Lippe nippt die Kunstfigur Karl Lagerfeld an diesem ganz und gar künstlichen Getränk. Viel anderes als Light-Cola lässt Lagerfeld nicht mehr in seinen Körper hinein. Nur so kann er so schlank bleiben, wie er ist. Und die Mode tragen, die er trägt.

Zum Thema Mode: Welchen Fauxpas begehen die meisten Männer?

Die Deutschen, wenn sie graue Socken zu Sandalen tragen. Haben Sie Sandalen an? Zeigt her eure Füßchen, zeigt her eure Schuh. Aber ich kritisiere das nicht. Nur, das finde ich nicht gerade das Tollste an deutschen Touristen. 

Woran erkennt man einen Mann mit Stil, mit modischem Stil?

Stil ist nicht unbedingt modisch. Man kann viel Stil haben, der zeitlos ist. Das ist so der Look von Gary Cooper, Cary Grant, was auch ein bisschen langweilig ist. Ich bewundere mehr die Leute, die den Mut haben, auch ganz anders zu sein, nicht nach den Kriterien der Konvention von chic und nicht chic, modisch und nicht modisch. Da gehört mehr Mut dazu.

Muss sich ein attraktiver Mann weniger Gedanken vor dem Kleiderschrank machen als ein nicht so attraktiver?

Gedanken sollte man für wichtigere Sachen aufheben. Ich denke, bevor ich einschlafe, was ich am anderen Tag anziehen werde, aber das würde ich nicht Gedanken machen nennen. Man sollte da kein Drama draus machen. Playboy:

Können wir deutschen Männer eigentlich . . .

Das klingt aber ganz schlimm.

. . . von den Franzosen lernen?

Nee, heute nicht mehr. Die französischen Männer – was ist das? Das ist eine Mischung aus allen Ländern. Was würden Sie denn in Ihrer deutschen Unschuld meinen, könnten Sie von den Franzosen lernen?

Sie sind der Stilexperte.

Ha ha ha, ja, sicher. Nee, im Moment finde ich, das hat sich sehr, sehr uniformiert. Wie Sie angezogen sind, sind es Franzosen in Ihrer Position auch.

Ist Berlin als Modestadt ernst zu nehmen oder ein Witz?

Ein Witz nicht, aber das ist wie Tokio: Das ist okay, da gibt es eine Industrie. Aber ich habe noch nie eine Berliner Modewoche gesehen. Was soll ich denn dort den Leuten beweisen? „Ich bin der Einzige, der es weltweit geschafft hat, und ihr seid lokale Bastler?“ Nein, ich will ja auch nicht prätentiös sein. Aber das, was ich gemacht habe, hat noch kein Deutscher gemacht.

Das ist Ihnen schon wichtig, nicht wahr?

Ist mir nicht wichtig, nein. Ist nur der Beweis, dass ich mich nicht total verhauen habe. 

Wie finden Sie als Modedesigner Barack Obama?

Der sieht flott aus, der hat eine gute Figur, der kann alles tragen. Seine Art, sich zu bewegen, der ist schlaksig und doch chic. Nur seine Krawatten und die Hemden . . .

Haben Sie ihn mal getroffen?

Nein. 

"Lothar Matthäus, den kennt man hier nicht"

Aber würden Sie ihm dann sagen, dass er ein Problem hat mit seinen Hemden und Krawatten?

Ja, natürlich. Ich spreche mit weltberühmten Leuten und sage, Ihre Socken sind aber furchtbar und so was. Und die fragen mich ja auch.

Wie reagieren die?

Wenn das von mir kommt, scheint das kein Problem zu sein. Ich sage auch meistens nicht, „das ist aber grauslich“, sondern ich sage, „ich bewundere Ihren Mut, so was zu tragen.“ 

Wie gefällt Ihnen der Stil von Karl-Theodor zu Guttenberg?

Sind ein nettes Ehepaar, die Guttenbergs. Er sieht aus wie der Mann von der schwedischen Prinzessin. Wenn ich ein Bild sehe, weiß ich nicht, ob er das ist oder ob das der Masseur von der Prinzessin ist.

Oder doch Lothar Matthäus.

Lothar Matthäus, den kennt man hier nicht. Nein, aber die Guttenbergs sind hübsch, die Frau sieht auch gut aus. Und gar nicht ordinär, was bei so Blonden schnell der Fall ist. 

Christian Wulff, der deutsche Bundespräsident?

Der ist okay. Ich hätte aber lieber einen anderen Bundespräsidenten gewollt.

Welchen denn?

Da waren ja nur zwei zum Schluss. Gauck finde ich toll. Aber ich kenne mich nicht mehr so aus in der deutschen Politik. Ich fand den Weizsäcker gut. 

Kennen Sie ihn?

Einmal habe ich den getroffen in der deutschen Botschaft. Aber ich gehe nicht mehr in die Botschaft. Jedes Mal, wenn ich dahin gegangen bin, wurde ich von den Frauen der Attachés nach Rabatten für die Chanel-Boutique gefragt. Jetzt habe ich die gebeten, mich bitte nicht mehr einzuladen. 

Wie finden Sie, unter ästhetischen Gesichtspunkten, die Deutschlandfahne?

Wie die französische, mit den Streifen, okay.

Welche Flagge gefällt Ihnen?

Die populärste ist im Grunde die Englische. Aber ich mag die amerikanische lieber. Sie können mir einen Jasper Johns schenken, eines seiner Gemälde mit dem Sternenbanner, das nehme ich an.

Wir haben dummerweise gerade keinen dabei.

Schade. Sie haben doch Zeit, ist auch preiswert. Für zehn, 15 Millionen Dollar kriegen Sie einen. Aber ich würde mir keine englische, deutsche oder französische Flagge an die Wand hängen, da hätte ich das Gefühl, ich arbeite für Air France.

Haben die Deutschen das richtige Bild von Karl Lagerfeld?

Da müssen Sie die Deutschen fragen. Wenn ich in Hamburg auf der Straße bin, sagen die, „da ist ja unser Kalli“, die norddeutsche Version von Karl. „Unser Kalli“, das finde ich ganz lieb.

„Unser Kalli?“ Man mag sich das kaum vorstellen, dass jemand so über Karl Lagerfeld redet und auch noch so, dass er es hört. Es klingt viel zu sehr nach Knuddeltier, und wenn Lagerfeld eines nicht ist, eines nicht sein will, dann ein Knuddeltier. Obwohl: Es gibt ihn ja als Steiff-Bären, Lagerfeld in klein und kuschlig, designed by Lagerfeld – zu haben für rund 1000 Euro bei Ebay.

Was ist eigentlich für Sie typisch männlich?

Ich hasse das Wort typisch männlich. Das riecht nach Schweiß. 

Sie mögen keinen Schweiß?

Nein.

Schwitzt ein Lagerfeld, wenn Sie das schon gerade sagen?

Wissen Sie, ich esse kein Fleisch, ich trinke keinen Alkohol, ich esse nicht viel. Dann schwitzt man auch nicht. 

Haben Sie Freude am Essen, Spaß am Genuss?

Nee, das ist mir egal. Ich kann auch nicht kochen. Ich kann nichts machen. Ich weiß, wie man einen Eisschrank aufmacht, aber damit hat es sich. 

Wenn Sie einen berühmten Koch treffen, wird der Sie wahrscheinlich davon überzeugen wollen, dass es das Größte ist, sich ein Steak in die Pfanne zu hauen.

Ein Stück Fleisch anzufassen ist schon nichts für mich. Ein Steak in die Pfanne zu hauen, überlasse ich anderen. Nee, kochen, das tue ich nicht. Als Kind wollte ich mal Zuckerbäcker werden. 

In gewisser Weise sind Sie das ja auch geworden.

Ja, ich bestreue die Welt mit Zucker.

Höchste Zeit, einmal mit Lagerfeld über seinen eigenen Look zu reden: die Augen hinter einer großen schwarzen Sonnenbrille, die Hände in Fahrradkurierhandschuhen, der Pferdeschwanz silbrig-weiß gepudert, an den Beinen auf verwaschen gemachte Jeans, am Leib ein schwarzes Sakko. Er sieht aus wie immer, eine Mischung aus Michael Jackson, „Gefährliche Liebschaften“ und Berliner Jungkünstler. Warum läuft man so rum?

Warum tragen Sie eigentlich Handschuhe?

Sie tragen doch auch Schuhe! Hat man Sie schon mal gefragt, warum Sie Schuhe tragen? Das ist nicht, um meine Hände zu kaschieren, die übrigens fleckenlos sind. Das ist Kontaktvermeidung. Wir leben in einer schmutzigen, verdreckten Welt. Ich bin nicht so sehr für Kontakt.

Ihre Sonnenbrille – auch ein Schutz?

Nein, ich trage einfach gern Brillen. Ich hab mal ein Glas an den Kopf gekriegt, und das ist hier an den Brillenrand drangeschlagen. Hätte ich die Brille nicht aufgehabt, hätte ich ein Auge weniger. 

War das ein Attentat auf Sie?

Nein, das war ein Betrunkener in so einem Nachtlokal, der wollte das im Grunde dem Mädchen neben mir an den Kopf werfen. 

Wie oft wechseln Sie die Brillen, mehrmals täglich?

Ich habe so einen Tisch, wo die alle draufliegen. Ich trage oft lange die gleiche. 

Wie viele haben Sie insgesamt?

Es gibt einen französischen Ausdruck, der heißt, „wenn man liebt, dann zählt man nicht“.

Sind eigentlich schwule Designer besser als heterosexuelle Designer?

Nicht unbedingt. Es gab Berge von schwulen Designern, die nicht so gut waren. Das ist auch nur ein Klischee. Ich bin auch gegen das Outen und all das. Das geht uns doch gar nichts an. Ob die Leute nun mit Damen, mit Herren, mit Haustieren oder was weiß ich – das ist eine indiskrete Sache. 

Das interessiert Sie auch nicht bei anderen?

Nein, ich hasse es, wenn die Leute nur auf ihre Sexualität eingeschätzt werden sollen. Gucken Sie mal, vor 40 Jahren, da galt das Recht auf Unterschiedlichkeit. Und jetzt wollen die alle wie Spießbürger sein mit Kindern und alles, das finde ich grauenhaft. Lesbierinnen können ja Kinder haben, aber Männerehepaare mit Kindern, da glaube ich überhaupt nicht dran. Ich glaube an die Beziehung Mutter-Kind. Ich glaube nicht so sehr an die Beziehung Vater-Kind. Meine Mutter hat mir schon als Kind gesagt: „Weißt du, man kann sich von jedem Mann ein Kind machen lassen, Männer sind unwichtig.“ 

Ihr Vater war nicht wichtig?

Der war wahnsinnig nett zu mir. Ich fand ihn aber ein bisschen zu seriös, ein bisschen langweilig im Vergleich zu meiner Mutter. 

Kommen Sie mehr nach ihr?

Nein, ich bin ein einmaliges Modell, für das es kein Strickmuster gibt.

Wie hat sich denn Ihr Vater gekleidet?

Wie Leute aus Hamburg sich kleiden, hellgraue Anzüge, Hamburg-Hut, der war immer sehr gut angezogen. Er meinte, wenn man im Leben gut angezogen ist, ist die Hälfte des Jobs schon gemacht. Und er hasste Verschwendung. Nur für Kleider, da konnte er viel Geld ausgeben. Ich durfte mit 16 schon zum Händler gehen, wo er hinging, und Anzüge haben von seinem Schneider. Nur: Das gefiel mir nicht so, denn dann suchte mein Vater die Stoffe aus. Und dann änderte ich sie hinter seinem Rücken, da war er wütend. 

Sind Sie ein Verschwender?

Ich bin dafür, dass das Geld wieder aus dem Fenster fliegt und unter die Leute kommt. Ich hasse Leute, die auf dem Geld sitzen bleiben. 

Diese Kleidung, die Sie heute tragen, werden Sie die jemals wieder in Ihrem Leben tragen, oder kommt die weg?

Nicht nach einem Tag, dieses hier habe ich schon drei-, viermal angehabt. Aber weil ich viele Sachen habe, die genauso aussehen, weiß ich gar nicht, ob ich das noch mal anziehe. Nein, so verschwenderisch bin ich auch wieder nicht. 

Wohin kommt die getragene Kleidung dann?

Das kommt ganz darauf an. In meiner Umgebung haben alle die gleiche Größe wie ich, ich bin nur befreundet mit Leuten, die das auch anziehen können. Ich kaufe beinahe mehr für andere als für mich. 

Wann haben Sie sich zuletzt was zum Anziehen gekauft?

Bei Collette, da gehe ich oft hin – und zu Dior auch. 

Und was kaufen Sie dann?

Was da gerade interessantes Neues ist. Ich liebe modische Kleidung, ich liebe neue Sachen. Es interessiert mich auch, wie das gemacht ist. In der Beziehung bin ich ziemlich hemmungslos. 

Sie gehen dort in die Umkleidekabine?

Nein, ich brauche nichts anzuprobieren. Ich weiß ja genau, wo ich reinpasse, ich kenne die Marken ja. Und ich weiß, bei der Marke ist es 46, bei der Marke ist es 48 und so.

Seine Jeansgröße, verrät er, ist mittlerweile die 31. 30 sei ihm inzwischen zu eng, das wirke ordinär. Aber stolz ist er schon drauf, dass er praktisch mit allen seinen Models die Hosen tauschen kann – wenn die nicht sogar zu weit für ihn sind . . .

Werden Sie diesen Look bis zu Ihrem Lebensende tragen?

Ich weiß ja nicht, wann ich sterbe. 

Wann wollen Sie denn sterben?

Ist mir gleichgültig.

Wie wollen Sie im Sarg liegen?

Dass niemand mich sieht, verbrannt.

Sie wollen verbrannt werden?

Ja. Entsetzlich, Maikäfer im Körper, nee, vielen Dank. 

Von Ihnen soll nichts bleiben?

Nichts, Asche. 

"Freunde sind die, die nichts für einen tun, für die man nichts tun muss, die nur eben Freunde sind"

Was passiert mit Ihrem Geld?

Es gibt gewisse Leute, von denen möchte ich nicht, dass die später einmal für andere Leute arbeiten müssen. Ich gebe mein Geld lieber denen, damit die hinterher frei sind. Aber vielleicht schmeiße ich alles vorher raus, wer weiß? 

Was soll man mal über Sie sagen, Herr Lagerfeld?

Wat se wollen. Das kannst du ja nicht kontrollieren.

Mir doch egal, was die Welt über mich denkt. Mir doch wurst, ob man mich lieb hat. Kümmert mich doch nicht, was aus meinem Andenken wird: Man tut sich natürlich schwer, ihm das abzunehmen. Eine Pose, um sich zu schützen vor der Welt? So wie die Sonnenbrille und die Handschuhe?

Herr Lagerfeld, wie wird man Ihr Freund?

Dafür gibt es kein Rezept. Das ist Zufall.

Haben Sie Freunde?

Bilde ich mir ein, ja. 

Was tun Sie für die, was tun die für Sie?

Ja, wissen Sie, wenn Sie Freunde haben, nur weil die was für Sie tun oder Sie was für die, dann ist das eine schlechte Bedingung. Freunde sind die, die nichts für einen tun, für die man nichts tun muss, die nur eben Freunde sind. Ich würde auch kein Rotes-Kreuz-Personal für die sein. 

Was war Ihre größte Freundschaftstat in letzter Zeit? 

Ich bin nicht Mutter Teresa. Ich mache nur das, was mir natürlich vorkommt.

Sind Sie für Ihre Freunde erreichbar? Wenn jetzt ein Freund anruft und sagt, Mensch, mir geht’s schlecht?

Ja, der muss aber auch anrufen, wenn es ihm gutgeht. Wenn er nur anruft, wenn es ihm schlechtgeht, dann sage ich, na gut, dann wird das hoffentlich mal bald wieder besser gehen, und lege wieder auf.

Was passiert einem, der sich den Zorn von Karl Lagerfeld zugezogen hat?

Was soll einem passieren? Ich kann einem helfen, seinem Ruhestand etwas schneller entgegenzukommen.

Haben Sie Feinde?

Hoffe ich. 

Mehr Feinde oder Freunde?

Das weiß ich nicht, das kann ich nicht beurteilen. Im Grunde sind Freunde so gefährlich wie Feinde. Bei Feinden passt man auf, bei Freunden nicht so. 

Autor: Florian Boitin
Autor: Christian Thiele
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